Montag, Mai 26, 2008

KANT & ICH

ein Workshop zum Thema "Kant und 'ich'" am 6. Juni, bei dem Patricia
Kitcher und Anton Frieidrich Koch neuere Arbeiten zu Kants Ich-Theorie
vorstellen werden
und von Sebastian Rödl, Bernhard Thöle, Daniel Dohrn und mir
kommentiert werden. (Nähere Informationen unter
<http://www.uni-konstanz.de/FuF/Philo/Philosophie/philosophie/
index.php?article_id=218&clang=0
>"Kant und 'ich' "- Workshop)

Die zweite ist der sogenannte "Konstanzer Kant Kurs", zu dem vom
26.-29. Juni Quassim Cassam nach Konstanz kommen wird. (Nähere
Informationen unter
<http://www.uni-konstanz.de/FuF/Philo/Philosophie/philosophie/
index.php?article_id=219&clang=0>Konstanzer
Kant Kurs
2008).

Zu beiden Veranstaltungen sind alle interessierten Mitglieder des
Fachbereichs herzlich eingeladen. Es wäre zudem nett, wenn Sie ggf.
in Ihren Lehrveranstaltungen auf sie hinweisen könnten. Was hiermit
gern geschieht

Sonntag, Mai 25, 2008

MONOTHEISMUS DER VERNUNFT - POLYTHEISMUS DER KUNST #[Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus]

in Hegels Hand

– eine Ethik. Da die ganze Metaphysik künftig in die Moral fällt – wovon Kant mit seinen beiden praktischen Postulaten nur ein Beispiel gegeben, nichts erschöpft hat –, so wird diese Ethik nichts anderes als ein vollständiges System aller Ideen oder, was dasselbe ist, aller praktischen Postulate sein. Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen. Mit dem freien, selbstbewußten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt – aus dem Nichts hervor – die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus Nichts. – Hier werde ich auf die Felder der Physik herabsteigen; die Frage ist diese: Wie muß eine Welt für ein moralisches Wesen beschaffen sein? Ich möchte unserer langsamen, an Experimenten mühsam schreitenden Physik einmal wieder Flügel geben.

So, wenn die Philosophie die Ideen, die Erfahrung die Data angibt, können wir endlich die Physik im Großen bekommen, die ich von späteren Zeitaltern erwarte. Es scheint nicht, daß die jetzige Physik einen schöpferischen Geist, wie der unsrige ist oder sein soll, befriedigen könne.

Von der Natur komme ich aufs Menschenwerk. Die Idee der Menschheit voran, will ich zeigen, daß es keine Idee vom Staat gibt, weil der Staat etwas Mechanisches ist, so wenig als es eine Idee von einer Maschine gibt. Nur was Gegenstand der Freiheit ist, heißt Idee. Wir müssen also auch über den Staat hinaus! – Denn jeder Staat muß freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln; und das soll er nicht; also soll er aufhören. Ihr seht von selbst, daß hier alle die Ideen, vom ewigen Frieden u.s.w. nur untergeordnete Ideen einer höheren Idee sind: Zugleich will ich hier die Prinzipien für eine Geschichte der Menschheit niederlegen und das ganze elende Menschenwerk von Staat, Verfassung, Regierung, Gesetzgebung bis auf die Haut entblößen. Endlich kommen die Ideen von einer moralischen Welt, Gottheit, Unsterblichkeit, – Umsturz alles Afterglaubens, Verfolgung des Priestertums, das neuerdings Vernunft heuchelt, durch die Vernunft selbst. – Absolute Freiheit aller Geister, die die intellektuelle Welt in sich tragen und weder Gott noch Unsterblichkeit außer sich suchen dürfen.

Zuletzt die Idee, die alle vereinigt, die Idee der Schönheit, das Wort in höherem platonischen Sinne genommen. Ich bin nun überzeugt, daß der höchste Akt der Vernunft, der, indem sie alle Ideen umfaßt, ein ästhetischer Akt ist und daß Wahrheit und Güte nur in der Schönheit verschwistert sind. Der Philosoph muß ebensoviel ästhetische Kraft besitzen als der Dichter. Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsere Buchstabenphilosophen. Die Philosophie des Geistes ist eine ästhetische Philosophie. Man kann in nichts geistreich sein, selbst über Geschichte kann man nicht geistreich raisonnieren – ohne ästhetischen Sinn. Hier soll offenbar werden, woran es eigentlich den Menschen fehlt, die keine Ideen verstehen – und treuherzig genug gestehen, daß ihnen alles dunkel ist, sobald es über Tabellen und Register hinausgeht.

Die Poesie bekommt dadurch eine höhere Würde, sie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrerin der Menschheit; denn es gibt keine Philosophie, keine Geschichte mehr, die Dichtkunst allein wird alle übrigen Wissenschaften und Künste überleben.

Zu gleicher Zeit hören wir so oft, der große Haufen müsse eine sinnliche Religion haben. Nicht nur der große Haufen, auch der Philosoph bedarf ihrer. Monotheismus der Vernunft [⇐235][236⇒] und des Herzens, Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst, dies ist's, was wir bedürfen!

Zuerst werde ich hier von einer Idee sprechen, die, soviel ich weiß, noch in keines Menschen Sinn gekommen ist – wir müssen eine neue Mythologie haben, diese Mythologie aber muß im Dienste der Ideen stehen, sie muß eine Mythologie der Vernunft werden.

Ehe wir die Ideen ästhetisch, d. h. mythologisch machen, haben sie für das Volk kein Interesse; und umgekehrt, ehe die Mythologie vernünftig ist, muß sich der Philosoph ihrer schämen. So müssen endlich Aufgeklärte und Unaufgeklärte sich die Hand reichen, die Mythologie muß philosophisch werden und das Volk vernünftig, und die Philosophie muß mythologisch werden, um die Philosophen sinnlich zu machen. Dann herrscht ewige Einheit unter uns. Nimmer der verachtende Blick, nimmer das blinde Zittern des Volks vor seinen Weisen und Priestern. Dann erst erwartet uns gleiche Ausbildung aller Kräfte, des Einzelnen sowohl als aller Individuen. Keine Kraft wird mehr unterdrückt werden. Dann herrscht allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister! – Ein höherer Geist, vom Himmel gesandt, muß diese neue Religion unter uns stiften, sie wird das letzte, größte Werk der Menschheit sein. ([⇐236] in Quelle : Hegel 1, Ffm)

Quelle:
Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke. Band 1, Frankfurt a. M. 1979, S. 234-237.
Lizenz:
Kategorien:
Deutscher Idealismus

siehe auch:
Theorie der Romantik, reclam1808, 54ff dort als Autoren: Hegel/Schelling/Hölderlin
der Text entstand wohl 1 7 9 7 in Ffm & war bis 1917 unbekannt; T I T E L ?
[ ... ] erfunden von Rosenzweig


Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus


Groß muss die Freude bei Franz Rosenzweig gewesen sein, als er 1913 bei einer Auktion der Königlichen Bibliothek in Berlin ein doppelseitig mit der Handschrift Hegels bedecktes Blatt Papier erwarb. Glaubte er doch, mit diesem Papier eines der Gründungsdokumente des deutschen Idealismus gefunden zu haben, über dessen Frühgeschichte seinerzeit noch kaum Kenntnis bestand. Infolge dessen betitelte Rosenzweig seinen Fund auch »Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus«. Bei einem genaueren Blick auf den Inhalt des überschwänglich betitelten Fundes erweist sich jedoch schnell, dass der Titel mehr verspricht, als der Inhalt letztlich halten kann. Denn wenn man diesen einmal beiseite lässt, dann handelt es sich bei dem Dokument in erster Linie um nichts anderes als ein Fragment, welches eine Reihe von aneinander gereihten und zum Teil sehr radikalen Gedankenansätzen enthält, die in keiner Weise richtig durchdacht, geschweige denn begründet werden. Obwohl der Text eine klare programmatische Tendenz aufweist, kann von einer Systematik keine Rede sein und auch die Ehre, das älteste Dokument aus der Frühzeit des Idealismus zu sein, wird dem zwischen 1795 und 1797 entstandenen Text nach Ansicht einiger Rezensenten von einem noch älteren Fragment Hölderlins (»Urtheil und Seyn«) streitig gemacht. Auch die Frage nach der Autorenschaft konnte im Verlauf der Rezensionsgeschichte des Textes nicht geklärt werden. Die Elemente des Textes lassen sowohl Hegel, als auch Schelling oder Hölderlin als Autoren in Frage kommen, vielleicht sind auch alle drei an der Autorenschaft beteiligt und haben das ›Ich‹, mit dem der Autor agiert, als eine synthetische Einheit geschaffen – prinzipiell ist jedoch jeder als Autor denkbar, der sich in ihrem Kreis bewegte, über ein fundiertes philosophisches Hintergrundwissen verfügte und insbesondere mit den Werken Kants, Fichtes und Schillers vertraut war. Trotz (oder vielleicht gerade wegen) dieser Ungereimtheiten hat das Dokument seit seiner ersten Publikation bei den Geisteswissenschaftlern unterschiedlicher Fakultäten eine begeisterte Aufnahme gefunden und zu einer schier unüberschaubaren Flut von Publikationen geführt. Daran hat sicherlich Rosenzweigs Titelwahl einen nicht zu unterschätzenden Anteil und man könnte sich der Meinung Safranskis anschließen, der den Text schlicht für überbewertet hält. Aber auch wenn er nicht die erhoffte Aufklärung über die Frühgeschichte des Idealismus gebracht hat und die erhaltene Aufmerksamkeit in keinem Verhältnis zu seiner eigentlichen Bedeutung stehen mag, stellt er dennoch ein bemerkenswertes Dokument dar, welches den damaligen Zeitgeist und einige der Denkrichtungen der Frühromantiker um Hegel, Schelling und Hölderlin auf eine interessante Weise widerspiegelt.

Der forsche Ton, mit dem bestehende Verhältnisse angeklagt und weit reichende Änderungen gefordert werden, stellt ein gutes Zeugnis für den damals im Geiste der französischen Revolution aufgekommenen Drang der Frühromantiker nach Freiheit und Veränderung dar. Die Leichtigkeit, mit der an den ehrwürdigen Institutionen Staat und Kirche und aller Art Tradition gerüttelt wird, erinnert an Schillers Wort: ›Der Mensch ist nur da Mensch wo er spielt‹ – und in der Tat steckt der Autor schon fast leichtfertig spielerisch mit Riesenschritten das Feld ab, dass er zu wandeln sich vornimmt.

Der erste Schritt führt zur Philosophie. Hier gedenkt der Autor, ausgehend von zwei der drei praktischen Postulate Kants (das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele) ein vollständiges System aller Postulate beziehungsweise Ideen aufzustellen und damit die Philosophie zu vollenden. Als erste Idee bezeichnet er, ganz nach Fichte, die Vorstellung des Selbst oder des Ich als einem absolut freien Wesen, das sich kraft seiner Freiheit selbst Gesetze gibt und beim Übertritt vom Nichts ins Dasein eine ganze Welt mitbringt. Dieser Gedanke der Entstehung einer Welt mit dem freien Ich aus dem Nichts heraus ist insofern bedeutsam, als die Frühromantiker glaubten, dass die von ihnen überall wahrgenommene Entfremdung und Entzweiung des Lebens auf allen Ebenen sich in dieser Welt des Ichs aufheben kann. Dieser Drang nach einer Einheit des Lebens zeigt sich bereits beim nächsten Riesenschritt, den der Autor übergangslos von der Philosophie zur Physik vollführt. Hier stellt sich dem Autor nicht die Frage, wie der Mensch angesichts einer determinierten Natur beschaffen sein muss, sondern, getreu der ersten Idee, welche Beschaffenheit die Welt angesichts der absoluten Freiheit des Menschen aufweisen muss. Die Physik hatte sich seit dem 17. Jahrhundert immer stärker von der Philosophie gelöst und hatte den Weg der Empirie und der experimentellen Vorgehensweise eingeschlagen. Der Autor möchte die Physik, die in seinen Augen nur langsam voranschreitet und unserem schöpferischen Geist wenig zu bieten hat, wieder in den Schoß der Philosophie zurückholen. Der Grundgedanke ist der, die Erfahrung, die sich als Gegenstand der Physik von den Ideen der Vernunft entfernt hat, wieder mit der Vernunft zu vereinen. Aus dieser Vereinigung verspricht sich der Autor eine Physik im Großen, die beflügelt zu großen Erkenntnissen gelangen kann. Worin die Größe einer durch die Ideen der Philosophie geleiteten Physik jedoch bestehen könnte und wie sie der Autor sich vorstellt, bleibt ungesagt und weniger als angedeutet – wie im Rausch springt der Autor weiter zum ›Menschenwerk‹, unter welchem er in erster Linie Staat und Religion versteht. An dieser Stelle zeigt sich deutlich der Einfluss Friedrich Schillers, dessen 1795 erschienenen »Briefe über die aesthetische Erziehung des Menschengeschlechts« einen bleibenden Eindruck auf viele Frühromantiker hinterlassen hat. Diese Briefe stellten einen Versuch dar, das Scheitern der französischen Revolution auf humanistischer Ebene zu erklären und dabei auch einen Ansatz vorzustellen, wie das verfehlte Ziel auf anderem Weg zu erreichen ist.

In diesen Briefen hatte Schiller den modernen Staat mehrmals mit einem mechanischen Uhrwerk verglichen, der in seinem abstrakten Funktionieren seinen Bürgern fremd bleibt.1 Auch der Autor des Systemprogramms sieht den Staat als einen Mechanismus, der seine Bürger zwangsläufig wie Funktionseinheiten behandeln muss. Über einen solchen Staat will er hinaus und so fordert er dann auch kurz und knapp, dass der Uhrwerk-Staat aufzuhören hat. Der Staat ist also abzuschaffen – aber mit welcher Alternative? Soll ein sich selbst organisierender Anarchismus oder etwa eine Demokratie an die Stelle des Despotismus treten? Auch hier bleibt der Autor dem interessierten Leser eine Antwort schuldig; er fährt fort, in dem er ankündigt, die Prinzipien einer Geschichte der Menschheit aufstellen zu wollen, welche wiederum einen Versuch zur Umstülpung aktueller Verhältnisse darstellt. Vor allem die Vernunft heuchelnden Priester sollen von ihrem ehernen Thron gestoßen und der Jenseitsglaube der christlichen Religion umgestürzt werden, mit dem Ziel, die erste Idee in jedem Individuum auch auf gesellschaftlicher und religiöser Ebene umzusetzen – als die »[a]bsolute Freiheit aller Geister, die […] weder Gott noch Unsterblichkeit außer sich suchen dürfen«.2 Hier wird der Einfluss von Fichtes Philosophie offenbar, der „in Gott“ (nichts als M.R.) die lebendige und wirkende moralische Ordnung gesehen hatte. Diese Ordnung besteht in jedem Menschen als das Sittengesetz und dieses Sittengesetz ist die einzige Autorität, die im Raum der Freiheit des Ichs noch verbleibt. Diese innere moralische Ordnung des Menschen gegen alle Widerstände auch in der Umwelt herzustellen und somit Mensch und Umwelt, Ich und Nicht-Ich in Einklang zu bringen, kann als eines der vorrangigen Interessen der Frühromantiker und damit auch des Autors des Systemprogramms geltend gemacht werden. Die alles vereinigende Idee soll dabei die Idee der Schönheit sein. Auch dieser Gedankengang trägt die Prägung Schillers, der in den oben bereits erwähnten Briefen diese vereinigende Wirkung der Idee der Schönheit bereits vorgedacht hatte. Die absolute Freiheit, die dem Menschen zufallen soll, kann sich nur infolge der vereinigenden Wirkung der Idee der Schönheit einstellen. Schiller sieht das ästhetische Urteil als frei von den Zwängen der materiellen Welt und der sittlichen Ordnung - es ist nicht bestimmt, sondern auf eine unendliche Weise bestimmbar und somit sowohl im positiven, als auch im negativen Sinne frei. Der ästhetische Zustand ist damit auch der fruchtbarste hinsichtlich Erkenntnis und Moralität und um diesen fruchtbarsten Zustand in möglichst allen Lebensbereichen zu etablieren, fordert der Autor des Systemprogramms auch, dass das ästhetische Urteil alle anderen Urteile leiten oder zumindest begleiten soll. Dass der Poesie im weiteren Sinn der Wert verliehen wird, der Idee der Schönheit zu korrespondieren und allen übrigen Künsten und auch Wissenschaft und Philosophie überlegen zu sein, kann sicherlich auf Hölderlins zurückgeführt werden – der, wenn er kein Autor war, denselben zumindest beeinflusst haben dürfte.

Im letzten Schritt kündigt der Autor eine Idee an, die mit der Niederschrift im Systemprogramm das erste Mal die Bühne des geistigen Lebens betritt – zumindest wird dies im Systemprogramm behauptet. Um den Mangel an sinnlicher Religion – sowohl bei dem ›großen Haufen‹ als auch bei den Philosophen – auszugleichen und einen »Monotheismus der Vernunft und des Herzens [und einen] Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst«3 zu etablieren, schlägt der Autor die Errichtung einer Mythologie der Vernunft vor. Dabei sollen die leitenden Ideen mythologisch und die Mythologie vernünftig werden, um auf der einen Seite die Ideen für das Volk interessant zu machen und auf der anderen eine Mythologie zu errichten, für die der Philosoph sich nicht schämen muss. Dieser Gedankengang kann jedoch nicht die Originalität vorweisen, die der Autor für ihn beansprucht. Denn er geht eigentlich auf Immanuel Kant zurück, der ihn in ähnlicher Form bereits in dem philosophischen Entwurf »Zum ewigen Frieden« und vor allem in der kleineren Schrift »Die Religion innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft« gedacht und darauf hingewiesen hatte, dass sich die Elemente einer Volksreligion, die im Systemprogramms erwähnt werden, bereits im antiken Griechenland finden lassen.4 Von einer solchen Mythologie der Vernunft verspricht sich der Autor die höchstmögliche Stufe gesellschaftlicher Einheit und Freiheit. Gebildete und Ungebildete sollen sich die Hand reichen, bisherige gesellschaftliche Schranken fallen und Voreingenommenheiten verschwinden und eine allgemeine Freiheit und Gleichheit aller Geister hervorbringen. Mit diesem letzten Schritt schlägt der Autor einen Versuch vor, die Einheit, welche die Idee der Schönheit auf der Ebene der Ideen herbeizuführen in der Lage sei, auch auf gesellschaftlicher Ebene herzustellen. Dieser Versuch bewegt sich wiederum im Geiste der ›Briefe‹ Schillers, welcher zuallererst der Idee der Schönheit eine solchermaßen umfassende vereinigende Wirkung zugedacht hatte. Im Gegensatz zu Schiller distanziert der Autor des Systemprogramms sich jedoch nicht von der französischen Revolution; er begnügt sich nicht damit, auf eine allmähliche, innere Reform der Denkweise hinwirken zu wollen. Im Systemprogramm wird explizit der Umsturz gefordert und zur Andeutung des Endziels auf gesellschaftlicher Ebene dient die Parole der französischen Revolution, so dass man davon ausgehen kann, dass der Autor auch handfestere Methoden beim Umsetzen seiner Ideen gedanklich nicht ausgeschlossen hat.

Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus zeigt sich sicherlich in seinem agitativen Charakter am ehesten vom Geist der frühen Romantik geprägt. Mit spürbarer Wut werden Missstände angeprangert und mit spielerischer Leichtigkeit umfassende Veränderungen angekündigt, wie etwa die Revolution etablierter Wissenschaften oder die Errichtung einer neuen Religion. Die Kühnheit der Thesen wirkt mitreißend und die immer wieder auftauchende Unbekümmertheit ansteckend – dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gedanken des Systemprogramms im Grunde rationalistisch sind.

Safranski sieht in dem Dokument in erster Linie ein ›volkspädagogisches Projekt‹, das dazu dienen soll, die sonst unverdaulichen Ideen durch eine mythologische Einkleidung dem Volk schmackhaft zu machen. Denn der Autor glaubte sich, so Safranski, geistig weit über dem Volk stehend und sucht nach Mitteln, um selbiges im Sinne der Ideen zu erziehen.5 Der Mythologie kommt im Systemprogramm in der Tat in gewissem Sinn die Rolle von Schmuck zu und dennoch erfüllt sie eine wichtige Funktion: Indem sie die abstrakten Ideen versinnlicht, wirkt sie als eine auf gesellschaftlicher Ebene wirkende verbindende Kraft. Als eine solche Kraft kann sie jedoch nicht nur in eine Richtung wirken – und hier greift Safranskis Urteil vielleicht ein wenig zu kurz: Denn durch eine Mythologie der Vernunft würde, gesetzt, eine solche wäre geschaffen, nicht nur das Volk zur Vernunft erzogen werden, sondern der Philosoph auch zur Mythologie. Diese Erziehung beschränkt sich nicht darauf, den Gedanken äußerlich eine andere Form zu geben. Indem der Autor des Systemprogramms eine solche Erziehung auch des Philosophen für die Einstellung einer Einheit für notwendig erklärt, scheint es so, als habe die Mythologie doch einen Wert, der über den des bloßen Tands hinausgeht: denn die Klugheit, die dem Volk fehlt kann nur in ihrer Verbindung zur Mythologie und zur Schönheit eine Einheit stiften. Die Mythologie erhält somit den Status eines Bindegliedes zwischen der Vernunft und der Idee der Schönheit und als solches ist sie, bedenkt man die vereinheitlichende Macht dieser Idee, auch für den Philosophen vonnöten und zwar nicht nur als ein Mittel, um von anderen wahrgenommen zu werden, sondern als Element des Denkens selbst. Indem das Denken der Ideen mythologisiert wird, wird es also auch ästhetisiert und käme somit, gesetzt, es gäbe einen graduellen Übergang, dem höchsten Akt der Vernunft, der nach Meinung des Autors des Systemprogramms nur ein ästhetischer Akt sein kann, näher.

Mit dem Mythologiebegriff, den Schleiermacher wenige Zeit später prägte, hat die Mythologie der Vernunft natürlich wenig zu tun. Sie ist kein ›Fenster ins Unendliche‹, sondern ›nur‹ ein Mittel, um die Idee der Schönheit auf gesellschaftlicher Ebene zur Wirkung zu bringen. Umgesetzt worden ist das Systemprogramm nie und auch eine Mythologie der Vernunft ist in der Form nicht geschaffen worden, auch wenn es später, bei Nietzsche und Wagner noch einen ähnlichen Versuch gegeben hat.

Ob das Fragment nun das Werk Schellings, Hölderlins oder Hegels ist, ob es ein Exzerpt aus einem Brief oder einer exakteren, systematischeren und mittlerweile verlorenen Abhandlung darstellt, das Ergebnis einer durchzechten Nacht präsentiert oder als Manifest gedacht war, spielt eigentlich keine so große Rolle. Fest steht, dass es einen einzigartigen Einblick in die Denkweise der Frühromantiker erlaubt und auf die spätere Entwicklung der drei mutmaßlichen Autoren verweist – und allein schon deshalb lohnt sich eine Lektüre des Inhalts des gefalteten Blattes allen offen gebliebenen Fragen und formalen Unklarheiten zum Trotz auch heute noch.


29.05.2008 Autor: Sebastian Bock






Quellen:


Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus … http://www.zeno.org/

F.-P- Hansen, Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus. Rezeptionsgeschichte und Interpretation, Berlin/New York 1989;

R. Safranski, Romantik. Eine deutsche Affäre, München 2007.

1 Hansen, 352;

2 Systemprogramm

3 Systemprogramm;

4 Hansen, 466–468;

5 Safranski, 154-155;

Donnerstag, Mai 22, 2008

FICHTE


„Habe Mut, Dich selbst zu setzen, Dich selbst zu bestimmen, Dich selbst zu verwirklichen. Zerreiße die Kette, die Deiner Autonomie im Wege stehen, erkenne die Möglichkeit und Notwendigkeit Deiner Freiheit.“


DAS ICH SETZT SICH SELBST (erster Satz seiner Wissenschaftslehre)



Fichtes Ideal einer Bildung:

selbstständig denken

nicht mechanisch auswendig lernen

selber nachvollziehen und verstehen


Fichte einer der ersten, die nicht nur vorlesen wollten,

sondern in Fragestunden, Übungsgruppen, Übungsblättern

die Studenten zum eigenen Denken anregen




Was uns interessiert: Fichtes Lehre

Versuch, sie vorzustellen


Beginn: 1790


Fichte in zerrissener Lage -> befreiende Wirkung Kants


- die Philosophie, die ihn die Lebensführung begreifen lässt


Lektüre der Kritik der praktischen Vernunft


existenzielles Erlebnis:


„Ich lebe in einer neuen Welt, seitdem ich die Kritik der praktischen Vernunft gelesen habe. Sätze, von denen ich glaubte, sie seien unumstößlich, sind mir umgestoßen; Dinge, von denen ich glaubte, sie könnten mir nie bewiesen werden, z.B. der Begriff einer absoluten Freiheit, der Pflicht usw., sind mir bewiesen, und ich fühle mich darüber nur um so froher. Es ist unbegreiflich, welche Achtung für die Menschheit, welche Kraft uns dieses System gibt.“

Erkennen der FREIHEIT


zweites Prinzip bei Kant:


Freiheitsprinzip – die Vernunft gebietet aus sich selbst heraus und damit frei. Selbstgesetzgebung der Vernunft bei Kant deren Autonomie


mit Kant wird die Philosophie für Fichte erst zum Lebensinhalt


Der Kern der Kantschen Moralphilosophie blieb immer

ein Fundament Fichteschen Philosophierens


Differenzen zwischen Kant und Fichte traten weniger in der Moralphilosophie als


vielmehr in der Fassung des Verhältnisses von theoretischer und praktischer Philosophie auf.



Demjenigen Leser, der sich zum Studium der Fichteschen Wissenschaftslehre entschließt,


muss dringend geraten werden, dieses Studium mit dem der Kantschen Kritiken zu beginnen.




Ein paar Besprechungen


Versuch einer Kritik aller Offenbarung


Offenbarung ist möglich,

Göttlichkeit des Christentums,

Stütze für die Religion




Politisches aus dieser Zeit:


Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europas, die sie bisher unterdrückten. Eine Rede. (1793)

Vehementer Eintritt für die Pressefreiheit, Verteidigung der französischen Revolution


Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution. (1793)

Versuch in der Rechtsphilosophie


Zitat aus anderem Zusammenhang

(nach einer langen und heftig durchdiskutierten Nacht hat Friedrich de La Motte Fouqué sich für die gestörte Nachtruhe und wegen seiner Heftigkeit entschuldigt):


„Meinen Sie denn, junger Freund, ich könne Sie lieb haben, wenn Sie nicht aller so­genannten Rücksichten vergessen könnten, im Ringen für etwas, ihnen von Herzen teuer?“


-> diese Einstellung wird an vielen Stellen in Fichtes Leben deutlich

(Atheismusstreit)

Der sogenannte Atheismusstreit:

(kurze und völlig unzureichende Darstellung)



Welcher Professor, Minister, welcher Hof auf Fichtes Seite stand und wer dagegen war, wie die ganze verwickelte Geschichte verlief, das ist für uns im Moment nicht interessant.


Der Streit begann mit der Konfiszierung eines Aufsatzes von Forberg im Philosophischen Journal von Fichte und Niethammer 1798, wozu Fichte einen kleinen Aufsatz von sich beigefügt hatte. Damit wird Fichte des Atheismus beschuldigt. Er verteidigt sich mit der Schrift:

„J.G. Fichtes Appellation an das Publikum über die durch ein Kurfürstliches Sächsisches Konfiskationsreskript ihm beigemessenen atheistischen Äußerungen. Eine Schrift, die man erst zu lesen bittet, ehe man sie konfisziert.“

Dadurch bekommt Fichte viel Unterstützung der Öffentlichkeit, aber Kursachsen droht, „seinen Landeskindern den Besuch von Jena zu verbieten“, was Jena ruinieren könnte.

Der Hof will sich aus der Affäre ziehen, ohne die Öffentlichkeit zu verärgern und Fichte bietet ihnen die Gelegenheit, indem er von vornherein erklärt:

„Ich darf das nicht; ich kann es nicht. - Ich darf nicht. Mein Benehmen in dieser ganzen Sache vom Anfang bis hieher ist meiner innigsten Überzeugung nach nicht nur tadellos, sondern preiswürdig; und es ist verächtlich, das Preiswürdige ... öffentlich schelten zu lassen.“

weiter stellt Fichte fest, dass jeder Verweis durch Abgebung seiner Demission beantwortet wird. Der Herzog erteilt einen Verweis und nimmt die Demission an. Fichtes Einlenken wird ignoriert.

Vermutlich hat der Hof nur auf eine Gelegenheit gewartet, Fichte loszuwerden.


Interessant hierbei ist für uns hauptsächlich

  1. wie Fichte für seine Aussagen einsteht

  1. dass er sich vehement gegen den Vorwurf des Atheismus wehrt, denn er sieht sich selbst nie als Atheisten

Trotzdem ist es auch verständlich, dass er als Atheist betrachtet wird, wenn er vertritt, dass es „jene lebendige und wirkende, moralische Ordnung ist selbst Gott; wir bedürfen keines anderen und können keinen anderen fassen.“ - „Der Begriff von Gott als einer besonderen Substanz ist unmöglich und widersprechend: Es ist erlaubt, dies aufrichtig zu sagen und das Schulgeschwätz niederzuschlagen, damit die wahre Religion des freudigen Rechttuns sich erhebe.“

Fichtes philosophische Entwicklung hin zur Wissenschaftslehre:



Fichte:

Philosoph des Ich, deutscher Jakobiner, Redner an die deutsche Nation, Nationalist, Antisemit,...

aber als Wissenschaftslehrer verstand er sich selbst


Wissenschaftslehre -> Kernstück seiner Philosophie


insofern treten wir jetzt endlich tief in seine Philosophie selbst ein!


Entwicklung:


Lektüre von Kants Kritiken


Lektüre von Reinholds Elementarphilosophie

-> eine Variante der Kantischen Philosophie – ihre methodische Umkehr.

Statt Analyse Synthese, Zusammensetzung der Elemente.

Grundsatz (Satz des Bewusstseins) von Reinholds System: „Im Bewusstsein wird die Vorstellung durch das Subjekt vom Subjekt und Objekt unterschieden und auf beide bezogen.“


Fichte fühlte sich genötigt, für diesen Satz eine Begründung zu suchen

(-> also ist er kein Grundsatz)


--> Fichte stand am vorangetriebensten Punkt der Spekulation,

er hat keinen Philosophen mehr, an den er sich anschließen kann,

er betritt das Neuland der Spekulation


Skizze von Fichtes Überlegungen:


drei Momente des Bewusstseins: Vorstellung, Subjekt und Objekt

(unterschieden und aufeinander bezogen)


Für die Vorstellung ist Unterscheiden und Beziehen notwendig.

Ansatz, um die der Vorstellung voraufliegende Begründung zu finden: Selbstbewusstsein

Andere Formulierung: Ein Wissender weiß sich als Wissenden.


Die Frage ist: Ist das im Selbstbewusstsein Gewusste in Wahrheit das Wissende?

Dies ist es nur im Selbstbewusstsein (Identifikation), als eine eigene Handlung des Wissens. Identifikation des Subjekts mit dem Objekt, beide mit dem Akt des Wissens.

Unmittelbares Wissen im Bewusstsein seiner selbst.

Wissen selbst ist grundlos: Würde man einen Grund denken, müsste man diesen ja auch wissen.

Was keinen Grund hat, ist frei.


---> GEBURTSSTUNDE DER WISSENSCHAFTSLEHRE



Fichte (nach Henrik Steffens):


„Da überraschte ihn plötzlich der Gedanke, dass die Tat, mit welcher das Selbstbewusstsein sich selber ergreift und festhält, doch offenbar ein Erkennen sei. Das Ich erkennt sich als erzeugt durch sich selber, das denkende und das gedachte Ich, Erkennen und Gegenstand des Erkennens, sind eins , und von diesem Punkte der Einheit, nicht von einer zerstreuenden Betrachtung, die Zeit und Raum und Kategorien sich geben lässt, geht alles Erkennen aus. Wenn Du nun, fragte er sich, diesen ersten Akt des Selbsterkennens, der in allem Denken und Tun der Menschen vorausgesetzt wird, der in den zersplitterten Meinungen und Handlungen verborgen liegt, rein für sich herauslöst, und in seiner reinen Konsequenz verfolgtest, müsste nicht in ihm, als lebendig tätig und erzeugend, dieselbe Gewissheit sich entdecken und darstellen lassen, die wir in der Mathematik besitzen? Dieser Gedanken ergriff ihn mit einer solchen Klarheit, Macht und Zuversicht, dass er den Versuch, das Ich als Prinzip der Philosophie aufzustellen, wie bezwungen, von dem in ihm mächtig gewordenen Geiste, nicht aufgeben konnte. So entstand der Entwurf einer Wissenschafts-Lehre und diese selbst.“ (rororo Monographie S. 43)


Auf diese Entdeckung schließt sich Schelling (gerade 19 Jahre) Fichte an und schreibt im Jahr darauf die Schrift „Vom Ich als Prinzip der Philosophie“.


Zitat von Schelling aus einem Erlanger Manuskript:

„Das Ich ist für Fichte nicht wie für Cartesius bloß der zum Behuf des Philosophierens angenommene, sondern der wirkliche, der wahre Anfang, das absolute Prius von allem.“





Fichtes Wissenschaftslehre:


die „sogenannte Philosophie“, denn Philosophie ist das Streben nach dem Wissen,

Fichte jedoch meint, mit seiner Wissenschaftslehre den Schritt ins Ziel getan zu haben,

die Lehre vom Wissen geliefert zu haben.


Zwar in besonderer Form (in Bezug auf die Wissenschaften) dargestellt

beschränkt sich die Lehre nicht darauf, sondern gilt für jegliches Wissen.


Die Grund-Frage: Woher kommen Grundsätze?

Antwort: aus einer Wissenschaft von einer Wissenschaft überhaupt,

Urwissenschaft sozusagen -> Wissenschaftslehre

Struktur wie andere Wissenschaften, aber als Grundsatz einen aus und durch sich selbst einleuchtenden Satz – das Wissen selbst


„Das Objekt der Wissenschaftslehre ist ... das System des menschlichen Wissens“

Um sich diesem (und nicht dem Inhalt) erst zuzuwenden, muss eine freie Hinwendung der Aufmerksamkeit auf diese Handlungen stattfinden („durch eine Bestimmung der Freiheit“)


Erster Grundsatz:

Selbstgewissheit des Wissens oder Sich-selbst-Helligkeit

-> intellektuelle Anschauung:

intellektuell, weil nicht sinnlich

Anschauung, weil sie den begrifflichen Unterscheidungen vorausliegt


Zweiter Grundsatz:

Element des Wissens, was nicht das Wissen, sondern ein Gehalt des Wissens ist. (Unterscheidung des Wissens zu Anderem)


Der Umkreis dessen, was zu wissen ist, ist dadurch geteilt zwischen Wissen und Nicht-Wissen.

Die Handlung des Teilens ist Handlung des Wissens.


Fichte nennt nun das Wissen ICH und das Nicht-Wissen NICHT-ICH,

im ersten Grundsatz vom absoluten Ich (Safranski: transzendentales Ich)

im zweiten und dritten vom endlichen Ich bzw. Nicht-Ich (Safranski: empirisches Ich)

Benennung als Ich und Nicht-Ich Gefahr der Verwechslung mit psychologischem Ich.


Das absolute Ich oder die intellektuelle Anschauung ist jenes unbedinge sich selbst Wissen und Wollen im Bewusstsein.

Wenn es aber einem Nicht-Ich, dem Anderen des Wissens, entgegengesetzt wird, so ist es ein Moment, nicht das Ganze und somit beschränkt.

Diese Beschränkung, die als vorhandene Tatsache hinzunehmen und nicht abzuleiten ist, widerspricht aber dem Moment von Absolutheit, bzw. Unbedingtheit im Ich, durch welches es sich vom Nicht-Ich unterscheidet.

Diesen Widerspruch strebt das endliche Ich aufzuheben und begreift ihn zugleich.


Aus diesem Verhältnis Ich – Nicht-Ich konstituiert Fichte seine weitere Philosophie:


Neben der Wissenschaftslehre: Natur-, Rechts-, Sitten- und Gotteslehre


Aufgabe des Menschen:


Reinigung von Fremdem (Nicht-Ich), was zwar unentbehrlich ist, um die Bestimmung zu erfüllen, von dem Freizuwerden aber seine Aufgabe ist, d.h. das endliche/empirische Ich zum absoluten/transzendentalen Ich erweitern.


Diesem Zustand kann sich der Mensch nähern, indem er dem unermesslichen All zurufen kann:


„Du bist wandelbar, nicht ich, und ich werde stets unversehrt über den Trümmern deiner Gestalten schweben.“ - „Wenn unter den Millionen Sonnen, die über meinem Haupte leuchten, die jüngstgeborene ihren letzten Lichtfunken längst wird ausgeströmt haben, dann werde ich noch unversehrt und unverwandelt derselbe sein, der ich jetzt bin.“


Rechts- und Sittenlehre: Jenaer Zeit

Bemerkenswertes an der Rechtslehre:

Wie kann man frei sein, denn wer frei ist, weiß sich als frei und wer sich als frei weiß, ist frei : wo beginnen? Der Begriff der Freiheit des Menschen hängt nicht von der Freiheit desselben Menschen ab. Er muss dazu aufgefordert werden. (von anderen)


Sittenlehre: Sittengesetz lässt sich aus der Vernunft ableiten.


Wissenschaftslehre: Freiheit zum Ziel UND zur Voraussetzung



Fichtes Geschichtsphilosophie: (Freiheit ist eine wesentliche Bestimmung der Vernunft, Vernunft ist Selbsttätigkeit, die Tätigkeit der Vernunft ist auf das „Ewige“ orientiert)

die Geschichte lässt sich in folgende Epochen unterteilen:


  1. Die Menschheit ist da, hat aber noch nicht begonnen, ihre Verhältnisse mit Freiheit nach der Vernunft einzurichten, Vernunftinstinkt

    Stand der Unschuld des Menschengeschlechts (an Tafel schreiben)

  2. zwingende Autorität, stärkere Individuen wollen die übrigen durch Zwang an die Vorschriften des Vernunftinstinkts binden

    der Stand der anhebenden Sünde

  3. die Freiheit setzt sich absolut, wird ungebunden von äußerer Autorität und vom Vernunftinstinkt

    Stand der vollendeten Sündhaftigkeit

  4. Wahrheit als höchstes geliebt, Freiheit begreift ihren Gehalt in der Vernunft

    Stand der anhebenden Rechtfertigung

  5. Vernunftkunst, Realisierung dieses Gehalts

    Stand der vollendeten Rechtfertigung und Heiligung

-> keine lineare Entwicklung


Fichtes wissenschaftliche Tätigkeit als Übergang von 3. zu 4.



„Was für eine Philosophie man wähle, hängt sonach davon ab, was man für ein Mensch ist: denn ein philosophisches System ist nicht ein toter Hausrat, den man ablegen oder annehmen könnte, wie es uns beliebte, sondern es ist beseelt durch die Seele des Menschen, der es hat.“

Ref. von Sandra Mandl Mai 2008 the excellent university of Constance


Mittwoch, Mai 21, 2008

Fichte und Hölderlin

1770

Johann Christian Friedrich Hölderlin wird
am 20. März in Lauffen am Neckar geboren.

1772

Hölderlins Vater, Heinrich Friedrich, stirbt. Seine
Schwester Maria Eleonora Heinrike wird geboren.

1774

Die Mutter, Johanna Christina, geborene Heyn,
heiratet Johann Christoph Gok. Die Familie zieht
nach Nürtingen um, wo Gok Bürgermeister ist.

1776

Hölderlins Halbbruder, Karl Gok, kommt zur Welt.

1779

Der Stiefvater stirbt.

1784

Hölderlin tritt in die niedere Klosterschule
in Denkendorf ein

1786-88

Besuch der höheren Klosterschule in Maulbronn.

1788

Hölderlin beginnt sein Theologiestudium im
Tübinger Stift. Dort lernt er Hegel kennen.
Dichterbund mit Neuffer und Magenau.

1789

Bekanntschaft mit Gotthold Friedrich Stäudlin
und Schubart.

1790

Magisterarbeiten: Geschichte der schönen Künste
unter den Griechen bis zu Ende des Perikleischen
Zeitalters
und Parallele zwischen Salomons
Sprüchwörtern und Hesiods Werken und Tagen
.
Schelling (geb. 1775), tritt ins Tübinger Stift ein.

1791

Erste Publikation von vier Gedichten in Stäudlins "Musenalmanach fürs Jahr 1792".

1793

Hölderlin lernt den Jura-Studenten Isaak von Sinclair kennen.
Abschlußexamen.
Im Dezember tritt Hölderlin eine Hofmeisterstelle bei Charlotte von Kalb in Waltershausen an.

1794

Im November Aufenthalt mit dem Zögling Fritz von
Kalb in Jena. Besuch von Vorlesungen Fichtes. Umgang
mit Schiller. Erstes Zusammentreffen mit Goethe.
Das Fragment von Hyperion erscheint in der "Thalia".
Im Dezember Umzug nach Weimar mit Charlotte und
Fritz von Kalb. Besuch bei Herder.

1795

Beendigung der Hofmeistertätigkeit im Hause von Kalb. Rückkehr nach Jena. Teilnahme am Kolleg Fichtes. Umgang mit Schiller. Beginn der Freundschaft mit Sinclair.
Ende Mai oder Anfang Juli plötzliche Abreise aus Jena.
Im Juli Besuch bei Schelling in Tübingen. Im Dezember ist Schelling bei Hölderlin in Nürtingen.

1796

Im Januar tritt Hölderlin eine Hofmeisterstelle in Frankfurt bei der Familie Gontard an. Bald Liebe zur Hausherrin Susette, von Hölderlin "Diotima" genannt. Im April Zusammentreffen mit Schelling, der sich einige Tage in Frankfurt aufhält.
Im Sommer dringen Truppen der französischen Republik bis Frankfurt vor. Mit Susette Gontard und den Kindern reist Hölderlin über Kassel nach Bad Driburg. Bekanntschaft mit Wilhelm Heinse. Freitod Stäudlins. Im Herbst Rückkehr nach Frankfurt.


aus:

www.hoelderlin-gesellschaft.de/index.php?id=21&L=0

Mittwoch, Mai 07, 2008

denkt Fichte romantisch?


MO 20 h in G 305 V.M.Roth
„nahe dich, freiheit“


19.o5. 1794 FICHTE / Sandra

26.o5. Das älteste Systemprogramm ...(Hölderlin -Hegel - Schelling) / Sebastian

2.o6. TIECK & WACKENRODER / Tobias

9.o6. NOVALIS 2 / Iris

23.o6. SCHLEIERMACHER & SCHLEGEL 2 / Patrick

30.o6. Romantisches Unbehagen an der Normalität / Piotr

7.o7. Frische Fahrt. EICHENDORF & HOFFMANN / Bettina

Samstag 12.o7: Symposion zu Nachwirkungen der Romantik

(bitte diesen Tag vormerken)
Auffallende Frauen in der R. / Marianne

Romantische Politik / Gastredner Paul

Der Kursplan ist angelehnt an Rüdiger Safranski, Romantik. Eine deutsche Affäre (2007); siehe die Hinweise auf Literatur zu vertiefender Lektüre, p. 395 ff. ; Ricarda Huch

Vermessung der (Erden)Welt

Hinweis auf Daniel Kehlmann via z.B: www.buechergilde.de
- zum Schmökern über die freien Tage. Thema: NatWiss in D
(die Humboldts und Gauß/ Roman eines fiktiven Aufeinandertreffens / "Studenten" - Verfolgung) zur Zeit der ausgehenden Romantik

Mittwoch, April 30, 2008

Novalis träumt Walpurgis 98

Dass der alten Welt Getümmel
Uns wie ein Traum verweht
Mal ein unnennbar blauer Himmel
MiR ruhend im Gemüthe steht

Mal Wolken durch die Stirne ziehn
zum einförmigen Klappern einer ungeheuren Mühle, die vom Strom des Zufalls getrieben und auf ihm schwimmend, eine Mühle an sich, ohne Baumeister und Müller und eigentlich ein ächtes Perpetuum mobile, eine sich selbst mahlende Mühle sey.

So löse doch des Alters Binde
Und mache mich zu einem Kinde
So soll denn dieser Tag uns seyn
Ein Weltverjüngungs-Fest.

Dienstag, April 29, 2008

Ich weiß nur

dass der Welt Getümmel
seitdem mir wie ein Traum verweht.
Und ein unnennbar blauer Himmel
MiR ewig im gemüthe steht.


http://www.anthrowiki.info/ftp/odyssee/Novalis/Novalis_Geistliche_Lieder.pdf
THE END

Nachtrag: Novalis I




Pietismus aus: Ökumenisches Heiligenlexikon
"Pietismus" - ursprünglich ein Spottname, abgeleitet vom lateinischen "Pietas", "Frömmigkeit" - entstand im 17. Jahrhundert als die nach der Reformation wichtigste Reformbewegung in der Evangelischen Kirche. Führende Männer beförderten das Anliegen und erzielten eine neue Leuchtkraft des Glaubens mit besonderer Betonung der Bibel. Im Pietismus wurde "der Einzelne" für den Glauben entdeckt wie nie zuvor, getragen wurde die Bewegung in der Regel von vielen einfachen Leuten, aber auch Wirkungen auf die Universitäten, besonders diejenige von Halle, blieben nicht aus. Durch eine Lebenswende, als "Wiedergeburt" bezeichnet, nehmen Menschen "Christus persönlich in ihr Leben auf". Sie stellen ihr Leben unter das Gebet und lernen aus der Bibel, der Glauben erhält damit oft eine besondere Ausstrahlung und Stoßkraft. "Pietismus" bezeichnet also die bewusst vom Subjekt erlebte Gotteserfahrung und die bewusst vollzogene Hingabe an Gottes Wort.
1675 gab Philipp Jakob Speners Schrift "Pia desideria", "Fromme Wünsche" den Anstoß; in Halle bekam der Pietismus durch Speners Freund und Mitarbeiter August Hermann Francke ein erstes Zentrum. Im 18. Jahrhundert wurde die Herrnhuter Brüdergemeine ein wesentlicher Zweig des Pietismus; in Württemberg blühte ein Pietismus, der sich sehr umfassend auf das bald schon erwartete Reich Gottes ausrichtete und die Bibel mit der Natur und Geschichte in großen Systemen der Heilsgeschichte verband, Hauptvertreter waren Johann Albrecht Bengel, Friedrich Christoph Oetinger, Michel Hahn. Pietismus und Aufklärung waren damals Verbündete im Kampf gegen orthodoxe Lehrgebäude und hierarchische Strukturen sowie in der Betonung der Individualität und der Rechte des Einzelnen. Mit der Zeit aber wandte sich der Pietismus gegen die kritische und den Verstand betonende Aufklärung, die den Glauben an den sich in der Bibel offenbarenden Gott in Frage stellte.
Im 19. Jahrhundert waren Erweckungsbewegungen im Siegerland, in Wuppertal, in Minden und im Ravensberger Land, auch in Pommern - oft stark beeinflusst aus Amerika und England - Träger der Bewegung, die zur Entstehung des Neupietismus führte. Immer stärker begann nun aus pietistischen Kreisen in der evangelischen Kirche der Ausbau von diakonischen Einrichtungen wie Waisenhäuser, Krankenhäuser, Armenfürsorge, von Mission im Innern des Landes und in aller Welt, von eigenständiger Jugendarbeit wie im CVJM und von Erwachsenenbildung wie in den Gemeinschaften. Ein großer Reichtum an Liedern verdankt sich diesen Gemeinschaften. 1888 trafen sich führende Vertreter der Gemeinschaften zur Pfingstkonferenz in Gnadau, 1897 wurde der bis heute bestehende "Gnadauer Verband" als Vereinigung aller deutschen Gemeinschaftskreise gegründet.
Während der Pietismus im 17. und 18. Jahrhundert schöpferische Unruhe war und weithin revolutionär auftrat, vermitteln seine Erscheinungsformen im 19. und 20. Jahrhundert weithin einen konservativen Eindruck. Viele heute aktuelle Konflikte in der evangelischen Kirche sind Auseinandersetzungen um die durch den Pietismus aufgeworfenen Fragestellungen wie das Verhältnis von Glaube und Frömmigkeit, Rechtfertigung und Wiedergeburt, Bibel und Dogma.
Die Website des Gnadauer Verbandes gibt einen ersten Überblick über pietistische Gruppierungen heute.

Montag, April 28, 2008

blaue Blume / blauer Garten?

Die blaue Blume

Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, daß in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au’n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blume geschaut.

Joseph von Eichendorff hat diese Verse um 1820 geschrieben, zu einer Zeit also, in der das Buch, mit dem die „blaue Blume“ als zentrales romantisches Symbol in die Welt trat, beim Verleger und Buchhändler Andreas Reimer in Berlin mehrere Auflagen erfahren hatte und europäisches Interesse auslöste, noch ehe man es in Deutschland in breiten Kreisen las: der Roman „Heinrich von Ofterdingen“ von Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, den man seit 1798 mit dem Pseudonym Novalis nannte.
Eichendorff hat in seinem kleinen Gedicht wohl alle Elemente eingefangen, die das spezifisch „Romantische“ jener Stimmung oder Haltung zur Welt ausmachen, die das Symbol der blauen Blume in sich vereinigt: Unbestimmte Sehnsucht nach Ferne, fast ein Fernweh; Wanderschaft, Naturerleben, geistige Einkehr, das Schaun als besonders tiefe Begegnung mit der Natur, Hoffnung, Vertrauen, Streben nach dem Quell des Glücks. Der Wanderer mit der Harfe könnte der uns gut bekannte Müllerbursche aus dem „Taugenichts“ sein. Das Unterwegssein entspricht nun gleichermaßen einer allgemeinen menschlichen Suche wie der besonderen Situation der Generationen der Romantiker zwischen 1798 und 1857. „Woher kommen wir und Wohin gehen wir?“ - Beständig treibt den Menschen das Geheimnis seiner irdischen Existenz um, sucht er letztlich sich selbst und seinen Ort im Universum, ohne in der ihm bemessenen Zeit Antwort auf alle Fragen zu erhalten.
Aber gerade dieses unbedingte Streben nach Antworten kennzeichnet Friedrich von Hardenberg (1772-1801) inmitten der frühromantischen Denker und Dichter als einen, der stringent mit jugendlichem Pathos und einer nicht zu bändigenden Leidenschaft für die Wissenschaften ein kreatives Konzept für die unendliche Bildungs-Aufgabe des Menschen verfolgte.
Die Botschaften der Blumen und Blüten sind seit biblischen Zeiten sichtbare Geheimnisse und offenbaren sich doch jedem, der ihre geheime Sprache zu entschlüsseln sucht. Aus der im Alten Testament überlieferten Schöpfungsgeschichte wissen wir von dem von Gott geschaffenen Garten Eden, in dem alle Geschöpfe friedlich nebeneinander leben, in einer üppigen und schönen Vegetation. Seit Jahrhunderten finden sich in den verschiedenen Kulturkreisen unzählige Abbildungen, Themen und Motive in den unterschiedlichen Kunstgattungen, die sich mit dem Paradies befassen, das auch den Dichtern und Philosophen aller Epochen ein Thema blieb. Durch den antiken Historiker und Dichter Xenophon, einen Schüler des Sokrates, wissen wir auch, daß in Persien schon im 5. Jahrhundert v. u. Z. phantastische Gartenanlagen existierten, von geraden Alleen durchzogen, später wie Teppiche von Rosen und anderen Blumenarten angelegt, die er "Paradeisos" nannte und die dann im 1. Jahrhundert v. u. Z. von nicht geringem Einfluß auf die Entwicklung der antiken Gartenkunst der Griechen waren. Gärten waren Teil der Siedlungs- und Lebensgeschichte der Völker, als Klostergärten waren sie auch Lehrstätten und Nutzpflanzungen, immer also doch Spiegelbild menschlicher Lebens- und Empfindungsweise, auch der gestalterischen Absichten und Fähigkeiten des Menschen in Bezug auf seine natürliche Umgebung, auf Landschaft und Garten.
Will man also die spezifischen Kultur-Geschichten der Gärten dieser Welt erforschen und miteinander vergleichen, wozu es seit einigen Jahren renommierte Forschungsprojekte gibt, so wird sich als zentrale, gleichsam globale Frage immer wieder die eine nach dem ursprünglichen Verhältnis von Mensch und Natur stellen, versus: nach der jeweils aktuellen, gegenwärtigen Qualität des Verhältnisses beider, nach den Ursachen und den Richtungen seiner Veränderung, den Auswirkungen des Ideenfortschritts in den Wissenschaften und der Technik auf die Lebensweisen der Menschen, auf ihre fortschreitende Entfernung von der Natur, auch nach den folgenreich ausufernden Dimensionen der räumlichen Lebensrahmen in modernen Städten. (2)

Rousseau (1712-1778) hatte das Problem für das Zeitalter der Aufklärung als den verhängnisvollen Kontrast von Kultur zur Natur gefaßt, mit dem sich Generationen von Philosophen und Dichtern seither beschäftigt haben. Auch Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, Novalis, der aus der Grafschaft Mansfeld stammende Philosoph, Jurist, Bergbauingenieur und Dichter, hat sich während seines kurzen Lebens kontinuierlich mit dieser Problematik befaßt, was sich selbst in seinem 1798 gewählten Pseudonym ausdrückt: de novali nannten sich die Hardenbergischen Vorfahren, Novalis bedeutet der Neuland bestellende. In philosophischen und naturwissenschaftlichen Studien, in seiner beruflichen Arbeit(3) und schließlich in seinen Dichtungen und theoretischen Aufzeichnungen beschäftigte ihn das Phänomen Natur, das den Kern seiner geschichtsphilosophisch begründeten Utopie einer „Goldnen Zeit“ (4) bildet.
Der hochqualifizierte Bergbau- und Salinenspezialist war durch seine Studien mit modernsten Naturerkenntnissen, Entdeckungen und Experimenten in Physik, Chemie, Biologie und Geologie, auch in der Medizin vertraut, aus denen er ein Bewußtsein für die widersprüchlichen und tendentiell destruktiven Wirkungen des Fortschritts der Wissenschaften und der zunehmenden Technisierung gewann. Wie kein anderer konnte er Segen und Fluch des Bergbaus (5) beurteilen. Die reale Entwicklung widersprach zu offenkundig dem aus der Philosophie und Kunst seit der Antike tradierten Idealbild eines einheitlichen Naturganzen. Zergliederung der Natur war der Tribut an ihre Erforschbarkeit. An eine reale Aufhebung dieses im Laufe der Geschichte erzeugten Zustandes war nur zu glauben, wenn sie im Bewußtsein des Menschen ihren Anfang nehmen würde. Hoffnung bestünde dann, wenn Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster gewandelt würden durch - wie Novalis sagen würde - eine „Armirung“ (Erzeugung) der Moralität ins Unendliche (6). Einfacher: wenn ein wirksames pädagogisches Konzept zur Aktivierung der Sinne in einem als unendlich gedachten Prozeß eine neue Annäherung des Menschen an die Natur fördern könnte. Dies ist das Ziel jener neuen Utopie, die sich in philosophischen Debatten ebenso wie vor allem in den Dichtungen und Kunstwerken von Novalis und seinen Zeitgenossen spiegelt. Die Natur und mit ihr das Paradies zu rekonstruieren, ist ein Auftrag, der die Anstrengung aller schöpferischen Kräfte erfordert, insbesondere der Vernunft und der Phantasie. Im Gartenthema verbindet sich die poetische Utopie des Novalis mit der Möglichkeit exemplarischer Verwirklichung der Idee von Natur. Gärten sind für Novalis wie für die romantischen Dichter und Künstler ein besonderer Ort der Naturbildung im doppelten Wortsinn: es geht um die Bildung des Menschen in der Natur und um die Bildung der Natur durch den Menschen, worüber bereits Rousseau, Herder und die europäische Aufklärungsphilosophie reflektiert hatten.
„In jedem System - Gedankenindividuo - das nun ein Aggregat oder Produkt - etc. seyn kann - ist Eine Idee, Eine Bemerckung oder mehrere vorzüglich gediehn und haben die andern erstickt - oder sind allein übriggeblieben. Im geistigen NaturSystem muß man sie nun überall zusammensuchen - jedem seinen eigenthümlichen Boden - Klima - seine besondere Pflege - seine eigenthümliche Nachbarschaft geben - um ein Ideen Paradies zu bilden - dies ist das ächte System./ Das Paradies ist das Ideal des Erdbodens.
Merckwürdige Frage vom Sitz des Paradieses - (Sitz der Seele)
(Eine Kunstkammer soll in Beziehung auf die Naturkräfte etc. das seyn - was ein botanischer und ein englischer Garten (Nachahmung des Paradieses) in Beziehung auf den Erdboden und seine Produkte ist - ein verjüngter, concentrirter - potenzirter Erdboden)
Das Paradies ist gleichsam über die ganze Erde verstreut und vereinigt - sein Skelett soll ausgefüllt werden. Regeneration des Paradieses.“ (7)

Interessant ist, daß für den Verweis auf das Muster eines englischen Gartens als Produkt schöpferischer Kunst offenbar die Wörlitzer Gartenanlage des Fürsten Franz von Anhalt Dessau (1740-1817) Anlaß gab. Da Friedrich von Hardenberg Reisepläne nach England durch seine Krankheit nicht verwirklichen konnte, beschränkte sich seine authentische Kenntnis des englischen Gartens auf Besuche des Wörlitzer Gartenreiches. Vom April 1793 existiert eine ausführliche Reisebeschreibung des Freundes Ferdinand von der Lippe, aus der zu erfahren ist, daß es von Weißenfels aus mit „einer leichten Chaise mit zwei Pferden, Extrapost“ (8) über Dessau, Wörlitz, Bernburg, Aschersleben und Halberstadt nach Wernigrode und von dort noch bis Ilsenburg ging. Es ist nicht endgültig geklärt, ob Hardenberg mitreiste oder sich nur hat besonders ausführlich berichten lassen. Aber im Juni 1797, kurz nach dem Tode der Verlobten Sophie von Kühn und des Lieblingsbruders Erasmus, reiste er eigenen Tagebuchnotizen zufolge nach Thale, zur Roßtrappe von dort nach Ballenstedt in den Garten und zurück nach Wiederstedt, von wo es nach einigen Tagen Pause erneut per Fußwanderung nach Dessau und Wörlitz ging, von dort dann zurück nach Halle. Aus der beabsichtigten körperlichen Anstrengung sprossen Ideen für Projekte, zum Beispiel zu einem „Journal unter dem Titel Beyträge zur wissenschaftlichen Geschichte der Menschheit“ (9). Diese Idee ist wohl ein Vorläufer der schon 1798 begonnenen Materialsammlung zu einer Enzyklopädie aller Wissenschaften.
Im Reisejournal des Freundes von der Lippe und in der Tagebucheintragung vom Juni 1797 sind die Gartenbesuche in Wörlitz und im Dessauer Georgium dokumentiert. Beide Schilderungen haben ihren Niederschlag in späteren Aufzeichnungen Friedrich von Hardenbergs gefunden.
„Das Georgium ist eine englische Gartenanlage, die dem Prinz Hans Georg, Bruder des Fürsten, gehört, dessen Sommer-Wohnung in einem anmuthigen Theil des Gartens zwischen wilden Parthien und frischen Grasplätzen steht, und so wie mehrere im Garten zerstreut liegende Häuschen, einfach und doch architektonisch schön gebaut, geschmackvoll meublirt und mit feinen Kupferstichen ausgehängt. Der Garten ist groß und erstreckt sich bis nach der eine Stunde von Dessau fließenden Elbe hin, die Natur ist in den einzelnen Parthieen zuweilen noch glücklicher als in Wörlitz nachgeahmt und das Ganze gewinnt besonders durch einen mit hinein gezogenen Eichenwald: unter die Verzierungen gehört besonders eine kolossalische Statue des Fürsten; eine Diana; ein steinerner auf acht (korinthischen) Säulen ruhender Tempel; ein über die durch den Garten laufende Straße gebautes Portal und einige nachgemachte Ruinen, besonders die an ein Wasser anstoßenden. [...]
Ich freute mich, an einigen Dessauern in der Gesellschaft die erneute Bemerckung machen zu können, wie zufrieden sie mit ihrem Fürsten sind. Das Dessauische Ländchen ist unter ihm in der That eines der glücklichsten; er sucht auf alle Weise das Glück und den Wohlstand seiner Unterthanen zu befördern und versteht die Kunst, durch gut angebrachte Freygebigkeit und Veranlassung zum Verdienst für den gemeinen Mann, wie für den Handwercker, Künstler und Handelsmann ihrem allgemeinen und Privat-Wohl in der That beförderlich zu seyn, eine Sache, die in seinem kleinen Lande wohl angeht: dies zeigen seine kleinen Landhäuser; dies zeigen seine Gärten, von denen der Wörlitzer in der theuren Zeit angelegt, und mit denen er sein Land noch immer fort verschönert; seine neue Anlage in Wörlitz, seine Chausseen, Pappel- und Obst-Alleen, die überall die Wege angenehm machen, und noch so vieles andere, was ihm zu gleicher Zeit Beschäftigung und Vergnügen giebt. Ueberall führt er selbst die Oberaufsicht, wozu er viel Anlage hat, und dabey ist er gütig gegen jedermann [...] Die Oekonomie ist hier überall sehr gut beschaffen, man sieht nichts als reiche Felder und Wiesen, viel Rocken und besonders Rübsen und eine Menge Obst. Die Brache ist im Dessauischen ganz abgeschafft, da der gute Boden jährlich des Landmanns Mühn mit Wucher belohnen kann. Zuweilen muntert der Fürst durch Austheilung von Grundstücken zum Landbau auf; dies that er z.B. dies Jahr (1793) in Wörlitz, unter der Bedingung, daß jeder sein neues Feld mit Hecken von einem gewissen Gesträuch einfassen sollte; [...]“ (10)

Vom Freitag, den 23. Juni bis zum Montag, 26. Juni 1797 war Friedrich von Hardenberg mit Landvoigt, einem Hofmeister der jüngeren Geschwister, in Wörlitz und Dessau:
„[...]Freytag früh kamen wir im Regenwetter nach Dessau. Nachmittags hellte sich aber der Himmel auf und wir fuhren am köstlichsten Abend in Wörlitz ein. Auch der Sonnabend war schön - Den Tag vollendeten wir die den ersten Abend gleich angefangene Ansicht des Gartens. Der Fürst fuhr mit Gesellschaft und Musik Nachmittags auf den Gondeln. Sonntags sahen wir das Schloß, das Gothische Haus und fuhren Abends im himmlischen Wetter mit dem Kriegsrath v. Viereck und seiner Frau auf der Gondel. [...] Den Montag, wo wir nach Halle fuhren, und unterwegs in Dessau das Georgium besahen, hatt ich zuweilen einen hellen Gedanken.“ (11)

Dabei ist auffällig, daß das Reisejournal sehr detailliert über den Zusammenhang von schön geordneter Landschafts- und Gartengestaltung und politischer Haushaltung des Dessauer Fürsten handelt, der dem Autor für ein Muster eines aufgeklärten Landesherren gilt. Hardenberg (Novalis), der 1797 anonym ein staatstheoretisches Fragment unter dem Titel Glauben und Liebe oder Der König und die Königin an den preußischen König Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise gerichtet hatte, greift offensichtlich im Herbst 1798 auf das persönliche Beispiel des Dessauer Fürsten zurück, während er in seinen Physikalischen Fragmenten in einer Metapher abermals über den idealen Staat und das ideale Staatsoberhaupt philosophiert:
„[...] Der Zweck des Staats ist schön oeconomisch - besser gärtnerisch. Der Gärtner ist der Genius der Pflanzenwelt.“ (12)

Hardenberg (Novalis) empfand ähnlich wie Matthisson und Goethe, wie sehr der Dessauer Fürst nach seiner Devise „das Nützliche mit dem Schönen“ lebte und dabei verstand, seine Gartenschöpfung als „in befriedigende Wirklichkeit übergehende(n) Dichtertraum vom Elysium der Alten“ zu gestalten. (13)
Gärten symbolisieren für Hardenberg (Novalis) auf besondere und ideale Weise die Einheit von Mensch und Natur, von natürlicher Welt und Ideenwelt - also auch die Einheit von Geist und Natur. Was in der Natur nur vereinzelt existiert, kann in der Ideenwelt zu einem Ganzen wachsen; was in der Idee losgelöst von der Natur als Samenkorn enthalten ist, kann in der natürlichen Landschaft zu einer lebendigen Gestalt keimen und wachsen, ein sichtbares Ganzes bilden ähnlich wie in der kunstvollen Form des modernen Romans - beide stellen nach seiner Überzeugung ein „gemachtes Leben“ vor, in dem Natur zur Kunst führt und Kunst zur Natur wird. Deshalb ist der Garten für Novalis echte Naturpoesie, ist wiedererschaffenes Paradies Kraft der konstruktiven Phantasie.
Im praktischen Umgang mit dieser Idee von Novalis ist in Oberwiederstedt ein Projekt (14) von sieben synthetischen Steinen für sieben Gärten entstanden, das auf die ewige Verbindung von Mensch, Natur und Universum verweist und eine verlockende Geheimniskraft besitzt, weil es die Möglichkeit zum Ent-decken tieferer Aussagen über unser heutiges Verhältnis zur Natur anbietet und erst im Suchen der Sinn jedes Steines in der Gartenlandschaft wie das alle einigende Ideenband sich erschließt - dann aber auf eine überraschend einfache Weise. Hardenbergs (Novalis) Gedanken werden zu Stein(en), ohne dabei an Lebendigkeit zu verlieren, sie verkünden das Programm der „Regeneration des Paradieses“ als eine ganz alltägliche Aufgabe.
Seit Jahrhunderten wählten die Gartenarchitekten einen in der Regel schattigen Platz (unter Bäumen, Büschen, in Nischen von Felsen oder Lauben), um dort die Möglichkeit zum Ausruhen, zum besinnlichen Verweilen, zum Lesen oder zum Zwiegespräch mit der Natur zu schaffen. Eine (wie auch immer gestaltete) Bank im Garten ist Ort der Einkehr bei sich selbst - Rast, Ruhe der Bewegung. Der Dichter Novalis würde das den „Weg nach innen“ nennen. Durch die Besinnung und Erholung der Kräfte geht der Blick erneut nach außen in die Natur (des Gartens), und, gestärkt vielleicht durch eine Reflexion, auch wieder in die universelle große Natur. Der Blick weitet sich. Die einzelnen Steine sind Teil eines kleineren Ganzen, das der Garten repräsentiert, sie sind aber, die Entfernung der Gärten von einander überbrückend, auch Teil des alles umfassenden Ganzen: der Natur und des Universums. Ihre formale Einheit stellt sich im Symbol des Ouroborus - Ringes her, jedoch eben nur durch die „Einbildungskraft“ des Betrachters oder „Entdeckers“. Die Reise zu den Steinen in den verschiedenen Gärten ist so eine Entdeckungsreise mit vielen Dimensionen.
Die Idee des Gartens ist so dynamisch, wie der Garten selbst, dessen äußeres harmonisches Bild ständigem inneren Wechsel, dem Prozess des Lebens unterliegt: Kontinuität und Wandel werden nur an einem Punkt manifest, nämlich im jeweiligen „synthetischen Stein“, der eine wirkliche Synthese aus Materie und Geist, Idee und Form ist und als „Mosaik-Stein“ sowohl an vergangene Zeiten als auch an die Aufgabe der „Regeneration des Paradieses“ erinnert - auf Zukunft verweist.
Im Projekt der sieben synthetischen Steine manifestiert sich mit der Idee der „Regeneration des Paradieses“ ein Thema, durch das die Gartenträume in einer kulturgeschichtlich bedeutsamen und weitausgreifenden Tradition zwischen Antike und Zukunft stehen.

Am Geburtshaus Friedrich von Hardenbergs (Novalis), Schloss Oberwiederstedt, erinnert ein „Blauer Garten“ im Park an die paradiesische Vielfalt der Natur. Dorthin führt ein romantischer Pfad vom ehemaligen „Freigutsgarten“ zwischen Schloß und dem Dominikanerinnen Kloster vorbei an historischen Baumsorten (Mispeln, Maulbeeren, Walnüsse, Haselnüsse, Süßkirschen, Pflaumen- und Apfelbäume) auf der Wiese am alten Mühlgraben und am Standort der alten „Hardenbergischen Mühle“ entlang, wo vom 17. bis zum 19. Jahrhundert ein Bergbaustollen mit Wasserkunst angelegt war. Zwischen den Linden einer alten Allee, die Heinrich Ulrich Erasmus von Hardenberg aus Anlaß der Geburt seines ersten Sohnes - Georg Philipp Friedrich (Novalis) - anlegte, und dem kleinen Gartenhäuschen blühen vis a vis zum Schloß vom März bis zum Oktober über 60 verschiedene Blaue Blumen. Vierzig davon sind mit Unterstützung des Botanischen Gartens der Universität Halle-Wittenberg eingesetzt worden, darunter auch das aus dem 18. Jahrhundert stammende Gedenkemein, das im Pflanzenkorpus und den Blüten kräftiger und blauer auffällt als das heute gemeinhin bekannte Vergißmeinnicht. Wer in der Schloßbibliothek mehr über den Pflanzenbestand, blaue Gärten und schließlich über Novalis und seine Idee der Blauen Blume erfahren hat, wird im Garten mit Phantasie in das blaue Blütenmeer eintauchen, um seine Blume zu finden. In sein Material für eine Enzyklopädie aller Wissenschaften schrieb Friedrich von Hardenberg (Novalis):

Zukunftslehre des Lebens. Unser Leben ist kein Traum - aber es soll und wird vielleicht einer werden. (15)

In Novalis' Roman Heinrich von Ofterdingen träumt die Hauptfigur, ein Kaufmannssohn, einen Traum, der ihn zu einer langen, von unbestimmter Sehnsucht in die Ferne getriebenen Reise veranlassen wird:
„Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit.“ (16)

Die vom Traum initiierte und begleitete Reise endet beim „Selbst“. Ausgerechnet eine zarte Blaue Blume - welche botanische Spezies auch Novalis' Metapher angeregt haben mag - transportiert auf schlichte Weise das tiefgründige pädagogisch - philosophische Programm der Selbstfindung. Die Alchemisten, in deren Schriften Hardenberg studiert hatte, ließen die Blaue Blume aus dem Ouroborus (einer sich in den Schwanz beißenden Schlange als Symbol der ewigen Einheit in Allem) neben Gold und Silber wachsen und nannten sie die flos sapientum - Blume der Weisheit, wie man sie in Hieronymus Reussners Pandora (1588) dargestellt findet.
Begegnung der Natur ist schließlich für Hardenberg (Novalis) Selbstbegegnung, die Blaue Blume eine schöne Metapher für den Erkenntnisweg des Menschen und in den Kräften der Phantasie abrufbar der Schlüssel zur Enträtselung der Naturgeheimnisse. Erst das Wissen um die Geschichte der Entwicklung von Natur und Mensch kann diese Kräfte aktivieren. Zu dieser Einsicht hingeführt werden auch die Lehrlinge zu Sais in dem gleichnamigen naturphilosophischen Romanfragment Hardenbergs (Novalis), die sich im ägyptischen Sais nahe dem Tempel versammelt haben, in dem die verschleierte Statue von Isis, der Göttin der Natur, steht, um die Sprache der Natur zu erlernen und ihre Verkündiger zu werden. Allmählich begreifen sie die „Pflanzen, Thiere, Steine, Elemente etc.“ als unendlich vielgestaltige, individuelle Wesen, „Es sind vergangene, geschichtliche Wesen. Die Natur ist eine versteinerte Zauberstadt.“ (17) Wer alle seine Sinne für die Natur öffnet, wird wieder die „Gespräche der Blumen und Thiere über Menschen, Religion, Natur und Wissenschaften“ (18) belauschen können und verstehen, daß nicht nur der Mensch allein spricht, „auch das Universum spricht - alles spricht - unendliche Sprachen. “ (19)

Jeder individuelle Garten ist eine Einladung zu solchem WechselGespräch.


1) KA 3, 628. Alle Novalis-Texte werden nach Novalis. Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs. Historisch-kritische Ausgabe (HKA), Stuttgart 1977 ff. unter Angabe von Band und Seite in arabischen Zahlen zitiert.
2) Garber, Jörn: Antagonismus und Utopie. Georg Forsters Städtebilder im Spannungsfeld von 'Wirklichkeit' Und 'Idee'. In: Von der Geometrie zur Naturalisierung. Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung 10.(Schriftenreihe des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung Martin Luther-Universität Halle-Wittenberg) S.209-236.
3) Rommel, Gabriele: Einleitung zu HKA 6.3, Schriften und Dokumente aus der Berufstätigkeit. S. 3-35.
4) Mähl, Hans-Joachim: Die Idee des goldenen Zeitalters im Werk des Novalis. Studien zur Wesensbestimmung der frühromantischen Utopie und zu ihren ideengeschichtlichen Voraussetzungen. Tübingen 1994.
5) Becker, Christian: Ökonomie und Natur in der Romantik. Das Denken von Novalis, Wordsworth und Thoreau als Grundlagen der Ökologischen Ökonomik. Marburg 2003. Außerdem: Rommel, Gabriele (Hrsg.): Licht der Erde Salz des Himmels - topographische Protokolle einer Bergbau-Landschaft. Katalog zur Ausstellung der Forschungsstätte für Frühromantik und des Novalis-Museums 2006. Wiederstedt 2006.
6) HKA 3, 55.
7) HKA 3, 446-47.
8) HKA 4, 6-21.
9) HKA 4, 46-47.
10) HKA 4, S.9-10.
11) HKA 4, 47.
12) HKA 3, 89.
13) Hirsch, Erhard: Utopia realisata. Utopie und Umsetzung: Aufgeklärt - humanistische Gartengestaltung in Anhalt-Dessau. In: Von der Geometrie zur Naturalisierung. Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung 10.(Schriftenreihe des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung Martin Luther-Universität Halle-Wittenberg) S.152-153.
14) Die Internationale Novalis-Gesellschaft und die Forschungsstätte haben das Projekt gemeinsam entwickelt und mit Unterstützung des Landes im Rahmen der Gartenträume im April 2004 einen ersten Stein in Zeitz etabliert. Das Gesamtvorhaben, das weitere sechs Gärten als Standorte vorsieht, war im Zeitrahmen des Projektes nicht vollständig zu verwirklichen.
15) HKA 3, 281. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat den Oberwiederstedter Blauen Garten mit diesem Novalis-Zitat in eine Reihe von Karten sowie in den von ihr herausgegebenen ewigen Kalender "Die 365 schönsten Tage" aufgenommen, mit dem sie für Dichterhäuser wirbt, die durch ihre Unterstützung gerettet und erhalten wurden.
16) HKA 1, 197.
17) HKA 3, 564.
18) HKA 3, 673.
Forschungsstätte
für Frühromantik
und Novalis-Museum
Schloss Oberwiederstedt

Internationale
Novalis-Gesellschaft e.V.

Novalis-Stiftung

Novalis and Philo-Sophie

April 16, 2008

Works now being published in English reveal the key role Novalis played in German culture

The success of the French Encyclopédie and its place in the Enlightenment has tended to obscure the role of encyclopaedism in German culture. Yet the ideal of universal knowledge has been a potent force in Germany, shaping the way the nation defined itself ever since the seventeenth century. Novalis played a key part in this debate, not least in seeking to redefine what he called “total science” – his name for encyclopaedism – as a means to achieve cultural renewal. Yet he was sentimentalized after his early death as the dreamy poet of the Blue Flower, and while this ensured his posthumous appeal, it resulted in the comparative neglect of his philosophy. His contribution to German idealism was only fully revealed, a century and a half after his death, by the editors of the critical edition of his works, a literary monument forty years in the making (reviewed in the TLS, October 13, 2000). The edition showed the full extent of the unpublished journals and notebooks, including hundreds of jottings and aphorisms, often circling round a plan for a Romantic encyclopaedia. The new image of Novalis, not unlike that of Coleridge brought about by the editing of his Notebooks, led to a wider revaluation, in which the Romantic dreamer has given way to the incisive philosopher. Now, two centuries after his death, the new material is at long last becoming available in English in versions beginning with Margaret Mahony Stoljar’s Philosophical Writings (1997) and Jane Kneller’s Fichte Studies (2003), and continuing with the volumes under review.

The new Novalis more than confirms Thomas Carlyle’s view of him as “the German Pascal”. Both men had practical talents, yet they both evinced a radical purity that drove them to treat the infinite as the only measure, and hence to redefine the thinking of the age; moreover, they both pursued a trajectory from mathematics to theology and did so with such intensity that their precocious beginnings could perhaps only be fulfilled in an equally premature death; while the search for a higher, absolute truth ended in fragmentary utterance. Yet if Pascal’s Pensées were the anguished conscience of the neoclassical age, Novalis’s Fragmente were rather the electrifying consciousness of modernity.

With Friedrich Schlegel, Novalis regarded Germany’s task in modern Europe as a dialectical reversal of the French Revolution: the reflective German Geist should respond to and transcend the materialistic excesses of the Terror. Novalis’s speech “Christendom or Europe” (1799), though on Goethe’s advice excluded from the founding journal of German Romanticism, the Athenaeum, constitutes the most potent political manifesto of the first Romantic school. At its core lies an encyclopaedic vision of European diversity that goes back to the Middle Ages, when the opposing states were spiritually united under Catholic hegemony, a period Novalis treats as a golden age. The German tradition from Kant and Lessing to Goethe and Schiller regarded enlightenment as the means for humanity to prevail over strife, and Novalis explicitly invites the enlightened “encyclopaedists” to participate in the movement towards not just a German revival, but a new, spiritually self-aware Europe.

The ultimate reliance of the political visionary on the mystical poet of the Blue Flower is evident in later poems such as the Hymns to the Night and in “Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren . . .”. The latter, as Ludwig Tieck recognized, distils Novalis’s belief into its most limpid form:

When no longer numbers and figures
Are the keys to all God’s creatures,
When those who sing or kiss
Know more than the greatest wits,
When the world is given back to life
And frees itself from earthly strife,
When light and shade in unity
Create a higher clarity,
And people see world-history
In fairy tales and poetry,
Then all confusion will fly away
At a single secret word.

This is the doctrine of a world history founded on inwardness that the late Penelope Fitzgerald so admired. In an essay on Yeats, she rehearses the credo almost verbatim: “the world will not be right till poetry is pronounced to be life itself, our own lives but shadows and poor imitations”. The Birth of Novalis, edited by Bruce Donehower, the title of which recalls the outworn image, actually dismantles the Novalis legend. This invaluable biographical collection concentrates on the engagement to Sophie von Kühn, from the poet’s meeting with the twelve-year-old to her excruciating death at just fifteen. It includes letters by Novalis, his brother Erasmus and Schlegel, and Sophie’s pathetic journal with its jottings such as “today was like yesterday nothing at all happened” – four days before her engagement to Novalis, which didn’t even rate an entry. The texts culminate in Novalis’s Journal of 1797, and conclude with the most important sources: the life by his brother Karl (1802), that by his mentor, August Cölestin Just (1805) and, still the best essay, that by Ludwig Tieck (1815). As Donehower aptly comments: “contrary to the stereotypical image of the otherworldly, solitary romantic”, Novalis is rarely alone. The diaries are filled with references to social events, to conversations, meals, walks, and so on. There are also some fairly frank notes on his sexual activity, what Novalis calls “the satisfaction of my fantastical desires”. Apart from occasional solecisms (“the father” for “father”, for example) the translation reads well.

Donehower follows recent scholarship in teasing out the poet’s changing identities, from the philosophy student, aspiring lawyer and gallant (“Fritz the flirt”), to Sophie’s admirer, her grief-stricken fiancé, the committed student at the Freiberg Mining Academy and the conscientious mining engineer. Sophie’s forbearance in her suffering became a cult – even Goethe visited her sickbed. She suffered three operations, but her liver tumour was incurable. Yet it was less the by all accounts remarkable living Sophie than the experience at her grave, the stimulus for the Hymns to the Night, which proved the defining factor in the poet’s life. The journal – as translated by Donehower – narrates:

"In the evening I went to Sophie. There I was indescribably joyful – lightning-like moments of enthusiasm – I blew the grave away from me like dust – centuries were as moments – her presence was palpable – I believed she would appear at any moment – "

Novalis anatomizes his unio mystica with Sophie in quasi-scientific detail, dissecting his actions and emotions to disclose the physical basis for the transcendental:

"As the mortal pain subsides, the spiritual sorrow grows stronger, along with a certain calm despair. The world becomes ever stranger – I feel increasing indifference towards the things around me and inside me. The brighter it gets around me and inside me – "

The narrative recalls the spiritual exercises practised by the Pietists to encourage the “inner light” to emerge. In following this goal, Novalis unites the mental with the affective sides of his personality to establish what he calls his “Philo-Sophie”. In his elevation of her into his ideal, Sophie becomes a mythical cult-figure, sharing aspects of the Virgin Mary and Christ, and personifying knowledge and wisdom. Human identity in general becomes a complex phenomenon for Novalis:

"A truly synthetic person is one who resembles many persons at once – a genius. Each person is the germinal point of an infinite genius. He is able to be divided into many persons, yet still remain one. The true analysis of person as such brings forth many persons – the person can only be individualized as persons, dissolution and dispersion. A person is a harmony – no admixture no movement – no substance such as “soul”. Spirit and person are one. (Energy is origin)"

It remained for Proust to realize Novalis’s starry dream, and to complete a novel as memory (“Er-Innerung”), a fiction that recreates the plural self by manifesting society as an inner cosmos.

Collectivism, on this Romantic view, was the social correlative of the plural self, and with Schlegel Novalis pursued what they called “symphilosophical” collaboration, a central axis of Jena Romanticism. The chief impetus for Novalis’s intellectual development, however, came from his encounter with Fichte at the University of Jena, and his breakthrough as a thinker is documented in the notebooks now known as the Fichte Studies. These form the philosophical counterpoint to his relations with Sophie. Jane Kneller’s translation of these is now followed by David W. Wood’s excellent version of the fragments from the next major phase in Novalis’s thought, generally known as The Universal Brouillon, to which Wood gives the more plausible and attractive title, Notes for a Romantic Encyclopaedia. It is to be hoped that this dextrous change will help establish the notebooks as a central text of early German Romanticism. Like other recent translators, Wood follows the historico-critical edition, and thereby confirms that the apparently intuitive thinker presented in the Athenaeum aphorisms (1798) was in fact a systematic seeker after truth. Wood’s volume also includes a short selection from the Freiberg Studies in Natural Science (1798–9). With its lucid introduction and notes, this essential volume enables the English-speaking reader to approach the Notes for a Romantic Encyclopaedia (1798–9) for the first time as a coherent text, part of a wider search in Germany for a new scientific method, a plan only later realized in modern physics. It should now take its rightful place alongside the “Oldest System-Programme of German Idealism” (1796) by Hegel, Hölderlin and Schelling, the first Romantic work to herald a poetically orientated physics; and Goethe’s exemplary fusion of science and poetry, On Morphology – which partly prompted, partly responded to the younger men’s theses. From anti-Newtonian musings such as these, the German scientific revolution associated with Planck, Einstein and Heisenberg was to draw a significant cultural inspiration.

Novalis called the philosophy of his Encyclopaedia “magical idealism”. Perhaps the nearest he came to explaining it was in a jotting of July 1798:

"To be an empiricist means to see thinking as conditioned by the influence of the outer world and things – empiricists are passive thinkers. Voltaire is a pure empiricist and so are many of the French philosophes . . . . the transcendental empiricists . . . make the transition to the dogmatists – from there to the visionaries – or transcendental dogmatists – then to Kant – from there to Fichte – and finally to magical idealism."

The magical idealist “wonderfully refracts the higher light”, and poetically transforms nature by “the magical, powerful faculty of thought”. This involves reinstating the Renaissance concept of the magus and applying it systematically to modern science.

On one occasion, Novalis also compares his project to a voyage of discovery:

"I have been on my journey of discovery, or on my pursuit, since I saw you last, and have chanced upon extremely promising coastlines – which perhaps circumscribe a new scientific continent. – This ocean is teeming with fledgeling islands.

The Athenaeum aphorisms, Blüthenstaub, only intimated the greater project:

"We are connected to every part of the universe, as with future and prehistory. It only depends on the direction and length of our concentration which relation we particularly wish to develop, which will become the most important for us, which will take effect. A true method of this procedure is probably nothing less than the long-sought art of invention; in fact it is probably more . . . ."

The newly translated notes go much further in exploring the new science Novalis calls “encylopaedistics”. The name for this “science of the sciences” may echo Diderot’s Encyclopédie, but Novalis seeks to outdo the French model by introducing dynamism to the idea of an Encyclopaedia, to study the “relationships – similarities – equalities – effects of the sciences on each other” to create “a scientific Bible”. His procedure instances the root meaning of the word “encyclo-paedia”, that is, a “circle of learning”. The approach entails turning scientific method on its head, as when Novalis claims to transform Bacon’s inductivism into a deductive method for “generating truths and ideas writ large – of generating inspired thoughts – of producing a living scientific organon”. As the Freiberg notebook records: “The combinatorial analysis of physics might be the indirect art of invention that was sought by Francis Bacon”.

The “circles” Novalis envisages in his “combinatorial analysis” are inspired by the medieval ars combinatoria, whose ideas retained an attraction for German thinkers down to Leibniz and Kant. The concentric wheels that Ramon Lull devised as a tool for inventing new ideas also serve Novalis as a model, and provide him with a motor for recombining existing ideas to create new ones. This method is, incidentally, related to the ones which the late Mary Douglas traces with such passion in Thinking in Circles (2007). As Novalis writes:

"There exists a sphere in which every proof is a circle – or an error – where nothing can be demonstrated – that is the sphere of the developed Golden Age. This and the polar sphere also harmonize. I realize the Golden Age – by developing the polar sphere. I am unconsciously in [the Golden Age], insofar as I am unconsciously in the polar sphere – and consciously, insofar as I am consciously in both."

The encyclopaedic Bible inducts the reader into the Golden Age: man returns to the prelapsarian state by rearranging the totality of all knowledge, thereby achieving a higher, paradisal consciousness. Man’s intellectual versatility reflects the universality of his creator. Yet the construct, like the self, remains unstable:

"Philosophy disengages everything – relativizes the universe – And like the Copernican system, eliminates the fixed points – creating a revolving system out of one at rest."

Novalis musters a dazzling array of disciplines to constitute his Romantic Encyclopaedia including mathematics, mineralogy, medicine, law, economics and music. Everything he touches he illuminates. Yet the totalizing aesthetic has its risks, both in precipitate insights, and in aspects of his theory of the State, understood as a “spiritual being” comparable to God. To combat absolutism, however, the Romantic Encyclopaedia looks for Kantian limitations: “Resolution of the main political problem . . . . Are combinations of opposed political elements possible a priori?”.

The philosophy of magical idealism led inevitably to the practice of literature. When Novalis abandoned the Romantic Encyclopaedia, it was to write the poetry it preaches, the “art of transforming everything into Sophie – or vice versa”. The Hymns to the Night brilliantly exemplify the turn: the poem’s success stems in no small part from the way it illumines the poet’s grief and mystically resolves his problems by an exegesis of world history. It is the first modern panoptic lyric, unmatched in visionary compass before Eliot’s Waste Land and Rilke’s Duino Elegies. In The Novices at Sais, his fragmentary Bildungsroman, Novalis develops the conceit of encyclopaedic circles to educate its main character, thereby also showing how world history advances by the combinatorial progress of humanity. The novel stems from an infatuation and later disappointment with Wilhelm Meister’s Apprenticeship. Goethe may not have approved, but he listened. In Wilhelm Meister’s Travels, he likewise favours the scientific path for his central character, and adapts Novalis’s method to represent the circles (“Kreise”) that compose society. In so doing, he replaces the abstract ars combinatoria used by Novalis with a sociological principle, more in tune with his own novel’s social theory, which offers a peaceful alternative to the route later proposed by Marx: a revaluation of labour, to remove the alienation that might lead to revolution, and a new respect for collectivism as a value.

For a fragile moment around 1800, then, there was a balance between individualism and collectivity in German culture, recalling the “Symphilosophie” envisaged by Schlegel: “Perhaps a whole new era will begin in the arts and sciences if Symphilosophie and Sympoesie become so general . . . that . . . complementary natures produce collective works”. Goethe paid homage to this ideal, when he called his Faust an “être collectif”. Novalis’s Romantic Encyclopaedia translates this joint activity to the political sphere, as in an entry on “Theory of a Nation. Pedagogy of a Nation”, concerning the interdependence of individual and collective. The protean method of his Romantic Encyclopaedia underpins much of his writing, where the disarming negations, reversals and pirouettes dissolve the rigidities of linear thought into a supple, lyrical dialectic. Thus Novalis the advocate of the State can also conclude: “In many places States should not be established at all . . .”. Such provocations retain a startling topicality.

Bruce Donehower, editor
THE BIRTH OF NOVALIS
Friedrich von Hardenberg’s Journal of 1797, with selected letters and documents
159pp. State University of New York Press. $25.
978 0 7914 6969 9

Novalis
NOTES FOR A ROMANTIC ENCYCLOPAEDIA
Das Allgemeine Brouillon
Translated, edited, and with an Introduction by David W. Wood
290pp. State University of New York Press. $35.
978 0 7914 6973 6



Jeremy Adler's translation of Hoelderlin's philosophical essays will be published next year.