Freitag, Juni 19, 2009

Protagoras: Abschnitte 314c - 327

Protokoll 15.06.09 Raphael von Varendorff

ʾʿ ˜ Αα ά Ά Ββ Γγ g alpha beta gamma
Δδd Εεέ Έ Ζζcz delta epsilon zeta
ΗηήΉ ee Θθϑ th Ιιί Ί ij eta theta jota

Κκ 10 Λλ L Μμ kappa lamda mü
Νν Ξξ chs Οοό Ό vü xi omikron
Ππ p Ρρ r Σ σϛ pi rho sigma

Ττ Υυύ Ύ 20 Φφ ph tau ypsilon phi
Χχ ch Ψψ ps Ωωώ Ώ chi psi omega


Im Anschluss an den Abschnitt 314c machen sich Hippokrates und Sokrates auf den Weg zu des Kallias Haus, um dort Protagoras zu treffen. Dort angekommen sehen sie Protagoras, Kallias und weitere Anwesende durch die Säulenhallen wandeln und philosophieren.
Diese Situation stellen wir in unserem Seminar nach. Wir nutzen den Uni-Gang, um das Gefühl des Auf- und Ab-Flanierens - und dabei Philosophieren - selbst an Leib und Seele zu spüren.
In Abschnitt 316 beginnt nun das Gespräch zwischen Sokrates und Protagoras. Sokrates leitet das Gespräch ein, indem er Protagoras berichtet, dass Hippokrates gerne unter der Anleitung von Protagoras noch hervorragender und tüchtiger werden möchte. Protagoras spricht zunächst über eine Vielzahl von Künstlern, die eigentlich Sophisten sind, aber unter einem Deckmantel arbeiten. Er erwähnt unter anderem die Dichter Homer, welcher die Odyssee und Ilias schrieb, und Hesiod, der über die Entstehung der Götter berichtete, aber auch den Sänger Orpheus, welcher seine Frau aus der Unterwelt schon befreit hatte, dann aber durch ungeduldiges (zu frühes) Sich-Umsehen endgültig verlor. Sie alle stellen nach Protagoras eigentlich Sophisten dar, die diese Wahrheit nur zu verschleiern versuchen, um nicht als Sophisten zu gelten. Nicht so Protagoras. Er spielt mit offenen Karten. Vgl. auch Roth/Staude (hg.), Das OrientierungsLos, Konstanz 2008, darin: p. 67 ...
philopraxis.blogspot.com

Protagoras möchte jetzt auf Sokrates genauer eingehen und vor der versammelten Zuhörerschaft sprechen. Sokrates fragt Protagoras in welcher Form Protagoras den Hippokrates tüchtiger machen könnte [318]. Protagoras antwortet, dass er darum Bittende generell das lehren will, was sie wünschen, aber im Speziellen lehrt er die Menschen gute Staatsbürger zu sein. Daraufhin wiederholt Sokrates die Anfangsfrage aus dem Buch Menon [319]: Ist Tüchtigkeit lehrbar, ist es möglich diese weiterzugeben? Er legt einige Gegenbeispiele dar, und fordert Protagoras auf einen Nachweis seiner Fähigkeiten zu geben. Protagoras will zunächst mit einem Mythos (und nicht mit einer Erörterung , einem Logos) antworten [320-323]:
Prometheus und Epimetheus wurde von den Göttern aufgetragen die gottgeschaffenen Lebewesen mit den nötigen Kräften auszustatten. Diese Aufgabe übernahm Epimetheus. Alle (über)lebensnützlichen natürlichen Fertigkeiten verteilte er umsichtig auf die Tiere. Für die Menschen war nichts mehr da. Nun half Prometheus dem schwachen Menschengeschlecht, indem er von Athene und Hephaistos die (handwerkstechnische) Weisheit und das Feuer stahl und an die Menschen übergab. Für diese Tat wurde Prometheus von den Göttern bestraft. Die so ausgestatten Menschen lebten nun in Städten zusammen, um sich besser vor wilden Tieren zu schützen. Da die Menschen aber nicht miteinander zu Recht kamen und unterzugehen drohten, befahl Zeus dem Götterboten Hermes ALLEN Menschen das Gefühl der Rücksichtnahme und der Gerechtigkeit zu schenken. So hatten alle Menschen die staatsbürgerliche Einsicht erhalten und jeder Einzelne war legitimiert seine Meinung zur (politischen) Tüchtigkeit zu äußern. Im Gegensatz dazu waren andere Fähigkeiten, wie zum Beispiel die Baukunst, die Kunst des Musizierens usw. ungleich über die Menschheit verteilt. Somit ist es nach Protagoras nachzuvollziehen, warum die Athener einem Unwissenden der Baukunst bei diesem Thema nur wenig Gehör schenken, bei dem Thema der Tüchtigkeit hingegen schon.
Protagoras erläutert, dass die Menschen tatsächlich überzeugt sind, dass Tugend nicht nur ein Geschenk der Natur ist, sondern auch lehrbar ist, denn warum sonst sollten Übeltäter bestraft werden [324]. Menschen werden für ihr Fehlverhalten bestraft, weil der Glaube besteht, dass sie zukünftig anders – tugendhafter – handeln. Protagoras wirkt an dieser Stelle wie ein Mediator, der das Handeln der Athener analysiert.
In den Abschnitten 324-328 versucht Protagoras nun zu erörtern, warum es oft so scheint, also ob es hervorragenden Männern misslingt ihre Söhne tugendhaft zu erziehen. Zunächst stellt er klar, dass diese Männer dies nicht vorsätzlich tun, sondern schon bei der Geburt des Kindes dafür Sorge tragen, dass es mittels allerlei tugendhaften Künste erzogen wird. Das Kind bekommt Unterricht in der Gedichtkunst, der Musikkunst, der Kunst der Gymnastik, wie auch in den richtigen Umgangsformen. Durch diese Erziehung erlernen die Menschen die Tugendhaftigkeit und es lässt sich somit kaum daran zweifeln, dass sich die Tugend somit nicht lehren lässt. Allerdings hängt die Kunstfertigkeit des Einzelnen nicht von seinen Vater, sondern von seiner Veranlagung ab. So kann der Sohn eines begabten Flötenspielers nur ein mittelmäßiger Musiker, ein Sohn eines mittelmäßigen Flötenspielers ein hervorragender Musiker werden. Protagoras weist an dieser Stelle aber auch daraufhin, dass selbst der Untugendhafteste in dieser zivilisierten Gesellschaft tugendhafter ist als ein Laie der nie eine vergleichbare Erziehung genossen hat. Protagoras argumentiert, dass sich für einen Laien leichter ein Lehrer finden lässt, da der Schüler nicht so hohe Ansprüche an den Lehrer stellt. Wenn der Schüler allerdings bereits einige Fähigkeiten erworben hat, kommen nur noch wenige als Lehrer in Frage und dies ist der Grund warum Protagoras ein so hohes Honorar für seine Lehren erhält und verdient. Protagoras scheint den Grund des Misslingens der Weitergabe von herausragender Tugendhaftigkeit an die Söhne am Mangel von fähigen Lehrern festzumachen.

Dienstag, Juni 16, 2009

Wie heißt die Inschrift?




Zum Sommertreffen09 philopraxis.ch bringt Thomas Gutknecht dies Buch mit (Festschrift für Achenbach). Beim Blättern findet sich angefügter Text auf p. 212
- in einem Beitrag von Christoph Weissmüller, Vermittlung und Verantwortung.

Logos oder Mythos ?

Dienstag, Juni 09, 2009

Menon / Protagoras 8.6.2009

Sokrates – / – Protokollant: Tillmann Weißer

Die Sitzung wurde mit einer Reflexion über den Menon begonnen.
Im Menon preist Platon die Dialektik als den Weg des Lernens an. Lernen ist für ihn „sich erinnern“, da die Seele, die im immer wiederkehrenden Zyklus auf der Erde in einem Körper steckt, bis dieser stirbt, dann eine Zeit in einer Art Himmel/Hölle verbringt und schließlich in einen neuen Körper wiedergeboren wird, schon alles weiß. Sie muss also nichts mehr lernen, sondern sich nur über die in ihr ruhende wahre Meinung bewusst werden, indem sie diese begründet. Unklar bleibt dabei allerdings, wie die Seele, als sie noch nichts wusste, lernen konnte. Auch die moderne Forschung weist darauf hin, dass der Mensch irgendetwas von Geburt an mitbringen muss um etwas lernen zu können (vgl. z.B.: Piaget, Kognitive Entwicklung, http://www.edit.uni-essen.de/lp/kognitiv/piaget.htm); zum Beispiel die Fähigkeit, eine jede (Mutter-) Sprache zu lernen. Um sich wieder zu erinnern ist die Dialektik der geeignete Weg. Das zeigt Platon/Sokrates am Beispiel des Sklaven, dem er, durch (sehr) gezielte Fragestellungen, den Weg zur richtigen Lösung einer geometrischen Aufgabe weist.

Die Frage nach dem Wesen Sokrates’, wie ihn Platon im Menon beschreibt, ging unter. Eine stark charakterisierende Szene ist aber bestimmt die , in der Menon Sokrates als „Zitterrochen“ bezeichnet [80aff], der die Leute „an Mund und Seele betäubt“. Überdies hinaus wird auch schon im Menon klar, dass Sokrates sich gerne mit jungen Leuten unterhalten hat. Von seinen Mitbürgern wird er für einen Sophisten gehalten. Dies wird von der Frage des Menon [70a] impliziert. Die Frage nach der Lehrbarkeit der Tugend ist eine Frage, auf die man von den Sophisten eine Antwort erwarten konnte.

In der zweiten Hälfte der Sitzung wurde begonnen den Protagoras zu lesen. Der Dialog spielt in einer Zeit, in der der etwa 36-jährige Sokrates gerade erst am Anfang seiner „Karriere“ steht. Seine Schüler Alkibiades und Hippokrates sind etwa 18. Der später auftretende Protagoras, schon über 50 und eine Berühmtheit. Platon geht hier anachronistisch vor, das heißt, der Dialog kann so nicht stattgefunden haben.
[309a] Der Dialog beginnt mit einem Gespräch zwischen Sokrates und einem Anhänger. Dabei wird zunächst der neuste Tratsch ausgetauscht. Sokrates scheint in Alkibiades verliebt zu sein, der doch wohl schon fast ein wenig zu alt ist. Bald schon nimmt das Gespräch aber eine andere Wendung. Sokrates hat nämlich jemanden getroffen, über den er Alkibiades fast vergessen hätte. Ihm erscheint die Weisheit des Protagoras viel schöner, als die Schönheit des Alkibiades. Daraufhin wird Sokrates aufgefordert von seiner Begegnung zu berichten. Wir schlüpfen in die zweite Erzählebene. [310a] Sokrates erzählt, von seinem Gespräch mit Hippokrates, der am frühen Morgen aufgeregt in sein Schlafgemach stürmt, um ihm von der Ankunft des Protagoras zu berichten. Sokrates weiß dies natürlich schon längst und mahnt seinen Schüler dazu nicht überstürzt zu handeln, weil der am liebsten sofort sein ganzes Geld und das seiner Freunde dafür aufbringen würde, um von Protagoras unterrichtet zu werden. Zuerst müsse man sich darüber bewusst werden, was man im Begriff ist werden zu wollen, wenn man sich einem Menschen wie Protagoras anvertraut. Hippokrates antwortet, dass so wie wenn man Arzt werden will, wenn man sich einem Arzt zur Ausbildung anvertraut, und Bildhauer, einem Bildhauer, so will man wohl Sophist werden, wenn man sich Protagoras anvertraut. Da schließt sich natürlich sofort die Frage an, was denn ein Sophist ist. Weder Hippokrates noch Sokrates wissen darauf eine Antwort. Das Problem ist, dass jeder Fachmann ein Fachgebiet hat, über das er fähig ist zu sprechen. Der Sophist scheint jedoch kein Fachmann auf irgendeinem Gebiet zu sein, trotzdem gibt er an, fähig im Reden zu machen. Nun wird klar, in welche Gefahr Hippokrates sich stürzen wollte. [312c] Er war im Begriff seine Seele aufs Spiel zu setzten. Mit Kenntnissen, die der Seele zukommen verhält es sich nämlich nicht so wie mit Lebensmitteln, die man von einem Großhändler kaufen, vor dem Verzehr aber durch einen Fachmann begutachten lassen kann. Kenntnisse, die man erwirbt, werden direkt der Seele zuteil und richten dort ihre Wirkung an. Man kann also vorher nicht prüfen, ob diese Ware schädlich oder förderlich ist. Hippokrates und Sokrates beschließen, dass es am sinnvollsten ist, zum Protagoras zu gehen und anzuhören, was er zu ihren Befürchtungen zu sagen hat. [314c]

Sonntag, Juni 07, 2009

PR Πρωταγόρας


ʾʿ ˜ Αα ά Ά Ββ Γγ g Δδd Εεέ Έ Ζζcz ΗηήΉ ee Θθϑ th Ιιί Ί ij Κκ 10 Λλ L Μμ Νν Ξξ ch Οοό Ό Ππ p Ρρ r Σ σϛ Ττ Υυύ Ύ 20 Φφ ph Χχ ch Ψψ ps Ωωώ Ώ




Protagoras, gr. Πρωταγόρας, aus Abdera in Thrakien (* 490; † 411 v. Chr.) war ein vorsokratischer Philosoph der griechischen Antike und zählt zu den bedeutendsten Sophisten. Er verbrachte den Großteil seines Lebens in Athen, fiel später wegen seiner Lehren bei der Volksversammlung in Ungnade und wurde verbannt. Auf der Flucht nach Sizilien starb Protagoras, seine Schriften wurden vernichtet.


* Lehre
* Rezeption

* Literatur

Lehre

Protagoras lehrte, dass der Mensch zwar von Natur aus danach strebe, eine Religion auszuüben und einer staatlichen Gemeinschaft anzugehören, aber deren Gestaltung ihm selbst überlassen sei. Für Protagoras gab es keine allgemein gültige und verbindliche, sondern nur eine subjektive Wahrheit.

Er prägte den berühmten Satz: Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden, dass sie sind, und der Nichtseienden, dass sie nicht sind (auch bekannt als Homo-Mensura-Satz). Der Homo-mensura-Satz des Protagoras wurde bereits von seinen zeitgenössischen religiösen Widersachern als Ausdruck eines extremen epistemischen Relativismus gedeutet. Außerdem beschäftigte er sich mit dem Sein der Menschen: Das Sein der Menschen ist subjektiv und wandelbar.

Seine zahlreichen von antiken Autoren erwähnten Schriften sind heute verloren. Unser Wissen über Protagoras' Lehre beruht daher nur auf Berichten anderer antiker Quellen. Einer dieser Berichte stammt von Sextus Empiricus, welcher den Homo-mensura-Satz folgendermaßen erläutert (ob diese Erläuterung von Protagoras selbst stammt ist umstritten, dennoch gibt sie wichtige Hinweise zur Interpretation des Satzes): Protagoras meine, dass sich "die Begriffe (logoi) von allen Erscheinungen in der Materie fänden, so dass die Materie als solche alles sein könne, was sie allen scheine. Die Menschen indes erfassten bald dieses, bald jenes, entsprechend ihren verschiedenen Zuständen." Laut Sextus' Bericht ist Protagoras zwar ein Vertreter des Subjektivismus und Relativismus, doch der Einfluss des Eleatismus, der eine objektive Wahrheit annimmt, ist deutlich, da die Spanne aller Erscheinungsmöglichkeiten eines Objektes in diesem selbst (d.h. in dessen Materie) angelegt ist. Der Mensch nimmt (wie durch einen Filter) aber nur eine Erscheinungsmöglichkeit wahr. So ist der gleiche Wind für den einen kalt, für den anderen warm. Wärme und Kälte liegen aber im Wind begründet, nicht im Menschen.

Protagoras ist einer der ersten prominenten Vertreter des Skeptizismus bzw. des Agnostizismus. In seiner um 415 v. Chr. geschriebenen Abhandlung "Über die Götter" schreibt er: Was die Götter angeht, so ist es mir unmöglich, zu wissen, ob sie existieren oder nicht, noch, was ihre Gestalt sei. Die Kräfte, die mich hindern, es zu wissen, sind zahlreich, und auch ist die Frage verworren und das menschliche Leben kurz.

Rezeption

Aufgrund seines Bekenntnisses, nichts über die Götter wissen zu können, ist es Protagoras auch unmöglich, irgendwelche göttlichen Maße oder Bewertungen göttlichen Ursprungs anzugeben. Darum ist sein Homo-mensura-Satz der Ausdruck menschlicher Bescheidenheit, als Mensch nicht über göttliche Maßstäbe verfügen zu können, sondern ausschließlich über menschliche. Protagoras wurde seine Bescheidenheit von der Antike an bis heute als Überheblichkeit ausgelegt, allerdings von solchen Denkern, die der Ansicht waren, dass ihnen sicheres Wissen zugänglich sei. Dies gilt für Platon und Aristoteles ebenso wie für ungezählte christliche Theologen.[1]

Platon erwähnt ihn im „Theaitetos“ (152a) und widmet ihm den Dialog Protagoras, in dem er im Gespräch mit Sokrates einen Schöpfungsmythos der Menschheit formuliert, der als mythische Einkleidung einer Demokratietheorie verstanden werden kann.

Siehe auch

* Euathlon
* Relativismus
* Subjekt
* Radikaler Konstruktivismus

Literatur [Bearbeiten]

* Wilhelm Capelle: Die Vorsokratiker. Fragmente und Quellenberichte.
* Hermann Diels, Walther Kranz: Die Fragmente der Vorsokratiker. Griechisch und Deutsch. 3 Bände.
* Detlef Staude, Das Gastmahl des Euripides, (Euripides, Protagoras, Sokrates, Aspasia) - in: Roth/Staude 2008, Das OrientierungsLos. Philosophische Praxis unterwegs,
Konstanz 2008


Wikiquote Wikiquote: Protagoras – Zitate

* Literatur von und über Protagoras im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek (Datensatz zu Protagoras • PICA-Datensatz • Einträge im Musikarchiv)
* Carol Poster: Eintrag in der Internet Encyclopedia of Philosophy (englisch, inklusive Literaturangaben)
* Der Protagoras-Dialog Platons in der Übersetzung von F. Schleiermacher
* Gottwein, Textauswahl zur Vorsokratischen Philosophie

MENONe(nd)

Kurs: Sokrates
Protokollantin: Eva Huber
Datum: 25.05.09

Organisatorisches: Ab nächster Sitzung wird Protagoras von Platon gelesen (1708 Reclam).

1) Resümee der vorigen Seiten:
Menon fragt ob Gutsein gelehrt werden kann. Anytos, der Sohn des Anthemion, welcher sein Vermögen durch Klugheit und Umsicht erworben hat, beteiligt sich an dem Gespräch. Sein Vater gilt als bescheidener, umgänglicher Mann und hat auch seinen Sohn gut erziehen lassen. Sokrates fragt ihn, ob man jemanden der etwas erlernen soll nicht zu jemandem schicken soll der behauptet dieser Sache mächtig zu sein und Geld dafür nimmt es zu unterrichten, also einem Lehrer. Dafür schlägt er die Sophisten vor. Sie bieten sich als Lehrer an und tun dies, wie das Beispiel von Protagoras zeigt, auch recht erfolgreich.
Anytos widerspricht Sokrates und weist statt dessen auf die vielen guten Männer in Athen hin von denen Menon lernen könnte. Sokrates widerlegt ihn anhand von mehreren Beispielen und zeigt, dass viele gute Männer es nicht geschafft haben aus ihren Söhnen ebenfalls gute Männer zu machen.

Text ab Seite 79:

2)Gibt es Lehrer für Gutsein?

Sokrates (Σωκράτης ) stellt fest, dass die rechtschaffenen (Staats)Männer im Staat sich nicht darüber einig sind ob Gutsein gelehrt werden kann oder nicht und dass sie deshalb auch keine Lehrer dafür sein können. Als Beispiel dafür, dass sich auch andere uneinig sind, führt er den Dichter Theognis an, der schrieb: „von den Tüchtigen lernt man Tüchtiges“(S.79), in anderen Zeilen aber behauptet; „durch Lehre machst du den schlechten Mann nicht gut“ (S.81). Er schließt daraus, dass weder die Sophisten noch die Rechtschaffenen Lehrer für Gutsein sein können. Es gibt also keine Lehrer für Gutsein, und damit auch keine Schüler. Damit kann Gutsein auch nicht gelehrt werden, nicht lehrbar sein.

3) Auf welche Weise werden Männer gut?

Gute Männer müssen nützlich sein und sind nützlich wenn sie politisch richtig führen. Sokrates fügt hinzu, dass zum richtigen Führen wohl ebenso überlegtes Handeln gehört. Am Beispiel des Führers nach Larisa, der Menschen richtig führen kann, ohne den Weg schon einmal gegangen zu sein, solange er eine richtige Meinung vom Weg hat, zeigt er jedoch, dass der Weg nicht nur durch das überlegte Handeln eines Mannes, der den Weg schon einmal gegangen ist, gefunden werden kann, sondern ebenso durch eine wahre (richtige) Meinung.
Menon fragt daraufhin, warum "Wissen" so viel schätzenswerter ist als als "richtige Meinung". Sokrates erzählt ihm daraufhin von den Statuen des Dädalus. Man sagt, seine Werke würden so lebensecht aussehen, dass sie davonfliegen würden, wenn man sie nicht anbinde. Genauso verhält es sich mit richtiger Meinung. Sie muss angebunden werden durch begründete Argumentation, wodurch sie zu Wissen wird. Dabei handelt es sich dann um Wiedererinnerung. Da Wissen nicht entschwindet, ist Wissen wertvoller als richtige Meinung.
Für das richtige Handeln ist "richtige Meinung" jedoch nicht schlechter als Wissen. Man kann durch beides nützlich sein (und damit gut), aber keines von beiden kann man von Natur aus (φύσει → Physei) haben.
Da man diese Eigenschaften nicht von Natur aus hat, muss man sie anders erhalten. Sokrates und Menon fanden, dass Gutsein gelehrt werden könne, wenn es ein Wissen ist. Aber da es keine Lehrer gibt, kann Gutsein weder gelehrt werden, noch ein Wissen sein.

Sie stimmen schließlich darin überein, dass Gutsein etwas Gutes ist, und das „was richtig leitet, nützlich und gut ist“(S.89). Richtig leiten kann dabei nur richtige Meinung und Wissen. Zusätzlich fassen sie zusammen, dass Gutsein, da es nicht gelehrt werden kann, nicht durch Wissen entstehen kann. Demnach leiten gute Männer wie Themistokles den Staat nicht aufgrund von Wissen und können andere nicht zu guten Männern machen, da sie es selber ja nicht durch Wissen geworden sind. Dadurch steht fest, das man nicht durch Wissen klug wird, wodurch nur noch richtige Meinung übrig bleibt.

Da Männer, welche die Staatsgeschäfte nur mit richtiger Meinung in Ordnung halten, dabei nicht überlegen, und doch richtig liegen, unterscheiden sie sich nicht von Orakeln und Wahrsagern, und können deshalb als göttlich bezeichnet werden, ob sie Verstand haben oder nicht. Also fällt Gutsein durch göttliche Schickung einigen Menschen eben zu.
Sokrates erklärt Menon, dass sie erst Genaues darüber wissen würden, wenn sie die Frage, was Gutsein selbst eigentlich ist, untersucht hätten. Danach verabschiedet er sich von Menon und uns.

Der Vorhang fällt - und manche Frage offen?

Montag, Mai 25, 2009

PROTAGORAS reclam 1708

Bitte Platons Dialog PROTAGORAS besorgen und über Pfingsten lesen.

Donnerstag, Mai 21, 2009

MENONd PHAIDON Seelenwanderung


mit Händen und Füßen und Vernunft vierkantig (PROTAGORAS, reclam 1708, S. 93)


Protokollantin: Lara Blank


Protokoll zur Sitzung am 18.5.09

1)Resümee der letzten Sitzung

Kurze Wiederholung zum Thema der letzten Sitzung: Seelenwanderung
Die Seele ist vollkommen und allwissend, weil sie Teil eines „Universum des Vollkommenen“ ist.
Lernen heißt, sich an das Wissen der Seele zu erinnern
Wenn Erinnern nicht funktioniert, dann hört der Mensch seiner Seele nicht zu.

2)Die Seelenwanderung im Phaidon

Der Dialog Phaidon entsteht nach Menon. Im Phaidon schildert Platon das letzte Zusammentreffen von Sokrates und seinen Freunden bevor dieser stirbt. In seinen letzten Stunden lässt Platon den Sokrates über die Seelenwanderung erzählen:

Sokrates „erweitert“ hier nun die Theorie der Seelenwanderung. Das heißt, er stellt ein dualistische Konzeption von Leib und Seele vor:

Solange Leib und Seele zusammen sind, torkelt die Seele und ist trunken von dem was sie sieht ( Zitat in Platon)
Das bedeutet:

Der Leib ist menschlich und auflöslich
Die Seele ist göttlich, unauflöslich, edel und rein.
Sie soll vor dem Leib fliehen und sich von ihm trennen und in die „Reine Geisterwelt“ übergehen, zu dem was ihr ähnlich ist. Das heißt zu den Göttern gehen, welche glücklich, froh und rein sind.

Ist die Seele aber mit dem Leib zusammengewachsen, dann ist sie befleckt und hat gesündigt. Das heißt sie hat sich aus der Götterwelt zurückgezogen.
Lust: Zustand in dem die Seele an den Leib festgenagelt ist. Sie sieht durch ihn und macht sich dadurch angreifbar.

Nur tugendhafte Menschen sind also glücklich, sie haben gelernt besonnen und gerecht zu sein und enthalten sich dem Vergnügen, dem Schandhaften und der Begierde (ihre Seele ist nicht in den Leib „gezogen“ worden). Diese Menschen erkennen, das die Philosophie sich ihrer Seele annimmt, dass Selbst betrachtet, Ratschläge gibt und sie erlöst.

Die Theorie der Seelenwanderung im Phaidon ist sehr fragwürdig und nicht ganz nachvollziehbar. Platon legt dem Sokrates Worte in den Mund, die man hinsichtlich Echtheit und Wahrheit bezweifeln kann.

3)Menon: Hypothesenargument zu „Gut sein“ (Reclam, Seite 53)

In diesem Argument geht es um die Frage, wie „Gut sein“ beschaffen sein müsste, um lehrbar zu sein. Sokrates versucht mithilfe von Geometrie eine Antwort auf diese Frage zu finden, was allerdings nicht so recht funktioniert.
Im folgenden Gespräch macht er einige fragwürdige Aussagen über das Gut sein:
„Ist man nicht durch Gut sein Gut?“
Gut sein ist Wissen => Gleichsetzung
Die Seele kann richtig leiten durch Einsicht, falsch leiten ohne Einsicht / Seele ist vollkommen ( Widerspruch)

Dienstag, Mai 19, 2009

KörperSeelenBild MENONd



ʾʿ ˜ Αα ά Ά Ββ Γγ g Δδd Εεέ Έ Ζζcz ΗηήΉ ee Θθϑ th Ιιί Ί ij Κκ 10 Λλ L Μμ Νν Ξξ ch Οοό Ό Ππ p Ρρ r Σ σϛ Ττ Υυύ Ύ 20 Φφ ph Χχ ch
Ψψ ps Ωωώ Ώ

Ψυχή Psyche
der Mensch hat Rundes im Eckigen
und nur das Ausgesparte bekommt keine Risse

Montag, Mai 18, 2009

PHAIDON 26.

reclam 918. p.36

über die seele(nwanderung)
- bitte text mitnehmen
(soweit zur hand)

Samstag, Mai 16, 2009

MENONc

4. Sitzung 11.5.09 Johanna Hanke / Mathis Link

1.Besprechung des Protokolls der 3.Sitzung
2.Einschub: Platon
3.Argumentationsverlauf Seiten 49 – 55
4.Seelenwanderung nach Sokrates (Platon, Menon, Reclam)



1.– In einer Welt ohne Geometrie wäre es schwer (bzw. geradezu unmöglich)die Aufgabe, die Sokrates stellt zu lösen. Bsp.: Sklave
-Gutsein (S.29): Sokrates verwirrt Menon mit einem nicht gültigen Schluss, seine Argumente werden nicht richtig ausgeführt (Ellision?).
Gutsein hat 4 Aspekte:
Ethisches Gutsein GUT
Ästhetisches Gutsein SCHÖN
Glücksseite GLÜCKLICH
Praktisches Gutsein LEBENSTÜCHTIG

2.Platon:
Wichtig für Platon war es, Sokrates zu einer bedeutenden Person zu machen. Platon fängt kurz nach dem Tod von Sokrates (ca.399 v.Chr.) an zu schriftstellern, mit ca. 30 Jahren gründet er eine philosophische Akademie nicht weit von Athen. Diese bleibt bestehen bis sie von Justinian im 6. Jhdt. für heidnisch erklärt und schließlich verboten wird.
In seinen Schriften vermengen sich Geschichte, Mythos und Logos, weshalb seine Thesen und Schlussfolgerungen nicht immer rational erscheinen.
Für Platon sagen Philosophen in ihren Dialogen je nach ihrem Gegenüber nicht immer dasselbe, sondern er unterscheidet zwischen Dialogen mit einem Freund, in welchen es um Wahrheit und Erkenntnis geht und der Eristik (Sophisten) bei welcher Diskussionen zur Streitkunst werden.

3.Argumentationsverlauf (S.49-55)
S. 49-51: Durch einfaches „vorzählen“ und teilen befragt Sokrates den Sklaven, dessen Seele sich mit Hilfe der Zeichnung im Sand erinnert und den geometrischen Sachverhalt erkennt.
Wir fragen uns: Hat der Sklave die Meinung, das Erkennen schon in sich obwohl er es vorher noch nicht wusste?( More geometrico)
Nein, denn Sokrates fragt alles und formuliert alles schon vor.
Unterschied von wahrer Meinung und Wissen. Die Befragung ist die Bewegung von der wahren Meinung(Doxa) hin zum Wissen/ zur Wahrheit.
S. 53-55: Woher hat der Sklave das“ Wissen“? Sokrates und Menon erkennen, dass der Sklave das Wissen bereits in sich gehabt haben muss (siehe 4. Seelenwanderung)



4.Seelenwanderung als Erklärung und versuchte Rettung von Sokrates‘ These

Mensch als "sublunares,körperliches Wesen"(das Eckige mit einer Blase von Rundem)
: wenn sie/er stirbt, kehrt die Seele zurück in die "himmlische" Dimension des Vollkommenen

Seele: unkörperliches Einsprengsel (verbildlicht als Rundes im Eckigen) - überdauert die einzelnen Menschen und vermittelt durch ihr Pendeln zwischen zwei Sphären den Zugang von Menschen zum Wissen

Die Dimension des Vollkommenen (D.d.V.) beinhaltet alle Seelen, die es gibt, bzw.: alle Seelen, von ungeborenen oder gestorbenen Menschen. Sozusagen alle Seelen, die im Moment „nicht gebraucht werden“. Wenn ein Mensch geboren wird, so wandert eine Seele in diesen Menschen und bleibt dort bis er wieder stirbt, woraufhin sie in die D.d.V. zurückwandert und darauf „wartet“ in einen neuen Menschen zu schlüpfen, der geboren wird.
Was die Seelen anbelangt sind diese vollkommen, d.h.: sie „wissen“ alles, sie können nichts dazulernen (müssen sie ja auch nicht), sie können aber auch nichts vergessen.

Wenn Sokrates jetzt fragt, ob der Sklave die wahre Meinung schon „in sich“ hatte, so spielt er darauf an, dass der Mensch durch die Seele ja theoretisch alles weiß. Und hier kommen wir zum „sich erinnern“. Denn wenn der Mensch etwas nicht weiß, so liegt das nur an der Erinnerung, bzw.: der „Nicht-Erinnerung“, der Mensch hört in dem Fall der Seele nicht zu.

Mittwoch, Mai 13, 2009

Griekekrakel

ʾʿ ˜ Αα ά Ά Ββ Γγ g Δδd Εεέ Έ Ζζcz ΗηήΉ ee Θθϑ th Ιιί Ί ij Κκ 10
Λλ L Μμ Νν Ξξ ch Οοό Ό Ππ p Ρρ r Σ σϛ Ττ Υυύ Ύ 20
Φφ ph Χχ ch Ψψ ps Ωωώ Ώ
alfa beta gamma delta epsilon (psilon=klein, kurz) zeta eeta ijota kappa lamda mü nü chi omikron(mikro=klein, kurz) pi sigma tau ypsilon phi (losophie) chi psi omega (mega=groß, lang)

und umgekehrt, vom ABC aus gegliedert:
Aα Bβ C=Z Dδ Eε Fφ Gγ Hʿ I+Jι 10 Kκ Lλ Mμ Nν Oωo Pπ Qnot Rρ Sσϛ Tτ 20 Uoυ Vnot Wnot Xξ Yυ Zζ

Dienstag, Mai 12, 2009

zu Pytagoras kein Kommentar


PYTHAGORAS SAMIOON (P. aus Samos)

Zu seinen Lebzeiten war Pythagoras umstritten; seine politischen Aktivitäten schufen ihm Gegner, und sein Zeitgenosse Heraklit kritisierte ihn scharf. Heraklit bezeichnete ihn als „Oberschwindler“ (kopídōn archēgós) und warf ihm „Vielwisserei“ vor, die Pythagoras ohne Verstand praktiziere, also bloßes Ansammeln von Wissensstoff ohne wirkliches Verständnis.[69] Heraklit lebte in Ephesos in Kleinasien, also lagen dort damals bereits Nachrichten über das Wirken des Pythagoras in Italien vor. Ein anderer Zeitgenosse, der in Italien tätige Philosoph Xenophanes, gehörte ebenfalls zu den Gegnern.[70] In einigen Quellen findet sich ein Nachhall der politischen Konflikte; da ist davon die Rede, Pythagoras und seine Schüler hätten eine Tyrannis angestrebt.[71]

Das Urteil der antiken Nachwelt fiel jedoch fast einhellig sehr günstig aus. Nur gelegentlich wurden einzelne religiöse Ansichten des Pythagoras ironisch erwähnt.[72] Empedokles spendete hohes Lob,[73] Herodot und Platon äußerten sich respektvoll. Auch der einflussreiche Geschichtsschreiber Timaios von Tauromenion hegte offenbar Sympathie für Pythagoras.[74]

Um 430–420 wurden in der Stadt Abdera in Thrakien Münzen mit dem Bildnis und Namen des Pythagoras geprägt. Das war eine für damalige Verhältnisse einzigartige Ehrung für einen Philosophen, zumal Abdera nicht seine Vaterstadt war.[75] Dies dürfte damit zusammenhängen, dass der Philosoph Demokrit aus Abdera stammte und damals dort lebte. Demokrit war erheblich vom Pythagoreismus beeinflusst.[76]

http://de.wikipedia.org/wiki/Pythagoras

Donnerstag, Mai 07, 2009

MENON b

Seminar: Sokrates
3. Sitzung, 04.05.09
Protokollantin: Jennifer Hahn
 
1)   Vertikalspannung
2)   Parallelität zwischen Leidensgeschichten
3)   Wiedergeburt und Unsterblichkeit der Seele
4)   Argumentationsverlauf Seiten 25-49
( Platon Menon, Reclam)
 
 
1)   Vertikalspannung

Die Sitzung wurde mit einem Auszug aus Peter Sloterdijks Buch 2008: "Du musst dein Leben ändern" begonnen. In diesem Auszug sprach Sloterdijk, wie auch in seinem gesamten Buch von Übungen, Trainings, Exerzitien, Askesen und Athletiken, sowie von einem vertikalen Zug. Diese "Vertikalspannung ist eine metaphysische Kraftlinie, ein unsichtbares Gerät, an der wir unser Dasein übend, wiederholend, ausrichten. Menschen sind prinzipiell dazu verurteilt, sich übungstechnisch, spirituell asketisch oder athletisch, oder modern anthropotechnisch in diese Vertikale einzuüben, die ihn im günstigen Fall gelingend aufsteigen lässt und im schlechten Fall unter die Grasnarbe bringt."
( http://timboso.wordpress.com/tag/menschen/ )
 
2)   Parallelität zwischen Leidensgeschichten

ARS MORIENDI – SterbensKunst als Abschluss der Lebenskunst
Weiter ging es mit der Betrachtung/ Überlegung über die Parallelität zwischen Tod des Sokrates und Jesu Leidensgeschichte, vgl. Sloterdijk 2008, 315ff


So stellt der Tod die stärkste Bewährungsprobe da, weil er den Menschen in eine Passivität drängt und ihn dazu nötigt, mit Schrecklichem eins zu werden.
In diesem Zusammenhang wurde herausgestellt, dass die Askese
 (gr. ασκησις askesis, von ασκεω askeo „üben“, „sich befleißigen“), einen zentralen Terminus in der antiken Philosophie darstellt.
Indische Völker, die den Suizid bevor ziehen, wenn das Leben länger geht, als ihre Ehre, könnten dadurch eine Emanzipation aus „der Tyrannei des Todes“ erlangen, da sie quasi aus der Passivität ausbrechen.
So auch in den Passionsgeschichten Jesu und Sokrates, in denen das "müssen" in "können" umgewandelt wird- der Verurteilte nimmt das Urteil auf und kooperiert damit.
Dies wurde durch den Dialog zwischen Sokrates und Kriton deutlich, in dem „die Gesetze“ sagen: Du ,Sokrates, bist nie auf Reisen gegangen , da du Athen bevorzugtest, weshalb er auch den Tod der Verbannung vorzog. Sie fordern ihn auf, seinen "Weg zu beenden", da er nun 70 Jahre Zeit hatte zu gehen und dennoch blieb und weil die Menschen "Tugend und Gerechtigkeit" mehr achten müssen, als sonst etwas.
Dass Sokrates "seinen Weg beenden" möchte, darin kann man eine Parallele zu Jesus ziehen (430 Jahre später), der am Pfahl sagte: "Es ist vollbracht".
 
 
3)   Wiedergeburt und Unsterblichkeit der Seele
 
An dieser Stelle wurde diskutiert, ob es dieses Phänomen überhaupt gebe, was uns wiederrum zu der Frage führte, was dies eigentlich bedeutet.
→Ein Leben in einer anderen Welt?
Eine „andere Existenz“- würde es dann einen Unterschied zwischen Seele 1 und Seele 2 geben oder wäre es dieselbe Seele und nur ein „anderes Sein“?
Diese Überlegungen führten zu einem weiteren philosophischen Problem und zwar, dass der Begriff „Welt“ einen Überbegriff darstellt unter den „alles“ fällt, da es demnach nur eine Welt gibt.
 
Ein weiterer Exkurs führte nach Australien, dort gibt es die Vorstellung vom Existieren von Seelen in einer „Traumzeit“ in die man durch bestimmte Rituale eintauchen könne („Supermarktbeispiel“ : black fellers träumen die Geburt eines Kinds, dessen Seele Kontakt aufnimmt)
 
 
5)   Argumentationsverlauf ab Seite 25-49
 
Zu dem Argumentationsverlauf kommt es eigentlich ja erst dadurch, dass Sokrates Menon in ein Gespräch zieht ( zwischen S. 18 und 20), obwohl dieser nur eine Auskunft von Sokrates wollte. Doch anstatt zu antworten gebraucht Sokrates die Ausrede, dass sein Gedächtnis so schlecht sei und Menon ihm erst einmal Gorgias Meinung sagen solle. Es folgen fünf Erklärungsversuche seitens Menon.
Schließlich kommt Menon zu dem Schluss:„Gutsein“ bedeute sich Gold und Silber zu verschaffen (Seite 29). Auf die Frage hin, ob es einen Unterschied mache, ob man  sich dies auf gerechte Weise verschaffe oder nicht, kommt Menon noch zu der Ergänzung, dass „Gerechtsein, Besonnensein und Frommsein oder ein anderer Bestandteil von Gutsein mit dem Verschaffen verbunden sein“ müsse.
 
Es wird eine Elision (Auslassung) gemacht.
So wird keine Unterscheidung zwischen „gutem für mich“ und „gutem für andere“ gemacht. Dies lässt schließen, dass „Gutes“ und „Schlechtes“ einstellig sind.
DOCH: „Etwas ist gut für eins und fraglich für zwei“

 
Zudem wird eine Unterscheidung zwischen „wollen“ und „begehren“ gemacht (es trat die Frage nach einem Übersetzungsfehler in Menon auf).
Demnach könne man „wollen“ auch in dem Sinne verwenden, dass man etwas für andere „will“. „Wollen“ wäre zudem ein „Willensbildungsprozess“, also ein Abwägen von verschiedenen Möglichkeiten.
Der Ausdruck „begehren“ beziehe sich vielmehr auf sich selbst, also man „begehrt“ etwas für sich (nicht nur Dinge, sondern auch Verhältnisse ( „Ich begehre deinen Tod“)).
Daran wird ersichtlich, dass diese Begriffe unter Umständen ein „Einführen“ in den Kontext benötigen, um sie „gut“ verwenden zu können.
 
 
4 Aspekte von „Gutsein“ sind:
- die ethische Seite (Gerechtigkeit)
 -die ästhetische Seite (Gute (Menschen) sind schön)
 -die Glücksseite ( Gute sind glücklich)
 - die praktische Seite (wer gut ist, ist lebenstüchtig)
 
Doch wer sagt, dass Platon die Dialoge auf höchster Stufe formuliert hat? Halten doch Philosophen je nach Gegenüber auch Einsichten zurück.
„Es muss nämlich nicht immer alles auf höchster Überzeugungshöhe sein“. Einen Dialog ohne Lösung des Problems nennt man „aporetischen Dialog“.
→Von Aporie =griech. ἀπορία, Ratlosigkeit, von gr. ho πόρος, der Weg, a-poros eigtl. „Ausweglosigkeit“
In diesem Dialog versucht Sokrates in seinem Gegenüber, durch seine
( Sokrates) geschickte „Hebammenkunst“, etwas „aufleuchten“ zu lassen. Sokrates führt seine Gesprächspartner also absichtlich in die Aporie, um sie so auf die Suche nach Wahrheit (griech. ἀλήθεια) zu leiten.
 
So verwirft Sokrates eine Antwort von Menon auf die Frage, was „Gutsein“ bedeute, da in dieser Antwort ein Bestandteil von „Gutsein“, was noch nicht bestimmt wurde, verwendet wird (Seite 32/33).
Sokrates baut nun auf Seite 35 einen eristikós lógós =έϱιστικòς λόγος ein. Eine Rede in der es durch Verschiebung von Begriffen auf den Sieg ankommt, also quasi besteht solch eine Rede darin, andere „an die Wand“ zu reden.
 
Im letzten Drittel von Seite 35 kommt es zum „Bruch“, indem Sokrates von „Männern und Frauen“ spricht, die sich „in göttlichen Dingen auskennen“.
(Daraus besteht später auch die Anklage gegen Sokrates, nämlich dass er neue Götter einführe. (Die Athener gingen nicht von Seelenwanderung aus) Anytos, ein wohlhabender Anführer der wieder an die Macht gekommenen demokratisch-konservativen Partei, war Ankläger in diesem Prozess.)
Jedenfalls gibt es laut Sokrates Leute, nämlich Priester und Priesterinnen, die Dinge begründen können (Seite 35/37). So vertreten diese auch die Meinung „ die Seele des Menschen sei unsterblich“ (Seite 37), weshalb man ein möglichst frommes Leben führen sollte. Wenn dies nicht der Fall gewesen sein sollte, würde man ins „Fegefeuer“ kommen, aus dem man erst von Persephone (der Göttin der Unterwelt) freigelassen wird, wenn man für seine Fehler genügend Buße geleistet hat.
So kommt es allerdings auch dazu, dass die Seele „alles hier und im Hades geschaut hat“ (Seite 37).
Hieraus schlussfolgert Sokrates, dass „das Suchen und das Lernen Wiedererinnerung“ seien( Seite 37).
Dies versucht er anhand eines Sklaven von Menon zu beweisen, indem er diesen in eine Situation führt (wie zerlege ich ein Quadrat?), um ihn „nicht zu belehren“, sondern (an sein Wissen) wiederzuerinnern.
 
→“innate ideas“: Menschen bringen „etwas“ mit, damit sie erkennen können
 
 
 
 

Mittwoch, Mai 06, 2009

Σο γητ δας

Ιχ γλαύβ ές
in open office
Einfügen
Sonderzeichen
BasicGreek

Dienstag, Mai 05, 2009

Liebend / Geliebt PLATON

der Text ist unter dem Titel "Liebe allein oder zu zweit? Fragmente einer europäischen Diskursgeschichte" in einer ersten Fassung erschienen in: "Liebe: Diskurse und Praktiken. Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 18. Jg. Heft 3/2007, S. 13-26."
Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße,
Birgit Wagner

Mittwoch, April 29, 2009

Sokrates 2 (27.4.09) MENON a

Stephanie Schmitz
 xenos
 eidos
 sofia
 ’ kalos k´agathos
 arete

 chaire
 (Freut Euc!)
- wie ging das, hier griechische Buchstaben zu sehen?

Platon ‚Menon’ bis Seite 27.
in: reclam 2047

Gliederung:
1.Übersicht über die bisher im Text aufgeführten Personen
/ Namen - Erläuterung
2.Argumentationsverlauf


1. Übersicht:

- Menon von Pharsalos, geb. 422 v. Chr. war ein thessalischer Adeliger wohlhabender Familie, Sohn des Alexidamos, der aus Larisa stammte. Er wuchs während des Peloponnesischen Krieges auf und führte nach diesem Krieg in persischen Diensten als Feldherr eine griechische Söldnerschar. Er war auch bekannt als Gesprächspartner Sokrates. Mit ca. 22 Jahren wurde er in der persischen Haupstadt Susa enthauptet.

- Gorgias aus Leontinoi auf Sizilien gehörte zu den Hauptvertretern der Sophistik; er war Gelehrter und Redner

- Aristipp, gen. Aristíppos von Kyrene, war griechischer Philosoph und jüngerer Zeitgenosse des Sokrates. Er gilt als der Begründer der kyrenaischen Philosophenschule / Hedonismus. Er erzog seine Tochter zur Philosophin

- Prodikos von Keos war Zeitgenosse von Sokrates und Protagoras und er war ein griechischer Humanist der frühen Sophisten, auch „Vorreiter des Sokrates“ genannt.

- Protagoras, ein Vorsokratischer Philosoph der Antike, zählt zu den bedeutensten Sophisten. Da er verurteilt wurde, befand er sich auf der Flucht; all seine Schriften wurden vernichtet.

- Empedokles stammte aus einem Adelsgeschlecht in „Magna Graecia“ (Süditalien) und schlug es aus, König zu werden. Er war ein seltsamer Mensch, teils Reinigungspriester, Mysthiker und Seher, teils Wanderprediger und Wundermann, aber auch Dichter, Politiker, Arzt und nüchterner Wissenschaftler. Seine Zeit erlebte ihn als Ereignis, wie ein Gott ging er durch die Welt. Laut Legende ist er ca. 435 v. Chr. barfuß in den Krater des Ätna entschwunden.

- Pindar (greich. Pindaros) war ein griechischer Dichter, der einer adligen, weltoffenen Familie entstammte.

In der Besprechung kurz erwähnt / zu: Mysterien Eleusis:
- Hades („der Unsichtbare“), bezeichnet in der griech. Mythologie den Ort der Toten, die Unterwelt, und zugleich den Herrscher derselben, den „Gott der Unterwelt“ lat. PLUTO.

- Persephone (bed. „Welche beim Dreschen die Garben schlägt“) ist in der griech. Mythologie eine Fruchtbarkeits-, Toten- und Unterweltgöttin. Sie ist Tochter des Zeus und seiner Schwester Demeter und trägt oft den Namen „Kore“ (=Mädchen). Sozusagen die Fortsetzung der "Kore" ist Demeter und ihre Fortsetzung Hekate (alte Frau). = 3 Stadien der dreieinigen "Großen Göttin" des Mittelmeerraums und darüberhinaus.


2. Argumentationsverlauf:

Das Thema der Diskussion zwischen Sokrates und Menon ist „das Gutsein“, teils auch die Tugend und die Tüchtigkeit.

Auf der ersten Seite fragt Menon Sokrates, ob das man Gutsein lehren oder einüben könne. Hierzu haben wir festgehalten, dass man sich unter „einüben“ etwas praktisches vorstellt, man übt etwas, indem man es immer wieder tut, man trainiert es, wogegen „lehren“ eher theoretisch ist, da man daran denkt, dass jemand etwas vorträgt. Natürlich gibt es auch andere Verstehensweisen des Unterschieds von „lehren“ und „einüben“. Im Zusammenhang dessen wird gefragt, ob man „gut“ von Natur aus sein kann. „Die Natur“ heißt auf griechisch „physis“ bzw. „physei on“ – „das von Natur aus Seiende“. Was jedoch des Menschen Natur ist, ist umstritten.
„Fremder“ – im griechischen  (Xenos) – kann auch „Gast“ bedeuten.

- Da SokratesΣΩΚΡΆΤΗΣ vorgibt, nicht einmal zu wissen, was „Gutsein überhaupt ist“(6. Seite, Ende 2. Absatz), fordert er Menon auf, es ihm zu erklären. Er versucht es zuerst mit der Definition des „Gutsein des Mannes und der Frau“, die angeblich „gut“ seien, wenn sie ihre Aufgaben in der Gesellschaft erfüllen; der Mann in der Politik und als Beschützer vor dem Schlechten und die Frau im Haushalt und als Untertanin des Mannes. Mit Kindern und älteren Menschen verfährt er ähnlich. Menon denkt, dass es einfach viele Arten von Gutsein (auch von Schlechtsein) gebe und für jeden von uns die richtige bzw. die entsprechende dabei wäre.
-Sokrates will aber nicht die verschiedenen Arten des Gutseins wissen, sondern nur die eine, in der sie alle gleich sind, ihren Grundcharakter (vgl. S. 9, unten) (Grundcharakter meint die (Grund)Idee, das Bild, griech. „“ [Eidos]). Er hält fest, dass alle Menschen auf dieselbe Weise gut sind, und wenn sie dasselbe haben, auch gut werden (vgl. S. 13. Zeile). Von diesem Standpunkt aus soll Menon es noch einmal versuchen.
- In seinem zweiten Anlauf versucht Menon es mit der Aussage: „Gutsein ist, über andere Menschen [gerecht aber nicht ungerecht] zu herrschen“ (vgl. S. 13, mittig). Er ist sich aber unsicher, ob es Gutsein an sich ist oder (nur) eine Art von Gutsein. Also wagt er es erneut und sagt: „Ich finde Tapfersein ist ein Gutsein, Besonnensein, Weisesein und Großzügigsein, und noch vieles anders ist es auch“ (S. 15, oben). Ist tapfer = gut ?
Im Gespräch wurde gesagt, dass wir unter „Tapferkeit“ eher so etwas wie „angepasst sein“, „gut erzogen“ verstehen, z.B.: wenn ein Kind nicht weint, wenn es beim Zahnarzt ist. UND: Weisheit übersetzt „Sofia“, griech.:  - . ist gut, wer weise ist?
- Auch Sokrates akzeptiert diese dritte Antwort nicht, weil wieder nur Arten von Gutsein aufgeführt würden, aber nicht „das Gutsein an sich“ bestimmt wird. Es sei schwer, das Eine herauszufinden, das sich durch alle verschiedenen Arten (als ein Gleiches) durchhalte.
ΣΩΚΡΆΤΗΣ versucht, Menon mit einem Beispiel über Figuren und einem anderen über Farbe auf die Sprünge zu helfen und gibt schlussendlich selbst eine Definition über das Wort >Figur<. Figur ist, „Was als einziges von allen Dingen immer mit der Farbe einhergeht“ (S. 19, oben) und „Figur ist die Grenze des Körpers“ (S. 21, oben).
Zu Sokrates Zeit war „more geometrico“ (lat. „auf die Art der (euklidischen) Geometrie“) Philosophiren noch kein Begriff, aber wir haben hier ein Beispiel, wie Platon hierfür ein Vorbild liefert. In verschiedenen Ausbildungsstätten für Philosophen wurden auch Kenntnisse der Geometrie vermittelt. Als Recheninstrumente gab es Lineal und Zirkel.
Es wird festgehalten, dass es sinnvoll ist, eine Frage mit Worten zu beantworten, die der Andere auch verstehen kann, die er kennt bzw. die bereits erwähnt oder „eingeführt“ wurden. Ist dann jemand anderer Meinung als die genannte Antwort, so sei es an ihm – laut Sokrates – „Rechenschaft zu fordern und es zu widerlegen“ (S. 19, mittig).
- Inzwischen redet Sokrates über Flächen, Farben, Ausströmungen und Sehvermögen und er kommt zu der Definition der Farbe: „Farbe ist nämlich eine Ausströmung der Figuren, die vom Sehvermögen angepasst und dadurch wahrnehmbar ist“ (S. 23, oben). Angeblich könne man nun anhand dieser Aussage eine Aussage über ähnliche Dinge dieser Art, etwa Ton oder Geruch, treffen. Nun soll Menon endlich die Definition für „Gutsein“ aufstellen.
- Menons 5. Versuch: „Ich meine dann, Gutsein ist, wie der Dichter sagt, ‚sich an dem Schönen zu freuen und dessen mächtig zu sein’“ (S. 23, letzter Absatz). Die Diskussion kommt auf das Thema, etwas Gutes oder Schlechtes zu wollen.
- Sokrates hält am Ende fest, dass es niemanden gebe, der Schlechtes wolle, da ja keiner bedauernswert und unglücklich sein wolle. „Denn was anderes heißt denn >bedauernswert sein<, als Schlechtes zu wollen und zu bekommen“. Abschließend antwortet er auf Menons zuvor aufgestellte These: „Gutsein ist, Gutes zu wollen und sich verschaffen zu können“, dass jeder Mensch dieses Wollen in sich hat und sich dadurch keiner vom anderen unterscheidet. Also könne es auch nicht das sein, was das Gutsein ausmacht, bzw. was es definiert. Menon stimmt ihm zu.

An dieser Stelle haben wir die Stunde beendet . Fazit ist, dass Menon quasi immer noch am Anfang steht (wir auch ;-) ) und bisher noch nicht klären bzw. erklären konnte, was denn nun „Gutsein“ bedeutet.


3 griechische Wendungen, die wir noch aufgeschrieben haben:

 ’ [Kalos K’agatos] = schön & gut (doch: positiv gemeint)

 [aretè] = „ gut sein!“ Tüchtigkeit – Thema (später beigefügter Untertitel des MNN)

 [Chaire] = freu dich!  (Freut Euc!)

Dienstag, April 21, 2009

Uni Konstanz MO 16 h in G 304

Zitat von Judith Rothenberger :

> Guten Morgen,
>
> Wenn Platon seine Akademie 387 ante gründete und ...427 ante geboren wurde, war er beim Tod des Sokrates 28 (damit knapp älter als die Studis im Sokrates-Seminar) und bei der Gründung bereits 40 Jahre alt.

Protokolle (red.) in
www.feigenblaetter.blogspot.com



Seminar: Sokrates
1.Sitzung, 20.04.09
Protokollantin: Judith Rothenberger

Verschiedene Philosophische Einstellungen:
Empirismus
Rationalismus
Skeptiker
Stoiker
Agnostiker
(hier brachen wir ab / kein Anspruch auf Vollständigkeit)

Inwiefern kann man SOKRATES den ersten Philosophen nennen?

Es gibt ja „Vorsokratiker“ (Jaap Mansfeld, vgl. reclam 7965, p9): „Die Bezeichnung „V...“ hat keine tiefe, sondern nur eine konventionelle Bedeutung“ seit den 1920ger Jahren. „Es sei ... gestattet, darauf hinzuweisen, dass es Vorsokratiker gegeben hat, die Zeitgenossen des ΣΩΚΡΆΤΗΣ waren“ (p10). ÜBERWEG 1998,p87:"Im weitesten Sinne gehören der Sophistik alle Denker an, die am intellektuellen Leben in Athen von etwa 450 ante bis nach 380 ante beteiligt waren."

Die frühe Philosophie war wie Dichtung, sie wurde in kurzen, gereimten Kurztexten überliefert (Gnomen). Erst die Sophisten hielten lange, ungereimte Reden und verwandten dabei vermutlich schon "Mnemotechniken" (wie mind maps): dabei denkt der Redner sich Bilder aus, wenn er die Rede konzipiert, aber beim Vortrag schaut nur der sprechende (innerlich) aufs Bild. die anderen hören nur die freie Rede ...

Welche Einstellung vertrat wohl ΣΩΚΡΆΤΗΣ ?
Sicher gibt es einen kräftigen Schuss Rationalismus: dem im Gespräch sich als stärker erweisenden Argument will er folgen. War Sokrates Agnostiker - oder war er auf besondere Weise "fromm" (Prof. Figal/ Fbg)?
Was sind Agnostiker? Was unterscheidet sie von A-Theisten?

Er behauptet ja (in der Darstellung von Platon) „vom Gotte“ (Apoll) dazu beauftragt zu sein zu prüfen: Wissen oder nicht?
(Seine Mutter war Hebamme, sein Vater -und wohl zunächst auch er- Steinmetz.) Er schrieb weder, noch las er. Er diskutierte öffentlich - auf den Straßen und Plätzen Athens. War er ein Sophist? Wie unterschied er sich? (sesshaft und gratis philosophierend - reichen diese Unterschiede?


Manche fühlten sich durch die Zweifel-Fragen ausstreuenden „Sophisten“ gestört und es wurden auch andere wegen Jugendverführung und Blasphemie (Gotteslästerung) angeklagt und verurteilt, so der gut verdienende Protagoras (411 zum Tod verurteilt, der sich der Vollstreckung durch Flucht auf einem Schiff entzog) und Aspasia (410 in Athen hingerichtet).

So wurde auch Sokrates ca. 400v.Chr. von drei Personen wegen Gotteslästerung angeklagt.
"Sokrates tut Unrecht, indem er nicht an die Götter glaubt, an die die Stadt glaubt, sondern andere, neue dämonische Wesen einführt; außerdem tut er Unrecht, indem er die Jugend verdirbt."
Er wurde wegen Religionsfrevels / AS´EBEIA (zu Unrecht?) verurteilt, sagte aber, dass er lieber sterbe als ohne öffentliches Philosophieren am Leben zu bleiben. Denn ist das ein Leben?
In Platons wenige Jahre späterer ( & vor Gründung der Akademie verfasster) „Apologie des Sokrates“ (Reclam 8315) spricht Sokrates zu den ‚Männern von Athen’, darunter seine Ankläger: (Anmerkung: Apologie: altgriech.: apología für Verteidigung, Rechtfertigung, = Verteidigungsschrift)
"In seiner Apologie des Sokrates stellt Platon einen wesentlichen Punkt der Haltung seines Sokrates dar. Die Apologie kann somit sehr gut als Einführung in Platons Werk dienen. Für die Einschätzung des historischen Sokrates ist sie jedoch mit Vorsicht zu genießen. Platons Sokrates sagt: „Offenbar bin ich (...) um eine Kleinigkeit weiser, eben darum, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.“ - Allerdings bleibt Platons Sokrates in den reiferen Dialogen an diesem Punkt niemals stehen, sondern dieser Punkt ist der Anfang zu einem neuen, einem besseren Wissen. Es darf angenommen werden, dass diese Haltung weit mehr von Platon stammt, als dass sie von dem wirklichen Sokrates entlehnt sei. Bei Platon ist jedenfalls die Erkennbarkeit der Welt und das Wissenkönnen nicht geleugnet. Platon ist nicht identisch mit seiner Kunstfigur, dem Sokrates. Außerdem sind die Aussagen, die Platon in seinem Werk trifft, grundsätzlich didaktischer Natur. Es geht immer eher um eine Haltung oder ein Prinzip als um Tatsachen oder eine abgeschlossene Theorie.

Platon stützt die häufig wiederholte These, der Prozess sei eine Rache vieler Beleidigter gegen Sokrates gewesen, weil dieser den Athenern in vielen Gesprächen ihre Fehler und Schwächen aufzeigte. Mit großer Wahrscheinlichkeit war das so, aber man darf ebenfalls nicht vergessen, dass Athen das Pflaster politischer Kämpfe war und gerade aus dem Umkreis von Sokrates viele Personen kamen, die der bestehenden Ordnung Athens die Existenzberechtigung absprachen und vielfach mit Sparta in Bündnissen standen. Es ist also durchaus vorstellbar, dass der Prozess gegen Sokrates sozusagen ein Stellvertreterprozess war." http://de.wikipedia.org/wiki/Apologie_(Platon)
Die 501 gewählten LaienRichter erkennen auf schuldig. Sokrates diskutiert, welchen Antrag zum Strafmaß er vorbringen solle, welche Strafe er sich selbst zusprechen solle. (Was im damaligen Athener Prozessrecht offenbar so vorgesehen ist: "Das athenische Rechtssystem sah vor, dass zunächst über die Frage der Schuld entschieden werden musste und anschließend über die der Strafe. Die Apologie des Platon gliedert sich demnach in drei Teile: in eine Verteidigung gegen die Anklage, in eine Rede zum Strafmaß und eine abschließende Intervention seitens Sokrates, nachdem die Todesstrafe verkündet worden war." wikipedia)
„Dem Haufen“, den Vielen, aus denen sich eine/r in dem Moment hervorhebt, in dem sie/er Philosoph wird, liegen am Herzen Dinge wie Geld, eine Feldherrenstellung oder Reden vor dem Volk. Diese Vielen fürchten den Tod als Übel. Aber ist er das?

Als "nur gerecht und billig" für sein Tun hielte er den Freitisch im Regierungsgebäude.
Ob er ein Übel für sich beantragen solle? Das wäre z.B. ein Aufenthalt im Gefängnis, oder eine Geldbuße, die er aber im Gefängnis absitzen müsste, denn er hatte ja kein Geld. Oder soll er als Strafe die Verbannung anordnen? Dem würden die Kläger wohl stattgeben. Aber Sokrates könnte in einer Verbannung nicht leben, zu der Zeit des Prozesses war er schon ca.70 Jahre alt. Und er liebte das Philosophieren in „seiner Stadt“. Er hinterlässt den Eindruck eines alten, unbeugsamen Philosoph, er hat ein langes, reiches Leben hinter sich mit vielen guten Gesprächen.
So wurde er 399ante durch den Schierlingsbecher hingerichtet, einem Gemisch aus Wasser, (Wein?) und Schierling in einem großen Becher. Dies bewirkt Lähmung, von den Füßen ausgehend - bis man schließlich erstickt. Es ist wohl möglich, bis zuletzt sich mit Freunden zu besprechsen.

Platon (427-s347 ante) gründet die Philosophenausbildungsstätte „Akademie“ im Jahre 387 in Athen. Sie hat bleibenden Einfluss. Durch die überragende Rolle eines in Platons Dialogen auftretenden scharfsinnigen und vorbildlichen Philosophen namens ΣΩΚΡΆΤΗΣ wird Platons Lehrer und literarische Hauptfigur zum ersten und typischen Philosophen - in Abgrenzung von "Vorsokratikern" (frühen Naturphilosophen ("Sophoi") oder - Sophisten).
Nietzsche sieht hingegen in Sokrates den Zerstörer dessen, was an Griechenland wichtig ist.
Hinzugefügt:
Noch zu Lebzeiten wurde ΣΩΚ, stadtbekannte Figur, vom Komödiendichter Aristophanes als Wolkengucker (423ante ff/ ÜBERWEG 1998,p143) auf die Schippe genommen - dies bediente und befestigte ein Vorurteil gegen Philosophen/Intellektuelle überhaupt... Die Saat (eine Verunglimpfung) ging wiederholt (s.o) auf - tödlich. Der Ausspruch, er könne das schwächere Argument zum stärkeren machen, (zugespitzt: aus Unrecht Recht) trifft eher auf Protagoras zu.
Platon seinerseits gibt Aristophanes im "Symposion" (Gastmahl, um 380ante) die dankbare Rolle des Erzählers des Mythos von den runden Doppelmenschen - Grund für drei erotische Orientierungen.
Hat viel gefehlt, und wir wären statt Christen - Sokratisten geworden?



Nächste Lektüre für das Seminar: Platon, Menon

Sonntag, April 19, 2009

Sokrates Philosophos



die leute in athen müssen ihn als einen der zahlreichen sophisten wahrgenommen haben. dass man/frau wegen gotteslästerung etc. rund 400 jahre vor unserer zeitrechnung ("ante") verurteilt werden konnte, war ebensowenig einzelfall -Roth/Staude p.67- wie später kreuzigungen.
wer gerade peter sloterdijks "du musst dein leben ändern" 2009 zur hand hat, lese 316ff zur urszene

in platon fand sich ein student, der systematisch in seinen dialogen ansetzte bei dieser szene und den Tod des sokrates, der auch züge eines Freitodes hat, als beginn der Philosophie und der abgrenzung von ihrem sophistischen hintergrund setzt.

Sonntag, Januar 25, 2009

Antiphon & Sisyphos in Korinth



maerchen.net / ΜΥΘΟΣ
Sisyphos
Sisyphos , der Erbauer der herrlichen Stadt Korinth, hielt sich für den listigsten der Sterblichen und scheute sich deshalb nicht, des Göttervaters Zorn auf sich zu ziehen.

Als Zeus die liebliche Nymphe Aigina entführte, verriet Sisyphos ihn aus schnödem Eigennutz dem Vater der Geraubten, dem Flußgott Asopos, der ihm dafür aber versprechen musste, in der Felsenburg der Stadt Korinth (Akrokorinth) eine Quelle entstehen zu lassen.

In seinem Unwillen zögerte Zeus nicht, den Verwegenen zu bestrafen. Thanatos, der Tod, erhielt den Auftrag, den Korintherkönig in den Hades zu führen.

Sisyphos wusste jedoch den ungebetenen Sendboten des Göttervaters zu überlisten und legte ihn in Fesseln, so dass niemand auf Erden mehr sterben konnte, bis Ares kam. Er befreite den Todesgott, der den fürwitzigen König nun ins Reich der Schatten führte.

Indessen wusste Sisyphos mit neuer List seiner Haft im Totenreich zu entgehen. Ehe er in die Unterwelt hinab stieg, hatte er der Gattin streng untersagt, seiner abgeschiedenen Seele die Totenopfer darzubringen. Daher ließen sich Hades und Persephone schließlich bereden, ihn noch einmal zu beurlauben, um auf diese Weise die säumige Gattin an ihre Pflicht zu mahnen.

Der listige Sisyphos dachte aber nicht daran, in die Unterwelt zurückzukehren, und lebte wieder wie vorher unbekümmert und in Freuden.

Doch Zeus' Geduld war nun endgültig erschöpft. Wiederum sandte er den Thanatos, und diesmal half dem König keine noch so klug erdachte List. Während er beim üppigen Mahle saß, kam der Tod, und unerbittlich wurde Sisyphos in die Unterwelt geschleppt.

Dort traf ihn die Strafe. Einen schweren Marmorstein mußte er mit großer Kraftanstrengung einen Hügel hinaufwälzen. Sobald er glaubte, das Ziel erreicht zu haben, entglitt der tückische Stein seinen Händen und rollte den Hang hinunter in die Tiefe. Immer wieder musste Sisyphos unter unsäglichen Mühen ans Werk gehen, doch immer wieder blieb ihm der Erfolg versagt.




ΛΌΓΟΣ
Nach UEBERWEG 2/1 Philosophie der Antike, SOPHISTIK+SOKRATES+SOKRATIK,
§9. Kritias aus Athen - soll der Besuch von Thanatos bei SISYPHOS anders abgelaufen sein. Kritias (oder Euripides?) verfassten ein Satyrspiel, pp. 82f : „Ein schlauer und gedankenreicher Mann“ erfindet die Furcht vor den Göttern (und damit diese selbst).
Der Erfinder der Religion führte diese als Täuschung ein, er verhüllte mit lügnerischen Worten die Wahrheit. Erkannte also die Wahrheit und diese heisst, es gibt keine Götter, sondern ein sich drehendes Himmelsgewölbe, Blitze, Donner, strahlende Masse des Sonnengestirns. Dorthin versetzte der kluge Mann die (angebliche) Wohnung der Götter, um den Menschen Schrecken einzujagen. . .
UND NUN DIE ALTERNATIVE FASSUNG DES MYTHOS als philosophierendes Schauspiel
Sitz im Leben / SchauPlatz: Vor dem Palast des mythischen Stadtgründers, König Sisyphos, KORINTH. Der Chor der Satyrn teilt Sisyphos mit, sie seien hier, um ihn zu fesseln und in den Hades zu bringen. Wir haben uns dies wohl als einen „Fortsetzungs“-comic strip vorzustellen, Sisyphos ist dem Publikum als Schlaumeier, der sich unbekümmert selbst mit „Göttern“ anlegt, schon bekannt... Der Chor kündigt an, Thanatos, der Tod, werde gleich kommen. Da ist er schon (auf der Bühne) und wird gastfreundlich in den Königspalast geführt, bewirtet ... und Thanatos betrinkt sich an dem guten Korinthischen Wein (NEMEA). Und nun folgt das erhaltene Textstück als Ansprache des Königs an die Todesboten. Sisyphos schlägt den sauf- und rauflustigen Satyrn folgenden deal vor: wenn ihr Thanatos statt Sisyphos fesselt und abführt, verspreche ich Euch die Freiheit (offenbar sind diese Satyrn selber ihrer ursprünglichen Freiheit beraubte Diener „höherer Wesen“). Wenn sie nun seinem Vorschlag folgen, erwarte sie auch keine „Strafe der Götter“, denn es gebe keine Götter. Dies sei nur die Erfindung eines Manns kluger Worte
σοφὸς γνώμην ανήρ

Menschen von unbegründeter Furcht zu befreien ist eine der Stoßrichtungen der antiken Philosophie. Siehe das bekannteste Beispiel, Platons Apologie des Sokrates, wonach der Tod nicht zu fürchten ist, da im Leben drohende Übel dann wirkungslos werden.


Solche „talking cure“ wird im UEBERWEG 2/1, § 8 Antiphon aus Athen, dem nur von Xenophon (nicht von Platon) im Streitgespräch mit Sokrates beschriebenen Sophisten in Korinth zugeordnet, der „sich in Korinth (!) nahe dem Marktplatz eine ... Praxis eingerichtet habe (L. Radermacher (ed.), Wien 1951), in der er „die Betrübten durch Worte behandelt und den Leidenden durch Ergründen der Ursachen ihres Zustandes Mut zugesprochen habe“.
OHNE GÖTTER LEBEN kann verstanden werden als Ergebnis der in Sophistik und Sokratik (und seitdem) weitverbreiteten
ϑεραπεία τ̃ης ψυχ̃ης
Therapie der Psyche
Auch bei Antiphon werden (wie in des Sisyphos „Trugrede“ im zitierten Satyrspiel) die Vorgänge im Kosmos himmelsmechanisch erklärt (wie bis heute), das Wirken einer göttlichen Kraft wird nicht zugelassen. In einer Schrift „Über die Eintracht“ soll er ganz lebensnah dargelegt haben, wie der Mensch sich in möglichst ungetrübter Lebensweise , eben philosophischer Lebensart einrichte.

Philosophische LebensART - ohne Götter leben, in: "Das OrientierungsLos", Roth/Staude (Hg.), Konstanz 2008


Eine philosophische Diskussion mit Imre Hofmann und Stephan Schweitzer im Seminar "Eine philosophische Praxis?" zeigt:
streaming.uni-konstanz.de/lectures/wintersemester-2008/eine-philosophische-praxis/

Samstag, Januar 10, 2009

Dienstag, Oktober 28, 2008

Keimendes Neues im Alten

Franz Nahrada

könnt man so beschreiben: Jahrgang 1954, lebt in der Vorstadt von Wien, versucht gleichzeitig mit einem kleinen Hotel ökonomisch zu überleben und daneben ein Forschungsinstitut für Globale Dörfer aufzubauen. Seit seiner Jugend beschäftigt ihn das Problem einer irrationalen Gesellschaftsform, in der sämtliche Potentiale von Reichtum und Bildung offensichtlich nur dazu da sind, die Massenproduktion von Unglück zu beschleunigen. Er studierte Soziologie, Philosophie, Politikwissenschaft und was so am Weg lag, um festzustellen dass der offizielle Wissenschaftsbetrieb kein wirkliches Wissen vermittelt, sondern nur höchst zweifelhafte Einstellungen für elitäres Betreuungsbewusstsein nicht hinterfragter Zustände. Mike Roth aus Konstanz eröffnete ihm Mitte der Siebziger mit seinem teach-in “Kapitalanalyse als Wertformanalyse” den entscheidenden Zugang zum Begreifen einer verkehrten Realität.
Heute: marx101.blogspot.com
An das lagerten sich viele Denkstränge an, unter anderem der der Krisis.

Dem Keimformgedanken schloss er sich 1987 an, paradoxerweise nach seinem ersten Aufenthalt in den USA, wo das auf unterschiedlichen Ebenen versuchte Vortasten in eine neue soziale Realität auf wesentlich größeres Interesse stößt als in Mitteleuropa, wo man hauptsächlich weiß was alles nicht geht. Seine Kernthemen und zentralen Motive sind Raumgestaltung als Gesellschaftsgestaltung und elektronische Kommunikation. Beides geht auf tiefe persönliche Erfahrungen in den 80ern zurück, das eine aus Erlebnissen in Griechenland an der Schwelle zum Massentourismus, das andere als Entwicklersupporter für HyperCard bei Apple Computer und eigene Projekte in Richtung Kunst und Wissensorganisation.

Daraus amalgamierte sich das Designprojekt “globales Dorf”, das eine autonome und reichhaltige wie nachhaltige Lebensgestaltung von Individuen und Gemeinschaften unter freigewählten Kulturmustern mit globaler Kooperation an den technologischen Grundlagen dieses Lebens verbinden soll. Das führt zu einer Myriade an Projekten, bei denen gegenwärtig die “virtuelle Universität der Dörfer” — synchrones Lernen in bzw. zwischen lokalen Gemeinschaften über multimediale Verbindungen — im Vordergrund steht. Um das mittlerweile in 40 Jahren aufgehäufte Papier unterzubringen und in der richtigen Gemeinschaft zu leben sucht er nun den richtigen Ort — ein abgelegenes Kloster in den Bergen und vielleicht auch in einem angenehmen Klima wäre der richtige Ort.

Mittwoch, September 03, 2008

Schelling

Ein Versuch über den deutschen Romantiker und Idealisten Friedrich Schelling
Wolfgang Schaffarzyk

„… je mehr man von der Organisation des Universums versteht,
je reicher, unendlicher und weltähnlicher wird uns jeder Gegenstand.“
– Friedrich Schlegel

Vorwort
Blickt man auf die Geschichte Deutschlands zurück, sticht die Zeitspanne des 18. und 19. Jahrhunderts deutlich heraus. Scheinbar nie zuvor lebte eine so große Zahl bedeutender Persönlichkeiten in einer so engen Zeitspanne zusammen. Aus heutiger Sicht stellt sie gleichsam einen Ballungsraum der Kulturgeschichte dar und dies nicht nur von der Warte der Philosophie, sondern auch aus dem Blickwinkel der Literatur- und Naturwissenschaft. Die Werke Goethes und Schillers sowie der gesamten deutschen Romantik – allen voran Novalis, der im Moment eine Renaissance im anglo-amerikanischen Sprachraum erfährt – sind heute unumstrittene Weltliteratur. Immanuel Kant und die deutschen Idealisten bilden eine eigene Epoche innerhalb der Philosophiegeschichte; sie sind die Begründer des modernen menschlichen Geistes, Verstandes und des modernen personalen Selbstverständnisses. Neben Aristoteles sind Kant und Hegel die großen Systemphilosophen, die heute in jedem philosophiegeschichtlichen Lehrbuch und jeder Bibliothek gängiges Inventar sind. Allein um den Einfluss und die Wichtigkeit der Lehre und Methode Kants auf die heutige Philosophie und Wissenschaft zu erläutern, wird bis heute philosophisch geforscht und publiziert. Die vorliegende Arbeit kann nur ein Schlaglicht werfen. Daher soll der Fokus auf dem durch Kant inspirierten deutschen Idealismus und insbesondere auf Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, dem Mitbegründer der Romantik, liegen.1
Vordenker
Immanuel Kant vereinigte die beiden Strömungen von Rationalismus und Empirismus der Philosophie zu einer Synthese. Er wollte ein umfassendes System kreieren und begründete – wie er es selbst nannte – die kritische oder transzendentale Methode. Diese Methode sollte den Zweck verfolgen herauszufinden, wie unsere Erkenntnis von den Dingen schlechthin möglich ist. So ging es ihm um die systematische Aufdeckung von Axiomen des Denkens und die philosophische Erkenntnis von den Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung. Der letzte Stand der Dinge – die Mechanik Newtons und das kopernikanische Weltbild – war für ihn die letzte Annäherung an die Wahrheit und somit war auch jeglicher Fortschritt als eine konsequente Annäherung an die Wahrheit zu deuten. In dieser Art und Weise verstanden Kant und die Kantianer den Fortschritt der Wissenschaft im Speziellen und des Wissens im Allgemeinen. Für Friedrich Schelling lagen die Dinge anders. Er sah in der von Kant und seinen Schülern konstatierten Wahrheit und der überstarken Betonung und Untersuchung des Verstandes nichts anderes als eine Verklärung. Bezüglich der Frage der Interpretation von Kants erkenntnistheoretischem Hauptwerk, der Kritik der reinen Vernunft, waren sich die Nachfolger Kants uneinig. So fand eine Spaltung des Lagers der Kantschüler statt, zu denen, wie fast jeder gebildete Mann dieser Zeit, auch Schelling zählte. Die Schüler spalteten sich in ein idealistisches und ein realistisches Lager unter der Berücksichtigung der Frage, wo Kants Ding-an-sich denn – wenn überhaupt – zu finden sei. Die Realisten, wie beispielsweise Friedrich Fries, beriefen sich auf die Dinge und Materie, so dass sie als Ausgangspunkt die Naturwissenschaft nahmen, um sich dem Ding-an-sich anzunähern. Die Idealisten hingegen beriefen sich auf die Ideen und den Geist selbst, so dass sie als Ausgangspunkt den Geist oder als höchste geistige Instanz Gott wählten, um das Ding-an-sich zu finden. Die Geisteswissenschaft stellte für sie das Instrument der Analyse und Protokollierung dar.
Der Streit um das Ding-an-sich rief eine große Kontroverse hervor und spaltete die Kantschüler in zwei große Lager mit inkommensurablen Standpunkten. Die Idealisten formten eine der wichtigsten und bekanntesten Strömung in der deutschen Geschichte, den deutschen Idealismus. Ihn haben philosophische Größen wie Johann Gottlob Fichte, Friedrich Schelling und nicht zuletzt Arthur Schopenhauer und Georg Hegel geprägt und ausgeformt.2

Zur besseren Vorstellung der einzelnen Ausrichtungen und Denker dient folgende Grafik:


Abbildung skizziert die einzelnen Ausrichtungen des deutschen Idealismus3

In der Nachfolge Kants ist insbesondere Johann Gottlob Fichte zu nennen. Fichte war von Kant inspiriert. Anfangs sehr begeistert, hielt er dessen Lehre bald für zu theoretisch. Fichte betonte ein pragmatisches Moment, das jede Philosophie haben sollte. So ging er von einer Ur-Tathandlung aus, die für ihn ein unauflöslicher Begriff der Philosophie war. Der hitzige Redner Fichte betonte in seinen Werken stets die Praxis und die Handlung, ein Tätigwerden – seine Reden an die deutsche Nation machten Epoche. Des Weiteren trat er für eine zwingende Untersuchung der Logik ein. Selbige müsse hinterfragt werden, da die Logik eine Notwendigkeit für wissenschaftliche Forschung, besonders relevant für den Fortschritt und somit für die Wahrheit selbst sei. Er forderte eine metaphysische Mitbegründung der Logik, und stellte drei Voraussetzungen auf. Diese waren: 1. Der Satz der Identität (Ich = Ich), 2. Die Antithese (Nicht-Ich = nicht Ich), 3. Limitation (Nicht-Bewußtes =Natur). Auf diese Art und Weise orientierte sich Fichte an der Dialektik bzw. dialektischen Methode, die im weiteren philosophiegeschichtlichen Verlauf von Hegel auf die Form von These, Anti-These und Synthese gebracht wurde. Fichte gehörte dem idealistischen Lager der Kantschüler an und verortete Kants Ding-an-sich im Bewusstsein.4
Einer der bekanntesten Aussprüche Fichtes aus Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre von 1794: „Was für eine Philosophie man wähle, hängt davon ab, was man für ein Mensch ist“ spielt auf das praktische Moment seiner Philosophie an.5 Dieser Ausspruch betont, dass der jeweilige Mensch eine gewichtige Rolle dafür spielt, für welche Philosophie man sich entscheidet, etwa darüber, ob man dem realistischen oder idealistischen Lager der Kantschüler angehört. Das Wichtigste war für Fichte jedoch, dass überhaupt ein Standpunkt ergriffen wurde, weil dies einen bzw. den Willensentschluss demonstrierte. Die Entscheidung für den Realismus, der die Ansicht vertrat, dass die Dinge aufeinander einwirken oder für den Idealismus, der die Ansicht hatte, dass alle Vorstellung Produkte des Geistes waren, war ein solcher Willensentschluss. Fichte im Speziellen und der Idealismus im Allgemeinen inspirierten Friedrich Schelling besonders stark.

Leben
Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling6 wurde am 27. Januar 1775 als Sohn eines Pfarrers zu Leonberg in Württemberg geboren. Das Pfarrhaus bildete schon seit je her ein günstiges Klima in Bezug auf die Bildung, denn die Pfarrer waren ihres Berufs und Standes wegen gebildet und nicht selten die einzigen Gebildeten eines Dorfes. Insbesondere in Schwaben hatte sich gar ein „schwäbischer Pfarradel“ etabliert, dessen Kinder auf eine Lateinschule gingen. War diese absolviert, besuchte man ein höheres Seminar oder, falls vorhanden, ein Gymnasium. Wurde das sog. Landexamen bestanden, studierte man Theologie in Tübingen und wohnte auf herzogliche Kosten im Elite-bildenden Tübinger Stift. Einen solchen Bildungsweg sollte auch Friedrich Schelling erfahren. Er war ein exzellenter Schüler. Bereits im Alter von 10 Jahren legte er das Landexamen ab und wurde aus der Lateinschule entlassen. Nach zwei vergeblichen Anträgen zur Aufnahme in den Tübinger Stift, wurde dem 16jährigen Schelling auf Grund eines Sonderverfahrens der Eintritt gewährt. Im Stift hatte Schelling zwei außergewöhnliche Zimmergenossen, er wohnte und studierte Theologie zusammen mit Hegel und Hölderlin. Bereits 1792 erwarb Schelling den Magistergrad, indem er seine philosophische Dissertation über den Sündenfall einreichte. Im Weiteren interessierte sich Schelling für Kant, Spinoza und insbesondere für Fichte, dessen Schriften ihn sehr inspirierten. Nach seinem Studium tat er es seinen Freunden Hegel und Hölderlin gleich und arbeitete einige Jahre als Hauslehrer. In dieser Zeit veröffentlichte er 1797, nach intensiver Beschäftigung mit den Naturwissenschaften, seine Ideen zu einer Philosophie der Natur. Dieses Werk war noch stark getragen von den Gedanken Fichtes und Schelling intendierte es als Fortsetzung des Fichte’schen Systems. Ein Jahr später veröffentlichte Schelling Von der Weltseele. Im selben Jahr wurde er als Professor nach Jena berufen und hielt neben Fichte dort Vorlesungen. In Jena kam Schelling auch mit dem Kreis um Friedrich Schlegel in Kontakt. Dieser Kreis wurde später als die „Jenaer Frühromantik“ bekannt und Schelling nahm in diesem Kreis bedeutenden Einfluss auf die Philosophie der Romantik. Zu diesem Zirkel junger Intellektueller zählten u.a. Persönlichkeiten wie die Brüder Schlegel, Dorothea Veit, Novalis, Johann Ludwig Tieck und Friedrich Hölderlin. Durch das neue Umfeld und die Inspiration, die er dort erfuhr, distanzierte er sich zunehmend von seinem Denkvorbild Fichte. 1799 in seinem Ersten Entwurf eines Systems der Naturphilosophie wird erkennbar, was ein Jahr später in seinem Hauptwerk System des transzendentalen Idealismus deutlich ausgesprochen wird: die Wissenschaftslehre ist ein der Naturphilosophie lediglich nebengeordneter Teil. Somit vollzog sich ein deutlicher Bruch mit Fichte, der sich in den eigenen Denkimpulsen Schellings begründet sah. Es war ein Bruch, wie er sich auch zwischen Fichte und Kant ereignet hatte und später auch zwischen Schelling und Hegel ereignen sollte. 1803 wurde Schelling nach Würzburg gerufen und es folgte eine Phase, in der Schelling wenig schrieb und seinen Standpunkt weiterentwickelte. 1804 erschien seine Schrift Philosophie und Religion. Ab 1806 war Schelling Mitglied der Akademie der Wissenschaften und wurde sogar Generalsekretär der Akademie der bildenden Künste in München. Im selben Jahr wurden nochmals Entfernung und Bruch mit Fichte deutlich, als Schelling eine hitzige Streitschrift gegen ihn veröffentlichte. Der früh berühmt gewordene Schelling wurde zunehmend von Hegels Schaffen aus der Öffentlichkeit verdrängt – 1806/07 erschien Hegels Phänomenologie des Geistes. Von 1820 bis 1827 lehrte Schelling in Erlangen. 1827 kehrte Schelling nach München zurück und beschränkte seine Tätigkeit auf das Halten von Vorlesungen an der neuen Universität München. Nach dem Tod Hegels 1831 erinnerte man sich an Schelling und 1841 erhielt er von Friedrich Wilhelm IV. einen Ruf nach Berlin, um dort dem Linkshegelianismus entgegenzuwirken. Doch waren seine Vorlesungen ein Misserfolg und so zog sich Schelling 1846 vollständig aus der Universitätstätigkeit zurück. Während Schelling mit der Ordnung seiner Schriften und der Ausarbeitung seines letzten Systems beschäftigt war, verstarb er am 20. August 1854 im Kurort Bad Ragaz in der Schweiz.7
Naturphilosophie
Mit seinen ersten, 1794 und 1795 verfassten Schriften Über die Möglichkeit einer Form der Philosophie überhaupt und Vom Ich als Prinzip der Philosophie ist Schelling noch ganz im Fichte’schen Denken verwurzelt. Das einzig wahre Prinzip der Philosophie ist ihm das absolute Ich, das aus sich selbst heraus die gesamte Welt der Objekte erzeugt. Ebenso vertreten die Philosophischen Briefe über Dogmatismus und Kritizismus ein Jahr später noch die Ansicht, dass es nur zwei konsequente philosophische Standpunkte gebe, nämlich Spinoza zum einen und Kant-Fichte zum anderen. Zwischen diesen beiden müsse man wählen, um zu einem dezidierten Verständnis von Philosophie zu kommen. Aber bald genügte ihm die bloße „Subjekt“-Philosophie Fichtes nicht mehr, denn dieser hatte die Natur als philosophisches Objekt nahezu unbeachtet gelassen, indem er sie fast ausschließlich als Schranke oder als Mittel zum Zweck (der Abgrenzung) der menschlichen Persönlichkeit beleuchtete. Und da auch Kant nur die metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft gegeben habe, so wollte Schelling als Vereiniger beider auftreten, die klaffende Lücke zwischen Kants Materie und dem lebendigen Organismus durch eine „spekulative Physik“ schließen. Die Zeit schien dafür gekommen zu sein. In den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts hatten sich gravierende Fortschritte auf den verschiedenen Gebieten der Naturwissenschaft vollzogen. Die Leitfrage für Schelling war, auf welchen Nenner sich das Organische und Anorganische – also nach heutigem Verständnis die Biologie und die Physik – bringen ließen. Eine mathematisch-mechanische Naturerklärung schien ihm unbefriedigend, denn ihm schwebte eine „lebendige“ Naturauffassung vor. Der Kern von Schellings Naturphilosophie besteht darin, dass die gesamte Natur als ein großer Organismus vorgestellt wird und in einem zusammenhängenden System zu begreifen ist. Diese „Physik“ – getragen von einer konstitutiven Teleologie der Natur – verfährt spekulativ, d.h. Erklärungslücken des damaligen Wissenstandes der Naturwissenschaften werden durch Schellings eigene Spekulationen und Gedankenexperimente gefüllt.
Die Natur lasse sich nur verstehen, wenn wir sie als uns gleichartig, als Geist in der Natur auffassen. In dem großen, lebendigen Organismus der Natur wirken Kräfte, die im Wechselspiel stehen (Polarität). Seine Lehre verortet den Fortschritt von der unbewussten Natur hin zum Bewusstwerden (der Natur) oder dem Bewussten. Dabei orientiert er seine Architektonik an der Einteilung der Natur des Aristoteles, nach der die „tote Natur“ (Physik) die unterste Stufe der Natur bildet. Hierauf folgen die „Elemente“ (Chemie) und die „Lebewesen“ bzw. „beseelte Biologie“ also die Tiere und Pflanzen. Auf den beiden höchsten Stufen kommen dann die „Menschenkunde“ und schließlich das „Absolute“ oder „Göttliche“. In diesem Aufbau der Natur spielt nun die Polarität der Kräfte eine entscheidende Rolle, denn die Natur entwickelt sich mit bzw. durch ein Wechselspiel polarer Kräfte. Diese Polarität zieht sich durch alle Stufen von Schellings Einteilung der Natur. So stehen beispielsweise Anziehung und Abstoßung innerhalb der Physik im Wechselspiel, in der Chemie sind es Laugen und Säuren, die Biologie wird von den Polen Männlich- und Weiblichkeit dominiert, während auf der menschlichen Stufe der Natur Subjektivität und Objektivität einander gegenüberstehen. In seiner Naturphilosophie besitzt das Bewusste eine unbewusste Grundlage, nämlich die Natur selbst. Sie bewirkt das Unbewusste, d.i. die (sinnliche) Wahrnehmung. Nur auf Grundlage der Natur und der somit verbundenen Wahrnehmung kann ein Gedanke überhaupt gefasst oder gedacht werden und dies geschieht in einem Schritt vom Unbewussten hin zum Bewusstwerden. Aufbauend auf diesem Vorgang können Willensakte und Kulturinstitutionen greifen und letztendlich das Intellektuelle oder die Anschauung entwickelt werden. In dieser Verkettung etabliert Schelling das Herzstück seiner Philosophie, nämlich die Phantasie. Schelling spricht klar aus, dass die Künstler das Vorbild der Philosophen sein sollen, denn Philosophie ist – wie das Gemälde – ein Kunstwerk. So muss in seinen Augen die Wissenschaft dahin kommen, wo die Kunst schon immer war. Die Phantasie (Kunst) wird von Schelling als höchste Form des Geistes stilisiert und somit widerspricht Schelling der Lehre Kants, in der der Mensch keine Dinge selbst erschaffen kann.
Dies konnte nur Gott und auf diese Art und Weise hat er die Welt erschaffen. Schellings Mensch kann selbiges Gott mit Kraft seines Geistes, der Phantasie, gleich tun. (Vgl. Ueberweg, Friedrich: Grundriss der Geschichte der Philosophie, S. 36, 43, 48, 51 f,
insbesondere 52 f, 54 ff, ferner Vorländer, Karl: Geschichte der Philosophie, S. 90,
außerdem Helferich, Christoph: Geschichte der Philosophie, S. 274 - 276.)

Die Philosophie Schellings fand insbesondere unter den Ärzten großen Anklang, da die Lebendigkeit im Vordergrund seiner Philosophie stand.8 Schellings Spätphilosophie, in der er eine positive, religiöse Philosophie entwickelte, wurde insbesondere von seinem Schüler Krause weiterverfolgt. Zu den Anhängern Schellings zählten unter anderem Henrik Steffens (1773 bis 1845), Karl Gustav Carus (1789 bis 1869), Adam Müller (1779-1829), sowie Joseph von Görres (1776 bis 1848).9
Philosophisch-praktische Schlussbemerkung
Schellings Werk ist heute sicherlich eines der am wenigsten präsenten Werke in der Philosophie und teilt so auch das Schicksal der meisten Vertreter der romantischen Schule und des deutschen Idealismus. Als Ausnahmen können nur Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel genannt sein und diese werden oftmals nur als Beiträge zur theoretischen oder praktischen Philosophie wahrgenommen und kaum unter ihrem Systemcharakter – geschweige ihrer Ausrichtung auf das Leben oder den Menschen. Anknüpfungspunkte für die romantische Schule gab es am ehesten in der Lebensphilosophie oder dem Existenzialismus, der sich auf die Rolle des Menschen und das menschliche Leben als solches konzentrierte. Hier sind wohl Kierkegaard, Nietzsche, Heidegger, Sartre, Camus und Jaspers zu erwähnen, die dieser Denkrichtung neue Impulse gaben und sie nachhaltig prägten. Die Frage ist, ob und was es gilt von der Romantik für uns zu bewahren.
Gegen Ende seines Buches macht Safranski uns auf eine Spannung zwischen dem Romantischen und dem Politischen aufmerksam:
„Die Spannung zwischen dem Romantischen und dem Politischen gehört zu der noch umgreifenderen Spannung zwischen dem Vorstellbaren und Lebbaren. Der Versuch, diese Spannung in eine widerspruchsfreie Einheit überführen zu wollen, kann zur Verarmung oder zur Verwüstung des Lebens führen. Das Leben verarmt, wenn man sich nichts mehr vorzustellen wagt über das hinaus, was man auch leben zu können glaubt. Und das Leben wird verwüstet, wenn man um jeden Preis, auch den der Zerstörung und Selbstzerstörung, etwas leben will, bloß weil man es sich vorgestellt hat. Das eine Mal verarmt das Leben, weil das Vorstellbare aufgegeben wird um des lieben Friedens willen; das andere Mal zerbricht es unter der Gewalt, mit der das Vorstellbare ohne Abstriche verwirklicht werden soll. Beides Mal hält man den Widerspruch zwischen dem Vorstellbaren und Lebbaren nicht aus und will ein Leben aus einem Guß. Ein solches Leben aber ist wohl doch nur ein romantischer Traum.“10
Zutreffend ist, dass Tagträumerei, die blind ist für bestehende reale Verhältnisse ist in der Politik nichts verloren hat. Eine solche Position ist anfällig für einen falsch motivierten Optimismus und kranke Ideologie, die auf eine Fehldeutung der Gegebenheit eines Landes, der Lebenssituation der Menschen und der Wirtschaft beruht. Romantik gehört sehr wohl in die Politik, wenn wir darunter eine visionäre Position verstehen, die nicht blind ist für gegebene Verhältnisse und so einen gesunden Optimismus zu Tage fördert, der sich nicht von schlechten Gegebenheiten demotivieren lässt, sondern Tatendrang in einem scheinbar kleinen oder stark beschränkten Handlungsrahmen verspürt. Ich denke solche Visionen sind der Weltfrieden, freier Handel oder eine Anhebung des weltweiten Lebensstandards, die Vermeidung oder Prävention des Einsatzes militärischer Mittel und die Bannung von Korruption aus der Politik. Und es ist eben eine solche Motivierung, die auch ein Spannungsverhältnis von Vorstellbarem und Lebbarem impliziert und dieses Spannungsverhältnis ist unauflösbar, denn das Leben selbst ist ein Spannungsverhältnis, das sich stets zwischen zwei Polen bewegt und in einer stets zu erneuernden Synthese entwickelt. Den Vollzug des Lebens gilt es durch das Finden einer Synthese, die sich als Handeln und Tätigwerden äußert, zu meistern oder zu bewältigen. Ein Leben, das sich nur an einem Pol abspielt übersteigert sich in ein Extrem und kann keine gesunde Haltung zum Leben und keine dem Leben zuträgliche Handlung hervorbringen. So könnten sich bestehende schlechte wirtschaftliche Verhältnisse auf das Leben insofern negativ auswirken, als dass man sich als nur noch reaktionär und passiv begreift; die Gegebenheiten werden als unveränderlich hingenommen und man beschäftigt sich ausschließlich mit Reaktionsstrategien und richtet demnach sein Leben aus. Andererseits kann man sich dazu versteigen alles für veränderlich zu halten und übersteigert sich einen Tatendrang der nicht nur schlechte, sondern auch gute Zustände oder Gegebenheit abschafft, zerstört oder verbannt. Dennoch ist es eine Illusion zu glauben, das Spannungsverhältnis von Romantischem oder Einbildungskraft und Realität könne vollkommen aufgelöst werden, es wäre „ein Leben aus einem Guß“ möglich. Leben ist die Kraft die sich zwischen zwei Extremen abspielt und tagtäglich fordert es uns dazu auf eine Entscheidung aus eigener Kraft zu fällen und unser eigenes Leben so zu gestalten. Begreifen wir uns als Personen, die sozial mündig und verantwortungsvoll mit ihrem Leben umgehen können und wollen, so sind wir zu aller erst uns selbst und danach auch unserem Gegenüber die Antwort auf die Frage: „Was will ich mit meinem Leben anfangen oder was erwarte ich von meinem Leben?“ schuldig. Die Binsenweisheit, dass das Leben kurz ist kennt jeder, doch verstehen tut er diese triviale Einsicht meist erst wenn es „zu spät“ ist, nämlich dann wenn man einen notwendigen Abstand in der Reflexion zu seinem Leben gewinnt, der leider meist erst durch fortgeschrittenes Alter, Krankheit oder andere Extremsituationen einsetzt. In einem als Konsum-, Spaß, Informations- und Wissensgesellschaft verschrieenen Sozial - Gefüge werden solche Reflexionen gern lächerlich gemacht oder als unnötig erachtet, da sie schnell als Spaßkiller, Gute-Laune-Verderber gebranntmarkt werden. Aber so gern man sich dieser Reflexionspflicht – denn eine solche haben insbesondere die Menschen der Wohlstandsgesellschaften des Westens gegenüber den Armen der dritten Welt – entzieht und sie vollkommen verdrängen möchte, so kommt sie doch bei vielen in fortgeschrittenen Alter als die sog. Midlifecrisis zum Ausdruck und es ist eine romantische Verklärung zu glauben man könnte und sollte sich der Reflexionspflicht entziehen.
Das Romantische ist aber auch eine Lebensnotwendigkeit in dem Sinne, in dem Safranski sie als „Mehrwert, der Überschuß an schöner Weltfremdheit, der Überfluß an Bedeutsamkeit“ charakterisiert und sie als die Neugier „auf das ganz andere“ begreift. Sei das Andere nun die Natur oder der Andere, das Fichte’sche Nicht-Ich11, es zwingt uns zu einer Auseinandersetzung und ist als die Herausforderung an das Leben oder des Lebens zu begreifen. Niemand kann ein Leben führen und sein Leben so gestalten, dass es nur am Realen orientiert wäre – gerade in einer Zeit in der die eigenen Lebensumstände als deprimierend empfunden werden und eine Unausgeglichenheit oder Unzufriedenheit nach sich ziehen. Verstehen wir „Weltfremdheit“ nicht als bloße Naivität, also als (negativ gemeinte) „Gutgläubigkeit und Lebensferne“, sondern als eine ursprüngliche, ureigene Lebensbejahung und Offenheit für das Neue, so ist sie unabdingbar. Eine solche Romantik treffen wir alle in unseren sozialen Kontakten und unserer Lebensgestaltung an. Gern werden Romantik und Verklärung mit der Liebe assoziiert – und dies ist ihr auch eigen – aber das Romantische gehört auch in die Lebensplanung, wenn wir hierunter den Entwurf des eignen Selbst als eine progressive Ausformung einer individuellen Vision verstehen. Würden wir einige Menschen nicht als „gute Freunde“ und andere als Ziele der eigenen Liebe wahrnehmen und „verklären“, sie also im gewissen Maße romantisieren, wäre das Leben nahezu unerträglich. Auch das eigene Leben muss romantisiert sein, wenn wir darunter verstehen uns als unseren eignen Lebensgestalter und Schöpfer zu fassen, als aktives Wesen. Und es ist eben der Kreislauf aus Reflexion / Entwurf des eigenen Selbst und aktivem Tätig sein und Tätig werden, der das erst ausmacht was wir als „Leben“ bezeichnen wollen – und eben das ist das Romantische was es zu bewahren gilt.

Anmerkungen
1 Schelling entwickelte ein umfassendes philosophisches System, wir beschränken uns hier auf eine rudimentäre Darstellung seiner Naturphilosophie.
2 Siehe hierzu: Vorländer, Karl: Geschichte der Philosophie, S. 25 ff.
3 Rekonstruktion einer Tafelskizze aus der Vorlesung Philosophie der Gegenwart im Sommersemester 2004 von Lutz Geldsetzer.
4 Vgl. Vorländer, Karl: Geschichte der Philosophie, S. 69 ff.
5 Siehe Helferich, Christoph: Geschichte der Philosophie, S. 266 f.
6 1812 geadelt.
7 Vgl. Vorländer, Karl: Geschichte der Philosophie, S. 85 ff, sowie
Helferich, Christoph: Geschichte der Philosophie, S. 271 ff.
8 Darüber hinaus ist wahrscheinlich auch die heutige Bezeichnung des Ärzteberufs als Kunst aus Schellings Philosophie entlehnt. Siehe Vorländer, Karl: Geschichte der Philosophie, S. 98.
9 Siehe hierzu Vorländer, Karl: Geschichte der Philosophie, S. 87 ff, ferner
Kirchhoff, Jochen: Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling, S. 80 ff.
10 Safranski, Rüdiger: Romantik. Eine Deutsche Affäre, S. 393.
11 Safranski, Rüdiger: Romantik. Eine Deutsche Affäre; München 2007, S. 73 f.


Literatur
Helferich, Christoph: Geschichte der Philosophie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart und Östliches Denken, Stuttgart 1992, S. 271 - 276.
Kirchhoff, Jochen: Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Hamburg 2000, S. 76 - 110.
Safranski, Rüdiger: Romatik. Eine Deutsche Affäre; München 2007.
Vorländer, Karl / Geldsetzer, Lutz (Hrsg.): Geschichte der Philosophie, Bd.3,1, Leipzig 1975, S. 81 - 103.
http://www.jena.de/sixcms/detail.php?id=10896 (24.7.08)
http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Wilhelm_Joseph_Schelling (24.7.08)

doch Verweis auf: philopraxis-feigenblätter.blogspot.com

Dienstag, August 12, 2008

Romantik, am Rheine

Sommersturm , ergiebiger Regen. SinnPraxis übt im Salon MH eine "Lesung in verteiltenRollen" , erste Praktikumsarbeit von ANNA .
28.7. , 4. und11. 8.2008
Geplante Fortsetzung TIAN ?
am 18. August 19 h

Sonntag, August 10, 2008

durch die blaue Blume

im stachligen zwiegespräch KLEIST - GÜNDERODE 1804 in Winkel am Rheine; ein Rückgriff von Christa Wolf -zur Selbstverständigung. edition BRIGITTE 21. Gut zu lesen in verteilten Rollen.
Danke, Martin Bölle / HD !

Sommergruß SinnPraxis

Freitag, Juli 04, 2008

Frische Fahrt

R O M A N T I K -Seminar . . .

7.o7. Frische Fahrt. EICHENDORF & HOFFMANN / Bettina

Samstag 12.o7: Symposion + Paul zu Nachwirkungen der Romantik,'
ab 14 h im Garten Seeweg 25 A L L E N s b a c h


Auffallende Frauen in der R. / Marianne

Romantische Politik / Gespräch
Safranski Teil 2: Das Romantische


s-a-: Rüdiger Safranski, Romantik. Eine deutsche Affäre (2007)