Montag, Mai 25, 2009
PROTAGORAS reclam 1708
Donnerstag, Mai 21, 2009
MENONd PHAIDON Seelenwanderung

mit Händen und Füßen und Vernunft vierkantig (PROTAGORAS, reclam 1708, S. 93)
Protokollantin: Lara Blank
Protokoll zur Sitzung am 18.5.09
1)Resümee der letzten Sitzung
Kurze Wiederholung zum Thema der letzten Sitzung: Seelenwanderung
Die Seele ist vollkommen und allwissend, weil sie Teil eines „Universum des Vollkommenen“ ist.
Lernen heißt, sich an das Wissen der Seele zu erinnern
Wenn Erinnern nicht funktioniert, dann hört der Mensch seiner Seele nicht zu.
2)Die Seelenwanderung im Phaidon
Der Dialog Phaidon entsteht nach Menon. Im Phaidon schildert Platon das letzte Zusammentreffen von Sokrates und seinen Freunden bevor dieser stirbt. In seinen letzten Stunden lässt Platon den Sokrates über die Seelenwanderung erzählen:
Sokrates „erweitert“ hier nun die Theorie der Seelenwanderung. Das heißt, er stellt ein dualistische Konzeption von Leib und Seele vor:
Solange Leib und Seele zusammen sind, torkelt die Seele und ist trunken von dem was sie sieht ( Zitat in Platon)
Das bedeutet:
Der Leib ist menschlich und auflöslich
Die Seele ist göttlich, unauflöslich, edel und rein.
Sie soll vor dem Leib fliehen und sich von ihm trennen und in die „Reine Geisterwelt“ übergehen, zu dem was ihr ähnlich ist. Das heißt zu den Göttern gehen, welche glücklich, froh und rein sind.
Ist die Seele aber mit dem Leib zusammengewachsen, dann ist sie befleckt und hat gesündigt. Das heißt sie hat sich aus der Götterwelt zurückgezogen.
Lust: Zustand in dem die Seele an den Leib festgenagelt ist. Sie sieht durch ihn und macht sich dadurch angreifbar.
Nur tugendhafte Menschen sind also glücklich, sie haben gelernt besonnen und gerecht zu sein und enthalten sich dem Vergnügen, dem Schandhaften und der Begierde (ihre Seele ist nicht in den Leib „gezogen“ worden). Diese Menschen erkennen, das die Philosophie sich ihrer Seele annimmt, dass Selbst betrachtet, Ratschläge gibt und sie erlöst.
Die Theorie der Seelenwanderung im Phaidon ist sehr fragwürdig und nicht ganz nachvollziehbar. Platon legt dem Sokrates Worte in den Mund, die man hinsichtlich Echtheit und Wahrheit bezweifeln kann.
3)Menon: Hypothesenargument zu „Gut sein“ (Reclam, Seite 53)
In diesem Argument geht es um die Frage, wie „Gut sein“ beschaffen sein müsste, um lehrbar zu sein. Sokrates versucht mithilfe von Geometrie eine Antwort auf diese Frage zu finden, was allerdings nicht so recht funktioniert.
Im folgenden Gespräch macht er einige fragwürdige Aussagen über das Gut sein:
„Ist man nicht durch Gut sein Gut?“
Gut sein ist Wissen => Gleichsetzung
Die Seele kann richtig leiten durch Einsicht, falsch leiten ohne Einsicht / Seele ist vollkommen ( Widerspruch)
Dienstag, Mai 19, 2009
KörperSeelenBild MENONd

ʾʿ ˜ Αα ά Ά Ββ Γγ g Δδd Εεέ Έ Ζζcz ΗηήΉ ee Θθϑ th Ιιί Ί ij Κκ 10 Λλ L Μμ Νν Ξξ ch Οοό Ό Ππ p Ρρ r Σ σϛ Ττ Υυύ Ύ 20 Φφ ph Χχ ch
Ψψ ps Ωωώ Ώ
Ψυχή Psyche
der Mensch hat Rundes im Eckigen
und nur das Ausgesparte bekommt keine Risse
Montag, Mai 18, 2009
PHAIDON 26.
über die seele(nwanderung)
- bitte text mitnehmen
(soweit zur hand)
Samstag, Mai 16, 2009
MENONc
1.Besprechung des Protokolls der 3.Sitzung
2.Einschub: Platon
3.Argumentationsverlauf Seiten 49 – 55
4.Seelenwanderung nach Sokrates (Platon, Menon, Reclam)
1.– In einer Welt ohne Geometrie wäre es schwer (bzw. geradezu unmöglich)die Aufgabe, die Sokrates stellt zu lösen. Bsp.: Sklave
-Gutsein (S.29): Sokrates verwirrt Menon mit einem nicht gültigen Schluss, seine Argumente werden nicht richtig ausgeführt (Ellision?).
Gutsein hat 4 Aspekte:
Ethisches Gutsein GUT
Ästhetisches Gutsein SCHÖN
Glücksseite GLÜCKLICH
Praktisches Gutsein LEBENSTÜCHTIG
2.Platon:
Wichtig für Platon war es, Sokrates zu einer bedeutenden Person zu machen. Platon fängt kurz nach dem Tod von Sokrates (ca.399 v.Chr.) an zu schriftstellern, mit ca. 30 Jahren gründet er eine philosophische Akademie nicht weit von Athen. Diese bleibt bestehen bis sie von Justinian im 6. Jhdt. für heidnisch erklärt und schließlich verboten wird.
In seinen Schriften vermengen sich Geschichte, Mythos und Logos, weshalb seine Thesen und Schlussfolgerungen nicht immer rational erscheinen.
Für Platon sagen Philosophen in ihren Dialogen je nach ihrem Gegenüber nicht immer dasselbe, sondern er unterscheidet zwischen Dialogen mit einem Freund, in welchen es um Wahrheit und Erkenntnis geht und der Eristik (Sophisten) bei welcher Diskussionen zur Streitkunst werden.
3.Argumentationsverlauf (S.49-55)
S. 49-51: Durch einfaches „vorzählen“ und teilen befragt Sokrates den Sklaven, dessen Seele sich mit Hilfe der Zeichnung im Sand erinnert und den geometrischen Sachverhalt erkennt.
Wir fragen uns: Hat der Sklave die Meinung, das Erkennen schon in sich obwohl er es vorher noch nicht wusste?( More geometrico)
Nein, denn Sokrates fragt alles und formuliert alles schon vor.
Unterschied von wahrer Meinung und Wissen. Die Befragung ist die Bewegung von der wahren Meinung(Doxa) hin zum Wissen/ zur Wahrheit.
S. 53-55: Woher hat der Sklave das“ Wissen“? Sokrates und Menon erkennen, dass der Sklave das Wissen bereits in sich gehabt haben muss (siehe 4. Seelenwanderung)
4.Seelenwanderung als Erklärung und versuchte Rettung von Sokrates‘ These
Mensch als "sublunares,körperliches Wesen"(das Eckige mit einer Blase von Rundem)
: wenn sie/er stirbt, kehrt die Seele zurück in die "himmlische" Dimension des Vollkommenen
Seele: unkörperliches Einsprengsel (verbildlicht als Rundes im Eckigen) - überdauert die einzelnen Menschen und vermittelt durch ihr Pendeln zwischen zwei Sphären den Zugang von Menschen zum Wissen
Die Dimension des Vollkommenen (D.d.V.) beinhaltet alle Seelen, die es gibt, bzw.: alle Seelen, von ungeborenen oder gestorbenen Menschen. Sozusagen alle Seelen, die im Moment „nicht gebraucht werden“. Wenn ein Mensch geboren wird, so wandert eine Seele in diesen Menschen und bleibt dort bis er wieder stirbt, woraufhin sie in die D.d.V. zurückwandert und darauf „wartet“ in einen neuen Menschen zu schlüpfen, der geboren wird.
Was die Seelen anbelangt sind diese vollkommen, d.h.: sie „wissen“ alles, sie können nichts dazulernen (müssen sie ja auch nicht), sie können aber auch nichts vergessen.
Wenn Sokrates jetzt fragt, ob der Sklave die wahre Meinung schon „in sich“ hatte, so spielt er darauf an, dass der Mensch durch die Seele ja theoretisch alles weiß. Und hier kommen wir zum „sich erinnern“. Denn wenn der Mensch etwas nicht weiß, so liegt das nur an der Erinnerung, bzw.: der „Nicht-Erinnerung“, der Mensch hört in dem Fall der Seele nicht zu.
Mittwoch, Mai 13, 2009
Griekekrakel
Λλ L Μμ Νν Ξξ ch Οοό Ό Ππ p Ρρ r Σ σϛ Ττ Υυύ Ύ 20
Φφ ph Χχ ch Ψψ ps Ωωώ Ώ
alfa beta gamma delta epsilon (psilon=klein, kurz) zeta eeta ijota kappa lamda mü nü chi omikron(mikro=klein, kurz) pi sigma tau ypsilon phi (losophie) chi psi omega (mega=groß, lang)
und umgekehrt, vom ABC aus gegliedert:
Aα Bβ C=Z Dδ Eε Fφ Gγ Hʿ I+Jι 10 Kκ Lλ Mμ Nν Oωo Pπ Qnot Rρ Sσϛ Tτ 20 Uoυ Vnot Wnot Xξ Yυ Zζ
Dienstag, Mai 12, 2009
zu Pytagoras kein Kommentar
PYTHAGORAS SAMIOON (P. aus Samos)
Zu seinen Lebzeiten war Pythagoras umstritten; seine politischen Aktivitäten schufen ihm Gegner, und sein Zeitgenosse Heraklit kritisierte ihn scharf. Heraklit bezeichnete ihn als „Oberschwindler“ (kopídōn archēgós) und warf ihm „Vielwisserei“ vor, die Pythagoras ohne Verstand praktiziere, also bloßes Ansammeln von Wissensstoff ohne wirkliches Verständnis.[69] Heraklit lebte in Ephesos in Kleinasien, also lagen dort damals bereits Nachrichten über das Wirken des Pythagoras in Italien vor. Ein anderer Zeitgenosse, der in Italien tätige Philosoph Xenophanes, gehörte ebenfalls zu den Gegnern.[70] In einigen Quellen findet sich ein Nachhall der politischen Konflikte; da ist davon die Rede, Pythagoras und seine Schüler hätten eine Tyrannis angestrebt.[71]
Das Urteil der antiken Nachwelt fiel jedoch fast einhellig sehr günstig aus. Nur gelegentlich wurden einzelne religiöse Ansichten des Pythagoras ironisch erwähnt.[72] Empedokles spendete hohes Lob,[73] Herodot und Platon äußerten sich respektvoll. Auch der einflussreiche Geschichtsschreiber Timaios von Tauromenion hegte offenbar Sympathie für Pythagoras.[74]
Um 430–420 wurden in der Stadt Abdera in Thrakien Münzen mit dem Bildnis und Namen des Pythagoras geprägt. Das war eine für damalige Verhältnisse einzigartige Ehrung für einen Philosophen, zumal Abdera nicht seine Vaterstadt war.[75] Dies dürfte damit zusammenhängen, dass der Philosoph Demokrit aus Abdera stammte und damals dort lebte. Demokrit war erheblich vom Pythagoreismus beeinflusst.[76]
http://de.wikipedia.org/wiki/Pythagoras
Donnerstag, Mai 07, 2009
MENON b
3. Sitzung, 04.05.09
Protokollantin: Jennifer Hahn
1) Vertikalspannung
2) Parallelität zwischen Leidensgeschichten
3) Wiedergeburt und Unsterblichkeit der Seele
4) Argumentationsverlauf Seiten 25-49
( Platon Menon, Reclam)
1) Vertikalspannung
Die Sitzung wurde mit einem Auszug aus Peter Sloterdijks Buch 2008: "Du musst dein Leben ändern" begonnen. In diesem Auszug sprach Sloterdijk, wie auch in seinem gesamten Buch von Übungen, Trainings, Exerzitien, Askesen und Athletiken, sowie von einem vertikalen Zug. Diese "Vertikalspannung ist eine metaphysische Kraftlinie, ein unsichtbares Gerät, an der wir unser Dasein übend, wiederholend, ausrichten. Menschen sind prinzipiell dazu verurteilt, sich übungstechnisch, spirituell asketisch oder athletisch, oder modern anthropotechnisch in diese Vertikale einzuüben, die ihn im günstigen Fall gelingend aufsteigen lässt und im schlechten Fall unter die Grasnarbe bringt."
( http://timboso.wordpress.com/tag/menschen/ )
2) Parallelität zwischen Leidensgeschichten
ARS MORIENDI – SterbensKunst als Abschluss der Lebenskunst
Weiter ging es mit der Betrachtung/ Überlegung über die Parallelität zwischen Tod des Sokrates und Jesu Leidensgeschichte, vgl. Sloterdijk 2008, 315ff
So stellt der Tod die stärkste Bewährungsprobe da, weil er den Menschen in eine Passivität drängt und ihn dazu nötigt, mit Schrecklichem eins zu werden.
In diesem Zusammenhang wurde herausgestellt, dass die Askese
(gr. ασκησις askesis, von ασκεω askeo „üben“, „sich befleißigen“), einen zentralen Terminus in der antiken Philosophie darstellt.
Indische Völker, die den Suizid bevor ziehen, wenn das Leben länger geht, als ihre Ehre, könnten dadurch eine Emanzipation aus „der Tyrannei des Todes“ erlangen, da sie quasi aus der Passivität ausbrechen.
So auch in den Passionsgeschichten Jesu und Sokrates, in denen das "müssen" in "können" umgewandelt wird- der Verurteilte nimmt das Urteil auf und kooperiert damit.
Dies wurde durch den Dialog zwischen Sokrates und Kriton deutlich, in dem „die Gesetze“ sagen: Du ,Sokrates, bist nie auf Reisen gegangen , da du Athen bevorzugtest, weshalb er auch den Tod der Verbannung vorzog. Sie fordern ihn auf, seinen "Weg zu beenden", da er nun 70 Jahre Zeit hatte zu gehen und dennoch blieb und weil die Menschen "Tugend und Gerechtigkeit" mehr achten müssen, als sonst etwas.
Dass Sokrates "seinen Weg beenden" möchte, darin kann man eine Parallele zu Jesus ziehen (430 Jahre später), der am Pfahl sagte: "Es ist vollbracht".
3) Wiedergeburt und Unsterblichkeit der Seele
An dieser Stelle wurde diskutiert, ob es dieses Phänomen überhaupt gebe, was uns wiederrum zu der Frage führte, was dies eigentlich bedeutet.
→Ein Leben in einer anderen Welt?
Eine „andere Existenz“- würde es dann einen Unterschied zwischen Seele 1 und Seele 2 geben oder wäre es dieselbe Seele und nur ein „anderes Sein“?
Diese Überlegungen führten zu einem weiteren philosophischen Problem und zwar, dass der Begriff „Welt“ einen Überbegriff darstellt unter den „alles“ fällt, da es demnach nur eine Welt gibt.
Ein weiterer Exkurs führte nach Australien, dort gibt es die Vorstellung vom Existieren von Seelen in einer „Traumzeit“ in die man durch bestimmte Rituale eintauchen könne („Supermarktbeispiel“ : black fellers träumen die Geburt eines Kinds, dessen Seele Kontakt aufnimmt)
5) Argumentationsverlauf ab Seite 25-49
Zu dem Argumentationsverlauf kommt es eigentlich ja erst dadurch, dass Sokrates Menon in ein Gespräch zieht ( zwischen S. 18 und 20), obwohl dieser nur eine Auskunft von Sokrates wollte. Doch anstatt zu antworten gebraucht Sokrates die Ausrede, dass sein Gedächtnis so schlecht sei und Menon ihm erst einmal Gorgias Meinung sagen solle. Es folgen fünf Erklärungsversuche seitens Menon.
Schließlich kommt Menon zu dem Schluss:„Gutsein“ bedeute sich Gold und Silber zu verschaffen (Seite 29). Auf die Frage hin, ob es einen Unterschied mache, ob man sich dies auf gerechte Weise verschaffe oder nicht, kommt Menon noch zu der Ergänzung, dass „Gerechtsein, Besonnensein und Frommsein oder ein anderer Bestandteil von Gutsein mit dem Verschaffen verbunden sein“ müsse.
Es wird eine Elision (Auslassung) gemacht.
So wird keine Unterscheidung zwischen „gutem für mich“ und „gutem für andere“ gemacht. Dies lässt schließen, dass „Gutes“ und „Schlechtes“ einstellig sind.
DOCH: „Etwas ist gut für eins und fraglich für zwei“
Zudem wird eine Unterscheidung zwischen „wollen“ und „begehren“ gemacht (es trat die Frage nach einem Übersetzungsfehler in Menon auf).
Demnach könne man „wollen“ auch in dem Sinne verwenden, dass man etwas für andere „will“. „Wollen“ wäre zudem ein „Willensbildungsprozess“, also ein Abwägen von verschiedenen Möglichkeiten.
Der Ausdruck „begehren“ beziehe sich vielmehr auf sich selbst, also man „begehrt“ etwas für sich (nicht nur Dinge, sondern auch Verhältnisse ( „Ich begehre deinen Tod“)).
Daran wird ersichtlich, dass diese Begriffe unter Umständen ein „Einführen“ in den Kontext benötigen, um sie „gut“ verwenden zu können.
4 Aspekte von „Gutsein“ sind:
- die ethische Seite (Gerechtigkeit)
-die ästhetische Seite (Gute (Menschen) sind schön)
-die Glücksseite ( Gute sind glücklich)
- die praktische Seite (wer gut ist, ist lebenstüchtig)
Doch wer sagt, dass Platon die Dialoge auf höchster Stufe formuliert hat? Halten doch Philosophen je nach Gegenüber auch Einsichten zurück.
„Es muss nämlich nicht immer alles auf höchster Überzeugungshöhe sein“. Einen Dialog ohne Lösung des Problems nennt man „aporetischen Dialog“.
→Von Aporie =griech. ἀπορία, Ratlosigkeit, von gr. ho πόρος, der Weg, a-poros eigtl. „Ausweglosigkeit“
In diesem Dialog versucht Sokrates in seinem Gegenüber, durch seine
( Sokrates) geschickte „Hebammenkunst“, etwas „aufleuchten“ zu lassen. Sokrates führt seine Gesprächspartner also absichtlich in die Aporie, um sie so auf die Suche nach Wahrheit (griech. ἀλήθεια) zu leiten.
So verwirft Sokrates eine Antwort von Menon auf die Frage, was „Gutsein“ bedeute, da in dieser Antwort ein Bestandteil von „Gutsein“, was noch nicht bestimmt wurde, verwendet wird (Seite 32/33).
Sokrates baut nun auf Seite 35 einen eristikós lógós =έϱιστικòς λόγος ein. Eine Rede in der es durch Verschiebung von Begriffen auf den Sieg ankommt, also quasi besteht solch eine Rede darin, andere „an die Wand“ zu reden.
Im letzten Drittel von Seite 35 kommt es zum „Bruch“, indem Sokrates von „Männern und Frauen“ spricht, die sich „in göttlichen Dingen auskennen“.
(Daraus besteht später auch die Anklage gegen Sokrates, nämlich dass er neue Götter einführe. (Die Athener gingen nicht von Seelenwanderung aus) Anytos, ein wohlhabender Anführer der wieder an die Macht gekommenen demokratisch-konservativen Partei, war Ankläger in diesem Prozess.)
Jedenfalls gibt es laut Sokrates Leute, nämlich Priester und Priesterinnen, die Dinge begründen können (Seite 35/37). So vertreten diese auch die Meinung „ die Seele des Menschen sei unsterblich“ (Seite 37), weshalb man ein möglichst frommes Leben führen sollte. Wenn dies nicht der Fall gewesen sein sollte, würde man ins „Fegefeuer“ kommen, aus dem man erst von Persephone (der Göttin der Unterwelt) freigelassen wird, wenn man für seine Fehler genügend Buße geleistet hat.
So kommt es allerdings auch dazu, dass die Seele „alles hier und im Hades geschaut hat“ (Seite 37).
Hieraus schlussfolgert Sokrates, dass „das Suchen und das Lernen Wiedererinnerung“ seien( Seite 37).
Dies versucht er anhand eines Sklaven von Menon zu beweisen, indem er diesen in eine Situation führt (wie zerlege ich ein Quadrat?), um ihn „nicht zu belehren“, sondern (an sein Wissen) wiederzuerinnern.
→“innate ideas“: Menschen bringen „etwas“ mit, damit sie erkennen können
Mittwoch, Mai 06, 2009
Σο γητ δας
in open office
Einfügen
Sonderzeichen
BasicGreek
Dienstag, Mai 05, 2009
Liebend / Geliebt PLATON
Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße,
Birgit Wagner
Mittwoch, April 29, 2009
Sokrates 2 (27.4.09) MENON a
xenos
eidos
sofia
’ kalos k´agathos
arete
chaire
(Freut Euc!)
- wie ging das, hier griechische Buchstaben zu sehen?
Platon ‚Menon’ bis Seite 27.
in: reclam 2047
Gliederung:
1.Übersicht über die bisher im Text aufgeführten Personen
/ Namen - Erläuterung
2.Argumentationsverlauf
1. Übersicht:
- Menon von Pharsalos, geb. 422 v. Chr. war ein thessalischer Adeliger wohlhabender Familie, Sohn des Alexidamos, der aus Larisa stammte. Er wuchs während des Peloponnesischen Krieges auf und führte nach diesem Krieg in persischen Diensten als Feldherr eine griechische Söldnerschar. Er war auch bekannt als Gesprächspartner Sokrates. Mit ca. 22 Jahren wurde er in der persischen Haupstadt Susa enthauptet.
- Gorgias aus Leontinoi auf Sizilien gehörte zu den Hauptvertretern der Sophistik; er war Gelehrter und Redner
- Aristipp, gen. Aristíppos von Kyrene, war griechischer Philosoph und jüngerer Zeitgenosse des Sokrates. Er gilt als der Begründer der kyrenaischen Philosophenschule / Hedonismus. Er erzog seine Tochter zur Philosophin
- Prodikos von Keos war Zeitgenosse von Sokrates und Protagoras und er war ein griechischer Humanist der frühen Sophisten, auch „Vorreiter des Sokrates“ genannt.
- Protagoras, ein Vorsokratischer Philosoph der Antike, zählt zu den bedeutensten Sophisten. Da er verurteilt wurde, befand er sich auf der Flucht; all seine Schriften wurden vernichtet.
- Empedokles stammte aus einem Adelsgeschlecht in „Magna Graecia“ (Süditalien) und schlug es aus, König zu werden. Er war ein seltsamer Mensch, teils Reinigungspriester, Mysthiker und Seher, teils Wanderprediger und Wundermann, aber auch Dichter, Politiker, Arzt und nüchterner Wissenschaftler. Seine Zeit erlebte ihn als Ereignis, wie ein Gott ging er durch die Welt. Laut Legende ist er ca. 435 v. Chr. barfuß in den Krater des Ätna entschwunden.
- Pindar (greich. Pindaros) war ein griechischer Dichter, der einer adligen, weltoffenen Familie entstammte.
In der Besprechung kurz erwähnt / zu: Mysterien Eleusis:
- Hades („der Unsichtbare“), bezeichnet in der griech. Mythologie den Ort der Toten, die Unterwelt, und zugleich den Herrscher derselben, den „Gott der Unterwelt“ lat. PLUTO.
- Persephone (bed. „Welche beim Dreschen die Garben schlägt“) ist in der griech. Mythologie eine Fruchtbarkeits-, Toten- und Unterweltgöttin. Sie ist Tochter des Zeus und seiner Schwester Demeter und trägt oft den Namen „Kore“ (=Mädchen). Sozusagen die Fortsetzung der "Kore" ist Demeter und ihre Fortsetzung Hekate (alte Frau). = 3 Stadien der dreieinigen "Großen Göttin" des Mittelmeerraums und darüberhinaus.
2. Argumentationsverlauf:
Das Thema der Diskussion zwischen Sokrates und Menon ist „das Gutsein“, teils auch die Tugend und die Tüchtigkeit.
Auf der ersten Seite fragt Menon Sokrates, ob das man Gutsein lehren oder einüben könne. Hierzu haben wir festgehalten, dass man sich unter „einüben“ etwas praktisches vorstellt, man übt etwas, indem man es immer wieder tut, man trainiert es, wogegen „lehren“ eher theoretisch ist, da man daran denkt, dass jemand etwas vorträgt. Natürlich gibt es auch andere Verstehensweisen des Unterschieds von „lehren“ und „einüben“. Im Zusammenhang dessen wird gefragt, ob man „gut“ von Natur aus sein kann. „Die Natur“ heißt auf griechisch „physis“ bzw. „physei on“ – „das von Natur aus Seiende“. Was jedoch des Menschen Natur ist, ist umstritten.
„Fremder“ – im griechischen (Xenos) – kann auch „Gast“ bedeuten.
- Da SokratesΣΩΚΡΆΤΗΣ vorgibt, nicht einmal zu wissen, was „Gutsein überhaupt ist“(6. Seite, Ende 2. Absatz), fordert er Menon auf, es ihm zu erklären. Er versucht es zuerst mit der Definition des „Gutsein des Mannes und der Frau“, die angeblich „gut“ seien, wenn sie ihre Aufgaben in der Gesellschaft erfüllen; der Mann in der Politik und als Beschützer vor dem Schlechten und die Frau im Haushalt und als Untertanin des Mannes. Mit Kindern und älteren Menschen verfährt er ähnlich. Menon denkt, dass es einfach viele Arten von Gutsein (auch von Schlechtsein) gebe und für jeden von uns die richtige bzw. die entsprechende dabei wäre.
-Sokrates will aber nicht die verschiedenen Arten des Gutseins wissen, sondern nur die eine, in der sie alle gleich sind, ihren Grundcharakter (vgl. S. 9, unten) (Grundcharakter meint die (Grund)Idee, das Bild, griech. „“ [Eidos]). Er hält fest, dass alle Menschen auf dieselbe Weise gut sind, und wenn sie dasselbe haben, auch gut werden (vgl. S. 13. Zeile). Von diesem Standpunkt aus soll Menon es noch einmal versuchen.
- In seinem zweiten Anlauf versucht Menon es mit der Aussage: „Gutsein ist, über andere Menschen [gerecht aber nicht ungerecht] zu herrschen“ (vgl. S. 13, mittig). Er ist sich aber unsicher, ob es Gutsein an sich ist oder (nur) eine Art von Gutsein. Also wagt er es erneut und sagt: „Ich finde Tapfersein ist ein Gutsein, Besonnensein, Weisesein und Großzügigsein, und noch vieles anders ist es auch“ (S. 15, oben). Ist tapfer = gut ?
Im Gespräch wurde gesagt, dass wir unter „Tapferkeit“ eher so etwas wie „angepasst sein“, „gut erzogen“ verstehen, z.B.: wenn ein Kind nicht weint, wenn es beim Zahnarzt ist. UND: Weisheit übersetzt „Sofia“, griech.: - . ist gut, wer weise ist?
- Auch Sokrates akzeptiert diese dritte Antwort nicht, weil wieder nur Arten von Gutsein aufgeführt würden, aber nicht „das Gutsein an sich“ bestimmt wird. Es sei schwer, das Eine herauszufinden, das sich durch alle verschiedenen Arten (als ein Gleiches) durchhalte.
ΣΩΚΡΆΤΗΣ versucht, Menon mit einem Beispiel über Figuren und einem anderen über Farbe auf die Sprünge zu helfen und gibt schlussendlich selbst eine Definition über das Wort >Figur<. Figur ist, „Was als einziges von allen Dingen immer mit der Farbe einhergeht“ (S. 19, oben) und „Figur ist die Grenze des Körpers“ (S. 21, oben).
Zu Sokrates Zeit war „more geometrico“ (lat. „auf die Art der (euklidischen) Geometrie“) Philosophiren noch kein Begriff, aber wir haben hier ein Beispiel, wie Platon hierfür ein Vorbild liefert. In verschiedenen Ausbildungsstätten für Philosophen wurden auch Kenntnisse der Geometrie vermittelt. Als Recheninstrumente gab es Lineal und Zirkel.
Es wird festgehalten, dass es sinnvoll ist, eine Frage mit Worten zu beantworten, die der Andere auch verstehen kann, die er kennt bzw. die bereits erwähnt oder „eingeführt“ wurden. Ist dann jemand anderer Meinung als die genannte Antwort, so sei es an ihm – laut Sokrates – „Rechenschaft zu fordern und es zu widerlegen“ (S. 19, mittig).
- Inzwischen redet Sokrates über Flächen, Farben, Ausströmungen und Sehvermögen und er kommt zu der Definition der Farbe: „Farbe ist nämlich eine Ausströmung der Figuren, die vom Sehvermögen angepasst und dadurch wahrnehmbar ist“ (S. 23, oben). Angeblich könne man nun anhand dieser Aussage eine Aussage über ähnliche Dinge dieser Art, etwa Ton oder Geruch, treffen. Nun soll Menon endlich die Definition für „Gutsein“ aufstellen.
- Menons 5. Versuch: „Ich meine dann, Gutsein ist, wie der Dichter sagt, ‚sich an dem Schönen zu freuen und dessen mächtig zu sein’“ (S. 23, letzter Absatz). Die Diskussion kommt auf das Thema, etwas Gutes oder Schlechtes zu wollen.
- Sokrates hält am Ende fest, dass es niemanden gebe, der Schlechtes wolle, da ja keiner bedauernswert und unglücklich sein wolle. „Denn was anderes heißt denn >bedauernswert sein<, als Schlechtes zu wollen und zu bekommen“. Abschließend antwortet er auf Menons zuvor aufgestellte These: „Gutsein ist, Gutes zu wollen und sich verschaffen zu können“, dass jeder Mensch dieses Wollen in sich hat und sich dadurch keiner vom anderen unterscheidet. Also könne es auch nicht das sein, was das Gutsein ausmacht, bzw. was es definiert. Menon stimmt ihm zu.
An dieser Stelle haben wir die Stunde beendet . Fazit ist, dass Menon quasi immer noch am Anfang steht (wir auch ;-) ) und bisher noch nicht klären bzw. erklären konnte, was denn nun „Gutsein“ bedeutet.
3 griechische Wendungen, die wir noch aufgeschrieben haben:
’ [Kalos K’agatos] = schön & gut (doch: positiv gemeint)
[aretè] = „ gut sein!“ Tüchtigkeit – Thema (später beigefügter Untertitel des MNN)
[Chaire] = freu dich! (Freut Euc!)
Dienstag, April 21, 2009
Uni Konstanz MO 16 h in G 304
> Guten Morgen,
>
> Wenn Platon seine Akademie 387 ante gründete und ...427 ante geboren wurde, war er beim Tod des Sokrates 28 (damit knapp älter als die Studis im Sokrates-Seminar) und bei der Gründung bereits 40 Jahre alt.
Protokolle (red.) in
www.feigenblaetter.blogspot.com
Seminar: Sokrates
1.Sitzung, 20.04.09
Protokollantin: Judith Rothenberger
Verschiedene Philosophische Einstellungen:
Empirismus
Rationalismus
Skeptiker
Stoiker
Agnostiker
(hier brachen wir ab / kein Anspruch auf Vollständigkeit)
Inwiefern kann man SOKRATES den ersten Philosophen nennen?
Es gibt ja „Vorsokratiker“ (Jaap Mansfeld, vgl. reclam 7965, p9): „Die Bezeichnung „V...“ hat keine tiefe, sondern nur eine konventionelle Bedeutung“ seit den 1920ger Jahren. „Es sei ... gestattet, darauf hinzuweisen, dass es Vorsokratiker gegeben hat, die Zeitgenossen des ΣΩΚΡΆΤΗΣ waren“ (p10). ÜBERWEG 1998,p87:"Im weitesten Sinne gehören der Sophistik alle Denker an, die am intellektuellen Leben in Athen von etwa 450 ante bis nach 380 ante beteiligt waren."
Die frühe Philosophie war wie Dichtung, sie wurde in kurzen, gereimten Kurztexten überliefert (Gnomen). Erst die Sophisten hielten lange, ungereimte Reden und verwandten dabei vermutlich schon "Mnemotechniken" (wie mind maps): dabei denkt der Redner sich Bilder aus, wenn er die Rede konzipiert, aber beim Vortrag schaut nur der sprechende (innerlich) aufs Bild. die anderen hören nur die freie Rede ...
Welche Einstellung vertrat wohl ΣΩΚΡΆΤΗΣ ?
Sicher gibt es einen kräftigen Schuss Rationalismus: dem im Gespräch sich als stärker erweisenden Argument will er folgen. War Sokrates Agnostiker - oder war er auf besondere Weise "fromm" (Prof. Figal/ Fbg)?
Was sind Agnostiker? Was unterscheidet sie von A-Theisten?
Er behauptet ja (in der Darstellung von Platon) „vom Gotte“ (Apoll) dazu beauftragt zu sein zu prüfen: Wissen oder nicht?
(Seine Mutter war Hebamme, sein Vater -und wohl zunächst auch er- Steinmetz.) Er schrieb weder, noch las er. Er diskutierte öffentlich - auf den Straßen und Plätzen Athens. War er ein Sophist? Wie unterschied er sich? (sesshaft und gratis philosophierend - reichen diese Unterschiede?
Manche fühlten sich durch die Zweifel-Fragen ausstreuenden „Sophisten“ gestört und es wurden auch andere wegen Jugendverführung und Blasphemie (Gotteslästerung) angeklagt und verurteilt, so der gut verdienende Protagoras (411 zum Tod verurteilt, der sich der Vollstreckung durch Flucht auf einem Schiff entzog) und Aspasia (410 in Athen hingerichtet).
So wurde auch Sokrates ca. 400v.Chr. von drei Personen wegen Gotteslästerung angeklagt.
"Sokrates tut Unrecht, indem er nicht an die Götter glaubt, an die die Stadt glaubt, sondern andere, neue dämonische Wesen einführt; außerdem tut er Unrecht, indem er die Jugend verdirbt."
Er wurde wegen Religionsfrevels / AS´EBEIA (zu Unrecht?) verurteilt, sagte aber, dass er lieber sterbe als ohne öffentliches Philosophieren am Leben zu bleiben. Denn ist das ein Leben?
In Platons wenige Jahre späterer ( & vor Gründung der Akademie verfasster) „Apologie des Sokrates“ (Reclam 8315) spricht Sokrates zu den ‚Männern von Athen’, darunter seine Ankläger: (Anmerkung: Apologie: altgriech.: apología für Verteidigung, Rechtfertigung, = Verteidigungsschrift)
"In seiner Apologie des Sokrates stellt Platon einen wesentlichen Punkt der Haltung seines Sokrates dar. Die Apologie kann somit sehr gut als Einführung in Platons Werk dienen. Für die Einschätzung des historischen Sokrates ist sie jedoch mit Vorsicht zu genießen. Platons Sokrates sagt: „Offenbar bin ich (...) um eine Kleinigkeit weiser, eben darum, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.“ - Allerdings bleibt Platons Sokrates in den reiferen Dialogen an diesem Punkt niemals stehen, sondern dieser Punkt ist der Anfang zu einem neuen, einem besseren Wissen. Es darf angenommen werden, dass diese Haltung weit mehr von Platon stammt, als dass sie von dem wirklichen Sokrates entlehnt sei. Bei Platon ist jedenfalls die Erkennbarkeit der Welt und das Wissenkönnen nicht geleugnet. Platon ist nicht identisch mit seiner Kunstfigur, dem Sokrates. Außerdem sind die Aussagen, die Platon in seinem Werk trifft, grundsätzlich didaktischer Natur. Es geht immer eher um eine Haltung oder ein Prinzip als um Tatsachen oder eine abgeschlossene Theorie.
Platon stützt die häufig wiederholte These, der Prozess sei eine Rache vieler Beleidigter gegen Sokrates gewesen, weil dieser den Athenern in vielen Gesprächen ihre Fehler und Schwächen aufzeigte. Mit großer Wahrscheinlichkeit war das so, aber man darf ebenfalls nicht vergessen, dass Athen das Pflaster politischer Kämpfe war und gerade aus dem Umkreis von Sokrates viele Personen kamen, die der bestehenden Ordnung Athens die Existenzberechtigung absprachen und vielfach mit Sparta in Bündnissen standen. Es ist also durchaus vorstellbar, dass der Prozess gegen Sokrates sozusagen ein Stellvertreterprozess war." http://de.wikipedia.org/wiki/Apologie_(Platon)
Die 501 gewählten LaienRichter erkennen auf schuldig. Sokrates diskutiert, welchen Antrag zum Strafmaß er vorbringen solle, welche Strafe er sich selbst zusprechen solle. (Was im damaligen Athener Prozessrecht offenbar so vorgesehen ist: "Das athenische Rechtssystem sah vor, dass zunächst über die Frage der Schuld entschieden werden musste und anschließend über die der Strafe. Die Apologie des Platon gliedert sich demnach in drei Teile: in eine Verteidigung gegen die Anklage, in eine Rede zum Strafmaß und eine abschließende Intervention seitens Sokrates, nachdem die Todesstrafe verkündet worden war." wikipedia)
„Dem Haufen“, den Vielen, aus denen sich eine/r in dem Moment hervorhebt, in dem sie/er Philosoph wird, liegen am Herzen Dinge wie Geld, eine Feldherrenstellung oder Reden vor dem Volk. Diese Vielen fürchten den Tod als Übel. Aber ist er das?
Als "nur gerecht und billig" für sein Tun hielte er den Freitisch im Regierungsgebäude.
Ob er ein Übel für sich beantragen solle? Das wäre z.B. ein Aufenthalt im Gefängnis, oder eine Geldbuße, die er aber im Gefängnis absitzen müsste, denn er hatte ja kein Geld. Oder soll er als Strafe die Verbannung anordnen? Dem würden die Kläger wohl stattgeben. Aber Sokrates könnte in einer Verbannung nicht leben, zu der Zeit des Prozesses war er schon ca.70 Jahre alt. Und er liebte das Philosophieren in „seiner Stadt“. Er hinterlässt den Eindruck eines alten, unbeugsamen Philosoph, er hat ein langes, reiches Leben hinter sich mit vielen guten Gesprächen.
So wurde er 399ante durch den Schierlingsbecher hingerichtet, einem Gemisch aus Wasser, (Wein?) und Schierling in einem großen Becher. Dies bewirkt Lähmung, von den Füßen ausgehend - bis man schließlich erstickt. Es ist wohl möglich, bis zuletzt sich mit Freunden zu besprechsen.
Platon (427-s347 ante) gründet die Philosophenausbildungsstätte „Akademie“ im Jahre 387 in Athen. Sie hat bleibenden Einfluss. Durch die überragende Rolle eines in Platons Dialogen auftretenden scharfsinnigen und vorbildlichen Philosophen namens ΣΩΚΡΆΤΗΣ wird Platons Lehrer und literarische Hauptfigur zum ersten und typischen Philosophen - in Abgrenzung von "Vorsokratikern" (frühen Naturphilosophen ("Sophoi") oder - Sophisten).
Nietzsche sieht hingegen in Sokrates den Zerstörer dessen, was an Griechenland wichtig ist.
Hinzugefügt:
Noch zu Lebzeiten wurde ΣΩΚ, stadtbekannte Figur, vom Komödiendichter Aristophanes als Wolkengucker (423ante ff/ ÜBERWEG 1998,p143) auf die Schippe genommen - dies bediente und befestigte ein Vorurteil gegen Philosophen/Intellektuelle überhaupt... Die Saat (eine Verunglimpfung) ging wiederholt (s.o) auf - tödlich. Der Ausspruch, er könne das schwächere Argument zum stärkeren machen, (zugespitzt: aus Unrecht Recht) trifft eher auf Protagoras zu.
Platon seinerseits gibt Aristophanes im "Symposion" (Gastmahl, um 380ante) die dankbare Rolle des Erzählers des Mythos von den runden Doppelmenschen - Grund für drei erotische Orientierungen.
Hat viel gefehlt, und wir wären statt Christen - Sokratisten geworden?
Nächste Lektüre für das Seminar: Platon, Menon
Sonntag, April 19, 2009
Sokrates Philosophos

die leute in athen müssen ihn als einen der zahlreichen sophisten wahrgenommen haben. dass man/frau wegen gotteslästerung etc. rund 400 jahre vor unserer zeitrechnung ("ante") verurteilt werden konnte, war ebensowenig einzelfall -Roth/Staude p.67- wie später kreuzigungen.
wer gerade peter sloterdijks "du musst dein leben ändern" 2009 zur hand hat, lese 316ff zur urszene
in platon fand sich ein student, der systematisch in seinen dialogen ansetzte bei dieser szene und den Tod des sokrates, der auch züge eines Freitodes hat, als beginn der Philosophie und der abgrenzung von ihrem sophistischen hintergrund setzt.
Sonntag, Januar 25, 2009
Antiphon & Sisyphos in Korinth

maerchen.net / ΜΥΘΟΣ
Sisyphos
Sisyphos , der Erbauer der herrlichen Stadt Korinth, hielt sich für den listigsten der Sterblichen und scheute sich deshalb nicht, des Göttervaters Zorn auf sich zu ziehen.
Als Zeus die liebliche Nymphe Aigina entführte, verriet Sisyphos ihn aus schnödem Eigennutz dem Vater der Geraubten, dem Flußgott Asopos, der ihm dafür aber versprechen musste, in der Felsenburg der Stadt Korinth (Akrokorinth) eine Quelle entstehen zu lassen.
In seinem Unwillen zögerte Zeus nicht, den Verwegenen zu bestrafen. Thanatos, der Tod, erhielt den Auftrag, den Korintherkönig in den Hades zu führen.
Sisyphos wusste jedoch den ungebetenen Sendboten des Göttervaters zu überlisten und legte ihn in Fesseln, so dass niemand auf Erden mehr sterben konnte, bis Ares kam. Er befreite den Todesgott, der den fürwitzigen König nun ins Reich der Schatten führte.
Indessen wusste Sisyphos mit neuer List seiner Haft im Totenreich zu entgehen. Ehe er in die Unterwelt hinab stieg, hatte er der Gattin streng untersagt, seiner abgeschiedenen Seele die Totenopfer darzubringen. Daher ließen sich Hades und Persephone schließlich bereden, ihn noch einmal zu beurlauben, um auf diese Weise die säumige Gattin an ihre Pflicht zu mahnen.
Der listige Sisyphos dachte aber nicht daran, in die Unterwelt zurückzukehren, und lebte wieder wie vorher unbekümmert und in Freuden.
Doch Zeus' Geduld war nun endgültig erschöpft. Wiederum sandte er den Thanatos, und diesmal half dem König keine noch so klug erdachte List. Während er beim üppigen Mahle saß, kam der Tod, und unerbittlich wurde Sisyphos in die Unterwelt geschleppt.
Dort traf ihn die Strafe. Einen schweren Marmorstein mußte er mit großer Kraftanstrengung einen Hügel hinaufwälzen. Sobald er glaubte, das Ziel erreicht zu haben, entglitt der tückische Stein seinen Händen und rollte den Hang hinunter in die Tiefe. Immer wieder musste Sisyphos unter unsäglichen Mühen ans Werk gehen, doch immer wieder blieb ihm der Erfolg versagt.
ΛΌΓΟΣ
Nach UEBERWEG 2/1 Philosophie der Antike, SOPHISTIK+SOKRATES+SOKRATIK,
§9. Kritias aus Athen - soll der Besuch von Thanatos bei SISYPHOS anders abgelaufen sein. Kritias (oder Euripides?) verfassten ein Satyrspiel, pp. 82f : „Ein schlauer und gedankenreicher Mann“ erfindet die Furcht vor den Göttern (und damit diese selbst).
Der Erfinder der Religion führte diese als Täuschung ein, er verhüllte mit lügnerischen Worten die Wahrheit. Erkannte also die Wahrheit und diese heisst, es gibt keine Götter, sondern ein sich drehendes Himmelsgewölbe, Blitze, Donner, strahlende Masse des Sonnengestirns. Dorthin versetzte der kluge Mann die (angebliche) Wohnung der Götter, um den Menschen Schrecken einzujagen. . .
UND NUN DIE ALTERNATIVE FASSUNG DES MYTHOS als philosophierendes Schauspiel
Sitz im Leben / SchauPlatz: Vor dem Palast des mythischen Stadtgründers, König Sisyphos, KORINTH. Der Chor der Satyrn teilt Sisyphos mit, sie seien hier, um ihn zu fesseln und in den Hades zu bringen. Wir haben uns dies wohl als einen „Fortsetzungs“-comic strip vorzustellen, Sisyphos ist dem Publikum als Schlaumeier, der sich unbekümmert selbst mit „Göttern“ anlegt, schon bekannt... Der Chor kündigt an, Thanatos, der Tod, werde gleich kommen. Da ist er schon (auf der Bühne) und wird gastfreundlich in den Königspalast geführt, bewirtet ... und Thanatos betrinkt sich an dem guten Korinthischen Wein (NEMEA). Und nun folgt das erhaltene Textstück als Ansprache des Königs an die Todesboten. Sisyphos schlägt den sauf- und rauflustigen Satyrn folgenden deal vor: wenn ihr Thanatos statt Sisyphos fesselt und abführt, verspreche ich Euch die Freiheit (offenbar sind diese Satyrn selber ihrer ursprünglichen Freiheit beraubte Diener „höherer Wesen“). Wenn sie nun seinem Vorschlag folgen, erwarte sie auch keine „Strafe der Götter“, denn es gebe keine Götter. Dies sei nur die Erfindung eines Manns kluger Worte
σοφὸς γνώμην ανήρ
Menschen von unbegründeter Furcht zu befreien ist eine der Stoßrichtungen der antiken Philosophie. Siehe das bekannteste Beispiel, Platons Apologie des Sokrates, wonach der Tod nicht zu fürchten ist, da im Leben drohende Übel dann wirkungslos werden.
Solche „talking cure“ wird im UEBERWEG 2/1, § 8 Antiphon aus Athen, dem nur von Xenophon (nicht von Platon) im Streitgespräch mit Sokrates beschriebenen Sophisten in Korinth zugeordnet, der „sich in Korinth (!) nahe dem Marktplatz eine ... Praxis eingerichtet habe (L. Radermacher (ed.), Wien 1951), in der er „die Betrübten durch Worte behandelt und den Leidenden durch Ergründen der Ursachen ihres Zustandes Mut zugesprochen habe“.
OHNE GÖTTER LEBEN kann verstanden werden als Ergebnis der in Sophistik und Sokratik (und seitdem) weitverbreiteten
ϑεραπεία τ̃ης ψυχ̃ης
Therapie der Psyche
Auch bei Antiphon werden (wie in des Sisyphos „Trugrede“ im zitierten Satyrspiel) die Vorgänge im Kosmos himmelsmechanisch erklärt (wie bis heute), das Wirken einer göttlichen Kraft wird nicht zugelassen. In einer Schrift „Über die Eintracht“ soll er ganz lebensnah dargelegt haben, wie der Mensch sich in möglichst ungetrübter Lebensweise , eben philosophischer Lebensart einrichte.
Philosophische LebensART - ohne Götter leben, in: "Das OrientierungsLos", Roth/Staude (Hg.), Konstanz 2008
Eine philosophische Diskussion mit Imre Hofmann und Stephan Schweitzer im Seminar "Eine philosophische Praxis?" zeigt:
streaming.uni-konstanz.de/lectures/wintersemester-2008/eine-philosophische-praxis/
Samstag, Januar 10, 2009
blaue Stunden in der Höh
Samstag, Januar 03, 2009
Freitag, Januar 02, 2009
Sonntag, November 23, 2008
Dienstag, Oktober 28, 2008
Keimendes Neues im Alten
könnt man so beschreiben: Jahrgang 1954, lebt in der Vorstadt von Wien, versucht gleichzeitig mit einem kleinen Hotel ökonomisch zu überleben und daneben ein Forschungsinstitut für Globale Dörfer aufzubauen. Seit seiner Jugend beschäftigt ihn das Problem einer irrationalen Gesellschaftsform, in der sämtliche Potentiale von Reichtum und Bildung offensichtlich nur dazu da sind, die Massenproduktion von Unglück zu beschleunigen. Er studierte Soziologie, Philosophie, Politikwissenschaft und was so am Weg lag, um festzustellen dass der offizielle Wissenschaftsbetrieb kein wirkliches Wissen vermittelt, sondern nur höchst zweifelhafte Einstellungen für elitäres Betreuungsbewusstsein nicht hinterfragter Zustände. Mike Roth aus Konstanz eröffnete ihm Mitte der Siebziger mit seinem teach-in “Kapitalanalyse als Wertformanalyse” den entscheidenden Zugang zum Begreifen einer verkehrten Realität.
Heute: marx101.blogspot.com
An das lagerten sich viele Denkstränge an, unter anderem der der Krisis.
Dem Keimformgedanken schloss er sich 1987 an, paradoxerweise nach seinem ersten Aufenthalt in den USA, wo das auf unterschiedlichen Ebenen versuchte Vortasten in eine neue soziale Realität auf wesentlich größeres Interesse stößt als in Mitteleuropa, wo man hauptsächlich weiß was alles nicht geht. Seine Kernthemen und zentralen Motive sind Raumgestaltung als Gesellschaftsgestaltung und elektronische Kommunikation. Beides geht auf tiefe persönliche Erfahrungen in den 80ern zurück, das eine aus Erlebnissen in Griechenland an der Schwelle zum Massentourismus, das andere als Entwicklersupporter für HyperCard bei Apple Computer und eigene Projekte in Richtung Kunst und Wissensorganisation.
Daraus amalgamierte sich das Designprojekt “globales Dorf”, das eine autonome und reichhaltige wie nachhaltige Lebensgestaltung von Individuen und Gemeinschaften unter freigewählten Kulturmustern mit globaler Kooperation an den technologischen Grundlagen dieses Lebens verbinden soll. Das führt zu einer Myriade an Projekten, bei denen gegenwärtig die “virtuelle Universität der Dörfer” — synchrones Lernen in bzw. zwischen lokalen Gemeinschaften über multimediale Verbindungen — im Vordergrund steht. Um das mittlerweile in 40 Jahren aufgehäufte Papier unterzubringen und in der richtigen Gemeinschaft zu leben sucht er nun den richtigen Ort — ein abgelegenes Kloster in den Bergen und vielleicht auch in einem angenehmen Klima wäre der richtige Ort.
Dienstag, September 23, 2008
Mittwoch, September 03, 2008
Schelling
Wolfgang Schaffarzyk
„… je mehr man von der Organisation des Universums versteht,
je reicher, unendlicher und weltähnlicher wird uns jeder Gegenstand.“
– Friedrich Schlegel
Vorwort
Blickt man auf die Geschichte Deutschlands zurück, sticht die Zeitspanne des 18. und 19. Jahrhunderts deutlich heraus. Scheinbar nie zuvor lebte eine so große Zahl bedeutender Persönlichkeiten in einer so engen Zeitspanne zusammen. Aus heutiger Sicht stellt sie gleichsam einen Ballungsraum der Kulturgeschichte dar und dies nicht nur von der Warte der Philosophie, sondern auch aus dem Blickwinkel der Literatur- und Naturwissenschaft. Die Werke Goethes und Schillers sowie der gesamten deutschen Romantik – allen voran Novalis, der im Moment eine Renaissance im anglo-amerikanischen Sprachraum erfährt – sind heute unumstrittene Weltliteratur. Immanuel Kant und die deutschen Idealisten bilden eine eigene Epoche innerhalb der Philosophiegeschichte; sie sind die Begründer des modernen menschlichen Geistes, Verstandes und des modernen personalen Selbstverständnisses. Neben Aristoteles sind Kant und Hegel die großen Systemphilosophen, die heute in jedem philosophiegeschichtlichen Lehrbuch und jeder Bibliothek gängiges Inventar sind. Allein um den Einfluss und die Wichtigkeit der Lehre und Methode Kants auf die heutige Philosophie und Wissenschaft zu erläutern, wird bis heute philosophisch geforscht und publiziert. Die vorliegende Arbeit kann nur ein Schlaglicht werfen. Daher soll der Fokus auf dem durch Kant inspirierten deutschen Idealismus und insbesondere auf Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, dem Mitbegründer der Romantik, liegen.1
Vordenker
Immanuel Kant vereinigte die beiden Strömungen von Rationalismus und Empirismus der Philosophie zu einer Synthese. Er wollte ein umfassendes System kreieren und begründete – wie er es selbst nannte – die kritische oder transzendentale Methode. Diese Methode sollte den Zweck verfolgen herauszufinden, wie unsere Erkenntnis von den Dingen schlechthin möglich ist. So ging es ihm um die systematische Aufdeckung von Axiomen des Denkens und die philosophische Erkenntnis von den Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung. Der letzte Stand der Dinge – die Mechanik Newtons und das kopernikanische Weltbild – war für ihn die letzte Annäherung an die Wahrheit und somit war auch jeglicher Fortschritt als eine konsequente Annäherung an die Wahrheit zu deuten. In dieser Art und Weise verstanden Kant und die Kantianer den Fortschritt der Wissenschaft im Speziellen und des Wissens im Allgemeinen. Für Friedrich Schelling lagen die Dinge anders. Er sah in der von Kant und seinen Schülern konstatierten Wahrheit und der überstarken Betonung und Untersuchung des Verstandes nichts anderes als eine Verklärung. Bezüglich der Frage der Interpretation von Kants erkenntnistheoretischem Hauptwerk, der Kritik der reinen Vernunft, waren sich die Nachfolger Kants uneinig. So fand eine Spaltung des Lagers der Kantschüler statt, zu denen, wie fast jeder gebildete Mann dieser Zeit, auch Schelling zählte. Die Schüler spalteten sich in ein idealistisches und ein realistisches Lager unter der Berücksichtigung der Frage, wo Kants Ding-an-sich denn – wenn überhaupt – zu finden sei. Die Realisten, wie beispielsweise Friedrich Fries, beriefen sich auf die Dinge und Materie, so dass sie als Ausgangspunkt die Naturwissenschaft nahmen, um sich dem Ding-an-sich anzunähern. Die Idealisten hingegen beriefen sich auf die Ideen und den Geist selbst, so dass sie als Ausgangspunkt den Geist oder als höchste geistige Instanz Gott wählten, um das Ding-an-sich zu finden. Die Geisteswissenschaft stellte für sie das Instrument der Analyse und Protokollierung dar.
Der Streit um das Ding-an-sich rief eine große Kontroverse hervor und spaltete die Kantschüler in zwei große Lager mit inkommensurablen Standpunkten. Die Idealisten formten eine der wichtigsten und bekanntesten Strömung in der deutschen Geschichte, den deutschen Idealismus. Ihn haben philosophische Größen wie Johann Gottlob Fichte, Friedrich Schelling und nicht zuletzt Arthur Schopenhauer und Georg Hegel geprägt und ausgeformt.2
Zur besseren Vorstellung der einzelnen Ausrichtungen und Denker dient folgende Grafik:
Abbildung skizziert die einzelnen Ausrichtungen des deutschen Idealismus3
In der Nachfolge Kants ist insbesondere Johann Gottlob Fichte zu nennen. Fichte war von Kant inspiriert. Anfangs sehr begeistert, hielt er dessen Lehre bald für zu theoretisch. Fichte betonte ein pragmatisches Moment, das jede Philosophie haben sollte. So ging er von einer Ur-Tathandlung aus, die für ihn ein unauflöslicher Begriff der Philosophie war. Der hitzige Redner Fichte betonte in seinen Werken stets die Praxis und die Handlung, ein Tätigwerden – seine Reden an die deutsche Nation machten Epoche. Des Weiteren trat er für eine zwingende Untersuchung der Logik ein. Selbige müsse hinterfragt werden, da die Logik eine Notwendigkeit für wissenschaftliche Forschung, besonders relevant für den Fortschritt und somit für die Wahrheit selbst sei. Er forderte eine metaphysische Mitbegründung der Logik, und stellte drei Voraussetzungen auf. Diese waren: 1. Der Satz der Identität (Ich = Ich), 2. Die Antithese (Nicht-Ich = nicht Ich), 3. Limitation (Nicht-Bewußtes =Natur). Auf diese Art und Weise orientierte sich Fichte an der Dialektik bzw. dialektischen Methode, die im weiteren philosophiegeschichtlichen Verlauf von Hegel auf die Form von These, Anti-These und Synthese gebracht wurde. Fichte gehörte dem idealistischen Lager der Kantschüler an und verortete Kants Ding-an-sich im Bewusstsein.4
Einer der bekanntesten Aussprüche Fichtes aus Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre von 1794: „Was für eine Philosophie man wähle, hängt davon ab, was man für ein Mensch ist“ spielt auf das praktische Moment seiner Philosophie an.5 Dieser Ausspruch betont, dass der jeweilige Mensch eine gewichtige Rolle dafür spielt, für welche Philosophie man sich entscheidet, etwa darüber, ob man dem realistischen oder idealistischen Lager der Kantschüler angehört. Das Wichtigste war für Fichte jedoch, dass überhaupt ein Standpunkt ergriffen wurde, weil dies einen bzw. den Willensentschluss demonstrierte. Die Entscheidung für den Realismus, der die Ansicht vertrat, dass die Dinge aufeinander einwirken oder für den Idealismus, der die Ansicht hatte, dass alle Vorstellung Produkte des Geistes waren, war ein solcher Willensentschluss. Fichte im Speziellen und der Idealismus im Allgemeinen inspirierten Friedrich Schelling besonders stark.
Leben
Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling6 wurde am 27. Januar 1775 als Sohn eines Pfarrers zu Leonberg in Württemberg geboren. Das Pfarrhaus bildete schon seit je her ein günstiges Klima in Bezug auf die Bildung, denn die Pfarrer waren ihres Berufs und Standes wegen gebildet und nicht selten die einzigen Gebildeten eines Dorfes. Insbesondere in Schwaben hatte sich gar ein „schwäbischer Pfarradel“ etabliert, dessen Kinder auf eine Lateinschule gingen. War diese absolviert, besuchte man ein höheres Seminar oder, falls vorhanden, ein Gymnasium. Wurde das sog. Landexamen bestanden, studierte man Theologie in Tübingen und wohnte auf herzogliche Kosten im Elite-bildenden Tübinger Stift. Einen solchen Bildungsweg sollte auch Friedrich Schelling erfahren. Er war ein exzellenter Schüler. Bereits im Alter von 10 Jahren legte er das Landexamen ab und wurde aus der Lateinschule entlassen. Nach zwei vergeblichen Anträgen zur Aufnahme in den Tübinger Stift, wurde dem 16jährigen Schelling auf Grund eines Sonderverfahrens der Eintritt gewährt. Im Stift hatte Schelling zwei außergewöhnliche Zimmergenossen, er wohnte und studierte Theologie zusammen mit Hegel und Hölderlin. Bereits 1792 erwarb Schelling den Magistergrad, indem er seine philosophische Dissertation über den Sündenfall einreichte. Im Weiteren interessierte sich Schelling für Kant, Spinoza und insbesondere für Fichte, dessen Schriften ihn sehr inspirierten. Nach seinem Studium tat er es seinen Freunden Hegel und Hölderlin gleich und arbeitete einige Jahre als Hauslehrer. In dieser Zeit veröffentlichte er 1797, nach intensiver Beschäftigung mit den Naturwissenschaften, seine Ideen zu einer Philosophie der Natur. Dieses Werk war noch stark getragen von den Gedanken Fichtes und Schelling intendierte es als Fortsetzung des Fichte’schen Systems. Ein Jahr später veröffentlichte Schelling Von der Weltseele. Im selben Jahr wurde er als Professor nach Jena berufen und hielt neben Fichte dort Vorlesungen. In Jena kam Schelling auch mit dem Kreis um Friedrich Schlegel in Kontakt. Dieser Kreis wurde später als die „Jenaer Frühromantik“ bekannt und Schelling nahm in diesem Kreis bedeutenden Einfluss auf die Philosophie der Romantik. Zu diesem Zirkel junger Intellektueller zählten u.a. Persönlichkeiten wie die Brüder Schlegel, Dorothea Veit, Novalis, Johann Ludwig Tieck und Friedrich Hölderlin. Durch das neue Umfeld und die Inspiration, die er dort erfuhr, distanzierte er sich zunehmend von seinem Denkvorbild Fichte. 1799 in seinem Ersten Entwurf eines Systems der Naturphilosophie wird erkennbar, was ein Jahr später in seinem Hauptwerk System des transzendentalen Idealismus deutlich ausgesprochen wird: die Wissenschaftslehre ist ein der Naturphilosophie lediglich nebengeordneter Teil. Somit vollzog sich ein deutlicher Bruch mit Fichte, der sich in den eigenen Denkimpulsen Schellings begründet sah. Es war ein Bruch, wie er sich auch zwischen Fichte und Kant ereignet hatte und später auch zwischen Schelling und Hegel ereignen sollte. 1803 wurde Schelling nach Würzburg gerufen und es folgte eine Phase, in der Schelling wenig schrieb und seinen Standpunkt weiterentwickelte. 1804 erschien seine Schrift Philosophie und Religion. Ab 1806 war Schelling Mitglied der Akademie der Wissenschaften und wurde sogar Generalsekretär der Akademie der bildenden Künste in München. Im selben Jahr wurden nochmals Entfernung und Bruch mit Fichte deutlich, als Schelling eine hitzige Streitschrift gegen ihn veröffentlichte. Der früh berühmt gewordene Schelling wurde zunehmend von Hegels Schaffen aus der Öffentlichkeit verdrängt – 1806/07 erschien Hegels Phänomenologie des Geistes. Von 1820 bis 1827 lehrte Schelling in Erlangen. 1827 kehrte Schelling nach München zurück und beschränkte seine Tätigkeit auf das Halten von Vorlesungen an der neuen Universität München. Nach dem Tod Hegels 1831 erinnerte man sich an Schelling und 1841 erhielt er von Friedrich Wilhelm IV. einen Ruf nach Berlin, um dort dem Linkshegelianismus entgegenzuwirken. Doch waren seine Vorlesungen ein Misserfolg und so zog sich Schelling 1846 vollständig aus der Universitätstätigkeit zurück. Während Schelling mit der Ordnung seiner Schriften und der Ausarbeitung seines letzten Systems beschäftigt war, verstarb er am 20. August 1854 im Kurort Bad Ragaz in der Schweiz.7
Naturphilosophie
Mit seinen ersten, 1794 und 1795 verfassten Schriften Über die Möglichkeit einer Form der Philosophie überhaupt und Vom Ich als Prinzip der Philosophie ist Schelling noch ganz im Fichte’schen Denken verwurzelt. Das einzig wahre Prinzip der Philosophie ist ihm das absolute Ich, das aus sich selbst heraus die gesamte Welt der Objekte erzeugt. Ebenso vertreten die Philosophischen Briefe über Dogmatismus und Kritizismus ein Jahr später noch die Ansicht, dass es nur zwei konsequente philosophische Standpunkte gebe, nämlich Spinoza zum einen und Kant-Fichte zum anderen. Zwischen diesen beiden müsse man wählen, um zu einem dezidierten Verständnis von Philosophie zu kommen. Aber bald genügte ihm die bloße „Subjekt“-Philosophie Fichtes nicht mehr, denn dieser hatte die Natur als philosophisches Objekt nahezu unbeachtet gelassen, indem er sie fast ausschließlich als Schranke oder als Mittel zum Zweck (der Abgrenzung) der menschlichen Persönlichkeit beleuchtete. Und da auch Kant nur die metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft gegeben habe, so wollte Schelling als Vereiniger beider auftreten, die klaffende Lücke zwischen Kants Materie und dem lebendigen Organismus durch eine „spekulative Physik“ schließen. Die Zeit schien dafür gekommen zu sein. In den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts hatten sich gravierende Fortschritte auf den verschiedenen Gebieten der Naturwissenschaft vollzogen. Die Leitfrage für Schelling war, auf welchen Nenner sich das Organische und Anorganische – also nach heutigem Verständnis die Biologie und die Physik – bringen ließen. Eine mathematisch-mechanische Naturerklärung schien ihm unbefriedigend, denn ihm schwebte eine „lebendige“ Naturauffassung vor. Der Kern von Schellings Naturphilosophie besteht darin, dass die gesamte Natur als ein großer Organismus vorgestellt wird und in einem zusammenhängenden System zu begreifen ist. Diese „Physik“ – getragen von einer konstitutiven Teleologie der Natur – verfährt spekulativ, d.h. Erklärungslücken des damaligen Wissenstandes der Naturwissenschaften werden durch Schellings eigene Spekulationen und Gedankenexperimente gefüllt.
Die Natur lasse sich nur verstehen, wenn wir sie als uns gleichartig, als Geist in der Natur auffassen. In dem großen, lebendigen Organismus der Natur wirken Kräfte, die im Wechselspiel stehen (Polarität). Seine Lehre verortet den Fortschritt von der unbewussten Natur hin zum Bewusstwerden (der Natur) oder dem Bewussten. Dabei orientiert er seine Architektonik an der Einteilung der Natur des Aristoteles, nach der die „tote Natur“ (Physik) die unterste Stufe der Natur bildet. Hierauf folgen die „Elemente“ (Chemie) und die „Lebewesen“ bzw. „beseelte Biologie“ also die Tiere und Pflanzen. Auf den beiden höchsten Stufen kommen dann die „Menschenkunde“ und schließlich das „Absolute“ oder „Göttliche“. In diesem Aufbau der Natur spielt nun die Polarität der Kräfte eine entscheidende Rolle, denn die Natur entwickelt sich mit bzw. durch ein Wechselspiel polarer Kräfte. Diese Polarität zieht sich durch alle Stufen von Schellings Einteilung der Natur. So stehen beispielsweise Anziehung und Abstoßung innerhalb der Physik im Wechselspiel, in der Chemie sind es Laugen und Säuren, die Biologie wird von den Polen Männlich- und Weiblichkeit dominiert, während auf der menschlichen Stufe der Natur Subjektivität und Objektivität einander gegenüberstehen. In seiner Naturphilosophie besitzt das Bewusste eine unbewusste Grundlage, nämlich die Natur selbst. Sie bewirkt das Unbewusste, d.i. die (sinnliche) Wahrnehmung. Nur auf Grundlage der Natur und der somit verbundenen Wahrnehmung kann ein Gedanke überhaupt gefasst oder gedacht werden und dies geschieht in einem Schritt vom Unbewussten hin zum Bewusstwerden. Aufbauend auf diesem Vorgang können Willensakte und Kulturinstitutionen greifen und letztendlich das Intellektuelle oder die Anschauung entwickelt werden. In dieser Verkettung etabliert Schelling das Herzstück seiner Philosophie, nämlich die Phantasie. Schelling spricht klar aus, dass die Künstler das Vorbild der Philosophen sein sollen, denn Philosophie ist – wie das Gemälde – ein Kunstwerk. So muss in seinen Augen die Wissenschaft dahin kommen, wo die Kunst schon immer war. Die Phantasie (Kunst) wird von Schelling als höchste Form des Geistes stilisiert und somit widerspricht Schelling der Lehre Kants, in der der Mensch keine Dinge selbst erschaffen kann.
Dies konnte nur Gott und auf diese Art und Weise hat er die Welt erschaffen. Schellings Mensch kann selbiges Gott mit Kraft seines Geistes, der Phantasie, gleich tun. (Vgl. Ueberweg, Friedrich: Grundriss der Geschichte der Philosophie, S. 36, 43, 48, 51 f,
insbesondere 52 f, 54 ff, ferner Vorländer, Karl: Geschichte der Philosophie, S. 90,
außerdem Helferich, Christoph: Geschichte der Philosophie, S. 274 - 276.)
Die Philosophie Schellings fand insbesondere unter den Ärzten großen Anklang, da die Lebendigkeit im Vordergrund seiner Philosophie stand.8 Schellings Spätphilosophie, in der er eine positive, religiöse Philosophie entwickelte, wurde insbesondere von seinem Schüler Krause weiterverfolgt. Zu den Anhängern Schellings zählten unter anderem Henrik Steffens (1773 bis 1845), Karl Gustav Carus (1789 bis 1869), Adam Müller (1779-1829), sowie Joseph von Görres (1776 bis 1848).9
Philosophisch-praktische Schlussbemerkung
Schellings Werk ist heute sicherlich eines der am wenigsten präsenten Werke in der Philosophie und teilt so auch das Schicksal der meisten Vertreter der romantischen Schule und des deutschen Idealismus. Als Ausnahmen können nur Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel genannt sein und diese werden oftmals nur als Beiträge zur theoretischen oder praktischen Philosophie wahrgenommen und kaum unter ihrem Systemcharakter – geschweige ihrer Ausrichtung auf das Leben oder den Menschen. Anknüpfungspunkte für die romantische Schule gab es am ehesten in der Lebensphilosophie oder dem Existenzialismus, der sich auf die Rolle des Menschen und das menschliche Leben als solches konzentrierte. Hier sind wohl Kierkegaard, Nietzsche, Heidegger, Sartre, Camus und Jaspers zu erwähnen, die dieser Denkrichtung neue Impulse gaben und sie nachhaltig prägten. Die Frage ist, ob und was es gilt von der Romantik für uns zu bewahren.
Gegen Ende seines Buches macht Safranski uns auf eine Spannung zwischen dem Romantischen und dem Politischen aufmerksam:
„Die Spannung zwischen dem Romantischen und dem Politischen gehört zu der noch umgreifenderen Spannung zwischen dem Vorstellbaren und Lebbaren. Der Versuch, diese Spannung in eine widerspruchsfreie Einheit überführen zu wollen, kann zur Verarmung oder zur Verwüstung des Lebens führen. Das Leben verarmt, wenn man sich nichts mehr vorzustellen wagt über das hinaus, was man auch leben zu können glaubt. Und das Leben wird verwüstet, wenn man um jeden Preis, auch den der Zerstörung und Selbstzerstörung, etwas leben will, bloß weil man es sich vorgestellt hat. Das eine Mal verarmt das Leben, weil das Vorstellbare aufgegeben wird um des lieben Friedens willen; das andere Mal zerbricht es unter der Gewalt, mit der das Vorstellbare ohne Abstriche verwirklicht werden soll. Beides Mal hält man den Widerspruch zwischen dem Vorstellbaren und Lebbaren nicht aus und will ein Leben aus einem Guß. Ein solches Leben aber ist wohl doch nur ein romantischer Traum.“10
Zutreffend ist, dass Tagträumerei, die blind ist für bestehende reale Verhältnisse ist in der Politik nichts verloren hat. Eine solche Position ist anfällig für einen falsch motivierten Optimismus und kranke Ideologie, die auf eine Fehldeutung der Gegebenheit eines Landes, der Lebenssituation der Menschen und der Wirtschaft beruht. Romantik gehört sehr wohl in die Politik, wenn wir darunter eine visionäre Position verstehen, die nicht blind ist für gegebene Verhältnisse und so einen gesunden Optimismus zu Tage fördert, der sich nicht von schlechten Gegebenheiten demotivieren lässt, sondern Tatendrang in einem scheinbar kleinen oder stark beschränkten Handlungsrahmen verspürt. Ich denke solche Visionen sind der Weltfrieden, freier Handel oder eine Anhebung des weltweiten Lebensstandards, die Vermeidung oder Prävention des Einsatzes militärischer Mittel und die Bannung von Korruption aus der Politik. Und es ist eben eine solche Motivierung, die auch ein Spannungsverhältnis von Vorstellbarem und Lebbarem impliziert und dieses Spannungsverhältnis ist unauflösbar, denn das Leben selbst ist ein Spannungsverhältnis, das sich stets zwischen zwei Polen bewegt und in einer stets zu erneuernden Synthese entwickelt. Den Vollzug des Lebens gilt es durch das Finden einer Synthese, die sich als Handeln und Tätigwerden äußert, zu meistern oder zu bewältigen. Ein Leben, das sich nur an einem Pol abspielt übersteigert sich in ein Extrem und kann keine gesunde Haltung zum Leben und keine dem Leben zuträgliche Handlung hervorbringen. So könnten sich bestehende schlechte wirtschaftliche Verhältnisse auf das Leben insofern negativ auswirken, als dass man sich als nur noch reaktionär und passiv begreift; die Gegebenheiten werden als unveränderlich hingenommen und man beschäftigt sich ausschließlich mit Reaktionsstrategien und richtet demnach sein Leben aus. Andererseits kann man sich dazu versteigen alles für veränderlich zu halten und übersteigert sich einen Tatendrang der nicht nur schlechte, sondern auch gute Zustände oder Gegebenheit abschafft, zerstört oder verbannt. Dennoch ist es eine Illusion zu glauben, das Spannungsverhältnis von Romantischem oder Einbildungskraft und Realität könne vollkommen aufgelöst werden, es wäre „ein Leben aus einem Guß“ möglich. Leben ist die Kraft die sich zwischen zwei Extremen abspielt und tagtäglich fordert es uns dazu auf eine Entscheidung aus eigener Kraft zu fällen und unser eigenes Leben so zu gestalten. Begreifen wir uns als Personen, die sozial mündig und verantwortungsvoll mit ihrem Leben umgehen können und wollen, so sind wir zu aller erst uns selbst und danach auch unserem Gegenüber die Antwort auf die Frage: „Was will ich mit meinem Leben anfangen oder was erwarte ich von meinem Leben?“ schuldig. Die Binsenweisheit, dass das Leben kurz ist kennt jeder, doch verstehen tut er diese triviale Einsicht meist erst wenn es „zu spät“ ist, nämlich dann wenn man einen notwendigen Abstand in der Reflexion zu seinem Leben gewinnt, der leider meist erst durch fortgeschrittenes Alter, Krankheit oder andere Extremsituationen einsetzt. In einem als Konsum-, Spaß, Informations- und Wissensgesellschaft verschrieenen Sozial - Gefüge werden solche Reflexionen gern lächerlich gemacht oder als unnötig erachtet, da sie schnell als Spaßkiller, Gute-Laune-Verderber gebranntmarkt werden. Aber so gern man sich dieser Reflexionspflicht – denn eine solche haben insbesondere die Menschen der Wohlstandsgesellschaften des Westens gegenüber den Armen der dritten Welt – entzieht und sie vollkommen verdrängen möchte, so kommt sie doch bei vielen in fortgeschrittenen Alter als die sog. Midlifecrisis zum Ausdruck und es ist eine romantische Verklärung zu glauben man könnte und sollte sich der Reflexionspflicht entziehen.
Das Romantische ist aber auch eine Lebensnotwendigkeit in dem Sinne, in dem Safranski sie als „Mehrwert, der Überschuß an schöner Weltfremdheit, der Überfluß an Bedeutsamkeit“ charakterisiert und sie als die Neugier „auf das ganz andere“ begreift. Sei das Andere nun die Natur oder der Andere, das Fichte’sche Nicht-Ich11, es zwingt uns zu einer Auseinandersetzung und ist als die Herausforderung an das Leben oder des Lebens zu begreifen. Niemand kann ein Leben führen und sein Leben so gestalten, dass es nur am Realen orientiert wäre – gerade in einer Zeit in der die eigenen Lebensumstände als deprimierend empfunden werden und eine Unausgeglichenheit oder Unzufriedenheit nach sich ziehen. Verstehen wir „Weltfremdheit“ nicht als bloße Naivität, also als (negativ gemeinte) „Gutgläubigkeit und Lebensferne“, sondern als eine ursprüngliche, ureigene Lebensbejahung und Offenheit für das Neue, so ist sie unabdingbar. Eine solche Romantik treffen wir alle in unseren sozialen Kontakten und unserer Lebensgestaltung an. Gern werden Romantik und Verklärung mit der Liebe assoziiert – und dies ist ihr auch eigen – aber das Romantische gehört auch in die Lebensplanung, wenn wir hierunter den Entwurf des eignen Selbst als eine progressive Ausformung einer individuellen Vision verstehen. Würden wir einige Menschen nicht als „gute Freunde“ und andere als Ziele der eigenen Liebe wahrnehmen und „verklären“, sie also im gewissen Maße romantisieren, wäre das Leben nahezu unerträglich. Auch das eigene Leben muss romantisiert sein, wenn wir darunter verstehen uns als unseren eignen Lebensgestalter und Schöpfer zu fassen, als aktives Wesen. Und es ist eben der Kreislauf aus Reflexion / Entwurf des eigenen Selbst und aktivem Tätig sein und Tätig werden, der das erst ausmacht was wir als „Leben“ bezeichnen wollen – und eben das ist das Romantische was es zu bewahren gilt.
Anmerkungen
1 Schelling entwickelte ein umfassendes philosophisches System, wir beschränken uns hier auf eine rudimentäre Darstellung seiner Naturphilosophie.
2 Siehe hierzu: Vorländer, Karl: Geschichte der Philosophie, S. 25 ff.
3 Rekonstruktion einer Tafelskizze aus der Vorlesung Philosophie der Gegenwart im Sommersemester 2004 von Lutz Geldsetzer.
4 Vgl. Vorländer, Karl: Geschichte der Philosophie, S. 69 ff.
5 Siehe Helferich, Christoph: Geschichte der Philosophie, S. 266 f.
6 1812 geadelt.
7 Vgl. Vorländer, Karl: Geschichte der Philosophie, S. 85 ff, sowie
Helferich, Christoph: Geschichte der Philosophie, S. 271 ff.
8 Darüber hinaus ist wahrscheinlich auch die heutige Bezeichnung des Ärzteberufs als Kunst aus Schellings Philosophie entlehnt. Siehe Vorländer, Karl: Geschichte der Philosophie, S. 98.
9 Siehe hierzu Vorländer, Karl: Geschichte der Philosophie, S. 87 ff, ferner
Kirchhoff, Jochen: Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling, S. 80 ff.
10 Safranski, Rüdiger: Romantik. Eine Deutsche Affäre, S. 393.
11 Safranski, Rüdiger: Romantik. Eine Deutsche Affäre; München 2007, S. 73 f.
Literatur
Helferich, Christoph: Geschichte der Philosophie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart und Östliches Denken, Stuttgart 1992, S. 271 - 276.
Kirchhoff, Jochen: Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Hamburg 2000, S. 76 - 110.
Safranski, Rüdiger: Romatik. Eine Deutsche Affäre; München 2007.
Vorländer, Karl / Geldsetzer, Lutz (Hrsg.): Geschichte der Philosophie, Bd.3,1, Leipzig 1975, S. 81 - 103.
http://www.jena.de/sixcms/detail.php?id=10896 (24.7.08)
http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Wilhelm_Joseph_Schelling (24.7.08)
Dienstag, August 12, 2008
Romantik, am Rheine
28.7. , 4. und11. 8.2008
Geplante Fortsetzung TIAN ?
am 18. August 19 h
Sonntag, August 10, 2008
durch die blaue Blume
Freitag, Juli 04, 2008
Frische Fahrt
7.o7. Frische Fahrt. EICHENDORF & HOFFMANN / Bettina
Samstag 12.o7: Symposion + Paul zu Nachwirkungen der Romantik,'
ab 14 h im Garten Seeweg 25 A L L E N s b a c h
Auffallende Frauen in der R. / Marianne
Romantische Politik / Gespräch
Safranski Teil 2: Das Romantische
Montag, Juni 02, 2008
Ludwig Tiecks literarisches Schaffen im Lichte Schellings und Kants
I.Schellings Naturphilosophie
In seinem Werk „Romantik. Eine deutsche Affäre“1 weist Rüdiger Safranski auf den Einfluss des Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling auf die poetische Naturkonzeption des Dichters Ludwig Tieck hin2. Schelling gehörte neben Fichte und Schiller zu den Gründungsvätern des Jenaer Kreises, dem sich alsbald junge aufstrebende Denker anschlossen und der als Wiege der romantischen Bewegung in die Geschichte eingehen sollte; vor allem Vertreter der „schönen Künste“ wurden von Jenas geistigem Zentrum angezogen, so auch der Berliner Ludwig Tieck. Aufgrund des geistigen und physischen Zusammenlebens ist es nicht verwunderlich, wenn die Werke der Jenaer Protagonisten die Früchte gegenseitiger Einflussnahme tragen.
Um Tiecks Übersetzung der philosophischen Anschauungen Schellings in seine romantische Ästhetik aufzuzeigen, werden im Folgenden Grundzüge der Schellingschen Naturphilosophie referiert.
Seit 1797 entwickelt Schelling in seiner Metaphysik die von Leibniz aufgestellte These von der „prästabilierten Harmonie“ weiter: Seine „immanent prästabilierte Harmonie“ besteht nicht zwischen Innen- und Außenwelt, sondern zwischen individueller Monade und monadischen Universum3. Die Einheit von Existenz und Bewusstsein, die der Mensch sich selbst wissend ist, steht in prästabilierter Harmonie zur Einheit von Wirklichkeit und Vernunft, die er als Weltzusammenhang erfasst – Bewusstsein und Welt spiegeln sich also ineinander. Vielleicht ist das, was Tieck zur Aussage bewegte, er behandele in seinen frühromantischen Werken ein „Grauen, welches uns unmittelbar mit dem Universum auf dunkle Weise verknüpfen soll.“4
Seine Naturphilosophie veröffentlicht Schelling erstmals in seinem Werk „Erster Entwurf eines Systems der Naturphilosophie“ (1799). Es gilt, die Natur als Wirklichkeit selbst, als unbedingte Realität zu begreifen, die erfahrene Wirklichkeit selbst bedenkend zu rekonstruieren:
„Da sie [die Natur, Anm. d. Vfs.] sich selbst die Sphäre giebt, so kann keine fremde Macht in sie eingreifen; alle ihre Gesetze sind immanent, oder: die Natur ist ihre eigene Gesetzgeberin, (Autonomie der Natur).
Was in der Natur geschieht, muß sich auch aus den thätigen und bewegenden Principien erklären lassen, die in ihr selbst liegen, oder: die Natur ist sich selbst genug, (Autarkie der Natur).
Zusammenfassen lässt sich beides in den Satz: die Natur hat unbedingte Realität; welcher Satz eben das Princip einer Naturphilosophie ist.“5
Damit geht er der von Kant in der „Kritik der Urteilskraft“ aufgeworfenen Frage nach, wie die als Ganzheit erfahrene Natur auch als aus sich vermittelte Ganzheit begriffen werden kann.
Auch Tieck begreift die Natur, seine poetische Naturkonzeption, als ganzheitlich. In seiner Dichtung erscheint die Naturlandschaft als Komplex zusammenhängender Naturdinge, der sich räumlich wie zeitlich entfaltet und sich ästhetisch als Bild darbietet. In seinen beiden Kunstmärchen „Der blonde Eckbert“ und „Der Runenberg“ werden die Autonomie und die Autarkie der Natur grundlegend durch die topologische Konzeption des Handlungsgeschehens inszeniert: Der phantastisch-märchenhafte Natur-Raum ist deutlich abgegrenzt vom rationalen Stadt-Raum; dies ermöglicht die Bildung von Gegensätzen wie heidnisch/christlich und Abenteuer/Alltag. In den beiden Märchen ist die Natur eine in sich geschlossene Märchenwelt, in der das Phantastische stattfindet, die Protagonisten erweisen sich dabei als Grenzgänger. Im Runenberg sieht sich Christian der Übermacht der Natur ausgeliefert, die sich in der Bergkönigin manifestiert. Die Erscheinung der Naturlandschaft als Komplex, als in sich geschlossen, hat Tieck mit seinen beiden Kunstmärchen in die deutsche Literatur eingeführt – damit hat er die Romantik nachhaltig geprägt, seine Naturkonzeption wird von den Romantikern, besonders von E.T.A. Hoffmann und Joseph von Eichendorff, aufgenommen und entwickelt sich schließlich zu einem unverkennbaren Stilmittel der deutschen (Früh-)Romantik. Insofern lässt sich sagen, dass durch Tieck die Schellingsche These der in sich geschlossenen Natur zu einem wegweisenden poetischen „Romantikum“ ausgearbeitet wird.
Zurück zum „Ersten Entwurf“: Eine sich in all ihren Ausformungen hervorbringende und sich durch all ihre Ausformungen immer wieder erhaltende und durch sie hindurch immer erneuernde Natur lässt sich nur anhand von drei zusammenwirkenden Momenten denken:
1.Die Natur ist unendliche Produktivität – der Mensch erfährt die Natur immer als sich produktiv erneuernde Kraft.
2.Die Natur ist unendliche Hemmung – der Mensch erfährt die Natur in bestimmten Ausformungen, und so muss der unendlichen Produktivität eine ebenso unendliche Hemmung entgegengesetzt werden, die auf Bestimmtheit hin drängt und durch die erst Qualitäten denkbar werden:
„Man denke sich Eine von Einem Mittelpunct nach allen Richtungen ausströmende, ursprünglich in sich selbst unendliche Kraft, so wird diese in keinem Punct des Raums einen Moment verweilen, den Raum also leer lassen, wenn nicht eine entgegenwirkende (retardierende) Thätigkeit ihrer Expansion eine endliche Geschwindigkeit giebt.“6
3.Die Natur ist permanente Reproduktion – in jeder einzelnen Ausformung der Natur vernichten und erneuern sich die Produktivität und die Hemmung ununterbrochen, Position und Negation würden sich ohne das vermittelnde Moment der Reproduktion auslöschen:
„Kein Produkt in der Natur ist also fixirt, sondern, in jedem Augenblick durch die Kraft der ganzen Natur reproducirt. (Wir sehen eigentlich nicht das Bestehen, sondern das ständige Reproducirtwerdern der Naturprodukte).“7
Mit diesen drei Momenten ist die wirkliche und werdende Natur beschrieben, ein produktiver Prozess, der durch all seine Ausformungen hindurch sich permanent erneuert:
„Beispiel: Ein Strom fließt in gerader Linie vorwärts, solange er keinem Widerstand begegnet. Wo Widerstand – Wirbel. Ein solcher Wirbel ist jedes ursprüngliche Naturprodukt, jede Organisation z.B. Der Wirbel ist nicht etwas Feststehendes, sondern beständig Wandelbares – aber in jedem Augenblick neu Reproducirtes. 8
Nach dieser Betrachtung der Natur als Ganzheit muss nun der Naturprozess selbst in seinen konkreten Ausformungen begreifend rekonstruiert werden. Schellings Grundidee dabei ist, dass sich jene drei Momente auch als tatsächliche Momente der Natur erweisen lassen müssen. Als solche sind sie nun nicht mehr Prinzipien der Denkens, sondern Wirkmächte der Natur selbst, die Schelling „Potenzen“ nennt. Diese Potenzen sind die Materie, das Licht und der Organismus. Jede Potenz kann als eine bestimmte Ausformung der Natur selbst wiederum nur aus jener gerade umschriebenen dreifachen Bestimmtheit als sich produzierende Gestalt begriffen werden, und jede beherrscht einen bestimmten Bereich: die Materie die Sphäre des Himmelsgeschehens, das Licht die dynamisch-qualitativen Dimensionen der magnetisch-elektrischen-chemischen Prozesse und der Organismus den Bereich der Lebensprozesse. Problematisch ist die Frage nach dem Anfang der Materie. Sie kann nicht vorausgesetzt werden, da ja das Werden der Natur aus sich selbst begriffen werden soll:
„Die ganze Natur [...] soll einem immer werdenden Producte gleich seyn.[...] Alles, was in der Natur ist, muß angesehen werden, als ein Gewordnes. Keine Materie der Natur ist primitiv, denn es existiert eine unendliche Mannichfaltigkeit ursprünglicher Actionen [...]. - Diese Actionen zusammen sollen nur Ein absolutes Produkt darstellen. Die Natur also muß sie combiniren. Es muß daher ein allgemeiner Zwang zur Combination durch die ganze Natur statt findend [...].“9
Materie tritt dem Menschen immer als in sich bewegt entgegen, beispielsweise als rotierender Himmelskörper. Dieser ist das Ergebnis zweier in ihm gegenwirkender Kräfte (Position und Negation), die nicht von gleicher Art sind, die sich in ihm beständig vernichten und erneuern. Diese zwei Kräfte sind nie direkt, sondern immer nur indirekt an ihrem sich konkretisierenden Ergebnis erfahrbar. Zwar ist das Universum unendlich, doch wird das Materielle durch das Hervortreten der zweiten Potenz des Lichtes bzw. jener Aktionen, die am Licht in Erscheinung treten können, begrenzt. Die Begrenzung ist somit keine äußere, sondern eine innere, die Schelling vor allem an den Phänomenen der dynamischen Prozesse des Magnetismus, der Elektrizität und der chemischen Prozesse diskutiert. Der Organismus als dritte Potenz ist die in sich selbst reproduzierende Produktivität, er unterwirft die anderen Potenzen in seinem Bereich seinem Drang zur Reproduktion. Die Materie und die dynamischen Prozesse werden so zur Erhaltung eines sich ständig erneuernden Lebensprozeses durch einzelne individuelle Ausformungen hindurch eingesetzt und an dieser Aufgabe ausgerichtet. Auch hierzu findet sich bei Tieck eine Parallele: Es ist der umherirrende Künstler Franz Sternbald, der die unendliche Produktivität der in sich geschlossenen Natur erkennt:
„Ich höre, ich vernehme, wie der ewige Weltgeist mit meisterndem Finger die furchtbare Harfe mit allen ihren Klängen greift, wie die mannigfaltigsten Gebilde sich seinem Spiel erzeugen, und über die ganze Natur mit geistigen Flügeln ausbreiten.“10
Der Organismus seinerseits drängt auf eine Ausformung hin, die keine (eigentliche) Ausformung der Natur mehr ist und doch mit ihren ermöglichenden Bedingungen ganz und gar in der Potenz des Organismus verwurzelt ist: das menschliche Bewusstsein. Das Bewusstsein ist etwas, das die Natur aus sich selbst hervorgebracht hat und in dem die Natur auch weiterhin wirksam ist, und zwar in der spezifischen Ausformung des bewussten Verhältnisses zur Wirklichkeit. Es ist eine der Hauptaufgaben der Naturphilosophie, die Natur als Gesamtwirklichkeit so zu bestimmen, dass das organische Leben und das menschliche Bewusstsein als ihre eigenen Potenzen begriffen werden können. Sie muss alle Ausformungen des Wirklichen als aus der Natur selber hervorgebracht rekonstruieren, bis hin zum Bewusstsein, das ebenfalls als eine Ausformung der Natur zu erfassen ist, in der sich die Natur selber anzuschauen und zu begreifen beginnt.
Auf diesen Punkt spielt Safranski wohl an, wenn er anmerkt, Tieck habe bei Schellings Naturphilosophie eine Bestätigung dafür gefunden, „daß sich im Spiegel der Abgründe der äußeren die eigene innere Natur enthüllt [;] doch während für Schelling im menschlichen Geist die Natur zum hellen Bewußtsein ihrer selbst durchdringt, faszinier[e] Tieck das Dunkle, auch Grauenvolle“11. Gerade in seinen Kunstmärchen entsteht eine metaphysische Korrespondenz zwischen Mensch und Natur, die Landschaft wird zum Gemüt und das Gemüt zur Landschaft, die Natur wirkt bewegt und beseelt. Jenes Dunkle findet sich verstärkt in der Gebirgslandschaft. Im „Runenberg“ eilt der Protagonist Christian in völliger Ekstase hinauf auf den Berg; eine zunehmende Anthropomorphisierung der Umgebung, die letztlich ihren Ausgang im Bereich des Anorganischen findet, sowie eine Annäherung an die innere Welt sind zu verzeichnen:
„Der junge Jäger war nicht verwundert, er verdoppelte nur seine Schritte nach dem Runenberge zu, alles winkte ihm dorthin, die Sterne schienen dorthin zu leuchten, der Mond wies mit einer hellen Straße nach den Trümmern [...] und aus der Tiefe redeten ihm Gewässer und rauschende Wälder zu und sprachen ihm Mut ein. Seine Schritte waren wie beflügelt [...].“ /
„[...] [D]ie Felsen wurden steiler, das Grün verlor sich, die kahlen Wände riefen ihn mit zürnenden Stimmen an [...].“/
„[...] [S]o sehr spornten ihn irre Vorstellungen und unverständliche Wünsche.“12
Die Naturdarstellung als beseelter Komplex in der deutschen Literatur ist ebenso das Verdienst Tiecks.
II.Kants Ästhetik
Auch Kants Philosophie hält Einzug in das Werk Tiecks. In seiner „Kritik der Urteilskraft“13 unterscheidet Kant das Erhabene vom Schönen der Natur14: Beide sind Gegenstand der reflexiven Urteilskraft, das Erhabene versetzt jedoch den Menschen in einen Zustand der Erregbarkeit, während das Schöne hingegen eine „ruhige Kontemplation“15 hervorruft. Ferner unterscheiden sie sich durch die Merkmale der Begrenzung und der Unbegreztheit: Das Naturschöne „betrifft die Form des Gegenstands, die in der Begrenzung besteht“16, denn der Schönheitsbegriff bezieht sich auf die Form, die Grenze und Umriss ist, das Erhabene findet sich dagegen auch im Formlosen, es liegt in der Unbegrenztheit. Das Schöne ist mit einem qualitativen, das Erhabene mit einem quantitativen Wohlgefallen verbunden.
Das Erhabene der Natur erlebt der Mensch an Naturereignissen und Naturgegenständen, die furchterregend sind oder das Gefühl des Ungeheuren oder der unendlichen Weite geben: Steile Felswände, Unwetter, Naturkatastrophen, das weite Meer, Wasserfälle, der Sternenhimmel, das Dunkel und die Stille der Nacht usw. vermitteln das Gefühl der Ohnmacht und Kleinheit, erregen Furcht oder schrecken den Menschen ab. Anders als beim Erleben des Naturschönen wird der Mensch von Anblick dieser Erscheinung in einer Art negativer Lust gleichzeitig angezogen und abgestoßen.
Kants Natur-Ästhetik setzt Tieck literarisch um: Das Erhabene der Natur erfährt der Tiecksche Protagonist des »naturalistischen« Kunstmärchens („Eckbert“/„Runenberg“) in der in sich geschlossenen Natur, vornehmlich in der Gebirgslandschaft: Schroffe Felsen, steile Klippen und bedrohliche Hänge vermitteln in ihrer Ambiguität beides, Erhabenheit und Schauer. Diese Ambiguität greift über auf die nachfolgende romantische Literatur, auch in der Malerei tritt sie als Motiv auf: Die Werke Caspar David Friedrichs sind hier zu erwähnen, in Bezug auf Tieck vor allem „Gebirgslandschaft mit Regenbogen“, „Felspartie“, „Winterlandschaft“, „Kreuz und Kathedrale im Gebirge“, „Der Chasseur im Walde“, „Erinnerungen an das Riesengebirge“. Wie bei Friedrich steht bei Tieck im künstlerischen Fokus nicht das Kantische Schöne, sondern das Erhabene der Natur. Eine Auseinandersetzung Tiecks mit Kants Ästhetik findet sich zudem in dem Essay „Über das Erhabene“17.
Kant hebt bei seiner Behandlung des Erhabenen immer wieder die Begegnung mit dem Abgründigen hervor, um auf die Ebene des Übersinnlichen, auf die Freiheit hinzulenken: Der Mensch ist zum einen ein eingeschränktes Sinneswesen, das mit seinem Anschauungsvemögen und seiner Phantasie das übersinnliche Unendliche und Unbedingte nicht greifen kann. Zum anderen kann er als moralisches Wesen das Sinnliche übersteigen und im Denken das Unendliche berühren. Im „Eckbert“ und im „Runenberg“ finden sich die Protagonisten dem Übersinnlichen, das sich in der Natur offenbart, ausgeliefert, die letzte Erkenntnis bleibt ihnen schließlich verborgen. Auch in „Franz Sternbalds Wanderungen“ wird der Einfluss von Kants Ästhetik spürbar, wenn Sternbald einem Handwerker gegenüber die erhabene Nutzlosigkeit der Kunst verteidigen muss.
Anmerkungen
1Safranski, Rüdiger: Romantik. Eine deutsche Affäre, München 2007.
2 Siehe Safranksi, S. 104.
3 Zu Schellings Naturphilosophie siehe Schmied-Kowarzik, Wolfdietrich: „Von der wirklichen, von der seyenden Natur“. Schellings Ringen um eine Naturphilosophie in Auseinandersetzung mit Kant, Fichte und Hegel (Schellingiana Bd. 8, herausgegeben von Walter E. Ehrhardt im Auftrag der Internationalen Schelling Gesellschaft), Stuttgart-Bad Cannstatt 1996 sowie ders.: Schellings Idee einer Naturphilosophie.
http://www.uni-kassel.de/~schmiedk/Schelling.htm
4 Zitat nach Pikulik, Lothar: Frühromantik. Epoche – Werke – Wirkung (Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte, herausgegeben von Wilfried Barner und Gunter E. Grimm), München 1992, S. 263.
5 Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph: Historisch-kritische Ausgabe; Reihe 1, Werke 7. Erster Entwurf eines Systems der Naturphilosophie (1799), herausgegeben von Wilhelm G. Jacobs und Paul Ziche, Stuttgart 2001, S. 81.
6 Schelling, S. 82.
7 Schelling, S. 276.
8 Schelling, S. 276.
9 Schelling, S. 93.
10 Tieck, Ludwig: Franz Sternbalds Wanderungen. In: Ders.: Werke in vier Bänden. Nach dem Text der »Schriften« von 1828–1854, unter Berücksichtigung der Erstdrucke. Herausgegeben von Marianne Thalmann, Bd. 1, München 1963, S.888. http://www.zeno.org/Literatur/M/Tieck,+Ludwig/Romane/Franz+Sternbalds+Wanderungen
11 Safranski, S. 104.
12 Tieck, Ludwig: Der blonde Eckbert/Der Runenberg (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 7732), Stuttgart 1952/2002, S. 33f.
13 Siehe Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. In: Ders.: Werke in zwölf Bänden. Herausgegeben von Wilhelm Weischedel, Bd. 1, Frankfurt am Main 1977. http://www.zeno.org/Philosophie/M/Kant,+Immanuel/Kritik+der+Urteilskraft
14 Siehe Schneider, Gerhard: Naturschönheit und Kritik. Zur Aktualität von Kants Kritik der Urteilskraft für die Umwelterziehung (Epistemata – Würzburger Wissenschaftliche Schriften; Reihe Philosophie, Bd. 161 -1994), Diss. Würzburg 1994, S. 104-113.
15 Zitat Kants nach Schneider, S. 106.
16 Zitat Kants nach Schneider, S. 106.
17 Tieck, Ludwig: Über das Erhabene. In: Ders.: Schriften in in zwölf Bänden. Herausgegeben von Achim Hölter,
Bd. 1 Schriften 1789-1794, Frankfurt am Main 1991, S. 637-651.
Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. In: Ders.: Werke in zwölf Bänden. Herausgegeben von Wilhelm Weischedel, Bd. 1, Frankfurt am Main 1977.
http://www.zeno.org/Philosophie/M/Kant,+Immanuel/Kritik+der+Urteilskraft
Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph: Historisch-kritische Ausgabe; Reihe 1, Werke; 7. Erster Entwurf eines Systems der Naturphilosophie (1799), herausgegeben von Wilhelm G. Jacobs und Paul Ziche, Stuttgart 2001.
Tieck, Ludwig: Der blonde Eckbert/Der Runenberg (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 7732), Stuttgart 1952/2002.
Tieck, Ludwig: Franz Sternbalds Wanderungen. In: Ders.: Werke in vier Bänden. Nach dem Text der »Schriften« von 1828–1854, unter Berücksichtigung der Erstdrucke. Herausgegeben von Marianne Thalmann, Bd. 1, München 1963. http://www.zeno.org/Literatur/M/Tieck,+Ludwig/Romane/Franz+Sternbalds+Wanderungen
Tieck, Ludwig: Über das Erhabene. In: Ders.: Schriften in zwölf Bänden. Herausgegeben von Achim Hölter, Bd. 1 Schriften 1789-1794, Frankfurt am Main 1991, S. 637-651.
Sekundärliteratur:
Pikulik, Lothar: Frühromantik. Epoche – Werke – Wirkung (Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte, herausgegeben von Wilfried Barner und Gunter E. Grimm), München 1992.
Safranski, Rüdiger: Romantik. Eine deutsche Affäre, München 2007.
Schmied-Kowarzik, Wolfdietrich: „Von der wirklichen, von der seyenden Natur“. Schellings Ringen um eine Naturphilosophie in Auseinandersetzung mit Kant, Fichte und Hegel (Schellingiana Bd. 8, herausgegeben von Walter E. Ehrhardt im Auftrag der Internationalen Schelling Gesellschaft), Stuttgart-Bad Cannstatt 1996.
Schmied-Kowarzik, Wolfdietrich: Schellings Idee einer Naturphilosophie.
http://www.uni-kassel.de/~schmiedk/Schelling.htm
Schneider, Gerhard: Naturschönheit und Kritik. Zur Aktualität von Kants Kritik der Urteilskraft für die Umwelterziehung (Epistemata – Würzburger Wissenschaftliche Schriften; Reihe Philosophie, Bd. 161 -1994), Diss. Würzburg 1994.
Schlegel
Patrick Wesp
1 Einleitung
Bei der Lektüre von Friedrich Schlegels frühen Schriften, zum Beispiel der ‘Rede über die Mythologie’, findet sich, dass dort die Begriffe ‘Poesie’, ‘Mythologie’, ‘Philosophie’, ‘Symbol’ und ‘Allegorie’ nicht scharf gegeneinander abgegrenzt werden und teils sogar synonym verwandt werden. Auch sein Bruder August Wilhelm Schlegel bezeichnet etwa die Mythologie als die „Urpoesie“, als „Sprache der Vernunft“ und als „Sprache der Phantasie“. Teils liegt dies an unscharfer Begriffsverwendung. Zum größten Teil jedoch liegt es daran, dass die Begriffe, bei der Definition des Mythos ineinander übergehen sollen, ja dies sogar notwendig tun. Dazu kommt, dass wir es, insbesondere bei August Wilhelm und Friedrich Schlegel mit ‘Möglichkeitsspielräumen’ zu tun haben. Das heißt, dass etwa Vernunft und Phantasie, im Prozess der Mythenbildung, in verschiedener Weise wirken können. Nicht zuletzt ist, insbesondere bei Friedrich Schlegel, die Konstruktion der neuen Mythologie mehr ein ‘Werden’. Wenngleich eine gewisse Ordnung für ihre Konstruktion vonnöten ist, so wird sie doch nie eine vollendete Systematik darstellen. Dabei drängt sich der Vergleich zur Turing-Maschine auf. Wenn ein System sich selbst zum Gegenstand hat, dann kann es nicht vollständig sein. Das Konzept des „Werdens“ beinhaltet jedoch mehr als das. Das zeigen Schlegels Anmerkungen über die Historizität der neuen Mythologie. Indem sie ein Produkt ihrer Zeit und ihrer Zeitgenossen ist, befruchtet sie sich selbst stets aufs Neue. Diese einleitenden Erörterungen sollen zum einen einen Rahmen bilden für den Umfang des Mythologiebegriffs. Zum Anderen sollen sie zeigen, dass es fast unmöglich ist, Friedrich Schlegels Theorie der neuen Mythologie, ohne den historischen und theoretischen Kontext zu verstehen. Auch Theorien anderer Philosophen und Poeten sind hier von Bedeutung. Es würde den Rahmen dieses Essays sprengen, beispielsweise die gesamte literaturtheoretische Rezeption, des Begriffs der Mythologie, im deutschen Sprachraum darzulegen. Ich denke jedoch, dass ich den Begriff der neuen Mythologie, wie er von Friedrich Schlegel im Athenäum verwandt wird, darstellen kann, ohne zu viele Autoren zu bemühen. Ich werde aber einige Anmerkungen, zum Beispiel von August Wilhelm Schlegel, einfließen lassen, um das Verständnis für manche fragmentarischen Äußerungen zu zu erleichtern. Es ist auch notwendig, einige andere Ideen von Theoretikern des ausgehenden 18ten und frühen 19ten Jahrhunderts darzustellen. Die Struktur meines Essays bleibt aber insoweit fragmentarisch, dass ich die einzelnen Kapitel auch anders hätte anordnen können. Die holistische Konzeption der „Rede über die Mythologie“ fordert eigentlich ein einziges, unaufgerämtes Kapitel. Der Übersicht halber kategorisiere ich aber in einzelne zentrale Ideen der Schrift.
2 Der Logos im Mythos
So phantastisch der Mythos auch ist, so wurzelt er doch in der Wirklichkeit. Zunächst bedarf das Mythologische der Narration, da die Elemente des Mythos einer anderen Welt angehören. Die Phantasie des Dichters erschafft den Hintergrund und die Protagonisten des Mythos. Jedoch herrscht auch hier nicht Beliebigkeit. Die Konstruktion des Mythos fußt in der Realität. So lenkt Helios seinen Wagen doch nur in den Bahnen, die die Sonne alltäglich beschreibt. Und so bunt auch der Olymp mit all seinen Göttern sein mag. Es gibt doch einen obersten Gott, der dem Oberhaupt im Staat entspricht. Der Mythos enthält also Elemente des Narrativen, Phantastischen, wie auch des Vernunftsmäßigen, Logischen. Die Mythendeutung der Aufklärung versuchte dem Mythos das narrative Element wegzuinterpretetieren. Übrig blieb die rationale Erklärung. Dabei wird der Olymp auf die Wiederspiegelung menschlicher und biologischer Eigenschaften reduziert. Die Phantasie spielt keine Rolle mehr. Dagegen steht die These Friedrich Creuzers, dass die Mythologie nicht erklärbar sei. Nur durch die Anschauung kann sie gefasst werden. „Gottfried Herrmann erkennt, dass die Creuzersche These auf die Identifikation von Poesie und Mythos hinausläuft und damit jeder rationalen Erklärung des Mythos den Boden entzieht.“1 Dies stellt die Basis dar, für Friedrich Schlegels These, dass Mythologie mit Poesie identisch ist. „Denn Mythologie und Poesie, beide sind eins und unzertrennlich.“2 Auf diese Beziehung gehe ich später nochmals ein. Für dieses Kapitel ist wichtig anzumerken, dass bei Friedrich Schlegel die neue Mythologie (auch) die Funktion hat, die Natur in poetischer Weise darzustellen. „Und was ist jede schöne Mythologie anders als ein hieroglyphischer Ausdruck der umgebenden Natur in dieser Verklärung von Fantasie und Liebe?“ 3 Trotzdem soll die Mythologie aus der Tiefe des Verstandes entspringen. „Die neue Mythologie muss im Gegenteil aus der tiefsten Tiefe des Geistes herausgebildet werden.“ Friedrich Schlegels Konstruktion der neuen Mythologie fordert also, dass die neue Mythologie sowohl eine Schöpfung der Einbildungskraft ist, wie auch des Verstandes. “…dass die neue Mythologie das Resultat bewusster Anstrengungen ist, nicht nur eine Schöpfung der Einbildungskraft, sondern ebenfalls des Denkens und der tiefsten Reflexion.“. 4 Dies gilt für die Schaffung, sowie für die Rezeption der Poesie, die dann zu einem Teil des Mythos wird. Der Poet erfasst also, sowohl verstandesmäßig als auch durch Anschauung, seine Umgebung. Er entwickelt so eine Idee. Diese verpackt er durch die Mittel der Anschauung. Die narrativen Mittel dazu nennt Friedrich Schlegel sowohl „Allegorien“ wie auch „Symbole“. Auch Johann Gottfried Herder spricht von „symbolisch“, „mythisch“ und „mytho-poetisch“. Die vernunftsmäßigen Elemente werden dann in diese bildhafte Erzählung eingebettet. Der Rezipient kann die bildhafte Narration vergleichsweise einfach dekodieren. Es bedarf aber wiederum einiger vernunftsmäßiger Anstrengung, die eingebetteten Elemente zu entschlüsseln. Herder spricht hier von der poetischen Bestandheit“ mythologischer Figuren einerseits und der poetischen Nebenidee“ andererseits. Auf den Begriff der „Ideen“ komme ich in Kapitel 5 nochmals zu sprechen.
3 Die Neue Mythologie als „Ewig Werdendes“
Auf welchem Wege soll nun aber die neue Mythologie kommen? Wird sie das Werk eines Meisters sein, wie es Spinoza etwa fuer Schlegel war? Und welche Gestalt soll sie annehmen. Soll es sich dabei um ein starres System von mythologischen Figuren handeln? Beides muss verneint werden. Es liegt in der Natur der Sache, dass die neue Mythologie nur durch das Zusammenspiel von Mensch und Umgebung entstehen kann. Sie ist zum einen eine symbolhafte Reflexion der Natur, der Gesellschaft und der Natur des Menschen. Daher kann sie nicht spontan entstehen, sondern nur als Reaktion auf die Zustände in der Welt. Da die Welt aber in ständigem Wandel begriffen ist, ist es auch die Mythologie. Zum Anderen ist die Mythologie, auch in anderer Hinsicht, kein starres System. Sie ist mehr als ein bloßer Spiegel der Gegenwart und der Vergangenheit. Sie beinhaltet die “poetische Nebenidee”. Der Rezipient kann sie auf heuristische Weise lesen. Das heißt, er kann Elemente des Mythos als Fragmente von Ideen über die Welt lesen. Er kann aber auch, durch seine Phantasie, Elemente seiner Ideen darin wiederfinden oder dadurch bilden. Wenn ich zum Beispiel die mythische Figur des Helios betrachte, mag dies meine eigene Phantasie anregen. Ich erkenne und poetisiere einen Weltzustand. Eine Eigenschaft des Helios ist zum Beispiel die, dass er eine einzelne Person ist, die für alle Menschen den Himmel erleuchtet. Wenn es ein anderer versucht, so ist dies zum Scheitern verurteilt. Das kann die Nebenidee in mir wachrufen, dass Herrschaftssysteme die Eigenschaft haben, einen alleinigen Anspruch auf Wahrheit zu propagieren. Um dies zu kritisieren, spinne ich einen Mythos, in dem der Feuerwagen jeden Tag anders besetzt ist. Dies kann ich beispielsweise anhand von Gegebenheiten in der Natur festmachen um symbolischen Charakter zu schaffen. Ich kann die unterschiedliche Zahl der Sonnenflecken als Besatzung des Wagens symbolisch darstellen. Auch Friedrich Schlegel will,“…dass der Leser die Arbeit des Autors gedanklich fortsetzt und dessen Anregungen selbstständig realisiert.5”. Ich würde den Gedanken von der „Nebenidee“ noch weiter führen. Denn durch die Lektüre des Mythos können auch Ideen im Rezipienten wachgerufen werden, die nicht vom Autor intendiert wurden. Die Mythologie wäre also mehr als die Summe ihrer Teile.
4 Genie und Kollektiv
Dies deutet auf einen weiteren Gedanken der Frühromantik hin. Die neue Mythologie soll durch die gemeinschaftliche kreative Tätigkeit verschiedener Individuen entstehen. Diesen Gedanken hat wohl keiner der zeitgenössischen Künstler so gut verwirklicht wie die Gebrueder Schlegel dies mit der Herausgabe des Athenäums taten. Gleichzeitig finden sich aber, vor allem in Friedrich Schlegels Schriften, Hinweise darauf, dass das Individuum nur eine Fragment des Unendlichen sei. Es scheint so, als würde hier der Geniegedanke frontal mit der pantheistischen Allheit des Seins kollidieren. Tatsächlich findet sich hier eine weitere Parallele von Friedrich Schlegels romantischer Vorstellungen mit der alten Mythologie. Sowohl mit deren Form, wie auch der Intention, mit dem die alten Dichter sie erfanden. Was die Form angeht, so sind die mythischen Gestalten Personifikationen von Aspekten der umgebenden Natur. Der Planeten, der Flüsse und Meere, oder abstrakter Phänomene und Verhaltensweisen, wie der Jagd oder der Eifersucht. Und doch wirken all diese Personifizierungen aus eigenen Motiven. Ja sie wenden sich sogar gegen ihre Umwelt (also die anderen Gottheiten). So verbannt Zeus die Titanen und entmannt seinen Vater, so wie der seinen Vater vor ihm. Athene, Diane und Aphrodite streiten darum wer die Schönste ist. Letzten Endes ist es aber ihr gemeinsames Wirken, das den Olymp bildet. So soll es sich auch mit dem Wirken der Dichter und Denker im Schaffen der neuen Mythologie verhalten. Auch in Bezug auf die Intentionen der romantischen Dichter, in der neuen Mythologie, soll es diese Symmetrie geben. Dichter sollen, jeder auf seine eigene Weise, zur Schaffung der neuen Mythologie beitragen.„Überhaupt muss man auf mehr als einem Wege zum Ziele dringen können. Jeder gehe ganz den Seinigen mit froher Zuversicht auf die individuellste Weise…der eigentliche Wert, ja die Tugend des Menschen sei seine Originalität.6“. Sie sollen aber gleichsam, durch die Phantasie ein Bild des Ganzen schaffen. Allerdings reicht es nicht hin nur Symbolik zu schaffen, die die Gegenwart karikiert. Im Schaffen des Dichters muss sich auch der Schein der göttlichen Perspektive wieder finden. Dies stellt Schlegel am Idealbild von Spinozas Poesie dar. „...ein klarer Duft schwebt unsichtbar sichtbar über dem Ganzen…dieser milde Widerschein der Gottheit im Menschen...“7. Das kreative Erzeugnis des Dichters steht dann aber nicht für sich alleine. Indem es die Schriften anderer Dichter anregt und sich mit diesen zu einem Gesamtwerk vereinigt, bildet sich die neue Mythologie. Das Ideal dieses gemeinschaftlichen Schaffensprozesses dürfte wohl das Gespräch sein, in dem verschiedene Denker sich gegenseitig mit ihren Ideen anstoßen. Dieses Ideal der Symphilosophie oder Sympoesie verwirklicht Schlegel in der "Rede über die Mythologie". Dort wird auch das Ausmaß deutlich, das der neue Schaffensprozess annehmen soll. Nicht nur Poeten, Philosophen oder Romantiker sollen, im Geiste des Idealismus, die neue Mythologie vorantreiben. Es sind Männer und Frauen, Geistes- und Naturwissenschaftler, die sich gegenseitig mit ihren Schriften befruchten sollen.
5 Die neue Mythologie als Sprache
Dies wirft die Frage nach der Kompatibilität der verschiedenen Schriften, Denkweisen und Disziplinen auf, die gemeinsam die neue Mythologie erschaffen sollen. In der "Rede über die Mythologie" spricht Schlegel, als einziges verbindendes Element, den "Geist des Idealismus" an. Ich will mich dieser Fragestellung zunächst mit einem Rekurs auf August Wilhelm Schlegels Schriften nähern. Er definiert die Sprache als einen "Abdruck des menschlichen Geistes, der darin die Entstehung und Verwandtschaft seiner Vorstellungen und der ganzen Mechanismus seiner Operationen niederlegt"8. Wenn die neue Mythologie die Form einer Sprache hat, wie kann dann ein einheitliches Alphabet und eine einheitliche Syntax entstehen, wenn doch all diese verschiedenen Denker und Disziplinen zusammen arbeiten? Gleich der Sprache, so fordert auch die Schaffung der neuen Mythologie einen "inneren Organismus des geistigen Daseins". Das heißt, dass poetisches Bewusstsein, mittels der Phantasie, in der Lage ist Bedeutungen in Worte zu legen. Dasselbe gilt für die Mythologie. Das Alphabet von Aphrodite bis Zeus wird mittels dichterischem Bewusstsein und Phantasie gebildet. Anschließend kann es genutzt werden, um erneut Bedeutungen zu transportieren. Die Mythologie ist also, so scheint es, eine Metasprache der Sprache. Und die Poesie bedient sich ihrer wiederum. "Die "freie selbstbewusste Poesie" die den Mythus als Stoff behandelt, indem sie ihn "dichterisch behandelt, poetisiert" steht deshalb noch um eine Stufe höher"9. Das heißt jedoch nicht, dass jede Poesie, die bedeutungstragende Elemente eines anderen Stoffes verwendet, eine neue Sprache darstellt. Ich will dies mit einem Beispiel illustrieren. In Mary Wollstonecraft Shelleys "Frankenstein" ist das Monster Sinnbild für die schöpferische und zerstörerische Kraft des Menschen. Im Film "Hancock" besitzt der Held eine alte vergilbte Eintrittskarte für eine Vorstellung von Frankenstein. Er selbst hat Superkräfte. Doch statt sie für die Erschaffung des Guten zu verwenden, zerstört er nur, sowohl seine Umgebung, wie sich selbst. Im Film durchläuft er einen Selbstfindungsprozess, infolge dessen er seine Kräfte einsetzt, um etwas zu erschaffen. Hier wird ein Element aus einem poetischen Werk dichterisch benutzt um den Bedeutungskontext eines anderen Werkes zu illustrieren. Dies geschieht über Genregrenzen hinweg. Trotzdem kann das Buch und der Film Teil derselben Mythologie sein. Dies illustriert auch, warum die Gebrüder Schlegel Mythologie und Poesie oft synonym verwenden. Indem der Mythos poetisiert wird, werden die Elemente der neu entstandenen Poesie selbst Teil des Mythos und können erneut verwendet werden, um Bedeutung zu transportieren. Dies geschieht auch über disziplinare Grenzen hinweg. So hat zum Beispiel die phantastische Literatur immer wieder Elemente aus Wissenschaft und Technik verwendet, um daraus Geschichten zu erschaffen, in denen Science Fiction dargestellt wird. Diese literarischen Vorlagen haben wiederum als Inspiration für die Wissenschaft gedient, um neue Technologien zu erschaffen. Als Beispiel kann man Jules Vernes "Reise zum Mond" anführen, in der ein Mensch mit der Kraft der Explosion zum Mond geschossen wird, was dann auch später realisiert wurde. Dies zeigt, wie die Poesie eine Universalsprache verwenden kann und damit nicht notwendig alle anderen Sprachen beherrschen muss. Es ist die Bildsprache des Allegorischen. "Soll die Poesie wieder zur Lehrerin der Menschheit werden, wird es ihre Aufgabe sein das System der Ideen in Bildern zu präsentieren"10 "Wird uns ein Gegenstand im Medium der Poesie gezeigt, so muss jeder Teil "durch dieses Medium gefärbt sein...dennoch bringt die poetische Darstellung dieser Begebenheit das "Wesentliche der Sache" klarer und deutlicher zur Anschauung, als es das "gewissenhafteste Protokoll" vermöchte"11. Damit können wieder Nebenideen transportiert werden. Natürlich sind dies nur einzelne Beispiele. Es bleibt die Frage, in wieweit dies ausreicht, um eine gemeinsame Sprache zu schaffen. Wie kann ein Dichter das vollständige Vokabular der Quantenphysik nutzen und mittels der Dichtung weiterentwickeln. Sind dieser Interdisziplinarität nicht Grenzen gesetzt? Hier muss man eine, noch weiter gehende Idee Friedrich Schlegels darstellen. Er hatte die Vision Elemente aus allen Wissenschaften zu universalisieren, sozusagen in dieselbe Sprache zu übersetzen. Diese Elemente sollen die Form von allgemein anwendbaren "Ideen" annehmen. Dabei wurde er vermutlich von der Ideenlehre von Immanuel Kant beeinflusst. Kant hatte statt dem Objekt, als zentralen Punkt aller Erkenntnis das Subjekt gesetzt. Die Vorstellung, dass Ideen unabhängig von Begriffen entstehen. Nicht umsonst spricht Schlegel von seiner Vorstellung einer Allgemeinpoesie als „Transzendentalpoesie“.
„Transzendental ist das Denken, wenn es sich gleichsam auf sich selbst bezieht und die Bedingungen erkundet, denen es unterliegt. In vergleichbarer Weise verfährt eine Poesie, die sich über sich selbst reflektierend erhebt und noch diese Reflexion zu einem Bestandteil ihrer selbst macht.12“. Die transzendentale Erkenntnis sucht das vor aller Erfahrung Gültige. Dies wurde von Fichte auf die Spitze getrieben, der das „Ich“ als absolut deklarierte und konsequenterweise nicht aus Lehrbüchern lehrte, sondern anhand eigener Ideen. Dies soll gewissermaßen ein offenes Ende dieses Kapitels bleiben. Ganz im Sinne der Symphilosophie. Es ist nicht Gegenstand dieser Arbeit Kants Ideenlehre oder Fichtes Definition des „Ich“ darzustellen. Aber es zeigt die Denkrichtung von Friedrich Schlegel an. Der selbst auch einen Abschluss dieser Überlegungen schuldig bleibt und andere zur Weiterentwicklung aufruft.
6 Die Wiederkehr der Geschichte in der neuen Mythologie
Schlegels Argumentation ist eine gewisse Zyklizität nicht abzusprechen. Damit meine ich nicht, dass seine Argumente zyklisch sind. Es gilt jedoch für seine Definition der Mythologie, beziehungsweise Poesie und des Wesens des Poeten, beziehungsweise Philosophen. Während meines Referats hatte ich die These aufgestellt, dass die Theorie von der Ontogenese und der Phylogenese13 auf Schlegels Theorie der Mythologie anwendbar sein könnte. Dies gilt in vielerlei Hinsicht. Zum einen ist die Konzeption der neuen Mythologie ein historischer Prozess. Indem der Poet sich über das Wesen der Natur und des Menschen klar wird (durch das Studium der Geschichte und der Poesie der Geschichte, das zur Mythologie wird) wird sein Geist befruchtet und daraus entsteht neue Poesie, die wiederum zur Mythologie wird. Er rekapituliert also die Phylogenese und bestimmt dadurch maßgeblich die Ontogenese seines Werks. Des Weiteren durchläuft der Poet die geistigen und spirituellen Stadien der Menschheitsgeschichte. Zunächst kommt die Poesie von der Natur her, was in historischer Hinsicht dem Schamanismus entspricht. Gleichsam ist jedoch das Individuum und dessen geistige Kreativität von zentraler Bedeutung. Dies entspricht dem Geniegedanken, wie er in der deutschen Klassik aufkam. Zuletzt ist aber der göttliche Widerschein im Menschen unabdingbar für die Schaffung wahrer Poesie. Dies lässt verschiedenste Gedankengänge aufkommen. Es bedürfte weiterer Essays dies auszuführen. Ich will jedoch nicht schließen ohne einige davon anzusprechen. Zunächst zum zyklischen Charakter. Der Mensch erkennt die Natur als Absolutum, dann erkennt er das Göttliche und schafft sich als Entsprechung das Pantheon. Nur um wieder sich selbst zum Mittelpunkt zu erklären und sich gar zu vergöttlichen. Religion und Säkularisierung sind abwechselnd von zentraler Bedeutung. All diese historischen Prozesse, so will es Schlegel, kommen im Poeten zusammen. Und in dessen Werken entsteht die neue Mythologie. “..eine neue Einheit des Denkens und Handelns...in der die Trennung von Mensch und Natur, Kunst und Leben, innerer und außerer Welt... überwunden wird...In dem...Prozess der...ichhaften Durchdringung der Natur stiftet die von Schlegel so bezeichnetet neue Mythologie eine Einheit... " 14.“Hier wird ganz deutlich, dass die Frühromantik das Zusammendenken der Extreme zu ihrem Prinzip erhebt. Das Individuum wird zur Menschheit, die wiederum als Individuum zu denken ist.“ 15. Es scheint, dass dieser Gedanke nicht so gewagt ist, wie mir dies während meinem Referat schien. Denn einige dieser Überlegungen stellt auch Heinz Gockel16 an. „Das Argument von Phylogenese und Ontogenese wird gewissermaßen umgekehrt. Was in der Menschheitsgeschichte als anfänglich mythisches Bewusstsein ausgemacht werden kann ist jedem Menschen jederzeit erfahrbar.“ 17. Zuletzt will ich noch anmerken, dass ich glaube Friedrich Schlegels Gedanken des ewigen Werdens und der Bewusstwerdung dessen was schon war, ist und sein wird, in Nietzsches Idee der „ewigen Wiederkehr“ wieder zu erkennen.
7 Offenes Ende
Mein Essay soll offen ausklingen. Ich denke die wichtigsten Punkte, die in Friedrich Schlegels Konzept der neuen Mythologie stecken, dargestellt zu haben. Es liegt jedoch in der Natur der Sache, dass vieles unbeendet bleibt. Allein aufgrund der Einbettung des Begriffs der neuen Mythologie in das Gesamtkonzept der neuen Transzendentalpoesie. Wäre mein Essay ein Baum, so bliebe reichlich Platz für neue Triebe. Doch trotzdem denke ich, Schlegels Konzept der neuen Mythologie ist als ganzer Baum erkennbar geworden und bietet den Biologen unter den Poeten (also den Philosophen - ? M.R) genug Material um auf die DNA des Gewächses schließen zu können.
Anmerkungen
1 DlF S.193, Z. 24-26
2 KuTS S.191, Z.9-10
3 KuTS S.v 194, Z. 21-23
4 FR S. 258, Z. 7-10F
5 FS S. 50, Z. 3-4
6 KuTS S. 196, Z. 14-20
7 KuTS S. 194, Z. 6-11
8 FR S.80, Z. 8-10 Als Zitat von A.W. Schlegel
9 FR S. 80, Z. 34-36
10 DlF S. 202, Z. 29-31
11 FR S. 81, Z.30-32 - S. 82, Z. 1
12 FS S. 71, Z. 6-8
13 Dass die Phylogenese die Ontogenese rekapituliert.
14 FS S. 50, Z. 28 – S.51 Z. 2
15 FS S. 51, Z. 14-15
16 In: DlF
17 DlF S. 196, Z. 20-24
Literatur/Kürzel
KuTS: „Kritische und Theoretische Schriften“, Friedrich Schlegel. Stuttgart, Reclam 1978.
DlF: „Die alte, Neue Mythologie“, Heinz Gockel, in: „Die Literarische Frühromantik“, Hrsg. Silvio Vietta. Göttingen, Vandenhoeck 1983.
FR: „Frühromantik“, Ernst Behler. New York, De Gruyter 1992.
FS: „Friedrich Schlegel zur Einführung“, Berbeli Wanning. Hamburg, Junius 1999.

Friedrich von Schlegel
und
Das Programm der Frühromantik
Ausarbeitung des Referates vom 05.05.2008 Gerard Montague
Basierend auf: Safranski, Rüdiger. Romantik. Eine deutsche Affäre. München: Hanser 2007, drittes Kapitel (48 – 69).
1 Die Gebrüder Schlegel1
Die Brüder August Wilhelm von Schlegel und Friedrich von Schlegel gelten als Mitbegründer der deutschen Romantik. Der ältere, August Wilhelm, wurde 1767 als Sohn eines evangelisch-lutherischen Pastors in Hannover geboren. Nach einem Studium der Theologie und Philologie wurde er als Literaturhistoriker, Übersetzer Schriftsteller, Indologe und Philosoph bekannt. In Jena, wo er von 1794 bis 1801 lebte, hat August Wilhelm die neue Schule der Romantik entscheidend mitgeprägt, gemeinsam mit seiner Ehefrau Caroline, mit seinem jüngeren Bruder Friedrich und dessen Frau Dorothea, sowie mit Fichte, Ludwig Tieck und Novalis. August Wilhelm gilt als Standard-Übersetzer der Werke von William Shakespeare. 1803 wurde er Hausfreund von Madame de Stael, eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Romantik-Bewegung in Europa. Gestorben ist er 1845 in Bonn.
Im Mittelpunkt dieses Referates steht Karl Wilhelm Friedrich von Schlegel, der 1772 geboren wurde, ebenfalls in Hannover. Seine Kindheit hat er überwiegend beim Onkel und bei seinem Bruder August Wilhelm verbracht. Nach einer abgebrochenen kaufmännischen Lehre studierte er Rechtswissenschaften, Mathematik, Philosophie, Medizin und Klassische Philologie in Göttingen und in Leipzig. Im Alter von 21 brach er das Studium ab und beschäftigte sich vor allem mit dem griechischen Altertum. Er sah sich als 'Winckelmann' der antiken Poesie.2 1796 folgte er seinem Bruder und dessen Frau nach Jena. Das Athenäum, das zentrale "Sprachorgan" der Romantischen Schule, wurde von den beiden Brüdern 1798 gegründet.
Nach der Habilitation als Privatdozent in Jena und einer Zwischenzeit in Dresden ging er zum Studium der Kunstsammlungen nach Paris. 1804 ging er nach Köln. Seinem steigenden Interesse folgend konvertierte er 1808 zum Katholizismus und trat anschließend in den österreichischen Staatsdienst ein. 1815 wurde er geadelt und von 1815 bis 1818 war als Vertreter Österreichs am Bundestag in Frankfurt. Im letzten Jahr seines Lebens hielt er Vorlesungen an der Universität Dresden, wo er 1829 verstarb.
2 Kontext und Werdegang
Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts sollte die Bildung praktisch alle Kreise der Bevölkerung in Deutschland erreichen, aber Anfang des Jahrhunderts gehörten immerhin ca. 25% der Erwachsenen zum potentiellen Lesepublikum. Ende des 18. Jahrhunderts wird das Viellesen in bürgerlichen Kreisen epidemisch. Zum Leseleben gehört die Muße und so schrieb Friedrich Schlegel in seinem Roman Lucinde:
O Müßiggang, Müßiggang! Du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung; dich atmen die Seligen, und selig ist wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod! Einziges Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradies blieb.3
Warum diese große Bedeutung des Lesens? Nach Safranski führte das Fehlen von städtischen Mittelpunkten zu einer Lust "…an der imaginären Gesellschaft im Buch und der reellen durch das Buch."4 Deutschland war zur damaligen Zeit keine politische Großmacht, besaß keine richtige Hauptstadt, keine weltweit tätigen Handels- und Kriegsflotten und keine Kolonien. Aus der Lust am Lesen kommt die Lust zum Schreiben und es war der Ehrgeiz der Romantiker, in ihren Schriften weiterzuleben. Die Schlegels selbst waren "…Meister darin, sich interessant zu machen." Ihre Schriften reflektierten Ihr Leben hinter der Literatur und auch umgekehrt.
Die schicksalhafte Begegnung mit Novalis erfolgte 1792 und Schlegel hatte sofort seine Genialität erkannt. "Das Schicksal hat einen jungen Mann in meine Hand gegeben, aus dem alles werden kann." Es war eine Zeit der Geheimbünde und sogenannte „Bündnisromane“ überschwemmten das Land. Deren Anknüpfungspunkte waren Jesuiten, Freimaurer, Illuminaten, Rosenkreuzer und weitere vermutliche oder reelle Geheimbünde. Man war von solchen unsichtbaren Händen fasziniert: "Das Unerklärliche ist nun nicht mehr Skandal, sondern Reiz."5 Der Begriff 'revolutionär' wird inflationär verwendet: Friedrich Schlegel spricht von der moralischen Revolution, der schönen Revolution, der ästhetischen Revolution und vom Idealismus als Revolution. Die Anarchie des Geistes gilt als Mutter einer wohltätigen Revolution. Die Kunst sollte eine Rolle als Ereignis innehaben und nicht als Produkt – die Früchte eines solchen Gedankens sind in der Kunstszene des 20. Jahrhundert voll gereift, mit Happenings und dergleichen.
Man befand sich in einem literaturbesessenen Milieu und in diesem Milieu entwickelten sich die hochfliegenden theoretischen Konzepte der Frühromantiker. Doch bevor wir zum eigentlichen Programm der Frühromantik kommen, möchte ich kurz innehalten und einen Vergleich mit der mir am besten vertrauten Kultur wagen.
3 Deutschland und die angelsächsische Welt um 1800 -Vergleiche und Kontraste
Zunächst eine Einschränkung: Es gibt im engeren Sinne keine "britische " Kulturwelt. Großbritannien, bzw. ab einem erzwungenen Act of Union im Jahr 1800 The United Kingdom of Great Britain and Ireland, besteht aus mehreren, ethnisch und kulturell diversen Teilstaaten. Die Scottish Enlightenment, mit zentralen Figuren wie David Hume und Adam Smith zeigt eine deutlich andersartige Ausprägung als die Englische, natürlich mit gegenseitigen Beeinflussungen. Allerdings: im Vergleich zum eher provinziellen Deutschland war Großbritannien eine vereinigte politische Macht. London war die unumstrittene Hauptstadt und das werdende globale Machtzentrum. Aus den Napoleonischen Kriegen sollte England als uneingeschränkter Herrscher der Weltmeere im 19. Jahrhundert hervorgehen. Große ingenieurtechnische Leistungen wie die Erfindung der Dampfmaschine und die Ausbreitung der Eisenbahnen führten in Verbindung mit billigen Rohstoffen aus den Kolonien zur industrial revolution und zu enormen sozialen Umwälzungen: Mit überwiegend positiven Ergebnissen für die Oberschichten und für die rapide wachsenden Mittelklassen aber mit katastrophalen Ergebnissen für diejenigen, die ihr Brot in den Fabriken verdienen mussten. Erst um das Jahr 1900 herum wird Deutschland als Wirtschaftsmacht aufgeholt haben.
So waren die Rahmenbedingungen der Romantik in Großbritannien gänzlich anders als in Deutschland. Man lebte und erlebte nicht in erster Linie in Büchern, sondern in der empirischen Welt. Auch in England wurde viel gelesen, aber das Lesen war – wenigstens im Vergleich zu Deutschland – eher Nebensache. Die Männer lasen überwiegend Sachliteratur, Romane waren Zeitvertreib für Frauen der gehobenen Schichten.
Die folgende Tabelle zeigt plakativ einige Kontraste auf:
D: Romantik als deutsche Affäre GB: Romantik als Nebensache
Der Vergleich mag im Detail angreifbar sein, sollte jedoch nur einige Tendenzen aufzeigen. Die Romantik hat es trotzdem in Großbritannien gegeben. Paradigmatisch für die englische Romantik ist das folgende Gedicht von William Wordsworth (1770 – 1802). Im Text werden die Unterschiede zwischen Stadt und Land verwischt, ja vollständig aufgehoben. Die Großstadt London im Morgenlicht – sicherlich schon damals arbeitsreich, laut und schmutzig – wird romantisch überhöht dargestellt, selbst die Häuser scheinen zu schlafen.
Composed Upon Westminister Bridge (1802)
Earth has not anything to show more fair:
Dull would he be of soul who could pass by
A sight so touching in its majesty:
This City now doth like a garment wear
The beauty of the morning: silent, bare,
Ships, towers, domes, theatres, and temples lie
Open unto the fields, and to the sky,
All bright and glittering in the smokeless air.
Never did sun more beautifully steep
In his first splendour valley, rock, or hill;
Ne'er saw I, never felt, a calm so deep!
The river glideth at his own sweet will:
Dear God! the very houses seem asleep;
And all that mighty heart is lying still!
Für den Leser sollten Ähnlichkeiten und Unterschiede zur deutschen Romantik sichtbar werden. Die Romantik englischer Prägung war leichter, 'romantischer', literarischer, weniger philosophisch, politisch oder gesellschaftlich geprägt; aktiv tangiert waren eher die Künstler als breite bürgerliche Schichten, die aber trotzdem dankbare Rezipienten der 'schönen' Werke der Romantik waren. Nun wenden wir uns der eigentlichen Kernthematik des Referates zu.
4 Programm der Frühromantik – progressive Universalpoesie
Die bereits erwähnte Zeitschrift Athenäum war für seine sogenannten Fragmente bekannt und das Fragment Nr. 116 enthält in Kurzfassung das Programm der Frühromantik:
Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen…6
Das Ziel ist die Wiedervereinigung aller getrennten Gattungen. Alles soll in Verbindung gebracht werden mit dem Geist der Poesie, eine Vermengung hergestellt werden aus Poesie und Prosa, aus Genialität und Kritik, aus Kunstpoesie und Naturpoesie. Das Kernthema heißt, die Poesie sollte lebendig und gesellig werden und das Leben und die Gesellschaft poetisch. Sämtliche Grenzen und Spezialisierungen sollten überwunden werden, die Grenzen zwischen Philosophie, Kritik und Wissenschaft; Zwischen der Logik des Alltagslebens und der freien schöpferischen Geistestätigkeit. Hegel sprach von einem "… bacchantischen Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist."7 Schiller hatte davon gesprochen, dass der Mensch zu einem Bruchstück geworden ist, was ihn daran hindert, die Harmonie seines Wesens zu verwirklichen. Schlegel plädierte für eine Wiedervereinigung.
Er bezog sich auf die Kultur der Griechen, die seines Erachtens nicht nur von der edlen Einfalt und stillen Größe geprägt war, sondern im Untergrund ekstatisch, wild grausam, auch pessimistisch. Waren. Safranski über die Ansichten Schlegels:
…vielmehr sei es bemerkenswert, wie damals aus seinem schönen Chaos der Antriebe die gelungene Form geboren wurde. Das läßt für die Gegenwart hoffen. Denn in der Gegenwart herrscht auch Anarchie, es fehlt der Mittelpunkt, es handelt sich aber um eine langweilige, reizlose Anarchie. Es fehlt die Substanz. Man muß endlich, so Schlegel, Genialität ins Spiel bringen. Dazu aber muß man begriffen haben, daß das Leben vielleicht überhaupt nichts anderes ist als – ein großes Spiel.
Darin merkt man die Wirkung von Schillers Philosophie des Spiels
- Der Mensch sei nur dort Mensch, wo er spielt-
, die bei den Romantikern zum Spiel der Ironie wurde. Der alte Götterhimmel ist der Anfang aller Poesie. Die romantische und verspielte Ironie besteht darin, verständliche Sätze zu produzieren, die ins Unverständliche hinüberspielen, wenn man sie genauer ansieht. Und Schlegel resümiert: "Und ist sie selbst, diese unendliche Welt, nicht durch den Verstand aus der Unverständlichkeit oder dem Chaos gebildet?"8 Schlegel spricht vom offenen Kunstwerk: "Die Kritik soll die Werke nicht nach einem allgemeinen Ideal beurteilen, sondern das individuelle Ideal jeden Werkes aufsuchen."9
Zusmmenfassend meint Schlegel, es sollte eine neue Denkweise entstehen, "… die schaffende, die von der Freiheit und dem Glauben an sie ausgeht, und dann zeigt, wie der menschliche Geist sein Gesetz allem aufprägt, und wie die Welt sein Kunstwerk ist."10 Dieser Gedanke wurde von Fichte und anderen aufgegriffen und weiterentwickelt.
5 Philosophische oder literarische Bewegung?
Ist die deutsche Romantik eher eine philosophische, oder eine literarische oder schöngeistige Bewegung? Der oben zitierte fragende Satz, ob diese Welt nicht durch den Verstand aus dem Chaos gebildet wird, offenbart einen zutiefst philosophischen Ansatz Schlegels, eine Grundidee, die damals vielfach im Raum stand: Beim Idealisten Berkeley, aber auch in anderer Form bei David Hume und, bezugnehmend auf Hume, bei Immanuel Kant. Diese Idee sollte den deutschen Idealismus des 19. Jahrhunderts prägen. Und der deutsche Idealismus ist eine spezifisch deutsche Affäre, genau wie die deutsche Romantik. Sogar die Akteure waren teilweise die Gleichen, zum Beispiel Fichte, Hegel, Schelling. Elemente der Romantik sehe ich darüber hinaus, bis zum heutigen Tag, sowohl in der "linksphilosophischen" Entwicklung aus Hegel als auch in der "rechtsphilosophischen" Entwicklung des späten 19. und des 20. Jahrhunderts. So gesehen sollte aus der Frühromantik sowohl eine philosophische als auch eine literarische Bewegung entstehen. Aus der Sicht von Ludwig Tieck war die Zeit in Jena "… eine der glänzenden und heitersten Perioden meines Lebens." Wie er an August Wilhelm Schlegel 1828 schrieb:
Du und Dein Bruder Friedrich, - Schelling mit uns, wir alle jung aufstrebend, Novalis-Hardenberg, der oft zu uns herüberkam: diese Geister bildeten gleichsam ununterbrochen ein Fest von Witz, Laune und Philosophie.11
Deutschland das Land der Dichter und Denker? (=da gibt es Dichter & da gibt es Denker) Ausgehend vom Programm der Frühromantik können wir eher sagen:
Deutschland ein Land der Dichter-Denker.
Postskriptum
Dies Postskriptum bezieht sich auf einen weiteren englischen Romantiker, William Blake. Die Zeichnungen in seinen Songs of Experience stammen ebenfalls vom Dichter, der damit eine der von Schlegel an die Romantik gestellten Forderungen erfüllt. Somit sehen wir eine Vereinigung von Poesie, Sozialkritik und graphisch-ästhetischen Gestaltung in Blake´s "The Chimney Sweeper" .
1 Biographische Daten überwiegend aus: wikipedia.de
2 Johann Joachim Winckelmann ((1717 – 1768) gilt als Begründer der modernen Archäologie (wikipedia.de).
3 Zitiert in Safranski. 49.
4 Safranski. 50.
5 Safranski. 57.
6 Zitiert in: Safranski. 59.
7 Zitiert in: Safranski. 59.
8 Zitiert in: Safranski. 64.
9 Zitiert in: Safranski. 68.
10 Zitiert in: Safranski. 69.
11 Zitiert in: Safransk. 85.





chau.jpg)

