Montag, Juli 01, 2019

Hilde DOMIN - Lebenskontext ihrer Lyrik (Teil I)

Wir setzten den Fuß in die Luft / und sie trug
Ausstellung Marianne Hagemann 12.6. Vortrag PD V.M. ROTH
HILDE DOMIN *1909 Köln – 1940 Santo Domingo- 1954 -2006 in Europa: Spanien und Heidelberg


HILDE – (mit wechselnden Nachnamen: vor 110 Jahren in Köln geborene Löwenstein, verheiratete Palm (Rom), Dichtername DOMIN "Ich nannte mich/ ich selber rief mich/ mit dem Namen einer Insel" nach dem Exil in der DOMINi-kanischen Republik) ist 2006 in Heidelberg beerdigt worden. Auf der Grabplatte die Inschrift: Wir setzten den Fuß in die Luft / und sie trug
Dies ist eine Abwandlung eines Zwischentitels im ersten Gedichtband Nur eine Rose als Stütze (1959): Ich setzte den Fuß in die Luft, und sie trug
Hier höre ich DENNOCH mit.
Dieses Mitzuhörende auszusprechen nimmt einerseits Bezug auf die Biografie. Marianne Hagemann gab mir diesen Band von Marion Tauschwitz. Ich kann ihn weiterempfehlen. Der Wechsel vom „Ich“ zum „Wir“ kann auf verschiedene Weisen gedeutet werden.

Mitzuhören ist aber auch der poetologische Oberton. Da ist die interne Spannung zwischen Den-Fuß-in-die-Luft-setzen (ein Bild für kreative, geistige Tätigkeit überhaupt?) und dem überraschenden Und-sie (die Kunst?) -trug. Vom Gedicht in der Lebensmitte zum Grabspruch wird ein Bogen geschlagen. Und es besteht eine Beziehung auch zum für Marianne Hagemanns Bilder zentralen, zweiten Stichwort
L O S G E L Ö S T
Doch zunächst
NUR EINE ROSE ALS STÜTZE
Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft
mein Bett auf dem Trapez des Gefühls
wie ein Nest im Wind

Meine Hand
greift nach einem Halt und findet
nur eine Rose als Stütze.

Buchbesprechung dieses Gedichtbandes durch Walter Jens (Tübingen) in der ZEIT vom 27. November 1959: „Man könne Vertrauen zu ihrer Sprache gewinnen, die >schwebendleicht wie eine Rose (ist) und die geheimste Zuflucht der … über Länder und Meere Gejagten< (Tauschwitz 351). Ein Freund aus Hilde Löwensteins Berliner Studienzeit schrieb er genieße diese Gedichte >in kleinen Schlucken wie kostbaren alten Wein< (Tauschwitz 352).
Der zweite Gedichtband Rückkehr der Schiffe erschien 3 Jahre später (1962). Darin steht das kurze Gedicht
LOSGELÖST
Losgelöst
treibt ein Wort

auf dem Wasser der Zeit
und dreht sich
und wird getragen
oder geht unter.

Du hast mich lange vergessen.
Ich erinnere schon niemand,
dich nicht
und niemand. /- Domin überhöht nochmal:
Dies Wort von mir zu dir,
dies treibende Blatt
es könnte von jedem
Baum / auf das Wasser gefallen sein.
  1. In der Beschreibung einer Landschaft nördlich von Madrid (Sierra de Guadarrama) , in die sie floh, hatte Hilde Domin die >trostlos großartige Steinwüste Kastiliens< so charakterisiert- „es ist alles schon weggelassen, alles auf die knappste Formel gebracht“ „farblich, menschlich, sachlich“ und die einfühlsame Biografin fügt hinzu: „Die Landschaft schien der Struktur ihrer Gedichte zu entsprechen.“ (Tauschwitz 302) - Gilt Entsprechendes für die Malerei von der wir hier umgeben sind? Will sie im hier umrissenen Sinn LOS-GELÖST und zugleich konzentriert sein?
  2. Der zitierte Text von Domin ist eine Stelle in einem Brief vom Herbst 1955. Davor steht, was sich auch verstehen lässt als Zuspruch für die Dichterin, die selber am Anfang steht: „flaches Gelb und Grau, - (von der Sonne) - verbrannte Wiesen, ein in den Staub gekauertes Haus … am Himmelsrand... ein stechend schwarzer Fleck: Mensch oder Tier. Das Ganze eine ideale ...(A)ufgabe für einen modernen Maler“ . (Domin schrieb: Anfängeraufgabe) Mit der sengenden Hitze des Südens kommt zur LUFT und dem WASSER das FEUER hinzu.
  3. Fehlt noch ERDE. Die findet sich im Gedicht WORTE
Worte sind reife Granatäpfel
sie fallen zur Erde
und öffnen sich.
Es wird alles Innere nach außen gekehrt,
die Frucht stellt ihr Geheimnis bloß
und zeigt ihren Samen,
ein neues Geheimnis.

Der Vortragende überreicht der Malerin einen punischen Apfel



In Domins Frankfurter Poetik-Vorlesung WS 87/88 fand ich diese Passage: „WAS AUTOR UND LESER VERBINDET:
Ganz wie der Autor etwas Zwiefaches tut, wenn sie schreibt (oder malt), so auch der Leser (der Betrachter): indem sie oder er kritisch ist und zugleich … den Wahrheitsanspruch ernst nimmt... Die Zeilen führen den Atem des Lesers, sind Atem-Einheiten. Zugleich aber auch optische Einheiten. Dadurch entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen Erregung auf der einen Seite und Ratio auf der andern... Wenn also ein Gedicht vorgelesen wird, so interpretiert die Stimme den Text...Soweit dies Gedicht den Zuhörer überhaupt bewegt, wird sie oder er auf dem Vollzug der Stimme mitreisen“ (69)
Darf ich noch ein weiteres Mal zu dieser Reise einladen?
(auch Hilde Domin las vorgetragene Gedichte gern 2 mal)
DANACH LEBHAFTE DISKUSSION.
Zum Schluss ein Auszug aus Thomas Felix Mastronardi „Drum prüfe“, Philosophische Praxis 4, VIEL GLÜCK!, V.M. Roth (Hg.), Konstanz 2012
Aus einer philosophischen Trauungsrede:
In einer guten Ehe sollte man sich gegenseitig, jeden Abend, … jede Nacht, alles verzeihen, den Streit vergeben und wenn das nicht möglich ist, dann sollten sie sich doch mindestens jede Woche alles verzeihen!!“

setzten den Fuß in die Luft ... Hilde Domin und Malerei von Marianne Hagemann

DOMIN 2 für 30. JUNI 2019 FINISSAGE
V.M. Roth
Am 12.6. habe ich zum Lebenskontext von HILDE DOMINS Gedichten hier in der Ausstellung
LOS G E L Ö S T von Marianne Hagemann - mich auf die erste Lebenshälfte konzentriert und dabei auch auf das Verhältnis zu Erwin Walter Palm, der gemeinsamen Vertreibung aus dem Land der Muttersprache und im weiteren Verlauf  dann der einsam machende Verlust des >Hauses der Liebe< - eigene Gedichte ab 1949. Ich habe  vorweg aber auch aufmerksam darauf gemacht, dass Domin in der zweiten Lebenshälfte einen Bogen schlug vom ICH (dem „lyrischen Ich“ des Zwischentitels aus NUR EINE ROSE ALS STÜTZE - erster Lyrikband 1959) zum erlebten WIR mit dem 1988 verstorbenen Mann. Das ist ja die nächstliegende Bedeutung, wenn aus „Ich setzte den Fuß in die Luft/ und sie trug“ der Grabspruch (für das Doppelgrab) „Wir setzten …“ wird. Vorab: Daten SG 307
Hilde Domin wird sich nie ganz von ihrem Mann trennen und ihn um 18 Jahre überleben und ihm noch manches Gedicht widmen.
Ich habe mich bezogen auf die Luft als ein Bild für kreatives Leben. Dies gilt für Beide, Palm und Domin. Künstlerische Tätigkeit (KUNSTEN) ist ja insofern "luftig" als sie nicht jene „Festigkeit“ hat wie „handfeste“ Alltagstätigkeiten – in (ich sage mal) „normalem Gewerbe“, aber auch Hausarbeit, Gartenarbeit, Tätigkeiten in Politik und Wissenschaft. Die von Marion Tauschwitz verfasste Hilde-Domin- Biografie gibt dem Thema des erlebten Unterschieds zwischen Mann und Frau im 20. Jhdt. breiten Raum. Im Anschluss an den Vortrag vom 12.6. entstand der Plan zur heutigen Fortsetzung am Ausstellungsende.
Ich bin dann in die Universitätsbibliothek Konstanz gegangen und habe dort neben Tauschwitz ein umfangreiches Werk von Stephanie Lehr-Rosenberg gefunden mit dem Motto: „ >Ich setzte den Fuß in die Luft, und sie trug<“ und dem Titel: „Umgang mit Fremde und Heimat in Gedichten Hilde Domins.“ Würzburg 2003
Die Autorin Stephanie L-R hat sich mit dieser Arbeit über Hilde Domin habilitiert an der Fakultät für katholische Theologie der Uni Würzburg. Sie gibt als Einsatzgebiet die Erwachsenenbildung an (Das geschieht hier ja auch)
Und sie sagt von sich selber: „Dass die Luft, auf die ich (Stephanie) meinen Fuß setzte, trug, dafür sind an erster Stelle die Gedichte selbst verantwortlich.“ (S.9)
Diese Autorin bringt in der Einleitung auch zur Sprache, dass sie einen 4jährigen Aufenthalt von 1983-1987 in Zaire / Kongo, Zentralafrika hatte. In dieser Zeit versuchte sie sich in eine fremde Kultur einzudenken/einzufühlen. Sie stellte sich dabei auch Fragen zu der ihr vertrauten, mitgebrachten Wertsetzung. Zurückgekehrt nach D stellt Stephanie L.R. dann fest, dass die Frage nach dem Umgang mit Fremde und Heimat angesichts der „heutigen“ (1987ff) – doch das gilt auch Jahrzehnte später noch – immer wieder aufkeimenden Fremdenfeindlichkeit- ein aktuelles Thema von allgemeiner gesellschaftlicher Relevanz und bei passenden Gelegenheiten angemessen zu behandeln ist. Bei dafür Aufgeschlossenen mag auch (wie hier) die Beschäftigung mit > in-Malerei-gefallenen-Gedichten< taugen:
WORTE (1987)
Worte sind reife Granatäpfel,
sie fallen zur Erde
und öffnen sich.
Es wird alles Innere nach außen gekehrt …
Und ich denke, das gilt auch für in Malerei >eingewebte< Splitter von manchen Gedichten DOMINs in Bildern dieser Ausstellung.

Einige der Gründe für die heutige Fremdenfeindlichkeit lägen in den Forderungen einer pluralen Gesellschaft an die einzelnen Menschen. Überlieferte Wertsysteme können nicht mehr fraglos übernommen werden.
1. Die Spannung zwischen Fremde und Heimat gehört zu den Grunderfahrungen menschlicher Existenz. 2. Die Autorin L.-R. zitiert zur gegenwärtigen Gesellschaftslage Ulrich Becks RISIKOGESELLSCHAFT: „Alles Leid-… (von) Menschen Menschen zugeführt … kannte bisher die Kategorie der >Anderen< … einerseits, andererseits die eigenen vier Wände“ hinter die frau/man sich zurückziehen kann. (21) „Dies alles gibt es weiter und gibt es seit Tschernobyl / 1986 nicht mehr“ so Beck 1986. Dies sei das „Ende der Anderen“, das Ende unserer hochgezüchteten Distanzierungsmöglichkeiten. Atombomben und Atomunfälle können mondiale Auswirkungen haben wie die (bescheiden) „Klimawandel“ genannte >zivile< Erdklima-Veränderungstendenz, eine vorausgesagte Katastrophe für Menschen in nicht mehr menschenfreundlicher Natur (~ 2050 ? ). Diese Ausweitung des Problems der Vertreibung wirft für uns auch die Frage auf: ist denn Exilliteratur wie Gedichte von Hilde Domin noch zeitgemäß? Hat sie in einer Zeit globaler Bedrohung (ohne Exil- Möglichkeit) noch etwas zu sagen?



Dazu lese ich nun das Gedicht
GRAUE ZEITEN

Es muss aufgehoben werden
als komme es aus grauen Zeiten
Menschen wie wir wir unter ihnen
durften nicht bleiben
und konnten nicht gehen

Menschen wie wir wir unter ihnen
grüßten unsere Freunde nicht
und wurden nicht gegrüßt

Menschen wie wir wir unter ihnen
standen an fremden Küsten
um Verzeihung bittend
dass es uns gab

Menschen wie wir wir unter ihnen
wurden bewahrt
Menschen wie wir wir unter ihnen
Menschen wie ihr ihr unter ihnen
Jeder kann ausgezogen werden
und nackt gemacht

Die nackten Menschenpuppen
nackter als Tierleiber
unter den Kleidern
der Leib der Opfer

Ausgezogen die noch morgens
die Schalen um sich haben
weiße Körper

Glück hatte, wer nur gestoßen wurde
von Pol zu Pol

Die grauen Zeiten
ich spreche von ihnen
als ich jünger war
als ihr jetzt

Und wenn es beides wäre? – Das Ende des Gedichts, als Hilde jünger war als die meisten von uns jetzt, spricht die historisch konkrete Zeit im zwanzigsten Jahrhundert an. Und diese Zeit ist vorbei. (Was nicht heißt, sie könnte nicht wiederkommen. Mit Brecht: der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch) Aber es gibt auch andere Passagen, wie die: „Glück hatte, wer nur gestoßen wurde von Pol zu Pol“. Eine globale Klimakatastrophe wird vielleicht gründlicher sein.
Und dann kann es sehr wohl heißen:
Menschen wie wir
durften nicht bleiben
konnten nicht
(woandershin) gehn“

Dies ist, denke ich, eine sich durchziehende Charakteristik Dominscher Gedichte, dass sie sowohl eine biographisch konkrete Interpretation ermöglichen als auch eine davon losgelöste verallgemeinerte Aussage, immer wieder neu zu fassen, nahelegen.
Dies zu entdecken, braucht seine Zeit!

Im Übrigen, wie die Autorin Lehr-Rosenberg „rezeptionsästhetisch“ bemerkt: in dieser Art von >Doppelinterpretation< liegt auch die Möglichkeit je eigener Interpretation durch die Leser/Hörer als Mitautor*en der Bedeutung, damit Mit-Schöpfer*innen des Gedichtes im Wirkungsprozess, einem dialogischen Sprachakt.

Wieder Becks RISIKOESELLSCHAFT zitierend fügt die Autorin an (25):
mit dem Ausmaß der Gefahr wachse auch die Wahrscheinlichkeit ihrer Leugnung.
Ein geradezu prophetisches Wort!
(Wiederaufnahme / „Fortsetzung“ von Hölderlins „Doch in Gefahr, zeigt sich das Rettende auch“) – Nicht immer!

Jetzt mache ich einen Sprung hinein in den Beginn des Gedichts

ÜBERFAHRT

Ein Kind
das macht die Ferne
es hat lockeres weißes Haar
es trägt ein schwarzes Kleid
es ist kein Kind
es steht in einem Boot
mir abgewandt
es hebt die Arme –
nicht zu mir –
auf der anderen Seite ist Land
(Der Baum blüht trotzdem, S. 40)

SPRECHER PAUSE
Gibt es Wortmeldungen -


Gedichtband ICH WILL DICH (1970) → Freiheit
ÄLTER WERDEN

Die Sehnsucht
nach Gerechtigkeit
nimmt nicht ab
Aber die Hoffnung

Die Sehnsucht
nach Frieden
nicht
Aber die Hoffnung

Die Sehnsucht
nach Sonne
nicht
täglich kann das Licht kommen
durchkommen


Aber die Liebe
der Tode und Auferstehungen fähig
wie wir selbst
und wie wir
der Schonung bedürftig

Hand in Hand mit der Sprache
bis zuletzt


Gibt es Wortmeldungen -









GESAMMELTE GEDICHTE (1987)

HECKENROSE

Mir träumte ich sei eine Heckenrose
mit blassen Blättern
über dem engen Kelch
Du gingst vorbei.
Da war ich eine Hagebutte,
bunt und voll Samen.

(DAS ist nur der Anfang – SG 217)

Gibt es Wortmeldungen -






SG 235 FRAGMENT

Ein jeder geht eingehüllt
in den Traum von sich selber.
In manchen Träumen ist Raum
für den Zweiten
wie in einem Doppelbett.
Fast in allen.

Gibt es Wortmeldungen - ?
ZETTEL in Marion Tschirwitz 2015
168
212f
222 HD PHILO REINER WIEHL
226 ab 1949
227 Muttersehnen
Schiffe
241 aus selbem Brunnen
297 gemeinsam
395 IN DEN AUGEN DER ANDEREN 


                                            letzte Hand anlegend in der Galerie Gunzoburg Überlingen Vortrag Ausstellungsende

30. Juni 2019  Volkbert M. Roth, SinnPraxis Bodensee

Sonntag, Juni 09, 2019

Roth / Hein (Hg.), Philosophiere !

Roth / Hein (Hg.), Philosophiere !
Gerade erschien unser Sammelband PHILOSOPHISCHE PRAXIS 6
im Hartung-Gorre Verlag in Konstanz

Montag, Mai 27, 2019

Samstag, April 20, 2019

PHILOSOPHIERE !

Bd. 6  der Reihe PHILOSOPHISCHE PRAXIS,
Roth / Hein (Hg.) 2019, im Konstanzer
Verlag Hartung-Gorre  240 Seiten

Roth, Zese, Penner, Weigel, Tunic, Bulatovic, Horne, Metzing, Mok-Wendt, Schreiber, Zavala, Hein
Im Juni erschienen.




BENJAMIN in ZEIT DER ZAUBERER

Lektüre aktueller philosophischer Texte. Wolfram Eilenberger (2018), Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 29   Uni Konstanz 2019  V.M. Roth

IDA Eichert


Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Besonderheit von Zeit der Zauberer
III. Walter Benjamin
3.1. Porträt Walter Benjamin
3.2. Einbahnstraße
IV. Zeit der Zauberer im Philosophieunterricht – Didaktische Legitimation
V. Abschließende Bemerkungen – Resumé
VI. Literaturverzeichnis                                                    





I. Einleitung
Wolfram Eilenberger brachte mit „Zeit der Zauberer“ einen, in 20 Sprachen übersetzten Bestseller hervor, welcher das Leben und das philosophische Schaffen von vier  Philosophen, in der Manier eines Romans porträtiert. Der Autor wurde 1972 geboren und war unter anderem, langjähriger Chefredakteur des „Philosophie Magazins“. Es geht es um die Philosophen Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein, Ernst Cassirer und Walter Benjamin.
In der vorliegenden Arbeit soll Eilenbergers „Zeit der Zauberer“ und dessen Besonderheit dargestellt werden. Als einer der    vier dargestellten Philosophen, soll Walter Benjamin thematisiert werden. Es wird seine Person, sein Schaffen, sowie exemplarisch sein Werk „Einbahnstraße“  betrachtet. Daran schließt eine kurze Darstellung an, warum ZEIT DER ZAUBERER durchaus auch als Gegenstand im Philosophieunterricht geeignet ist. Abschließend folgt ein kurzes Resumée dieser Arbeit und auch des Seminars.
   
II. Besonderheit von >Zeit der Zauberer<
Eilenbergers Text liest sich anders als ein klassischer, philosophischer Text. Seine Schreibweise kann als journalistisch - erzählend bezeichnet werden. An einigen Stellen merkt man als Leser, dass Eilenberger auch als Sportjournalist im Fußball tätig ist. Der Sportjargon wechselt, mit zeitweise sehr verdichteten und auch schwer verständlichen Passagen. So könnte man z.B. meinen, dass Eilenberger an mancher Stelle um der Dramatik willen, im Tonfall dessen redet, den er darstellen will.  Die Verwendung von „small words“, deutschen Entsprechungen von logischen Junktoren und Konnektoren, ist an mancher Stelle nicht optimal gelöst. Auffallend ist der Unterschied in der Zitation im Vergleich zu den üblichen Konventionen im philosophischen akademischen Bereich. Der Leser oder die Leserin findet keine Fußnoten am Ende der Seiten, sondern erst im gesammelten Verzeichnis am Ende des Buches. (Doch schlechter ausgeführt als bei Safranski)
Jedoch ist Eilenbergers Idee, die vier Philosophen Wittgenstein, Heidegger, Cassirer und Benjamin, philosophiegeschichtlich zu verknüpfen sehr geschickt und auch  nachvollziehbar gelungen.  Die Bedeutsamkeit des Jahrzehnts 1919 bis 1929 innerhalb der Philosophie explizit zu markieren, stellt ohne Frage einen Gewinn für die gegenwärtige Philosophie dar. Das, einem Roman so ähnliche, Buch kann durch seinen locker anmutenden Gestus, von einer breiten Leserschaft gut gelesen werden und realisiert damit einen entscheidenden Beitrag, eine Brücke zwischen der akademischen Gemeinschaft und der Gesellschaft zu schlagen. Vor allem für die verständliche Darstellung von zentralen Gedanken in Heideggers „Sein und Zeit“ wurde Eilenberger gelobt. 
Wolfram Eilenberger zeigt sich bei der Präsentation seines Werkes, sowohl auf Buchmessen, in Zeitschriften und Zeitungen, als auch vermehrt in den sozialen Medien sehr präsent. Dabei kommt ihm seine “flippige“ und breit organisierte Person entgegen und er zeigt sich als jemand, der in der Position ist, solch ein Vorhaben wie  die „Zeit der Zauberer“, in relativ kurzer Zeit zu verwirklichen und  auch geschickt zu vermarkten.

III. Walter Benjamin
3.1. Porträt Walter Benjamins
Eilenberger porträtiert den Philosophen Walter Benjamin als einen großen Anreger dessen, was  später als >kritische Theorie<  Furore machte. Vor allem aber als einen “Lebemann“, der es gern hat, durch die Straßen zu flanieren, sich seinem unsteten Leben hingebend. Oft getrennt von Frau und Kindern, sich chronisch in einer finanziell misslichen Lage befindend. Eilenbergers Beschreibung nach, könnte man bei Benjamin an eine manisch – depressive Persönlichkeit denken, welche sich entweder in einer intensiv angeregten Phase des Schaffens oder in einer Phase der Niedergeschlagenheit befindet.  
Eine besondere Leidenschaft für das Sammeln von Kinderbüchern wohnt ihm inne, verbunden mit der Fähigkeit, seine Schreibkünste auch für diverse Kolumnen und Rezensionen einzusetzen, um sich finanziell über Wasser zu halten. Hervorzuheben ist Benjamins Talent zur Vielfältigkeit in Bezug auf das Schreiben, was in ähnlicher Weise auf Eilenberger zutrifft. So schreibt er: „Warum auch nicht? Wer schreiben kann, kann nun einmal über alles schreiben.“  An dieser Stelle könnte man meinen, er lobt nicht nur Benjamin, sondern in einer gewissen Weise auch sich selbst.
Dass Benjamin einige Verlage immer wieder vertröstet und in ausschweifenden Briefen viele Erklärungen formuliert, warum  der vereinbarte Abgabetermin nicht eingehalten werden konnte, kommt in Eilenbergers Text deutlich zum Ausdruck.
Eilenberger bezeichnet Benjamin als eine „Non-Entität“  des Jahres 1929, innerhalb des akademischen Kontextes. Dies scheint nicht zuletzt seinem unsteten Leben geschuldet zu sein, in welchem ein Projekt selten über ein Exposé hinausreicht. Einen bedeutenden Einschnitt in Benjamins akademischer Karriere stellte die gescheiterte Habilitation an der Universität Frankfurt im Jahre 1925 dar.  Von allen vier Philosophen zeigt sich Benjamin als der dem literaturwissenschaftlichen Diskurs zugewandteste Denker. Er hatte eine Arbeit mit dem Titel ‚Der Ursprung des deutschen Trauerspiels’  verfasst. Ihm sei geraten worden, das Werk nicht einzureichen, um dem sicheren Scheitern vor dem Prüfungsausschuss zu entgehen. Jedoch gelte vor allem die Vorrede jener Arbeit, heute als ein Meilenstein der Philosophie und der Literaturtheorie.
Benjamin war sich sicher bewusst, dass er Gefahr lief, von anderen Philosophen, was seine akademische und auch schöpferische Karriere anging, immer weiter überholt zu werden. Laut Eilenberger hegte Benjamin beispielsweise eine große Abneigung gegenüber Martin Heidegger, der es rückblickend auch am weitesten gebracht hat. 1929 plante Benjamin die Gründung eines Magazins mit dem Titel ‘Krise und Kritik’ , dessen informelles Ziel es gewesen sei, Heidegger zu kritisieren. Wie so oft, blieb es dann lediglich bei der Planung des Projektes.  (Adorno griff dies später in JARGON DER EIGENTLICKEIT auf)
Benjamins Art zu Schreiben beschreibt Eilenberger sowohl als „Methode“  als auch als „Magie“  innerhalb einer „tief symbolische[n]“ Weltsicht: „Jeder Mensch, jedes Kunstwerk, jeder noch so alltägliche Gegenstand ist ihm ein zu entschlüsselndes Zeichen.“  Die Art der Erkenntnis unterscheidet sich laut Eilenberger von den anderen drei Denkern insofern, als  sie extremer in Erscheinung tritt. Weiter noch, dass sie verquerer und widersprüchlicher ist und zudem verbunden, mit einer „religiös aufgeladenen Geschichtsphilosophie“ .
Eilenberger bezeichnet Benjamins Essay „Die Aufgabe des Übersetzers“, als das bis heute wirkungsvollste und systematischste Werk und spricht diesem eine erhebliche Bedeutung in der Sprachphilosophie zu.  Dieser Essay stellt eigentlich das Vorwort für die Habilitationsschrift, „Sprache und Logos“ dar. Eine Verbindung zwischen Vorwort und eigentlicher Arbeit, lasse sich nicht erkennen - was wiederum zu Benjamins Konfusheit zu passen scheint. Die Quintessenz der benjaminischen Erörterung liege in der Aussage, dass der Übersetzer als Mitschöpfer des Werks gilt. Eine ähnliche Theorie, welche die Wechselwirkung zwischen dem Rezipienten und dem Werk beschreibt, hatte er in seiner Doktorarbeit von 1919 aufgestellt. 
1922 setzt sich Benjamin kritisch mit Goethes „Wahlverwandtschaften“ auseinander. Diese Schrift könne als eine klassische Romaninterpretation gelten. Laut Eilenberger beschäftigte er sich darin intensiv mit der Familie als Element des Staates (angelehnt an die >Politik< von Aristoteles) und letztlich mit dem Thema Ehe. Genauer, die Ehe als Konstrukt zwischen Schicksal und Freiheit, als Selbstentmündigung aber auch romantische Vorstellung.  Auch heutzutage ist dies ein gut nachvollziehbares und vor allem allseits bekanntes Dilemma zwischen Eheleuten, welche sich nach der ersten Verliebtheitsphase - in ihrer Selbstbestimmtheit eingeschränkt fühlen. Nicht selten begleitet von der aufkommenden Überzeugung, dass „es [ ] so etwas wie ein wahrhaft gelingendes, selbstbestimmtes Leben unter den Prämissen des bürgerlichen Existenzentwurfes nicht geben kann“ .

3.2. Einbahnstraße
Benjamin entwickelte seine ganz eigene Art der Erkenntnis. Es sei nicht nur ein Entwurf einer Erkenntnis, Kants allseits bekannter und bearbeiteter Frage „Was ist der Mensch“, sondern zugleich eine Realisierung der Frage, „Wie soll ich leben“ .
„Benjamin gilt allgemein als hoffnungsloser Fall: zu eigenständig sein Ansatz, zu unkonventionell sein Stil, in den Brotwerken zu feuilletonistisch, in der Theorie bis zur Unentschlüsselbarkeit originell“ .
Bei der Lektüre von Benjamins, im Jahre 1928 im Ernst Rowohlt Verlag Berlin erschienenen Buchs „Einbahnstrasse“, wird nachvollziehbar, was mit dieser Beschreibung gemeint ist. Der Titel sollte ursprünglich „Straße gesperrt“ heißen und nimmt laut Eilenberger Bezug auf seine Lebenssituation im Herbst des Jahres 1926.  Der eine, sowie auch der andere der beiden Titel, lässt in jedem Fall keinen fröhlichen oder gar zu optimistisch gestalteten Inhalt vermuten. Es soll eine Philosophie umrissen werden, die aus Gegenständen und Themen des alltäglichen Lebens entsteht. Es sollen ausbuchstabierte Pendants zu den bekannten Kippbildern entstehen, welche je nach Perspektive des Betrachters, ihre Bedeutung ändern. 
Schaut man in das Register des -schon auf den ersten Blick etwas verstörenden- Buches, findet man eine Unterteilung in Kapitel, welche alle mit alltäglichen Dingen betitelt sind. So zu Beispiel. „Tankstelle“; „Frühstücksstube“; „Achtung Stufen“; „si parla intaliano“ oder „Tiefbauarbeiten“.  Jedes der Kapitel ist ein besonders kurzes. Das kleine Büchlein umfasst nur etwa 130 Seiten, welche nicht voll bedruckt sind. Man könnte es praktisch in die Tasche stecken und im Alltag immer wieder daraus lesen. Vielleicht war das Benjamins Vorstellung? – eine Philosophie, welche aus alltäglichen Gedanken und Begegnungen entsteht und auch wieder für eben diesen Alltag gemacht sein soll.
Folgend, zwei exemplarische Kapitel (S.8). Bei Lesen seiner Zeilen, kommen viele Rätsel auf und vor allem scheint keine explizit wahrnehmbare Verbindung, zwischen den Überschriften und dem Inhalt der Texte vorzuliegen. Jedoch kommt zum Ausdruck, dass Benjamin sich, in betont individueller Weise, mit alltäglichen Erfahrungen und Wahrnehmungen beschäftigt:

 „Tankstelle
Die Konstruktion des Lebens liegt im Augenblick weit mehr in der Gegenwart von Fakten als von Überzeugungen. Und zwar von solchen Fakten, wie sie zur Grundlage von Überzeugungen fast nie noch nirgend geworden sind. [ ] Die bedeutende literarische Wirksamkeit kann nur in strengem Wechsel von Tun und Schreiben zustande kommen [ ]“.

„Si parla intaliano
Ich saß nachts mit heftigen Schmerzen auf einer Bank. Mir gegenüber auf einer zweiten nahmen zwei Mädchen Platz. Sie schienen sich vertraut besprechen zu wollen und begannen zu flüstern. Niemand außer mir war in der Nähe, und ich hätte ihr Italienisch nicht verstanden, so laut es sein mochte. Nun konnte ich bei diesem unmotivierten Flüstern in einer mir unzugänglichen Sprache mich des Gefühls nicht erwehren, es lege sich um die schmerzende Stelle ein kühler Verband.“

Etwa in der Mitte des Werks findet sich „Die Technik des Kritikers in dreizehn Thesen“, wobei die erste These z.B. heißt: „Der Kritiker ist Stratege im Literaturkampf“, sowie die zweite: „Wer nicht Partei ergreifen kann, der hat zu schweigen“.
Diese Thesen stellen eine Art Regelwerk, für das gute und systematische Verfassen von Texten dar. Selbst heutzutage könnte man sich als fleißige Studentin, diese Thesen über den Schreibtisch hängen und hätte somit einen durchaus realistischen und effektiven Regelkatalog, der gute Ratschläge zur Orientierung bietet. Interessant ist hierbei, dass die Arbeitsweise von Benjamins Schaffen selbst, ja vor allem durch viele Unterbrechungen und eine erhebliche Inkonsistenz geprägt war. Dennoch hatte er scheinbar eine klare Vorstellung, wie “perfektes“ Arbeiten auszusehen hat. Benjamin ist als Person und Schriftsteller wahrscheinlich genau deshalb so besonders, weil er zum einen, ein strukturierter Denker war, dessen Anspruch an sich selbst und sein Geschriebenes sehr hoch war. Zum anderen hält er sich oft mit einfachen Schreibarbeiten über Wasser und scheint  an einem Mangel an Kontinuität,  Zuverlässigkeit sowie Selbstverantwortung zu leiden.
Eva Axer sieht in ihrer ausführlichen Auseinandersetzung mit Benjamins Werken „Einbahnstraße“ und „Berliner Kindheit um 1900“, eine Verbindung zwischen Benjamins Schriften und den Werken von Charles Baudelaire und Franz Kafka. Die Texte könnten in die „klassische Moderne“ eingeordnet werden. Dies sei insofern besonders, weil der Begriff der „klassische Moderne“ an sich schon problematisch erscheine.  Der Begriff bietet sich jedoch bei Benjamin in besonderer Weise an „weil er – gerade auch im Anschluss an seine intensive Beschäftigung mit Baudelaire – diese Konstellation von ‚Immergleichem’ und je kurzzeitig Neuestem problematisiert.“
Ein interessanter Gedanke Eva Axers ist, dass Benjamin in seinen Texten, eine politische Dimension eröffnet, indem er „Erfahrungen einer reflektierten Moderne gemäß darzustellen versucht.“

IV. Zeit der Zauberer im Philosophieunterricht – Didaktische Legitimation
Als Unterrichtsgegenstand hat „Die Zeit der Zauberer“ durchaus seine Berechtigung. Auf Grund des großen Textumfangs und der im Unterricht nicht zu unterschätzenden zeitlichen Begrenzung, können natürlich nur einzelne Textauszüge, von der Lehrperson sorgfältig ausgewählt, bearbeitet werden. 
Die journalistisch - erzählende Schreibweise Eilenbergers, könnte vor allem für jene (Schüler und Schülerinnen) SuS interessant sein, welche einen sonst nur schweren Zugang, zu philosophischen Texten finden. Die Verbindung zwischen biographischen und philosophischen Inhalten und die damit erzeugte Authentizität des Textes, tragen maßgeblich dazu bei, dass der Text für SuS interessant sein könnte. Es kann eine Brücke zwischen dem philosophischen Inhalt und dem Philosophen als Person geschlagen werden. Dies macht den Text für die SuS weniger anonym und besser greifbar. Zudem ist es für alle SuS interessant und wertvoll zu lesen und zu erleben, unter welchen Umständen Philosophen der damaligen Zeit, ihre Philosophie entwickelten. Zudem, worin sie sich unterscheiden und nicht zuletzt, was diese gemeinsam haben. Vielleicht kann dadurch auch das, meiner Erfahrung nach unter SuS vielmals verbreitete Image von Philosophen, als rotweintrinkende alte Männer im Elfenbeinturm, zu einem realistischeren, wenn nicht sogar positiveren Bild hin, modelliert werden.
SuS gewöhnen sich vor allem im Ethik- und Philosophieunterricht oft eine „[...] Haltung kühler Gleichgültigkeit, wenn nicht gar zynische[ ] Distanznahme [...]“  an. So formuliert es Thomas Kesselring in seinem erziehungswissenschaftlichen Buch „Ethik und Erziehung“. Die authentische Betrachtung philosophischer Gedanken und Lebenswelten, wie sie in Eilenbergers Werk durchaus aufgezeigt werden, könnten dazu beitragen, dass diese Abwehrhaltung in ein gespanntes Interesse umgewandelt wird.

V. Abschließende Bemerkungen – Resumé
Das Blockseminar bildete für mich eine spannende Woche. Als besonders sinnvoll, hat sich die volle Zeitspanne einer ganzen Woche erwiesen. Dadurch war es uns möglich, das Buch sehr gründlich zu besprechen, Fragen zu klären und auch im Gespräch aufkommende Gedankengänge weiter zu verfolgen. Eilenbergers Ideengeschichte, jedoch aber vor allen Dingen seine Art und Weise das Leben, das Denken, die persönlichen Eigenarten und Besonderheiten der einzelnen “Zauberer“ darzustellen, waren für mich ebenso neu wie wertvoll.
Ich freue mich vor allem über  die Offenheit gegenüber Fragen und Anmerkungen der Seminarteilnehmer und die Wahl dieses aktuellen und zugleich außergewöhnlichen Werkes.


VI. Literaturverzeichnis
Axer, Eva. Eros und Aura. Denkfiguren zwischen Literatur und Philosophie in Walter Benjamins „Einbahnstraße“ und „Berliner Kindheit“. München: Wilhelm Fink Verlag 2012.
Benjamin, Walter. Einbahnstrasse. Frankfurt am Main. Suhrkamp Verlag 1965.
Eilenberger, Wolfram. Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929. Hamburg: Klett – Cotta Verlag 2018.
Kesselring, Thomas. Ethik und Erziehung. Einführung Erziehungswissenschaft. Darmstadt: WBG Verlag 2014.

             
Wolfram Eilenberger (2018) ZEIT DER ZAUBERER.
Blockseminar April 2019

    Unser Ziel war es textnah und in verteilten Rollen das aktuelle Buch zu  Philosophischen Entwicklungen in den Jahren 1919 - 29 uns vor Augen zu führen.

Die betrachteten Autoren sind Wittgenstein-Cassirer-Benjamin-Heidegger.


Freitag, April 19, 2019

Mittwoch, April 25, 2018

Philosophische Anthropologie und PhiloDRAMA


Aufzeichung zum "philoDrama" ist nun online verfügbar:

 https://streaming.uni-konstanz.de/neue-talks-und-events/philodrama


philoDrama und philosophische Anthropologie



Bildernde Kunst, Literatur / Theologie, Philosophie und in neuerer Zeit das Feuilleton – aber die Grenzen sind fließend- waren sehr kreativ mit Antworten zur Frage nach den Menschen. Wer und was sind wir Menschen?



Menschen seien nur im Spiel „ganz Mensch“ lehrte Schiller im Aufklärungsjahr­hundert. Ist homo ludens, sind Menschen als Spielende (ein) Kernpunkt philosophi­scher ANTHROPOLOGIE?



Antje / Christine Verständnisfrage: UM WELCHE SPIELE GEHT ES ?

  1. These: Dem Dichter Schiller geht es im Kontext

ÜBER DIE ÄSTHETISCHE ERZIEHUNG DES MENSCHEN

um Schauspiel, Theaterspiel vor Publikum - als anthropologisches

Lernspiel“ (dieser Ausdruck wird jedoch normalerweise nicht in diesem anspruchsvollen Schillerschen Sinn gebraucht). Es geht Schiller um Heranführen an „innere Freiheit“, die sich dann im freien Spiel ausdrücken kann.



Jonas: Aber worum soll es uns hier gehen in der philosophischen Anthropologie?

  1. These: Zu Schillers Zeit gab es die Rubrik der Anthropologie noch nicht (als neueste Sparte der Philosophie wurde ÄSTHETIK 1750 propagiert).

Der Sache nach aber gibt es anthropologische philosophische Gedanken mit Sicherheit seit der Doppelbestimmung des Menschen als Lebewesen, das >Sprache hat< (logon echon) und damit auch zum gemeinsam selbstbe­stimm­ten Leben als >zoon politikon< fähig ist.

1782 steht die Aufführung der RÄUBER im neugegründeten DEUTSCHEN NATIONALTHEATER (auch) in diesem philosophico-politischen Kontext.









Was macht öffentliches Theaterspiel philosophisch interessant?

  1. These: Es geht um Probehandeln. Da es ja riskant ist, das Leben auf das Spiel des Denkens zu setzen, macht es Sinn NEUES dramatisch >durchzuspielen<. Erst auf einer „Bühne“ und nicht gleich im „wirklichen Leben“. Dramatisches Probehandeln hat andere Spielräume (und weniger Sanktionen).



















Zum philoDrama habe ich in diesem Bericht

Staude/ Ruschmann (eds), Understanding the Other and Oneself, 2018 Cambridge Scholars

über die 14. International Conference Philosophical Practice (ICPP) einen Beitrag verfasst.

 


DAS BILD der „philosophischen Urszene“







Sokrates greift philosophierend zum Giftbecher, Freund Kriton kann ihn nicht aufhalten)






Auf der Herbsttagung 2017 der Internationalen Gesellschaft für Philosophische Praxis (IGPP) war dies erneut mein Thema im Workshop philoDrama. Sehen wir uns die Kernszene davon an! - Mein Dank an die Mitwirkenden, insbesondere an Kerkermeister und Kriton-Heinz & an die Bildregie / Aufnahme Herbst 2017 JO MAGREAN




Transskript der Kernstelle

Sokrates-Mike: O Kriton, was sagst Du mir! Fliehen soll ich?

Flieh, solange Zeit ist - (Kriton-Heinz)

Wir sind nicht in Eile. Sieh, hier ist der Becher. Die Athener wollen, dass ich aus diesem Leben gehe.

Aber Du weißt, Du hast noch eine Möglichkeit –

Die Möglichkeit, diesen Becher zu trinken!

So will es das Gesetz.

Aber deine Mitbürger, die brauchen Dich noch –

Du hast mir viel zugehört, o Kriton. Sagte ich nicht, man müsse an die eigene Seele denken? Sich bemühen um ein gutes Leben :

Denke an Dich!

O Sokrates, überlege! Das ist die letzte Möglichkeit. Sicher, das Gesetz spricht für Dich – und gegen Dich. Aber, Sokrates, wir brauchen Dich, hier in Athen – noch länger!

O Freunde! Warum habe ich weggeschickt diese Xanthippe und meinen Sohn, dass nicht geklagt wird, sondern dass wir Philosophieren können –

Jetzt erst verstehe ich Dich, o Sokrates!

O Kriton, ich wusste es: wir sind Freunde –

Trotzdem, mein Herz ist mir schwer – (Pause) O Platon, was sagst Du?

Platon denkt nach über das Problem, wie man Flächeninhalte von Quadraten … verdoppeln kann. Wie ist die Antwort? Die Frage ist wichtig … das sind WAHRHEITEN. Und die Philosophie soll vorgehen „more geometrico“. So sicher sind unsere philosophischen Einsichten! Wie die besten Einfälle der Geometer.

So, wie die Gesetze in der Geometrie, in der Mathematik – so sollen auch die Gesetze unserer Polis sein.

So ist es! Und in dieser sollen wir leben! Das beste Geschenk (das wir Kindern machen können): machen wir sie zu Bürgern einer Polis guter Gesetze!

Die herrschen!

Die herrschen!

ZUR BEKRÄFTIGUNG TRINKT DER PHILOSOPH DEN BECHER

(nicht mehr im Bild)



                    • ENDE des Einschubs *



Im WS 2018 /19 will ich PHILOSOPHISCHE PRAXIS in einem Blockseminar zum Thema machen. Dabei soll es u.a. auch um philoDrama gehen.



Nun aber noch abschließend zur Anthropologie:

    4. These: Menschen „spielen nicht nur“. Wir sind auch sozial uns durch ARBEIT & CARE reproduzierende Wesen. Dies geschieht im >Reich der Notwendigkeit< der zur Lebenserhaltung und menschlichen Lebensgestaltung >notwendigen Arbeit<. Darauf aufbauend als Idee das >Reich der Freiheit< der politischen Selbstbestimmung und kulturellen Kreativität. Entwicklungen in diesem Überbau wirken zurück auf die Gestaltung auch der materiellen Basis.

  1. These: Stoffwechsel mit der Natur: Menschen als „Bürger“ (nicht zweier Welten), sondern als passiver und aktiver Teil der „einen Welt“. Darum sollten wir die gegenwärtige Runde von Artensterben („Sterben 6“) im Auge haben.
  2. These: Menschen sind endliche Wesen. Nutzen wir unsere Zeit!




PhiloDrama / “Talking Pictures” Ending Life with Socrates
Mike Roth




Abstract

In this short contribution philoDrama is proposed as an additional format (see also Arcidiacono, Hoffmann, Hofmann, Sumiacher) for philosophical practice. The point of departure is a picture and the configuration of human figures in it is reproduced as a living sculpture. Questions coming from the group of spectators will turn the sculpture into a “Talking Picture”.

The founding scenery

Two years before the “Great French Revolution” Jacques Louis DAVID created the scene:
THE DEATH OF SOCRATES
We see what has been called “Philosophy´s Founding Scenery”. A public servant in Athens “offers” the deadly drink to a half naked Socrates whose right hand is close to the deadly drink already, while his left points emphatically upwards like a mark of exclamation: “Think (of it / of me / of philosophy)!” What do we think of life and death?

Some preliminary remarks to re-enacting

When someone suggests a new format for philosophical practice she or he is likely to be confronted with colleagues’ questions like, “is that really new?” -
philoDrama” is a newly coined expression and my first attempt to give it meaning was by adding the phrase “Talking Pictures”. If I may take as an example the above picture presented to a group of people interested in philosophy, a philoDrama would start when someone catches public attention by “doubling” the central figure and manages to make others join and together they form a “living statue”. This is the first step.

Forming groups of living statues, also called tableau vivant, has already been a regular feature of medieval and Renaissance festivities. Posing like the figures in a painting has been portrayed ironically by Goethe as a favourite in the homes of well-off families in the time of Classicism and Romanticism, see the passages on Luciane in Wahlverwandschaften (1809; “kinship by choice”). But the point here is the feature that the living picture (the tableau) does not move–including that the tableau is mute. This has not changed up to the present day. When we suggest here something (in the first step) similar to living statues, but as an activity in philosophical practice we allow the figures to talk out of the picture. When we act out what we see in the picture we may ask ourselves, what could have been said in the scene, before or after? What are the spectator’s questions? The philosophic background of philoDrama is a dialogical conception of what we do when we engage in acts of philosophizing with linguistic/cognitive and social/communicative aspects. I shall insert now short reports on two examples and then come back to “speaking in a scenic setting”.

Living sculpture step 2—a “Talking Picture”

In philoDrama we place ourselves in the position of figures in those pictures we use as points of departure. Best is, following Ludwig Wittgenstein, to introduce new terms by ostensive definition. In the Bern poster presentation, I started by taking on the gesture of Socrates and asked who would like to step on to the stage and be another figure from that scene. Spontaneously the state official was there at my right side offering me the poison cup—having her head (thank you Martina) turned away like we see it on David´s Death of Socrates.

The picture is a frozen moment of a social act, which philosophical drama can call back to life again. The talking may be spontaneous or we might quote from the philosophical tradition. (And we did so for a while. In the role of Socrates, I performed a hint to the re-interpretation of the end of the philosopher´s life, more below.) In a break I asked the surrounding public, “Have we done enough philosophy in this philoDrama?”

A colleague said, “Not enough!” So I invited her to come to the stage and take on the position of Socrates–instead of me. She did (thank you Anette), and in the role of Socrates she was asked (by me as the public servant), “Why do you accept that?” And she may have quoted, “It is better to suffer injustice than to act against the law.”–adding in turning to the spectators, “I feel heroic, I have the feeling I am doing something meaningful with this step which goes beyond my own self. I might not be free of fear, but as you, my philosophical friends, are with me, supporting me, I am in a position to calm the soul” (philosophizing together). This in turn was discussed. And I summed up, pointing to my poster “Ending life with Socrates? In what respect? – Doing philosophy together with friends up to the very end. But wasn’t Socrates quite healthy when he died at the age of 69? – Is that an objection? It is. We are normally discussing the end of life when we see or fear severe, incurable illness and a life filled with pain and restrictions of one´s autonomy which are ‘too heavy’.” Paul Bischof (2011) argues for medical doctors’ help in the process of dying in cases of incurable pain (the standard situation). We will argue in our public panel that understanding the other and oneself is a central part in this help.

We do not know if Socrates wanted a state-assisted end of life. But he grasped the chance to philosophize as long as he lived.

The second part of philoDrama on 5.8.2016 followed Guro Hansen Helskog´s questioning of the public in order to understand ourselves and each other “through what we see" (she used a painting of the Norwegian artist Nico Widerberg, see the link).
After a while I added a philoDrama in connection to this painting showing three human figures, the 1st in gold, the 2nd in red, the 3rd in blue (the 3rd in profile and turned right). So there were three of us standing in front of the public who could ask us questions. At the end Laura Che Cambia proposed that on the next day (presentation on 6th of August 2016) the figures should communicate with each other. And we did. Thank you Louisa de Paula & Catarina Barros! Louisa (figure 3) was the “protagonist” (a term from the Moreno tradition of “psychodrama”) and in discussion with the public on how she felt when she turned to Gold (figure 1) & Red (figure 2) and said, “Now I feel better!” 1 and 2 turned their heads and had face-to-face contact with the actress (3). So, philoDrama started with the positions in the picture and made us transform our positions to facing each other. Do we understand the other (3) and oneself (1+2) through what we see? We could experience the motion from a non-communicative situation I (Widerberg painting) to the communication-sculpture II in the middle of our philoDrama. At the end Guro Hansen Helskog revealed the name of the work of Nico Widerberg. The name of the picture is “OFFER”–having a double meaning: “victim” and “sacrifice”. A third meaning is “gift”.

Speaking in a scenic setting

I have produced (together with participants of the 14th ICPP) two live examples of philoDrama and reported here about them. Later on I realized that this newly introduced term will remind some colleagues in the field of the similar expression “Dramatic Philosophy” as used for a wider range of philosophic/pedagogic activities by the Australian Narelle Arcidiacono. David Sumiacher uses “dramatic philosophy” in his activities in Argentina and Mexico too. Up to now I did not have a chance to take part in one of them. But it seems to me that philoDrama in the end could turn out to be a distinctive part of the broader dramatic philosophy understood as philosophising in a scenic setting.

An advertisement for Philosophy Day (17.11.2016) in Zurich mentioned an item called “Philosophisches Impro-Theater”–and I was curious about it. Is there a connection to Jacob L. Moreno’s “Theatre of Spontaneity”? (The focus of it was not originally on therapeutic effects as later on in clinical psychodrama; therapeutic aspects were initially seen by Moreno to simply be positive side-effects.) The mentioned event in Zurich carried “philosophisch” only in the title.

In 2015 Philosophical Impro-Theatre has been on the agenda of “Improtheater Bremen” too. It offered a workshop on improvised thinking on stage: www.improtheater-bremen.de/workshops/gut-gebrüllt-sokrates-eine-anleitung-zum-improvisierten-denken.

Imre Hofmann of philopraxis.ch used to do performances in Zurich (called “Philosophical Chain Saw Massacre”, since 2006) with “dramatic” flavour at the premises of the Cabaret Voltaire where he encouraged “volunteers” to playfully philosophise with him “on the stage”. I have witnessed a session on Kant that was quite instructive. The philosophical practitioner presented a philosophical quiz‒sometimes (like a punk?) making noise and stink with a veritable chain saw. He found his volunteers and the two competing “students” made their match. The philosopher as quiz-master humorously counted the “good answers”, and argued for his decision thereby presenting Kant´s philosophy to the public. His general remarks characterise philosophical practice as a constant search for “new forms”, cf. his contribution to Detlef Staude (2010). With respect to the mentioned performance in the (former DADA) Cabaret Voltaire see pp. 201-204, where Imre Hofmann reflects the match of place and form for philosophical practice events and states how he tries to make the participants part of a scenic setting in which alternatives (to academic or salon forms of philosophical discourse) are likely to be found.

Albert Hoffmann of philopraxis.ch does performances on the street from time to time. I loved his street performance in 2014 where he and his company used finger dolls of famous philosophers–and let them bring some of their typical statements. First those were used to characterise the particular philosopher, probably also misused in the verbal fights with philosophical competitors later on. And hopefully a pupated philosopher could seize power over his puppet player and the show became a triumph of philosophy–in spite of the seemingly childish setting (Kasperle theatre).

Jeanette Bresson Ladegard Knox (2015) “conducted three Socratic Dialogue Groups (SDGs)” 2012-2013 at the Centre for Cancer and Health in Copenhagen “involving 17 rehabilitating cancer patients”. Drawing on the Nelson / Heckmann et al. tradition she wrote down “the rules of engagement” in a SDG and passed them on to the members. In her report “Staging and Performing Dialogue: Employing the Theatre Metaphor as a Methodological Strategy for Facilitating a Socratic Dialogue Group” (2015) she compares the SDG-Rules to “stage directions” – and she adds “that the participants are very much aware of the rules and steps of a SDG to the point of correcting one another”. She re-words Nelson´s central imperative (to speak for oneself) as REFRAIN FROM QUOTING OTHERS. In contrast to that in my vision of a philoDrama (see the Socrates-in-jail before the execution), quoting philosophy (Plato or other philosophic authors) is not forbidden, nor are “one´s own thinking and wording” (155). See her table 2 (168) where she offers rewriting rules which help to see / thematise “the SDG as theatre”:




SDG
Theatre
The Socratic facilitator
The dramaturge & director
Recruitment
Audition
The room
The stage
The actors / cast
The participants
The audience
The participants & readers of articles
The Socratic dialogues
The play (improvisation)
SDG as a group
Ensemble / theatre company



PACT as my personal stepping stone to philoDrama

In my time as “Sprachphilosoph in der Sprachtherapie” (philosopher of language in the language and speech disorders department) in a neurological rehabilitation clinic I have dealt with the communication of families with a member suffering from partial language loss after brain damage. In a cooperation of clinic and university Senta Troemel-Plötz and I interviewed some of these families 1980-83 at the University of Konstanz/ Germany. This enabled us to develop Partners-Aphasics-Communication-Training (PACT) in a modification of some of the “Moreno Procedures” i.e. mirroring, doubling, soliloquy, and role-play.

Moreno’s “improvisation theatre” (Stegreifspiel) can be looked at in a non-clinical manner in terms of a philosophical anthropology as proposed by Kuno Lorenz’ “dialogical constructivism” that re-articulates the positions of Ernst Cassirer and Martin Buber. Where clinical psychoDrama deals with projections (on theoretical backgrounds of psychotherapeutic theories‒including psychopathological classification) non-clinical philoDrama advocates spontaneous philosophizing-together in the horizon of seeing ourselves as creative symbol users (Cassirer) that depend on our self-understanding of each other, switching between the aspects of I and You (Lorenz / Buber) in interactive speech acts about “It”. Aspects of that have been topics in what Moreno called “sociodrama”.

Re-enacting the death of Socrates is clearly closer to sociodrama than to psychodrama. In his autobiography Moreno (1985) gives the following account of his approach: when asked what I was doing I responded (1912), “well, Dr. Freud, I start where you leave off. You meet people in the artificial setting of your office. I meet them on the street and in their homes, in their natural surroundings. You analyse their dreams. I give them the courage to dream again. You analyse and tear them apart. I let them act out their conflicting roles and help them to put the parts back together again.” (Written down in free retrospection in another language and a long time after the event.) The courage to “dream again”, acting dreams and criticism out in role-play are indeed elements of my vision of philosophical practice as a group activity. Cf. how Buber sees engaging in philosophical anthropology (quoted in Lorenz 1990, p. 11), the activity of SELBSTBESINNUNG (reflecting the human condition). It has to be done as an act of life (Lebensakt) without pre-articulated fixed philosophy (philosophische Sicherung).”We will not be able to conceive (man erkennt nicht), if we stay on the strand and merely look into the surf. We have to make it into the water and swim, experiencing and reflecting what happens.” – philoDrama is a way of “anthropological swimming” on the waves of polyphone dialogues.

Posters

I personally have used the format of the poster to present an eye-catching Socrates–painting and the relatively short time for the presentation and discussion was mainly used for engaging in the newly proposed format together with those curiously enough. I had two aims with this poster presentation. I wanted to propose a promising fresh format for philosophical practice (in addition to well established ones). And I used the content “end of life” pointing to a discussion with Paul Bischof on one of the evenings that was open to the public.

It was the first time in Bern 2016 – as far as I have heard – that poster presentations were part of the program of an ICPP. I think I had suggested it to the organizing committee and the place, Campus Muristalden, proved to be very suitable for posters. We did not want too many parallel events. Posters were visible during the whole of the conference. A poster can transport more than the written text on it. A poster can also trigger off small spontaneously formed discussion groups on the way to other events. The standard form of poster presentations was a short introductory “run” through the poster and a second part, in which questions were raised by the participants and (hopefully) answered by the authors. I personally enjoyed the performance of Albert Hoffmann (that was almost a philoDrama) with Laplanche who “spoke” from the nearby poster.
List of Posters

(some poster-titles are abbreviated)

BRENEFIER, To philosophize is to cease living. alcofrib@club-internet.fr
 
CIKEL, Verstehen aus asymmetrischer Position (Understanding from an asymmetric position). m.cikel@aol.fr
 
HANSEN HELSKOG, Understanding ourselves & each other through what we see. Guro.Helskog@hbv.no
 
HOFFMANN, The Other as Seen by Jean Laplanche. www.sophonautik.ch

HOUNI / VIRTANEN, How to educate philosophical practitioners. pia.houni@uta.fi
 
KROLL, Self, Other, and No-Self. joern.kroll@sfmta.com
 
ROTH, Ending Life with Socrates. mike.roth@uni-konstanz.de
 
RUSCHMANN, Philosophical Weltanschauung. www.bodensee-kolleg.at

STAUDE, To philosophize is learning to live. www.philocom.ch


References

Arcidiacono, Narelle. Dramatic Philosophy. Puebla 2014.

Bischof, Paul. Legitimität ärztlicher Sterbehilfe, Reihe: Philosophische Praxis Band 3, V. M. Roth (ed.). Konstanz 2011.

Buber, Martin. Das Problem des Menschen. Heidelberg 1948.

Buber, Martin. Das Dialogische Prinzip. Heidelberg 1962.

Cassirer, Ernst. Essays on Man. New Haven 1944.

Goethe, Johann Wolfgang v. Wahlverwandtschaften (1809).

Hofmann, Imre. Das Experiment des Philosophierens, in: Detlef Staude (ed.), Methoden Philosophischer Praxis. Ein Handbuch. Bielefeld 2010.

Kamlah, Wilhelm. “Meditatio mortis. Kann man den Tod „verstehen“ und gibt es ein „Recht auf den eigenen Tod?“ In: Ebeling, Hans / Adorno, Theodor (eds.). Der Tod in der Moderne. Königstein 1979, 210–225.

Knox, Jeanette Bresson. “Staging and Performing Dialogue: Employing the Theater Metaphor as a Methodological Strategy for Facilitating a Socratic Dialogue Group”. Journal of Humanities Therapy (Humanities Institute Kangwon National University / Korea) 6, 2 (2015): 137-168

Kojcic, Zoran / Mike Roth (2015). The first philoDrama EUtopia in Osijek-filozofski_cafe using a picture showing the young Phoenician woman on the back of the good looking white bull (Zeus in disguise).

Lorenz, Kuno. Einführung in die philosophische Anthropologie. Darmstadt 1990.

Mittelstrass, Jürgen. “Wem gehört das Sterben?“ In: C.Y. Robertson-von-Trotha (ed.) Tod und Sterben in der Gegenwartsgesellschaft. Eine interdisziplinäre Auseinandersetzung. Baden-Baden 2008, 19-34.

Moreno, Jacob L. Autobiography. Moreno Archives, Harvard University 1985.

Philodrama–scene: https://www.facebook.com/mike.roth.7355/videos/1111487455599325/ by Christine Mok-Wendt in co-operation with Josef Mok (2016 Bern, 14. ICPP).

Philosophical impro-theatre www.improtheater-bremen.de/workshops/gut-gebrüllt-sokrates-eine-anleitung-zum-improvisierten-denken . The purpose is to find ways that lead us to philosophzsing with ease, here and now, and in an atmosphere of the pleasure of taking part in a play, a joyful social language game. The author (Wolfgang) had a philosophical salon 2003-2005 and articulates 5 steps in the sketched direction.

Picture 1: “Sterbehilfe” (assisted-suicide)—the new title of David´s picture was coined by Marc Zitzmann 14.8.2015; replacing “Death of Socrates”. Our hero is—in contrast to David´s title (oxymoron)—depicted as almost “more than alive”. This makes this example (the painted founding scene for philosophy) so valuable. “A philosopher´s death” may over and again give rise to philosophizing.

Picture 2: “Offer” (this picture was proposed by Guro Hansen Helskog) http://shop.gallerigraff.no/product.asp?catID=113&prodID =328 &name=offer-av-nico-widerberg.

Plato. The Apology of Socrates.

Roth, Volkbert M. “Aphasietherapie und Sprechen in verteilten Rollen.“ In: V. M. Roth (ed.), Sprachtherapie. Angewandte Linguistik Bd. 5. Tübingen 1984, 25-38.

Safranski, Rüdiger. Zeit. München: Hanser 2015.
Schürmann, Eva / Spanknebel, Sebastian / Wittwer, Hector (eds). Formen und Felder des Philosophierens. Konzepte, Methoden, Disziplinen. Freiburg: Alber 2017 , Alternative Formen - Performatives Philosophieren (Rainer Totzke)



PhiloDrama Herbsttagung IGPP 28. OKT 2017 Mike Roth

W O R K S H O P

PhiloDrama mit Sokrates – freestyle or PLAYING PLATO



Dialogisches Vorlesen

Einleitung Phaidon

ICH BEDANKE MICH FÜR DEN TEXT, o Karlheinz, philosophos! Platon, Sämtliche Werke. Griechisch und deutsch, hrsg. von K. Hülser, Frankfurt a.M./Leipzig 1991 (Insel Verlag) Siehe auch die Ausgabe der WBG,G. Eigler, Hg.



Nachstellen des Bildes als lebende Skulptur

ICPP Bern 2016

Die doppelte Absicht dort: ich wollte 1. ein neues Format philosophischer Praxis, das ich mit dem Kollegen Zoran Kojcic ausprobierte, vorstellen & 2. das Thema anschneiden einer öffentlichen Abendveranstaltung mit Dr. med. M.A. phil. Paul Bischof. Hier sind wir frei davon. Wir könnten uns etwa am PAIDON orientieren.

Und herausfinden, wie weit wir damit kommen. Oder wir können uns gleich der Zuordnung dieses Workshops auf der Herbsttagung IGPP 2017 zuwenden: Politische Selbstsorge

>TALKING PICTURE<

Wir bilden ausgehend vom Bild mit Sokrates eine Skulptur von miteinander Philosophierenden.

Führt uns die APOLOGIE näher heran an das Thema POLITISCHE SELBSTSORGE?



Und wie steht´s mit dem Zwiegespräch KRITON ?

Phaidon

ECHEKRATES · PHAIDON

  1. Einleitung
    1.1. Rahmendialog: Echekrates fragt nach dem Tod des Sokrates. Phaidon berichtet davon einige Umstände und ist bereit, Sokrates' letzte Gespräche detailliert darzustellen



Echekrates: Warest /57a/ du selbst, o Phaidon, bei dem Sokrates an jenem Tage, als er das Gift trank in dem Gefängnis, oder hast du es von einem andern gehört?

Phaidon: Selbst war ich da.

Echekrates: Was also hat denn der Mann gesprochen vor seinem Tode, und wie ist er gestorben? Gern hörte ich das. Denn weder von meinen Landsleuten reiset jetzt leicht einer nach Athen, noch ist von dort her seit geraumer Zeit ein Gastfreund angekommen, der /b/ uns etwas genaues darüber berichten konnte, außer nur daß er das Gift getrunken hat und gestorben ist, von dem übrigen wusste keiner etwas zu sagen.

Phaidon: Auch /58a/ von der Klage also habt ihr nichts erfahren, wie es dabei hergegangen ist?

Echekrates: Ja, das hat uns jemand erzählt, und wir haben uns gewundert, daß, da sie schon längst abgeurteilt war, er offenbar erst weit später gestorben ist. Wie war doch das, o Phaidon?

Phaidon: Durch Zufall fügte es sich so. Es traf sich nämlich, daß gerade an dem Tage vor dem Gericht das Schiff war bekränzt worden, welches die Athener nach Delos senden.

(( Echekrates: Was hat es damit auf sich?

Phaidon: Dies ist das Schiff, wie die Athener sagen, worin einst Theseus fuhr, um jene zweimal sieben nach Kreta zu bringen, die er rettete und sich /b/ selbst auch. Damals nun hatten sie dem Apollon gelobt, wie man sagt, wenn sie gerettet würden, ihm jedes Jahr einen Aufzug nach Delos zu senden, welchen sie nun seitdem immer und auch jetzt noch jährlich an den Gott senden. Sobald nun dieser Aufzug angefangen hat, ist es gesetzlich, während dieser Zeit die Stadt rein zu halten, und von Staats wegen niemanden zu töten, bis das Schiff in Delos angekommen ist, und auch wieder zurück. Und dies währt bisweilen lange, wenn widrige Winde einfallen. Des Aufzuges Anfang ist aber, wenn der Priester des Apollon das /c/ Vorderteil des Schiffes bekränzt; und dies, wie ich sage, war eben den Tag vor dem Gerichtstage geschehen. ))

Daher hatte Sokrates so viel Zeit fürs Philosophieren in dem Gefängnis zwischen dem Urteil und dem Tode.

Echekrates: Wie war es aber bei seinem Tode selbst o Phaidon? was wurde gesprochen und vorgenommen? welche von seinen Vertrauten waren bei dem Manne? oder ließ die Behörde sie nicht zu ihm, und er starb ohne Beisein von Freunden?

Phaidon: Keineswegs, /d/ sondern es waren ziemlich viele da.

Echekrates: Alles dieses bemühe dich doch uns recht genau zu erzählen, wenn es dir nicht etwa an Muße fehlt.

Phaidon: Nein ich habe Muße, und will versuchen es euch zu erzählen. Denn des Sokrates zu gedenken, sowohl selbst von ihm redend als auch Anderen zuhörend, ist mir immer von allem das Erfreulichste.

*** Ende des Lesens in verteilten Rollen

Beisein von Freunden“ ist wichtig, ja vielleicht unerlässlich für gelingendes Philosophieren. Und dies wollen wir nun praktizieren!

*

Und wir tun dies hier…des Sokrates zu gedenken, sowohl selbst von ihm redend als auch Anderen zuhörend: CHAIRETE !

traditioneller Gruß der Philosophierenden

Ich gestehe gern, dass dies folgende auch den Aspekt eines Rituals hat.

Können wir es ein „Philosophisches Ritual“ nennen?

Rituale sprechen „die Sinne“ an - habe denn auch hier in Reinigungsabsicht etwas geräuchert!



Beim PhiloDrama gibt ein den Lieblingssinn griechischer Philosophen -das THEOREIN- ansprechendes B I L D (entrollt es)

Und aus einem zweidimensionalen Bilde lässt sich durch >Nachstellen< eine lebendige Skulptur bilden:


                           
Diese Skulptur neben dem Bild auf dem Poster wurde bei der 14. ICPP gebildet. Nackter linker Unterarm, Zeigegeste – kennzeichnet die Sprecherrolle des SOKRATES. Abgewandtes Gesicht: der Kerkermeister („Diener der Elf“) in unserer Darstellung im weißen Oberteil, der (hier mit dem verdeckten rechten Arm) dem Sokrates den Giftbecher reicht.

>> Und alle Anwesenden waren fast in derselben Gemütsstimmung, bisweilen lachend, dann wieder weinend<< (Phaidon)



Phaidon Szene 1

Xanthippe mit Söhnchen (weggeführt von Leuten des Kriton auf Wunsch des Sokrates)

Sokrates – Kriton – Kebes – Simmias – (Diener der Elfmänner) - Apollodoros

Phaidon Szene 2

Sokrates aber /60b/ auf dem Bette sitzend zog das Bein an sich und rieb sich den Schenkel mit der Hand, indem er zugleich sagte, Was für ein eigenes Ding, ihr Männer, ist es doch um das, was die Menschen angenehm nennen, wie wunderlich es sich verhält zu dem was ihm entgegengesetzt zu sein scheint, dem unangenehmen, daß nämlich beide zu gleicher Zeit zwar nie in dem Menschen sein wollen, doch aber wenn einer dem einen nachgeht und es erlangt, er meist immer genötiget ist auch das andere mitzunehmen, als ob sie zwei an einer Spitze zusammengeknüpft wären; und ich denke, wenn /c/ Äsopos dies bemerkt hätte, würde er eine Fabel daraus gemacht haben, daß Gott beide, da sie im Kriege begriffen sind, habe aussöhnen wollen, und weil er dies nicht gekonnt, sie an den Enden zusammengeknüpft habe, und deshalb nun, wenn jemand das eine hat, komme ihm das andere nach. So scheint es nun auch mir gegangen zu sein; weil ich von der Fessel in dem Schenkel vorher Schmerz hatte, so kommt mir nun die angenehme Empfindung hintennach. – ÜBERTRAGENE BEDEUTUNG, Anspielung

Phaidon Szene 3

Darauf nahm Kebes das Wort, und sagte: Beim Zeus, Sokrates, das ist gut, daß du mich daran erinnerst. Denn nach deinen Gedichten, die du gemacht hast, /d/ indem du die Fabeln des Äsopos in Verse gebracht, und nach dem Vorgesang an den Apollon, haben mich auch Andere schon gefragt, und noch neulich Euenos, wie es doch zugehe, daß seit dem du dich hier befindest du Verse machest, da du es zuvor nie getan hast. Ist dir nun etwas daran gelegen, daß ich dem Euenos zu antworten weiß, wenn er mich wieder fragt, und ich weiß gewiss, das wird er: so sprich was ich ihm sagen soll. –

Sage ihm denn, sprach Sokrates, die Wahrheit, daß ich es nicht tue um etwa gegen ihn und seine Gedichte aufzutreten, denn /e/ das wüsste ich wohl wäre nicht leicht, sondern um zu versuchen, was wohl ein gewisser Traum meine, und mich vor Schaden zu hüten, wenn etwa dies die Musik wäre, die er mir anbefiehlt. Es war nämlich dieses; es ist mir oft derselbe Traum vorgekommen in dem nun vergangenen Leben, der mir bald in dieser bald in jener Gestalt erscheinend immer dasselbe sagte:

O Sokrates, treibe Musik! - Und ich dachte sonst immer, nur zu dem was ich schon tat ermuntere er mich und treibe mich noch mehr an, wie man /61a/ die Laufenden anzutreiben pflegt, so ermuntere mich auch der Traum zu dem was ich schon tat, Musik zu machen, weil nämlich die Philosophie die vortrefflichste Musik ist, und ich diese doch trieb. Jetzt aber seit das Urteil gefällt ist, und die Feier des Gottes meinen Tod noch verschoben hat, dachte ich doch, ich müsse, falls etwa der Traum mir doch beföhle, mit dieser gemeinen Musik mich zu beschäftigen, auch dann nicht ungehorsam sein, sondern es tun. Denn es sei doch sicherer, nicht zu gehn, bis ich mich auch so vorgesehen und Gedichte gemacht, /b/ um dem Traum zu gehorchen. So habe ich denn zuerst auf den Gott (Apoll) gedichtet, dem das Opfer eben gefeiert wurde, und nächst dem Gott, weil ich bedachte, ein Dichter müsse, wenn er ein Dichter sein wolle, Fabeln dichten und nicht vernünftige Reden, und ich selbst nicht erfindsam bin in Fabeln, so habe ich deshalb von denen, die bei der Hand waren und die ich wusste, den Fabeln des Äsopos, welche in Verse gebracht. Dieses also, o Kebes, sage dem Euenos, und er solle wohlleben,
und wenn er klug wäre, mir nachkommen. Ich gehe aber, wie ihr /c/ seht, heute, denn die Athener befehlen es. –





Wiki weiß: „Zu Sokrates´ Nachruhm trug wesentlich bei, dass er das gegen ihn verhängte Todesurteil wegen angeblich verderblichen Einflusses auf die Jugend sowie Missachtung der Götter akzeptierte und eine Fluchtmöglichkeit aus Respekt vor den Gesetzen nicht wahrnahm. Bis zur Hinrichtung durch den Schierlingsbecher beschäftigten ihn und die zu Besuch im Gefängnis weilenden Freunde und Schüler philosophische Fragen. Nahezu alle bedeutenden philosophischen Schulen der Antike haben sich auf Sokrates berufen. Michel de Montaigne nannte ihn im 16. Jahrhundert den „Meister aller Meister“ und noch Karl Jaspers schrieb: >Sokrates vor Augen zu haben ist eine der unerlässlichen Voraussetzungen unseres Philosophierens.<“ (Artikel: Sokrates)

Und Nietzsche (dem Sinne nach): SOKRATES IST MIR SO NAH - DASS ICH JEDEN TAG MIT IHM KÄMPFE

In Platons Apologie schildert Sokrates eine (angebliche) Befragung des delphischen Orakels : „Er (Chairephon) fragte also, ob es jemanden gäbe, der weiser wäre als ich. Da sagte Pythia, dass es keinen gäbe.“ Einen Zeugen dafür benannte Sokrates in dem Bruder des verstorbenen Jugendfreunds. Nach Xenophons Version lautete die Orakelauskunft, dass niemand freier oder gerechter oder besonnener sei als Sokrates. Aus diesem Orakelspruch leitete Sokrates, dem sein Nichtwissen vor Augen stand, Platon zufolge den Auftrag ab, das Wissen seiner Mitmenschen zu prüfen, um sich dessen zu vergewissern, was die Gottheit gemeint hatte.

Die Historizität der Orakelbefragung wurde allerdings schon in der Antike bestritten und wird auch von manchen modernen Forschern verneint. Diese halten Chairephons Frage in Delphi für eine literarische Fiktion aus dem Schülerkreis des Sokrates. Sie machen unter anderem geltend, Chairephon habe zu einem Zeitpunkt, als Sokrates noch nicht berühmt war, keinen Anlass gehabt, dem Orakel eine solche Frage zu stellen. Die Befürworter der Historizität meinen, Platon habe keinen Grund gehabt, eine so detaillierte Geschichte zu erfinden und Sokrates in den Mund zu legen. Hätte dann ein Gegner sie als Fiktion entlarvt, was damals leicht möglich gewesen wäre, so hätte dies die Glaubwürdigkeit von Platons gesamter Darstellung der Verteidigungsrede des Sokrates vor Gericht erschüttert.

Ist die APOLOGIE näher an der POLITISCHEN SELBSTSORGE?



Kriton
Dem besten Satz folgen (46b1)

Verbot, Unrecht mit Unrecht zu vergelten (48c11)

Sokrates' besondere Verpflichtung gegen die Gesetze (52a7)


Eine Flucht widerspräche dem, was Sokrates als gutes Leben gilt (53a9)

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Szene 1: Erste Morgendämmerung

Sokrates: Warum / 43b/ also hast du mich nicht gleich geweckt, sondern dich so still hingesetzt?

Kriton: Nein, beim Zeus, Sokrates, wollte ich doch selbst lieber nicht so lange gewacht haben in solcher Betrübnis. Aber sogar dir habe ich schon lange verwundert zugesehen, wie sanft du schliefst und recht wohlbedächtig habe ich dich nicht geweckt, damit dir die Zeit noch recht sanft hingehe. Denn oft schon -freilich auch sonst im ganzen Leben- habe ich dich glücklich gepriesen deiner Gemütsart wegen, bei weitem aber am meisten bei dem jetzigen Unglück wie leicht und gelassen du es erträgst.

Sokrates: Es wäre ja auch frevelhaft, o Kriton, mich in solchem Alter unwillig darüber zu gebärden, wenn ich endlich sterben muss.

Szene 2: warum doch bist du so früh gekommen?

Kriton: Um dir eine traurige Botschaft zu bringen, Sokrates. Nicht dir, wie ich wohl sehe, aber mir und allen deinen Freunden traurig und schwer, und die ich … ganz besonders am schwersten ertragen werde.

Sokrates: Was doch für eine? Ist etwa das Schiff aus Delos zurückgekommen, nach dessen Ankunft ich /d/ sterben soll?



Szene 3: FLIEH !

du wunderlicher Sokrates, auch jetzt noch folge mir und rette dich. Denn für mich ist es nicht Ein Unglück etwa, wenn du stirbst: sondern außerdem, daß ich eines solchen Freundes beraubt werde, wie ich nie wieder einen finden kann, werden auch Viele glauben, die mich und dich nicht genau kennen, daß -obwohl ich im Stande gewesen wäre dich zu retten, / 44c/ wenn ich einiges Geld aufwenden gewollt, ich es doch verabsäumt hätte. Und was für einen schlechteren Ruf könnte es wohl geben, als dafür angesehen sein, daß man das Geld höher achte als die Freunde. Denn das werden die Leute nicht glauben, daß du selbst nicht weggehn gewollt hast, wiewohl wir Alles dazu getan.

Sokrates: Aber du guter Kriton, was soll uns doch die Meinung der Leute so sehr kümmern? Denn die Besseren, auf welche es eher lohnt Bedacht zu nehmen, werden schon glauben, es sei so gegangen wie es gegangen ist.



Szene 4: Dem besten Satz folgen

Sokrates: Deine / 46b/ Sorge um mich, du lieber Kriton, ist viel wert, wenn sie nur irgend mit dem Richtigen bestehen könnte; wo aber nicht, so ist sie je dringender um desto peinlicher. Wir müssen also erwägen ob dies wirklich tunlich ist oder nicht. Denn nicht jetzt nur, sondern schon immer habe ich ja das an mir, daß ich nichts anderem von mir gehorche, als dem Satze, der sich mir bei der Untersuchung als der beste zeigt. Das aber was ich schon ehedem in meinen Reden festgesetzt habe, kann ich ja nun nicht verwerfen, weil mir dieses Schicksal geworden ist; sondern jene Reden erscheinen mir noch ganz als dieselben, und ich schätze und /c/ ehre sie noch eben so wie vorher. Wenn wir also nicht bessere als sie jetzt vorzutragen haben: so wisse nur, daß ich dir nicht nachgeben werde, und wenn auch die Macht der Menge noch mehr als schon geschieht, um uns wie Kinder zu schrecken, Gefangenschaft und Tod auf uns los ließe und Verlust des Vermögens.



Szene 5: nicht jeder Meinung ist zu folgen

Nicht jede Meinung zählt, nur die des Sachkundigen, dies auch bezüglich des Gerechten und Ungerechten

Wenn wir zuerst den Satz aufnehmen wegen der Meinung von dem du sprichst, ob wohl für jeden Fall gut gesagt war oder nicht, / 46d/ daß man auf einige Meinungen zwar achten müsse, auf andere aber nicht? Oder ob es zwar ehe ich sterben sollte gut gesagt war, nun aber offenbar geworden ist, daß es nur obenhin des Redens wegen gesagt, in der Tat aber nichts war als Scherz und Geschwätz? Ich meines Teils habe Lust, Kriton, dies mit dir gemeinschaftlich zu untersuchen: ob diese Rede mir jetzt etwa wunderlicher erscheinen wird, nun es so mit mir steht, oder noch ebenso; und dem gemäß wollen wir sie entweder gehen lassen oder ihr gehorchen. So aber, glaube ich, wurde sonst immer von denen behauptet, die etwas zu sagen meinten, daß von den Meinungen, welche die Menschen hegen, man einige /e/ zwar sehr hoch achten müsse, andere aber nicht. Sprich nun, Kriton, bei den Göttern dünkt dich dies nicht gut gesagt zu sein? Denn du bist doch menschlichem Ansehen nach fern davon morgen sterben zu müssen, und das / 47a/ bevorstehende Schicksal könnte dich nicht berücken. Erwäge also: scheint dir das nicht gut gesagt daß man nicht alle Meinungen der Menschen ehren muss, sondern einige wohl, andere aber nicht? und auch nicht aller Menschen, sondern einiger ihre wohl, anderer aber nicht? Was meinst du?


Szene 6 : Am höchsten das Gute Leben achten!

48b… betrachte nun auch diesen Satz, ob er uns noch fest steht oder nicht, daß man nämlich nicht das Leben am höchsten achten muß, sondern das Gute Leben.

Kriton: Freilich besteht der.

Sokrates: Und daß das Gute Leben mit gerecht-und-sittlich-leben einerlei ist, besteht der Satz oder besteht der nicht?





Szene 7: Unrecht mit Unrecht vergelten?

Sokrates: Also von dem Eingestandenen aus müssen wir dieses erwägen, ob es gerecht ist daß ich versuche von hier / 48c/ fortzugehen ohne daß die Athener mich fortlassen, oder nicht gerecht. Und wenn es sich als gerecht zeigt, wollen wir es versuchen: wo nicht, es unterlassen. Die du aber vorbringst, o Kriton, die Überlegungen wegen Verlust des Geldes und des Rufs und Erziehung der Kinder, daß das nur nicht recht eigentlich Betrachtungen dieser Leute sind, die leichtsinnig töten und eben so auch hernach gern wieder lebendig machten wenn sie könnten, alles ohne Vernunft; und daß nur nicht im Gegenteil für uns, da ja unsere Rede es so festsetzt, gar nichts anderes zu überlegen ist, als wie wir eben sagten, ob wir gerecht handeln werden, wenn wir denen, welche mich von hier fortbringen wollen, Geld zahlen /d/ und Dank dazu, und wenn wir selbst, ihr mich fortbringt, und ich mich fortbringen lasse, oder ob wir nicht in Wahrheit unrecht handeln werden indem wir dies alles tun! Und wenn sich zeigt, wir können dies nur ungerechterweise ausführen, daß wir dann nur nicht jenes, ob wir sterben müssen, wenn ich hier bleibe und mich ruhig verhalte, oder was sonst erleiden, gar nicht in Anschlag bringen dürfen gegen das Unrecht handeln.

Kriton: Schön dünkt mich das gesagt, Sokrates. Sieh aber, was wir tun wollen.

Sokrates: Gemeinschaftlich, du Guter, wollen wir das überlegen; und hast du etwas einzureden, wenn ich rede, /e/ so rede ein, und ich will dir folgen. Wo aber nicht, so höre auf mir immer dieselbe Rede zu wiederholen, ich solle wider der Athener Willen von hier fortgehn. Denn es ist mir ja wohl viel wert wenn du mich überredest dieses zu tun, nur nicht wider meinen Willen. Betrachte also den Anfang der Untersuchung ob er dir genützt, und / 49a/ suche das Gefragte zu beantworten nach deiner besten Meinung.



Szene 8: Wenn die Gesetze uns in den Weg tretend fragten

/ 50d/ Denn sprich, welche Beschwerden hast du gegen uns und die Stadt, daß du suchst uns zu Grunde zu richten? Sind wir es nicht zuerst, die dich zur Welt gebracht haben; und durch welche dein Vater deine Mutter bekommen und dich gezeugt hat? Erkläre also, tadelst du etwas an denen unter uns Gesetzen, die sich auf die Ehe beziehen, was nicht gut wäre? Nichts tadle ich, würde ich dann sagen. Aber an den Gesetzen über des Geborenen Aufziehung und Unterricht, nach denen auch du bist unterrichtet worden? Ist es etwa nicht gut, was die unter uns hierüber gesetzt sind gebieten, indem sie deinem Vater auflegten dich in den Geistesübungen und Leibeskünsten zu /e/ unterrichten? Sehr gut, würde ich sagen. Wohl. Nachdem du nun geboren, aufgezogen und unterrichtet worden, kannst du zuerst wohl leugnen, daß du nicht unser warst als Abkömmling und Knecht, du und deine Vorfahren? Und wenn sich dies so verhält, glaubst du, daß du gleiches Recht hast mit uns, und daß, was immer wir uns beigehen lassen dir anzutun, auch du das Recht habest uns wieder zu tun? Oder hattest du gegen deinen Vater zwar nicht gleiches Recht, oder gegen deinen Herrn, wenn du einen gehabt hättest, so daß du, was dir geschähe, ihm wieder antun dürfest, noch auch wenn er dich verunglimpfte / 51a/ widersprechen, noch wenn er dich schlug wiederschlagen und mehreres dergleichen: gegen das Vaterland aber und gegen die Gesetze soll es dir erlaubt sein, so daß wenn wir darauf ausgingen dich zu Grunde zu richten, indem wir es für gerecht hielten, auch du wieder auf unsern der Gesetze und des Vaterlandes Untergang so viel an dir ist ausgehen und dann sagen dürftest, du handeltest hierin recht, du der sich in Wahrheit der Tugend befleißigt? Oder bist du so weise, daß du nicht weißt, wie viel höher als Vater und Mutter und alle andere Vorfahren das Vaterland geachtet ist, und wieviel ehrwürdiger und heiliger bei den Göttern /b/ und bei allen Menschen, welche Vernunft haben? und wie man ein aufgebrachtes Vaterland noch mehr ehren und ihm nachgeben und es besänftigen muß als einen Vater, und entweder es überzeugen oder tun was es befiehlt, und was es zu leiden auflegt ganz ruhig leiden, wenn es auch wäre dich schlagen zu lassen oder dich fesseln zu lassen, oder wenn es dich in den Krieg schickt, wo du verwundet und getötet werden kannst, du dies alles tun mußt und es so allein recht ist? und daß du nicht weichen und nicht weggehn und nicht deine Stelle verlassen mußt, sondern im Kriege und vor Gericht und überall tun was der Staat gebietet und das Vaterland, oder /c/ es überzeugen was eigentlich Recht sei? Gewalt aber nicht ohne Frevel gebraucht werden kann gegen Vater oder Mutter und noch viel weniger als gegen sie gegen das Vaterland? Was sollen wir hierauf sagen, o Kriton? Daß es wahr ist, was die Gesetze sagen oder nicht?

Kriton: Mich dünkt, ja.

Sokrates: Überlege also, o Sokrates, würden die Gesetze vielleicht weiter sagen, wenn wir hievon mehr gesprochen haben, daß du alsdann nicht mit Recht uns das antun willst, was du jetzt willst. Denn wir, die wir dich zur Welt gebracht, aufgezogen, unterrichtet und alles Gute was nur in unserm Vermögen stand, dir und /d/ jedem Bürger mitgeteilt haben, wir verkünden dennoch, indem wir Freiheit gestatten jedem Athener der es nur will, daß wenn Jemand Bürger geworden ist, und den Zustand der Stadt und uns, die Gesetze, kennen gelernt hat und wir ihm dann nicht gefallen, er das seinige nehmen und fortgehn dürfe, wohin er nur will. Und keins von uns Gesetzen steht im Wege oder verbietet, wenn Jemand von euch dem wir und die Stadt nicht gefallen, in eine Pflanzstadt ziehen will oder auch anderswohin sich begeben und sich als Schutzverwandter ansiedeln wo er nur will /e/ mit Beibehaltung alles des Seinigen. Wer von euch aber geblieben ist nachdem er gesehen wie wir die Rechtssachen schlichten und sonst die Stadt verwalten, von dem behaupten wir dann, daß er uns durch die Tat angelobt habe, was wir nur immer befehlen möchten, wolle er tun. Und wer nicht gehorcht, sagen wir, der tue dreifach Unrecht, weil er uns als seinen Erzeugern nicht gehorcht, und nicht als seinen Erziehern, und weil er, obwohl er zugesagt, er wolle gewiss gehorchen, doch weder gehorcht, noch uns überzeugt, wo wir etwas nicht recht tun;

/ 52a/ und da wir ihm doch vortragen und nicht auf rauhe Art gebieten was wir anordnen, sondern freistellen eins von beiden entweder uns zu überzeugen oder zu folgen, er doch hiervon keines tut. Und diese Verschuldungen nun, behaupten wir, werden auch auf dir, Sokrates, haften, wenn du ausführst, was du im Sinne hast, und zwar auf dir nicht am wenigsten unter den andern AthenernDenn würden die Gesetze sagen, hiervon /b/ haben wir große Beweise, daß sowohl wir als auch die Stadt dir wohlgefallen haben. Sonst würdest du ja wohl nicht so vorzüglich vor allen Athenern immer einheimisch darin geblieben sein, wenn sie dir nicht vorzüglich gefiele. Denn weder bist du je zur Schau der großen Feste aus der Stadt herausgegangen, außer einmal auf den Isthmos, noch sonst irgendwohin anders als nur mit dem Heere ziehend, oder hast sonst eine Reise gemacht, wie andere Menschen, noch auch hat dich jemals Lust angewandelt andere Städte und andere Gesetze zu sehen, sondern wir genügten dir und unsere Stadt; so sehr / 52c/ zogst du uns vor, und gelobtest uns gemäß dein Bürgerleben zu führen 
                  mike.roth@uni-konstanz.de

April 2018