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Montag, Mai 25, 2020


 28. Mai HAMPE2020 ab S. 74 Walden Pond

"Cute little hut, in which Thoreau wrote -  about a simple life"
https://www.bing.com/videos/search?q=thoreau+walden&docid=608029835424303034&mid=1869BBC054BE2EBD7C591869BBC054BE2EBD7C59&view=detail&FORM=VIRE
und übrigens:
THOREAU vorgelesen WALDEN 

Wir befinden uns im Hinterland von Boston (und N.Y.). Harvard ist nicht sehr weit. Und von der Waldhütte am See (vom Schreibpult im Morgenlicht zu sehen) lässt sich ein Spaziergang ins Städtchen Concord machen …
"Leben im Walde" (Leben in der Waldhütte am Schreibpult mit  Blick auf Badebucht) ist für Thoreau 1845-47 weniger WILDNIS als für McCandless 1992 in Alaska (ohne Menschenkontakt).

Thoreau knüpft an Stoische Überlegungen auf seine Weise an.
(gemäßigt)
EIN MOTTO
 
Christine gab mir ja je 3 x Gedrucktes zu/von Emerson und Thoreau mit. Auch biographisch  & politisch-kulturell spannend.
In einer Sammelbeilage zum philosophieMAGAZIN Nr 35 (2017) wird an den 200. Geburtstag von David Henry THOREAU erinnert mit einem Auszug aus "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat" (1849). In den USA ist Sklavenhalterei noch eine legale PRODUKTIONSWEISE.
Im Vorwort von Dieter Thomä (der sich ja mit "Philosophie des Störenfrieds" (Puer Robustus 2016) beschäftigte) heißt es: Thoreau war "ein wahnsinnig schräger Typ, ungehobelt, ungesellig, radikal im Denken wie im Leben". Selbstaussage: "Die ganze NATUR ist meine Braut" & "Den größeren Teil von dem, was meine Mitbürger gut nennen, halte ich innerlich für schlecht - und wenn ich irgendetwas bereue, so ist es höchstwahrscheinlich mein gutes Betragen".
 
Der 14 Jahre ältere Emerson ist aus Boston, Er war nach Studium in Harvard unitarischer Pfarrer, wurde wegen Freigeisterei, Pantheismus, ... amtsenthoben. Seine erste Frau starb 1831 mit 19. Er machte 1832 eine ausgiebige und ergiebige Europa-Reise.  1835 heiratete er wieder & zog mit seiner zweiten Frau ins gut gelegene Concord. 1836 erschien sein Essay NATURE und gilt bald als Manifest des NEW THOUGHT "transcendentalist movement". Die erste Ausgabe  hat ein Plotin-Motto: Nature … does only do, but not know. 1849 ist ein eigenes Gedicht dazugesetzt:
 
EINE FEINE KETTE ZAHLLOSER RINGE
VERBINDET DIE NÄCHSTEN UND FERNSTEN DINGE
 
DER BLICK LIEST OMEN WOHIN ER AUCH FÄLLT
DIE ROSE SPRICHT ALLE SPRACHEN DER WELT
 
UND DURCH DIE SPIRALE DER FORMEN AUF ERDEN
WINDET DER WURM SICH ZUM MENSCHEN ZU WERDEN 
 
Neu übersetzt von Harald Kiczka (diogenes / ZH 1982
Vision des selbstgebackenen Güttinger Nussbrots
 
Treffen 19 h bei Marianne
 
Passend zum Inhalt, in Melvilles Erzählung Die Galerie (1856) blicken wir vom gedeckten Tisch in Allensbach auf die Insel. "Ein Gärtner, der den tag über auf einem Acker gepflügt, gesät oder geerntet …, wird nicht auch noch am Abend diese Orte seines Schuftens kontemplieren wollen...Fischerhäuser haben selten ein großes Fenster zum See hin." (leichte Anpassung vmr). Es geht im Text um Idealisierungen (77) - Distanzen (räumliche, zeitliche wie kulturelle und soziale). Melville konterkariert die Naturphilie seiner Zeitgenossen Emerson und Thoreau und kehrt obendrein die Lichtmetaphorik aus Platons Höhlengleichnis um.
In dem Roman Moby-Dick werden nach Hampe ebenfalls unterschiedliche Distanzen thematisiert. Es zeigen sich in der Diskussion zwei weitere Aspekte. Ich verstehe erst einmal nicht, warum ein Wal hier ein "tödliches Maul" unter dem Wasser verbirgt. Jan klärt auf: es handelt sich um einen Zahnwal. Er wird uns am 5.6. einen solchen Zahn zeigen: "So wie der in einen lüsternen Stier verwandelte Zeus (im Europa-Mythos vmr) sich ganz in schöne Natur verwandelt zu haben scheint, erscheint auch Moby-Dick zunächst als ein zauberhaftes Meereswesen." Doch aus der göttlich erhabenen Natur (aus sicherer Entfernung betrachtet) wird dann in der nächsten Nähe Zerstörung des kleinen Walfangbeiboots, das der eingeholte Wal "einfach zerbeißt" (83).


Samstag, Mai 02, 2020


Eine Morgensitzung in Allensbach. Beim vorausgehenden Treffen ging es um die Leseanleitung. Ich hatte sie nochmal mitgebracht. NEU hinzugenommen: JON KRAKAUER, Into the Wild, London 2007. Ich hatte mit Klaus schon drüber gesprochen als ich Krakauer las, während live musiziert wurde in Güttingen.
Wir hatten Hörnchen und Kaffee. Der Tag vor der Walpurgisnacht war ein frischer und so begannen wir den ersten Maitag mit einem  wärmenden Feuer. Es dauerte nicht lang, schon kam leichte Morgensonne dazu. Wir öffneten HAMPE, Die Wildnis … und ich verwies auf die Widmung:

                                                      Für die Nachgeborenen.
                                             die auftauchen werden aus der Flut
                                                         oder sie verhindern
Klaus meint Müssen-wir-schon-selber-tun. Nachgeborene haben diese Gelegenheit wohl nicht mehr. Darum ja die nachdrückliche Formel

A morning session in Allensbach. The previous meeting was about HAMPE´s reading instruction. I had brought them again. NEWly added: JON KRAKAUER, Into the Wild, London 2007. I had already talked about it with Klaus when I read Krakauer, while live music was played in  his home.
We had croissants and coffee. The day before Walpurgis Night was a fresh one and so we started the first day of May with a warming fire. It didn't take long and a light morning sun came up. We opened HAMPE, The Wilderness ... and I referred to the dedication:

                                                      "To the next generation.
                                             ...who will emerge from the flood...
                                                         or  prevent it
Klaus thinks we have to do it ourselves. Future generations will probably no longer have this opportunity. Which is why - of the emphatic formula


                                                     Our House is on Fire


- danach ist "Rettung" nur in den nächsten Jahren möglich - vor Erreichung eines Kipppunktes.

In Hampe 2020 ist in der Rahmengeschichte
                                                                        of this piece of narrative philosophy
am point of no return? -
Aaron noch übrig
                   und die Formel des 1. Mottos ein frommer Wunsch:
        
            Moses: In der Wüste seid  ihr unüberwindlich und werdet das Ziel erreichen ... 
         Aaron: In Moses´ Hand ein starrer Stab, das Gesetz;
        in meiner Hand die bewegliche Schlange: die Klugheit

Wir befinden uns im Text: Erster Tag: NATURZUSTAND
- das großgeschriebene Wort hat die alltägliche Bedeutung (draußen fällt Schnee, …) ; hat in der politischen Philosophie die Bedeutung, ein Gegenbild zum GESELLSCHAFTSzustand zu zeichnen.
Dieser ist hier UNTERM SCHNEE:

"Schnee senkte sich ... auf ältere und verharschte Schichten, die … eine saubere, friedlich gewellte und geschlossene Fläche erzeugten, unter der die Trümmer von schon vor Jahren zerfallenen Gebäuden lagen. Abgestürzte und ausgebrannte Drohnen ruhten wie tote Rieseninsekten hier und da zwischen umgestürzten Bäumen begraben." (16)

- "rescue" might only be possible in the next few years - before reaching a tipping point.

In Hampe 2020 the frame history
                                                     of this piece of narrative philosophy
is already on the point of no return? -
Aaron left
                   and the formula of the first motto a pious wish:
        
            Moses: In the desert you are invincible and will reach the goal...
         Aaron: In Moses' hand is a rigid rod, the law;
        In my hand, the serpent that moves, wisdom.

We are in the text: First day: STATE OF NATURE
- the word in capital letters has the everyday meaning (snow is falling outside, ...) ; in political philosophy it has the meaning of drawing a counter-image to the state of SOCIETY. Which is here UNDER THE SNOW:

"Snow was sinking... onto older and hardened layers, which ... created a clean, peacefully undulating and closed surface, under which the rubble of buildings that had fallen apart years ago lay. Crashed and burned-out drones rested like dead giant insects buried here and there among fallen trees."


Ich hatte nach dem Inhaltsverzeichnis auf die Seite 11 geblättert: EINE SIMULATION
Der aufmerksame Klaus verweist auf den Doppelsinn auch hier: 1. jemand simuliert (eine Krankheit),
Klimaforscher machen 2. Computersimulationen zukünftiger Entwicklungen (in Modellen und unter variablen Annahmen). Auftritt: KAGAMI (21)  - "sie" ist die zweite SprecherIn. Aaron bestellt sich gesprochenen Text aus Kagamis Archiv über einen MORITZ BRANDT. Es geht um "Dinge, die nicht öffentlich zugänglich sind" (= vom Autor in dieser SIMULATION fingiert werden).

I had scrolled to page 11 after the table of contents: A SIMULATION
The attentive Klaus refers to the double meaning also here: 1. someone is simulating (a disease);
2. climate researchers make computer simulations of future developments (in models and under variable assumptions) Entrance of: KAGAMI - "she" is the second speaker. Aaron orders spoken text from Kagami's archive about a MORITZ BRANDT. It is about "things that are not publicly available" (= invented by the author in this SIMULATION).


"I can search my archives and read you what I find."
Aaron: I see.
"Would that be enough?
That's enough for me. I take notes.

Performance DOROTHY CAVENDISH; philosopher in Cambridge / Margarete Hall College (archives).
We learn of the death of the philosophical protagonist and poet MORITZ BRANDT, about whom Aaron writes (a book within a book).
DOROTHY noted: "But then came the attacks and the war and more and more attacks all over Europe, the heat waves in recent years, and everything suddenly seemed to slip. ... was caused in his (Brandt's) eyes by what he called ... consumerism and the universal, even structural competitive capitalism that had become structural: "a poison, an acid, a virus".
Here we pause. There was then a lot of discussion. Then we read a bit further several times.  We got to page 39. Next time we will meet in an old glass house on Reichenau. There is a very long table there, soooooooooooooooo that we can keep the recommended distances.

"Ich kann in meinen Archiven suchen und dir vorlesen, was ich so finde."
Aaron: Verstehe.
"Würde das reichen?
Das reicht mir. Ich mach mir Notizen.

Auftritt DOROTHY CAVENDISH; Philosophin in Cambridge / Margarete Hall College (Archiv).
Wir erfahren vom Tod des philosophischen Protagonisten und Dichters MORITZ BRANDT, über den Aaron schreibt (ein Buch im Buch).
DOROTHY notierte: "Doch dann kamen die Anschläge und der Krieg und immer mehr Anschläge überall in Europa, die Hitzewellen in den letzten Jahren, und alles schien plötzlich ins Rutschen zu geraten. … wurde in seinen (Brandts) Augen durch etwas verursacht, was er … Konsumismus und den universal, ja strukturell gewordenen Wettbewerbskapitalismus nannte: "ein Gift, eine Säure, ein Virus".
Hier hielten wir inne. Im Weiteren wurde ausgiebig diskutiert. Dann auch mehrmals ein Stück weiter gelesen.  Wir kamen bis Seite 39.  Beim nächsten Mal werden wir uns in einem alten Glashaus auf der Reichenau treffen. Es gibt dort einen sehr langen Tisch, soooooooooooooo dass wir die empfohlenen Abstände einhalten können.



Freitag, April 13, 2012

Christine Mok-Wendt

Hampes Versuch zur Naturphilosophie (2011):
„Tunguska oder das Ende der Natur“


Das verbindende Element zwischen Das vollkommene Leben 2009 und Tunguska → Naturphilosophie ist die Fortsetzung der literarischen Form des Philosophierens, nun im Bereich der theoretischen Philosophie, 2011 in Form eines Totengesprächs (S.301, S.310 – Literaturhinweis, Bezug der fiktiven Namen zu den Verfassern verwendeter Texte), S.293: beide Bücher sind komplementäre, polyphone Untersuchungen der prakt. u. theoret. Philosophie

Hampes Fragen (seit Dissertation 1984-1989 über Whitehead):

Frage 1: Wie die Gesetzmäßigkeiten der Natur im Rahmen eines Denkens zu verstehen ist? - „Ein Denken, das die Zeit ernst nimmt.“ (Whitehead)

Frage 2: Das Problem der Möglichkeit menschlicher Freiheit in einer gesetzmäßigen und durch und durch historisierten Welt (S.301)

Ereignisse und Einmaligkeit sind wichtig für das Nachdenken über die Natur – denn, sie sind Kontrapunkt zu der Frage der Gesetzmäßigkeit der Natur (S.302) → Tunguska = Ergänzung zu Arbeiten über Naturphilosophie des Gesetzesbegriff ( beide Begriffe auch Themen der Politik und Erkenntnistheorie,) (S.302)

Das Tunguska-Ereignis: 30. Juni 1908 in Sibirien, Blitze und Explosionen haben ein riesiges Waldgebiet in der Nähe des Flusses Tunguska verwüstet, bis heute weiß keiner genau, was passiert ist, wissenschaftlich wird ein Asteroiden-Einschlag vermutet (so das NASA Überwachungsprogramm für NEAs – Near Earth Asteroid, für Asteroiden mit einem Durchmesser von mehr als 1 km), der bis heute allerdings nicht entdeckt wurde – weil der Durchmesser vielleicht kleiner war und der Himmelskörper erdnah verglühte. (S.294): Das Erklärbare und das Unerklärbare

Dieses Ereignis gibt Anlass (S.298: Drei Enden der Natur) und den Gesprächsstoff des fiktiven Gesprächs (Totengesprächs) von 4 Männern (Feierabent, Tscherenkov, Blackfoot, Bordmann), die auf einem Container-Schiff über das Meer treiben, im Nebel...

Im Nachwort (S.290): Einmalige Ereignisse, erklärt Hampe, dass der Begriff des Ereignisses in der neueren Philosophie öfter zu finden ist; Hampe zieht dazu die Philosophiekonzeptionen Heideggers, Badious u. Whiteheads heran.

Heidegger: im späteren Werk: Ereignis → Entwurf → Dasein (geworfenes Sein/lat. existentia) → Geworfenheit ( Fundamental in seiner Ontologie), Seinsvergessenheit (Frage nach dem Sein), Gestell (Wesen der Technik-Vorstellen) (Quelle:Duden Philosophie)
Badiou: (1988: Das Sein und das Ereignis), schlägt Neudefinition der Philosophie vor mit 4 wesentl. Bedingungen: Poesie, Mathematik, Politik, Liebe; Philosophie steht für ihn am Anfang, ist ewig, Becketts Prosa: „..hält sich an das, woraus sich letztendlich jede Existenz zusammensetzt: an die leere Bühne des Seins [ ] und an die Ereignisse, die es plötzlich bevölkern [ ] wie Löcher in der fernen Leinwand des Welttheaters“( Beckett,1995)
Whitehead: (1929: Process and Reality), s.o. Zitat

Bei all diesen Autoren geht es um die Verabschiedung des andauernden Dings mit bestimmten konstanten Eigenschaften als Grundmodell für das, was wirklich ist [ ] d.h. um ein Verständnis (Denkmöglichkeit) unserer Erkenntnis jenseits der Differenz von Realismus und Idealismus (S.290)
Hampes Sicht: = graduell → „Erkenntnis ist ein Prozess, in den sowohl unser Leib, die in ihn versenkte Subjektivität, als auch die Welt außerhalb unseres Körpers involviert sind.“ (S.291), → hypothetisch im Anschluss an Aristoteles und Whitehead: Wahrnehmungen, Gedanken, Erinnerungen u. Evidenzen stellen sich als Phasen (statt Ding) ein.

Ereignis - verschiedene Konnotationen: bei Heidegger u. Badiou: Überwältigung (vs. Pluralisierung) des Individuums durch Wahrheit, das Erhabene (Kant), das Schöne (Schiller), das Heilige; dem gegenüber steht das Ereignis als zeitliche u. räumliche Vereinzelung der Wirklichkeit (Zersplitterung des Weltblocks in für sich stehende Individualitäten – sie wiederholen sich nicht) → letzteres ist Hampes Aspekt für dieses Buch: „...das Problem, was es heißt, dass auch in der Natur, wenn wir sie nicht nur abstrahierend betrachten, Einmaliges, Unwiederholbares geschieht“. (S.292) → Hinweis des Autors auf Parallelität zu: Das vollkommene Leben

Das Ende der Natur (Untertitel des Tunguska-Buchs): >>Wenn die leidenschaftlichen Ökologen schaudernd ausrufen: >Die Natur wird sterben<, so wissen sie nicht, wie recht sie haben. Gott sei Dank, die Natur wird sterben. Ja, der große Pan ist tot! Nach dem Tode Gottes... musste auch die Natur endlich abtreten. Es war an der Zeit: sonst hätte man bald überhaupt keine Politik mehr machen können.<< (Bruno Latour, Das Parlament der Dinge, S.41 – Hampe 2011, Vorspann)

Natur – ihre Historisierung macht es möglich, sie >>als Ganzes<< oder in Ausschnitten als die lange Folge eines einzelnen einmaligen Ereignisses zu betrachten (S.298). - genau wie ihren Anfang (z.B. Urknall) kann man sich auch ihr Ende denken (S.299) → 3 Sinne von Natur: 1. - historisch/zeitlich, 2. - fiktiv (das Ende ist imaginär, das Reich der Toten), 3.- es gibt sie gar nicht (sondern lediglich als >>natürlich<< zu charakterisierende Individuen) (S.300)

Geteilte Natürlichkeiten – der naturphilosophische Versuch (S.221)

Naturphilosophie: - „nach aristotelischer Auffassung neben Logik und der Ethik derjenige Zweig der Philosophie, der die Natur sowie Möglichkeiten und Bedingungen von Erkenntnis der Natur zum Gegenstand seiner Bemühungen macht[ ]Seine Untersuchungen über Raum bzw. Ort, Zeit, Prozess (Bewegung, Wachstum, Entstehen, Vergehen), Kontinuität/Diskontinuität u. Kausalität sind bis heute von grundlegender Relevanz“ (Duden Philosophie)

Die platonisch/sokratische Trennung (S.223)
Beispiel aus Phaidros – Gespräch zw. Phaidros und Sokrates, aus dem hervorgeht, dass Sokrates der Meinung ist, dass die Natur ihm, im Gegensatz zum Leben in der Stadt, nichts lehren kann (Abwendung von der Naturphilosophie des Anaxagoras, S.225) [– hierzu auch: Long, AA, Die frühen griechischen Philosophen, Die Vorsokratiker] → Sokrates nimmt Trennung zw. Natürlichem und moralischem Wert vor; will sich nicht vor allem als natürliches Wesen sehen, sondern als moralisches und politisches.
Sowohl für Sokrates, als auch für die moderne Aufklärung war die Natur ein Zusammenhang von notwendigen Ursachen und Wirkungen (S.226) → Kausalität
Die Gründe und die Suche nach dem Besten einfach zu streichen, wäre die fatalste aller möglichen Folgen der selbst schon fatalen sokratischen Trennung. (S.228)
→ Doch die Natur überhaupt existiert nicht. Niemand hat sie bisher gesehen, ebenso wenig wie die Idee des Guten. (S.229)
→ scharfe Trennung zw. dem Reich der Gründe und der Natur ist nicht möglich, nicht etwa, weil es keine Gründe u. kein freies Handeln gibt sondern: begründetes Handeln hat auch kausale Folgen in der natürlichen Welt, in der nicht begründet wird. (S.230) → Mensch kann Natur nicht wahrnehmen ohne Mensch zu sein, da das ein Aufgeben des Körpers, des Ursprungs unserer Leid-und Freude-Erfahrung wäre, die das Leben ausmacht!

Abschied von den Wesen (S.230)
Tatsächlich zeigt die Epigenetik: Bruno Latour hat recht → keine reinliche Trennung von Natur und Gesellschaft, von einem Reich der Ursachen und einem Reich der Gründe → Reich der frei Gründe austauschenden Wesen u. das der notwendigen Ursachen greifen ineinander (Bsp.: Ozonloch, Regenwald, CO2, Atombombe, Fleischfabrik), (S.233)
Entwicklung eines einzelnen Menschen nicht mehr in klaren kausalen Linien nachvollziehbar → Eine Tatsache ausfindig zu machen, die als die entscheidende einer Pesrson nur sie betrifft, scheint aussichtslos

Sprache und Welt (S.233)
Sprechen ist nicht einfach Abbilden → bei sokratischer Trennung außer Acht gelassen, wir gestalten mit der Sprache immer auch die Welt: „Der Vorschlag, sich selbst und die anderen Menschen als begründungsfähige Wesen zu beschreiben, ist nicht der Versuch, unser inneres Wesen abzubilden, sondern der Vorschlag, unser Leben auf eine bestimmte Art und Weise zu führen. Reden ist Handeln, und Handeln greift, je nachdem mit welcher Macht es geschieht, mehr oder weniger in die Wirklichkeit ein [ ] die antike Aufklärung als die Erfindung einer (vielleicht spezifisch europäischen) Lebensform zu betrachten, in der man das Einschlagen aufeinander durch das Austauschen von Gründen zu ersetzen versuchte...[ ] auch die naturwissenschaftlichen Redeweisen zeigen, dass Menschen auf eine bestimmte Art und Weise, über etwas in der Welt zu sprechen, diese Welt immer auch verändern. “(S.234) → kollektives sprachliches Eingreifen des Menschen in der Welt = Unterschied zu allen nicht sprechenden Lebewesen [ ] sprechende Lebewesen ergänzen diese Reflexivität durch eine weitere Form der Selbstbezüglichkeit. [ ] Doch sie sprechen miteinander...“ (S.235) - [ Intentionalität („I“ =“We“/ Searle: Konstruktion der Wirklichkeit, auch: (S. 275)]
Unterscheidung zw. 2 Sprechweisen: 1. - die soziale u. politische, bei der verhandelt wird (Angabe v. Gründen), 2. - die berichtende u. Behauptende, bei der festgestellt wird (was der Fall ist), (S.236) → Je relevanter das berichtende u. Behauptende Expertenwissen in den menschlichen Angelegenheiten wird, umso weniger ist verhandelbar u. umso unpolitischer wird das menschliche Leben. (S.237) → >>Expertokratie<<

Alles muss erklärt werden (S.238)
Vorstellung der Gesetzmäßigkeit der Natur, beinhaltet gleichzeitig ein definierendes Charakteristikum → moderne Experimentalwissenschaften scheinen Privileg zu haben, Auskunft über Tatsachen der Natur zu geben, Physik und Mathematik herausragend bei den exakten Disziplinen (S.238)- [ für Hampe Sprache auch exakt (Interview DRS: Musik für einen Gast)]
Wissenschaft als Maß aller Dinge → Wer ist jetzt für diese Rede über die Veränderungen des menschlichen Lebens zuständig? Wer ist für eventuell auftretendes Leid verantwortlich,[ ] Gibt es das Leid innerhalb der wissenschaftlich beschriebenen Welt überhaupt? (S.239) - Leid ist Unglück → Verbdg zu Vollkommene Leben [ Thematik Jonas: Prinzip Verantwortung → neue Ethik der Verantwortung/ Zukünftigkeitsethik]
Zurück zur Sprache: An der Wurzel dieser Schwierigkeiten liegt das Ignorieren der Tatsache, dass wir unser Leben mit der Sprache gestalten → wie wir leben wollen (Lebensentwurf) → Deshalb haben wir die Verantwortung für die Art und Weise, wie wir sprechen, so wie wir eine Verantwortung dafür haben, wie wir leben. (S.240) → Menschen denken und handeln auf eine best. Art und Weise
Es ist ein Naturalismus im Sinne der Aussage des Philosophen Baruch de Spinoza (17. Jh., 3. Teil seiner Ethik) nötig: >>Beschlüsse des Geistes nach der selben Notwendigkeit im Geiste [entstehen], wie die Ideen der wirklich existierenden Dinge...<< [Stichwort: fiktive Wirklichkeit] → Notwendigkeit: Begriffe >>Wirklichkeit<< u. >>gesetzmäßige Natur<< müssen sich auf dasselbe beziehen. (S.241) → Naturalismus, der auch den Bereich des Normativen naturalisieren will, bzw. konstitutiv sein muss.

Leben (S.242)
Das gefühlsmäßige Verhalten von Menschen zu Tod u. Leben zeigen, die Tatsache, dass Geburten ein Anlass (= Ereignis) zur Freude (= Glück) sind, Mitteilungen darüber, dass einem der Tod bald bevorsteht, Schrecken hervorrufen → zeigen, dass Trennung von Gründen u. Bewertungen nicht funktioniert. (S.243) → wir bräuchten eine Genealogie der behauptenden Rede, die zeigt, wie das menschliche Behaupten und Begründen im Leben der Menschen entsteht (S.244) - [ Wohlrapp, Begriff im Argument; Lorenzen]

Was von selbst geschieht (S.244)
Zufall vs. synthetischer Evolutionstheorie: Menschen können nicht nur die Naturgesetze nicht ändern, sondern sind auch kontingenten Geschehnissen (Unwetter, Erdbeben, etc.) ausgesetzt. Von selbst geschieht nicht nur das Gesetzmäßige sondern auch das Zufällige → Zufälle sind etwas vom Menschen Hinzunehmendes, nicht beeinflussbar wie manch kulturelle u. technische Entwicklung → Zufälle sind im 2. Sinn von Natur betrachtet etwas Natürliches. (S.245)
Werte u. Normen, an denen sich Menschen orientieren, haben darum oft den selben Effekt wie naturwissenschaftliche Naturalismen (S.246) -[ Aristoteles: Habitus, tugendhaft – wie von selbst]; der das menschliche Leben bestimmenden gesellschaftlichen Faktoren → zweite Naturen (= Könnensdispositionen)

Die göttliche Natur (S.248)

Der Leib als Natur (S.250)
Phänomenologie hat die Erfahrungen der Lebenswelt immer als fundamentaler betrachtet als die wissenschaftlichenErfahrungen → Lebensweltfundamentalismus - Heideggers Fundamentalontologie (S.251)

Übernatürliches und Technisches
(S.256)
In der Technik fordern die Menschen nach Heidegger die Natur heraus, enlocken. entbergen → Mensch = Gestell ( Mensch wird zu technischem Apparat), (S.258) innerhalb dieser Epoche des technischen Naturverhältnisses verstehen Menschen ihre Freiheit vor allem als die Macht zu herrschen

Die verborgene menschliche Natur
(S.260)
Die Natur liebt es, sich zu verbergen (- Heiddegers entbergen, Hinweis zu Heraklit) → d.h. verborgen muss nicht gleich übernatürlich oder jenseitig heißen (S.260) → >>dunkle Natur<< ( individuelle u. kollektive Selbsttäuschung) → Ein Ziel der Tradition war nicht Aufklärung des Menschen über sein >schwarzes< Selbstbild, sondern Stärkung der Ehrlichkeit [Sartre: Unaufrichtigkeit zeigt Grad an Authenzität]

Die endliche und die unendliche Natur (S.263)
Innere und äußere Komplexitäten des Natürlichen (Affektlebens): 2 Grundvorstellungen: 1. elementaristisch, d.h. natürliche Komplexitäten kommen an ein Ende; 2. transfinit, d.h. es wird von einer Unendlichkeit ausgegangen; erstere entspricht dem naiven Realismus des Physikers Steven Weinberg

Skepsis und Naturfrömmigkeit (S.268)

Das Natürliche und das Falsche
(S.273)
Die Natur ist nicht gut oder schlecht. Sie handelt nicht moralisch. >>Unsere Lebensform<< ist durch die sokratische Spaltung in eine Art Sackgasse geraten → Lebensformen sind keine Vereine, die man einfach wieder verlassen kann (S.275)

Zurück zu Kollektiv und Einzelnem: Es könnte sein, dass die Handlungen Einzelner im kollektiv nur da in ihnen wirken, wo die Kollektive schon bereit sind, diese Wirkungen >>aufzunehmen<<.(S.276) →>> vermeiden<< [Ethik/ Verantwortung] → Leid vermeiden (Bsp. Fleischressource/ Vergleich Berwerk – Unterschied= Nachzüchtung ), (S.277)
Denn die Bestimmung des Willens von einzelnen Menschen geschieht ebenso sehr durch das kollektive Gewohnheitssystem [Searle u. s.o.] (S.278), aber: letztlich kommt es auf uns Einzelne an. → doch dieser Individualismus könnte eine Illusion sein → Es muss in Kollektiven eine symbolische Bereitschaft dafür geben, eine Handlung als Signal aufzufassen, dass die Lebensform sich ändern muss (S.279), [Jonas: Nachhaltigkeit, Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern!, Scheer: Der Energethische Imperativ]

Furcht [Jonas: Heuristik der Furcht] (S.280)
globale Industrie (S.281) → globales Leben [Planetarische Wohngemeinschaft, Sloterdijk]
Die Rede von Schicksal und Geschick deutet an, dass da, wo viele Menschen zusammenkommen, sich etwas bildet und ereignet, was kein Einzelner geplant hat und sich vorstellen konnte → Zurückweisung von Verantwortung schwer (S:283)
>>Kollektivleib<< (S.284) → Denn die Lüste und die Schmerzen unsres Leibes,verursacht durch Äußeres, sind das, was uns zeigt, dass wir nicht als körperlose Subjekte der Natur gegenüberstehen oder in ihr bloß als ein Ding vorkommen.
Wie >>wirken<< diese Bewegungen des >>kollektiven Leibes<< der Märkte, Diskurse u. Technologien auf die Einzelnen zurück, so dass Einzelne denken können, es sei etwas in ihrem eigenen Denken u. Handeln >>falsch<< → führten das >>falsche Leben<
Zurück zum Ereignis: Gibt es etwa ein Ereignis oder eine Geschichte, die dazu führt, dass unser >>kollektiver Leib<< >>krank<< und ruiniert wird und viele Einzelne untergehen? - Gibt es umgekehrt ein Ereignis, das aus dem vermeintlich falschen ins >>richtige Leben<< führt, eine Revolution oder Erlösung?(S.287/288)

Die sokratische Unterscheidung ist selbst etwas in unserer kollektiven Lebensform, das unser individuelles Denken, Imaginieren und Bewerten und deshalb auch unser Handeln bestimmt: Sie ist ein Denkzwang. (S.288) → den Hampe mit seinen Werken, die mit ihrer Vielstimmigkeit zum Nachdenken anregen, auflösen möchte → statt Denkzwang; Nachdenken /Vordenken.

Und am Ende von Hampes naturphilosophischem Text GETEILTE NATÜRLICHKEITEN S.289 eine Verbeugung vor Paul Feyerabends NATURPHILOSOPHIE:
„ Schöpfung eines Prozesses, der Mensch und Natur (umfasst)... In diesem Prozess verliert der Mensch weder seine Freiheit noch jenes Ausmaß an Wissen , das wir brauchen, um Probleme in stets wechselnder sozialer und natürlicher Umwelt zu bewältigen.“

Literatur
Paul Feyerabend, Naturphilosophie, Frankfurt a.M. 2009

Michael Hampe, Das vollkommene Leben, München 2009
Michael Hampe, Tunguska, München 2011


Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung, Frankfurt a.M. 1979

Volkbert M. Roth (Hg.)Leben ändern? WIR ÜBEN. Philosophische Praxis 2.2 (besorgt von Egon Hein), Konstanz 2011

Hermann Scheer, Der energethische Imperativ, 2010

Peter Sloterdijk, Du mußt dein Leben ändern, Frankfurt a.M. 2009

Freitag, März 23, 2012

Uni Konstanz PHILOSOPHIE

HAMPE kompakt 10. - 14. April
in H 303
, ab 8.15 h gebucht

Ob es das Glück gibt und es für Menschen erreichbar ist,
hängt davon ab, was man unter >GLÜCK< versteht.
S. 203
HAMPE 2009, DAS VOLLKOMMENE LEBEN

DI: Abschaffung d. Unglücks.
Westliche Fortschrittsphilosophie Kap.2

Tillmann Weißer

MI: Intensität & Sicherheit: Glück? Pragmatismus Kap.5

Paul Schmidt

DO: Glückunmöglich, Wahrheitschön. Freud Kap.4

Simon Kimmel

FR: Glück der Seelenruhe. Östliche Kanonstimme Kap.3
Beginn um 9 Uhr Ingrid Hagenlocher
mit MONIKA SCHÄPPI / Meditation - Vipassana Achtsamkeit


SamS: Hampes Versuch zur Naturphilosophie (2011)

Christine Mok-Wendt





Siehe auch den Semesterapparat in J3a,

Einsicht in ILIAS: SEMESTERAPPARATE

Mittwoch, November 09, 2011

HAMPE- Projekt in der SinnPraxis



2009 erschien Das vollkommene Leben. Meditationen über Glück (- und Tod).
2011 ist TUNGUSKA oder Das Ende der Natur erschienen, beginnend mit:
DIE FÜNF ELEMENTE. Ein Totengespräch (als Einleitung). Es folgen vier Gespräche überschrieben mit (den Aristotelischen "Elementen")
WASSER ERDE FEUER LUFT und ein abschließendes Kapitel zur Fünften Essenz (QUINTA ESSENTIA)- Zeit. Dem folgt noch "Ein naturphilosophischer Versuch: GETEILTE NATÜRLICHKEITEN", als Nachwort in undialogischer Form, also der uns geläufigen akademischen Schreibe - ebenfalls spannend argumentierend.

In einer ersten Sitzung haben wir uns den Aufbau von HAMPE 09 klargemacht und sind auf
Berührungen der Fiktion und der Biografie eingegangen.