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Sonntag, Dezember 01, 2013

Polednitschek 2 Singularität & Wohlrapp zu argumentativer Subjektivität

Subjektivität
Für die Argumentationstheorie brauchen wir eine Theorie der Subjekti­vität, die das menschliche Subjekt so beschreibt, dass es vernünftigen Argumen­ten zu­gäng­lich ist. Hier gibt es eine fatale Alternative: Entweder wir verstehen ver­nünf­tige Argumente so, dass sie subjektinvariant gelten. Dann hat die Argumentationspraxis und ihre Theorie mit subjektiven Prägungen von Thesen und Argu­men­ten nichts zu schaffen, kann immer nur appellieren, dass davon Ab­stand ge­nommen wird. Oder die Subjektivität wird anerkannt und in der Argu­men­ta­tions­praxis berücksichtigt. Dann kom­men wir da nicht mehr heraus und landen in der Sackgasse des Relativismus. (Es gibt keinen relativistischen Geltungs­be­griff, das ist verbrämte Willkür.) Ei­ne Theorie der ar­gumenta­ti­ven Subjektivität sollte diese Alternative unterlaufen. Subjektivität sollte aner­kannt und erkannt werden, aber als etwas Änder- und Überwindbares. Die sub­jekti­ve Prägung der Argumente ist nicht das letzte, sondern nur gleich­sam das erste Wort. ‚Argu­mentative Subjektivität’ ist die zur Transsubjektivität begabte subjektive Seite des Menschen, der auf Argumente setzt. Sie ist die sich in der Person reflektierende, die werdende Vernunft.

2. Die subjektive Seite der Theorie
Theorie, wenn sie pragmatisch aufgefasst wird, also als Orientierung im Han­deln, hat zwei Seiten, eine Außen- und eine Innenseite. Die Außenseite ist die Dar­stellung von Unterschie­den und Zusammenhängen im Praxisfeld. Das ist die Orientierungsfunktion: Die in dieser Funktion bewährte Theorie gibt dem Subjekt das Vertrauen, sich in der Praxis zu betätigen.
Die Innenseite der Theorie ist die Darstellung unserer selbst, die wir daraus Orien­tierung schöpfen. (Beispiel einer Landkarte. Sie stellt „uns“ dar: z.B. insofern sie das Territorium in einem für uns überschaubaren Maßstab bringt; indem sie op­tische Marken (Wasserläufe, Straßen, Waldgebiete) darstellt – nicht etwa olfaktorische (gut für Hunde) oder akustische (gut für Fledermäuse).
Soweit wir relevant unterschiedliche Personen bzw. Gruppen sind, können un­sere Theorien auch noch markanter „uns“ in unseren jeweiligen Subjektivitäten darstellen.

3. Das Subjekt als „System“
Das Subjekt „besteht“ aus unterscheidbaren Teilen, die – beim Erwachsenen – in regelhafter Weise interagieren. Grundlage möglicher Stabilität ist das Selbstverhältnis, d.h. die Möglichkeit des Subjekts, sich auf sich selbst zu beziehen, sich zu seinen eigenen Zuständen zu verhalten (die eigenen Gefühle, Meinungen, Überzeu­gun­gen wahrnehmen und zu erhalten oder zu ändern). Insofern in diesem Selbst­ver­hältnis die Ziele und Handlungen entworfen, initiiert und kontrolliert werden, sind auch die Handlungen nicht bloß äußerliche, objektiv wirksame Sachver­halte, sondern gibt es eine Innensicht der eigenen Vollzüge. Ich erfasse mich (Je-moi bei Mauss, I-me bei Mead).
Die Innensicht wird modifiziert, erweitert, korrigiert durch die Außensicht, die das andere Subjekt in der Interaktion heranträgt. Das Subjekt bildet sich dialo­gisch-interaktiv im Selbst- und Fremd­ver­hältnis, im Gelingen und Misslingen von Zweck­verfolgung, Selbst­ver­wirk­li­chung und Anerkennungssuche.
(PS: Das Andere, Fremde ist u.U. nicht leicht als „ein Du“, ein Gegenüber, zu erfassen: Menschen aus anderen Kulturkreisen sind mitunter sehr fremd; und Hirsche oder Falken auch)

4. Der Habitus
Das Subjekt erhält seine individuelle Besonderheit durch sein Leben unter be­sonderen Be­dingun­gen – geographischen, klimatischen, kulturellen, epochalen, biographischen Umständen – bzw. durch seine praktisch-theoretische Auseinan­dersetzung mit seinen Bedingungen und durch die Verinnerlichung der Resul­ta­te dieser Auseinandersetzungen. (In dieser Besonderheit ist es „Indi­vi­duum“)
Subjektive Lebensführung und Orientierungsbildung sind im (voll sozialisier­ten) Subjekt habituell: Das Subjekt entwickelt durch äußere und innere Fest­le­gungen ein Gerüst von Ge­wohnheiten des Handelns, Verhaltens, Empfindens, Überlegens, Verarbeitens. Diese Gewohn­heiten, die auch Leib und Körper ge­stalten, sind der Habitus (Aristoteles, Gehlen, Bourdieu). Zum Habitus gehört insbesondere der ge­wöhnliche Erwerb von Meinungen und die sub­jekt­spezifischen re­gulär ein­ge­for­derten und/oder befriedigten Bedürfnisse, Wünsche, Inte­ressen.
Das ganze Inventar des Habitus ist verkittet, vereinheitlicht und gehärtet durch Emotionen. Beim voll sozialisierten Menschen ist die „spontane Stellung­nah­me“ nicht bloß kognitives Urteil, sondern ist getränkt mit Gefühlen der Richtigkeit/ Falschheit.

5. Das Orientierungssystem
Das Subjekt ist darauf angewiesen, in seinem Gesichts- und Aktionskreis orien­tiert zu sein. Deshalb erlernt und übernimmt es Theorien und forscht bei Bedarf selber weiter. Die Orientierungen, die es erwirbt, müssen einerseits zu sei­nen Besonderheiten passen, müssen aber andererseits auch richtige Orientierungen sein. Es ist also eine Zweigleisigkeit im Orientierungsbedürfnis: Das Sub­jekt sucht sich selbst. Aber es braucht auch die Offenheit des Objek­t­iven (und zwar sowohl im des­kriptiv-technischen als auch im normativ-sozialen Bereich).
Die Theorien, mit denen das Subjekt sich orientiert, bilden ein Subsystem, das ”Orien­tie­rungs­system” (OSY). Das OSY enthält alles, an dem das Subjekt sich wirklich orientiert, also die an­ge­eigneten Teile des Wissens und der Endoxa, die eigenen Erfahrungen, die Glaubens­überzeugungen usw. Das OSY ist struktu­riert. Von Bedeutung für die Argu­men­tationspraxis sind Abstufungen hinsicht­lich Relevanz, Geltung und interner Stabili­sierungsfunktion. Ge­wöhn­lich ist das nicht systematisch und widerspruchsfrei durchgeführt (der „homo oeconomicus“ ist eine – bedenkliche - Idealisierung). Dennoch kann das OSY als System aufgefasst werden, insbesondere insofern es als Filter für evtl. „Neuerwerbungen“ wirkt („Neue Orientierungen“ müssen zu ihm passen).

6. Die Sinnebene
In der Struktur des OSY gibt es eine höchste, äußerste Schicht, die Ebene des Sinns. Hier haben wir quasitheoretische Orientierungen, die das Vertrauen in Leben und Welt im Ganzen artikulieren. Insofern das OSY von Sinngebung überformt ist, heißt es ‚Sinngehalt‘. Der Sinn ist Formprinzip für die einzelnen Orientierungsaneignungen und –bildungen. Die subjektive Besonderheit ist gelebter, individuell ausgeprägter Sinn.

7. Rahmenstrukturen
Die Besonderheit des Subjekts stellt sich in den Orientierungen des OSY dar als ein spezi­fi­sches Gefüge von Als-Strukturen (s.u. Kap. 5: Rahmen).
(Illustration: Dir ist der Stierkampf Tierquälerei, mir eine exotische Unterhaltung, ihm eine kul­turell verankerte Praxis etc.) Diese Als-Strukturen hängen subjektspezifisch jeweils mit an­deren zusammen und stabilisieren sich gegenseitig.
Das Gefüge der Als-Strukturen resultiert in spezifischen Denk- und Handlungskonsequenzen angesichts bestimmter Situationen (die schweren bzw. harten und die leichten bzw. weichen Inferenzen).

8. Die Position
Das OSY erweist sich ständig als unzulänglich und wird angesichts relevanter Fragen und Probleme exhauriert, also mit thetischer Theorie ergänzt und geschützt. Die thetische Theorie wird habitus­ge­mäß gebildet. Diese Bildung geschieht in kleineren und größeren Forschungs­pro­jek­ten bzw. -programmen, in denen das Subjekt praktisch und theoretisch forscht. Der je­weilige Stand solch eines Forschungsprojekts artikuliert sich (immer relativ zu einer Frage, zu einem Problem) als ”Position”. ‚Position’ ist der für die Argumentationspraxis relevante Ter­mi­nus. Es ist eine vom Subjekt gehaltene Theorieformation zu einem bestimmten Problem. Es ist der “Ort”, der u.U. kontrovers ist, aus ihm werden Thesen, Argumente und Nachfolger­the­sen ge­neriert.

9. Distanzierung
Trotz seiner habituellen und im OSY theoretisch gefassten Verfestigungen bleibt das Subjekt plastisch: Es ”wird” in seinen Lebensäußerungen, es ent­wickelt sich, gestaltet sich, wird gestaltet. Prinzipiell behält es dabei die Mög­lichkeit, sich von seinen Festlegungen mehr oder weniger weit zu distan­zieren. Diese Distanzierung, d.h. die Möglichkeit, von den bisherigen Denk- und Le­bens­gewohnheiten abzusehen, sie zur Disposition zu stellen, neue und vielleicht bessere Orientierungen zu ergreifen, das ist die Gestalt, in der die Freiheit in der Argumentationspraxis auftritt.
Die Distanzierung kann die Sinnebene aktivieren. Wo wirklich von bewährten Orientierungen Abstand genommen wird, kommt das Vertrauen zur Geltung.

 (fast) Vollständige Übernehme der Ende 2013 erstellten Zusammenstellung zentraler Gedanken im Kapitel  3  durch den Autor Harald R. Wohlrapp, anlässlich des baldigen Erscheinens von THE CONCEPT OF ARGUMENT, N.Y./Berlin - siehe auch: Der Begriff des Arguments, Würzburg )
SinnPraxis im Dezember 2013. An English version of this post shall be worked at ...
 This conceptual detour could be helpfull in overcoming a "misunderstanding" going along with ThP denying what JM wrote, see PPS 1

Freitag, November 29, 2013

Polednitscheks Politischer Sokrates 1 --> Belgrad meeting 2014

Was will Philosophische Praxis ? WHAT IS THE AIM OF philosophical practitioners?
Φπ (philosophical practice) acts in contrast to the view of  the philosopher Jürgen Mittelstaß , who sees the proper center of a philosophical dialogue in that >anthropological< place, where we try to make the differences of the singularity of Alter and of Ego vanish – in processes of gaining knowledge.
Reference to Juergen Mittelstraß, Wissenschaft als Lebensform (Science/Philosophy as a Form of Life), Frankfurt 1982, p. 149
 Φπ (philosophical practice) places the singularity of the visitors & the singularity of  the Φπ (philosophical practitioner) in the center of dialogical thinking.
See: Thomas Polednitschek, Politischer Sokrates (PPS) , Muenster 2013, p. 5

But do the philosophers Thomas and  Juergen refer  to the same ?  If not, there is no contradiction, but difference. Is this a central point with respect to academic philosophy and Φπ (philosophical practice)?


To participate in the Belgrad Meeting, 14. - 19. 8. 2014
           Mail to: aleksandar.fatic@gmail.com
International Conference Philosophical Practice

Samstag, Oktober 01, 2011

KURSPLAN energETHIK E 403 Uni KN

JONAS-SCHEER-RIPL 10. bis 14. OKT 2011 ab 9 Uhr

Hans Jonas, PRINZIP VERANTWORTUNG (Ffm 1979)
Bitte das ausführliche Inhaltsverzeichnis studieren, sich den Aufbau vor Augen führen und die ersten 3 Kapitel bis zum Seminarbeginn gelesen haben - Fragen notieren.

MO: Fragen ins Seminar einbringen. Das erste Referat (Lydia Wobst) setzt ein bei 3.III: DAS GEHEN und führt gestrafft bis 4.II: THEORIE DER VERANTWORTUNG

DI: Protokoll . Dann 4.VI: ZIEL DER DAUERHAFTIGKEIT … VII: SOLL IM IST (Christine Mok-Wendt)

MI: Protokoll. Dann 5. I: GEFÄHRDETE ZUKUNFT und II: Macht über die Macht?
(Meltem Meddur)

abweichend
DO
: Treffen erst um 14.00 Uhr in E403 Protokoll, dann 6.II (Das Energieproblem A.2) >>Schon da<< des eigentlichen Menschen C.2 wegen einer Veranstaltung des Wissenschaftsforums ab 9 Uhr in V 1001 (Mittelstraß / Gabriel / Wohlrapp / Lorenz am Vormittag)

FR: Diskussion der notwendigen Schritte bis NICHTUTOPISCHE VERANTWORTUNG

Wir fangen vormittags um 9 jeweils mit Jonas an und beschäftigen uns in der am Nachmittag übrigen Zeit mit RIPL (kurze videos) und mit SCHEER: energETHISCHER Imperativ -
Fragen hierzu bitte sammeln zum Weiterleiten an:
spanknebel@t-online.de mit Stichwort: energethik
Björn Spanknebel wird am SAMSTAG 15.10. 2011 zu uns kommen und am Tag nach dem Jahrestag von Hermann Scheers Tod (2010) einen öffentlichen Vortrag halten.

Björn Spanknebel, Hans Jonas, Lydia Wobst, RIPL, Scheer

Mittwoch, November 25, 2009

Großes Haus des Wissens

Motto
"... indessen seit geraumer Zeit bekannt ist, dass Lernen ausschließlich durch direkte Teilnahme ... stattfindet." Großes Haus 247

I. Tragische Vertikalität
1. Herkunft des Titels
Sloterdijk erklärt anhand der tragischen Vertikalität, dass Foucault sich auch mit der Vertikalspannung auseinander gesetzt hat.

Der Titel „Tragische Vertikalität“ findet sich in einer von Sloterdijk herausgegebenen Textsammlung Philosophie Jetzt!: Foucault – Ausgewählt und vorgestellt von Pravu Mazumdar, 1998. Dort findet sich ein Auszug aus einer frühen Schrift von Michel Foucault. „Tragische Vertikalität“ ist eine Zwischenüberschrift in dem Text. Sie stammt bei genauerer Betrachtung nicht von Foucault.

Das Original der Schrift von Foucault stammt aus dem Jahre 1954: Le rêve et l’existence – Traum und Existenz. Foucault hatte eine über 90-seitige Einleitung zum nur 41-seitigen Text von Ludwig Binswanger geschrieben. Ludwig Binswanger, 1881 in Kreuzlingen geboren 1966 dort gestorben, war Psychiater und Leiter des Sanatoriums Bellevue in Kreuzlingen.

2. Vertikalität allein führt zum Absturz

In der Schrift von 1954 finden sich keine Überschriften. Der Text von Foucault enthält aber einen Abschnitt in der von der vertikalen Achse die Rede ist: Siehe Foucault, 1998, S. 100f.

Baumeister Solness ist ein Theaterstück von Henrik Ibsen, 1892. Solness erfährt einen fabelhaften Aufstieg, nachdem das Elternhaus seiner Ehefrau abgebrannt ist. Dabei sind seine beiden Kinder gestorben. Er fühlt sich zunächst schuldig, verdrängt dies jedoch mit seinem Streben nach Erfolg. Nach zehn Jahre soll er einen Richtkranz aufhängen und stürzt dabei zu Tode.

Hieran kann man sehen, dass die Vertikalität des frühen Foucaults zum Absturz führt. Das ist gerade das tragische an ihr.

3. Die Vertikalität kommt zum Stehen

Der gereifte Foucault weiß, dass Arbeit an der Vertikalität nicht nur eine Sache der ursprünglichen Vorstellungskraft ist. Sie sei jetzt Kraft der Selbstgestaltung, in der sich die ethische Kompetenz des Individuums verdichtet, so Sloterdijk. (S. 239)

Verführung zum Exzess wird durch Asketik korrigiert. Dabei wird auf den späten Nietzsche zurückgegriffen. „Foucault hatte verstanden, dass der Dionysiker scheitert, wenn man ihm nicht einen Stoiker einpflanzt.“ (S. 239)

Abgrenzung zu christlich-platonischem Stil. Augustinus von Hippo: Geh nicht nach draußen, kehr in dich selbst zurück, im inneren wohnt die Wahrheit. Wenn Du transcendierst, denke daran, dass es deine Vernunftseele ist, die über dich hinausgeht. (S. 239, Fn. 57)

Der Exzess ist das schlichte Außer-sich-geraten. Das Über-sich-hinaus-Gehen ist durch die Übung gewährleistet. Somit bannt Foucault das Tragische in der Vertikalität.

II. Verortung: Foucault ein Wittgensteinianer
1. Übergang
Wittgenstein unfreiwilliger Nietzscheaner.
Foucault hingegen minifestes und freiwilliges Gegenstück, also Nietzscheaner.

F nimmt Arbeit dort auf, wo W sie liegengelassen hat. Komplexe zusammengesetzte Sprachspiele werden zu Diskursen. Dies betrifft ganze Wissenschaftszweige. Sprachspiel bricht mit kognitivem Element und bringt so die Handlung in der Sprache zum Vorschein.

2. Diskurs bei Foucault – Umdeutung der episteme

Foucault bricht mit epistemistischen Vorurteil in der Wissenschaftstheorie und zeigt, dass Disziplinen performative Systeme sind und nicht „Widerspiegelung“ der Wirklichkeit.
Foucault benutzt ἐπιστήμη – episteme als exquisite Ironie. Der Begriff wird nicht im klassischen Sinn als Erkenntnis, Wissen, Verständnis verwendet, sondern um die Bedeutung des Praktizierens erweitert. Diskurse sind somit ein Amalgam aus Wissenseffekt und exekutiver Kompetenz.

3. Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Wittgenstein und Foucault sind sich in ihrer praktischen Methode ganz nah. Unterschiede finden sich jedoch auf dem Mount Improbable. Von Sloterdijk auf S. 185ff eingeführt in Anlehnung an den Evolutionsbiologen Richard Dawkins: Climbing Mount Improbable, 1996.

„Während Wittgenstein es erstaunlich genug findet, wenn Lebensformen so weit geklärt werden können, bis das Dasein auf der Hochebene dem Aufenthalt in einem von Logikern bewohnten tibetischen Kloster gleicht, stürzt sich Foucault in die Rolle des Bergbauingenieurs, der mit Tiefenbohrungen an verschiedenen Stellen die Höhe des Gebirges und die Zahl seiner verborgenen Faltungen offenlegt. […] Der Imperativ: ‚Du musst Dein Leben ändern!’ heißt hier: Du selber bist der Berg des Unwahrscheinlichen, und wie du dich faltest, so ragst du empor.“ (S. 243)

Sehr nah sind sie sich wieder in der Wirkungsgeschichte: Wittgensteins Sprachspiele wurden von der Ordinary-Language Philosophie missverstanden. Foucaults genaue Analysen von Asylen, Klinken, Psychiatrien, Polizeien und Gefängnissen werden als verquere Form der Gesellschaftskritik missverstanden. Dass in der Analyse asketische Selbstübung lag um auch einen dritten Selbstmordversuch zu verhindern, begriff keiner seiner Leser. Sloterdijk vermutet, dass Foucault sich selbst nicht immer darüber im Klaren war. (S. 244)

III. Der Berg wird bestiegen
1. Methode
„Nach Foucault darf die Philosophie wieder daran denken, zu werden, was sie gewesen war, bevor das kognitivistische Missverständnis sie aus der Bahn warf – ein Exerzitium der Existenz.“ (S. 245)

Die Philosophie ist reine Disziplin und reiner Mehrkampf ohne sich auf abgezählte Einzeldisziplinen festzulegen. Ein Durchqueren, im Sinne einer Abkürzung, ist nicht möglich. „Eine Metadisziplin gibt es naturgemäß nicht – daher auch keine Einführung in die Philosophie, die nicht schon von Anfang an selber die maßgebliche Übung wäre“ (S. 245f.)

2. Aussichten auf eine ungeheure Landschaft

Nach dieser Einführung liegt die ganze Szene offen dar. Mit Wittgenstein gesprochen, eröffnet sich der Blick auf die ungeheuren Landschaften des Michel Foucault.
„Es ist die unfassbar weite Landschaft der Disziplinen. Ihre Summe macht die Routinebasis aller Kulturen und aller trainierbaren Kompetenzen aus. Hier haben wir de facto und de iure die ‚breiteste und längste Thatsache die es gibt’ vor Augen. Der von Foucault exemplarisch begangene Weg führt […] zu einer allgemeinen Disziplinik als einer Enzyklopädie der Könnensspiele.“ (S. 247)

Die Reichweite dieser Landschaften wird man jedoch erst ermessen können, wenn es eine Allgemeine Disziplinik gibt. Sloterdijk veranschlagt schon einmal 100 Jahre dafür. Eine Einteilung in 13 Kategorien deutet er nur an:
1. Akrobatik und Ästhetik
2. Athletik (allgemeine Sportartenkunde)
3. Rhetorik und Sophistik
4. Therapeutik
5. Epistemik (einschl. der Philosophie)
6. Allgemeine Beruf-Kunde
7. Maschinistische Techniken-Kunde
8. Administravistik, dazu gehört Politik und Recht
9. Enzyklopädie der Meditationssysteme
10. Ritualistik
11. Sexualpraxiskunde
12. Gastronomik
13. offene Liste kultivierungsfähiger Aktivitäten


Foucault wirkte in 1, 3, 4, 5, 8, 10 und 11. Gewöhnlicher Philosoph beschränkt sich auf 5, mit gelegentlichen Ausflügen nach 8 oder 1 und 3. Foucault hat die panathletischen Qualitäten und ist somit Prototyp des praktizierenden Philosophen.

3. Zwischen den Disziplinen
Abschließend fügt Sloterdijk noch ein paar Gedanken an, wie die Disziplinen miteinander umgehen. Jede Disziplin befindet sich in ständiger Krise und scheidet so, was richtig und unrichtig für sie ist. Daher besitz jede Disziplin für sich eine ihr eigentümliche Vertikalspannung. Kritik aus einer fremden Disziplin wird es geben. Sie schätzen oder missbilligen die Ergebnisse von Übungen in fremden Sphären nach eigenen Maßstäben.

Zwei Methoden der Kritik: Wertentzug und Seinsentzug.

Der Diszipliniker bedient sich nur der ersten Methode. Er besteigt den Mount Improbable der Disziplinen. Der Moralist besteigt den Berg erst gar nicht. Der gewöhnliche Moralismus ist die Kritik durch den Nicht-Bergsteiger.

Dass selbst die frühen Christen sich nie auf den Standpunkt der Moralisten gestellt haben, belegt Sloterdijk. Diese schrieben Ordensregeln, um auf dem Mount Improbable zu leben. Sie waren somit Diszipliniker, die eine eigene Disziplin (er)fanden. Dazu auch das Beispiel mit den Gladiatoren: Gegenüber den ungeliebten Gladiatorenkämpfe wird nicht bloß behauptet, sie sollten nicht sein, sondern ihnen werden Disziplinen gegenüber gestellt und mit positver Wertschätzung aufgeladen. (S. 251)

IV. Vom Mount Improbable zum Haus des Wissens
Sloterdijk spricht nur kurz vom Haus des Wissens (S. 247). Für ihn treffen sich die Philosophen heute auf dem Mount Improbable. Der Weg nach oben führt über mehrere Einzeldisziplinen und er ist nur übend zu gehen. Keine Abkürzung durch eine Metadisziplin steht uns offen.

Der Hausbau wird an einer Stelle im Rahmen der tragischen Vertikalität angesprochen. Solness der Architekt stürzt bei dem Versuch, immer höher hinaus zu kommen.

Zum Haus des Wissens kommt man, wenn man die Methode, d.h den Weg, betrachtet, die Sloterdijk wählt, um den Absturz zu verhindern: üben, üben, üben.

Es gibt noch einen weiteren Weg. Mount Improbable, so deutet Sloterdijk an, gibt es nicht. Er wird aufgefaltet von den Menschen, die ihn besteigen (S. 243). Anders das Haus des Wissens. Es wird geschaffen von den Menschen, die in ihm leben.

Die praktizierten Disziplinen sind es auch, die Jürgen Mittelstraß anspricht: Die Häuser des Wissens, 1998, S. 65.