Montag, April 28, 2008

blaue Blume / blauer Garten?

Die blaue Blume

Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, daß in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au’n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blume geschaut.

Joseph von Eichendorff hat diese Verse um 1820 geschrieben, zu einer Zeit also, in der das Buch, mit dem die „blaue Blume“ als zentrales romantisches Symbol in die Welt trat, beim Verleger und Buchhändler Andreas Reimer in Berlin mehrere Auflagen erfahren hatte und europäisches Interesse auslöste, noch ehe man es in Deutschland in breiten Kreisen las: der Roman „Heinrich von Ofterdingen“ von Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, den man seit 1798 mit dem Pseudonym Novalis nannte.
Eichendorff hat in seinem kleinen Gedicht wohl alle Elemente eingefangen, die das spezifisch „Romantische“ jener Stimmung oder Haltung zur Welt ausmachen, die das Symbol der blauen Blume in sich vereinigt: Unbestimmte Sehnsucht nach Ferne, fast ein Fernweh; Wanderschaft, Naturerleben, geistige Einkehr, das Schaun als besonders tiefe Begegnung mit der Natur, Hoffnung, Vertrauen, Streben nach dem Quell des Glücks. Der Wanderer mit der Harfe könnte der uns gut bekannte Müllerbursche aus dem „Taugenichts“ sein. Das Unterwegssein entspricht nun gleichermaßen einer allgemeinen menschlichen Suche wie der besonderen Situation der Generationen der Romantiker zwischen 1798 und 1857. „Woher kommen wir und Wohin gehen wir?“ - Beständig treibt den Menschen das Geheimnis seiner irdischen Existenz um, sucht er letztlich sich selbst und seinen Ort im Universum, ohne in der ihm bemessenen Zeit Antwort auf alle Fragen zu erhalten.
Aber gerade dieses unbedingte Streben nach Antworten kennzeichnet Friedrich von Hardenberg (1772-1801) inmitten der frühromantischen Denker und Dichter als einen, der stringent mit jugendlichem Pathos und einer nicht zu bändigenden Leidenschaft für die Wissenschaften ein kreatives Konzept für die unendliche Bildungs-Aufgabe des Menschen verfolgte.
Die Botschaften der Blumen und Blüten sind seit biblischen Zeiten sichtbare Geheimnisse und offenbaren sich doch jedem, der ihre geheime Sprache zu entschlüsseln sucht. Aus der im Alten Testament überlieferten Schöpfungsgeschichte wissen wir von dem von Gott geschaffenen Garten Eden, in dem alle Geschöpfe friedlich nebeneinander leben, in einer üppigen und schönen Vegetation. Seit Jahrhunderten finden sich in den verschiedenen Kulturkreisen unzählige Abbildungen, Themen und Motive in den unterschiedlichen Kunstgattungen, die sich mit dem Paradies befassen, das auch den Dichtern und Philosophen aller Epochen ein Thema blieb. Durch den antiken Historiker und Dichter Xenophon, einen Schüler des Sokrates, wissen wir auch, daß in Persien schon im 5. Jahrhundert v. u. Z. phantastische Gartenanlagen existierten, von geraden Alleen durchzogen, später wie Teppiche von Rosen und anderen Blumenarten angelegt, die er "Paradeisos" nannte und die dann im 1. Jahrhundert v. u. Z. von nicht geringem Einfluß auf die Entwicklung der antiken Gartenkunst der Griechen waren. Gärten waren Teil der Siedlungs- und Lebensgeschichte der Völker, als Klostergärten waren sie auch Lehrstätten und Nutzpflanzungen, immer also doch Spiegelbild menschlicher Lebens- und Empfindungsweise, auch der gestalterischen Absichten und Fähigkeiten des Menschen in Bezug auf seine natürliche Umgebung, auf Landschaft und Garten.
Will man also die spezifischen Kultur-Geschichten der Gärten dieser Welt erforschen und miteinander vergleichen, wozu es seit einigen Jahren renommierte Forschungsprojekte gibt, so wird sich als zentrale, gleichsam globale Frage immer wieder die eine nach dem ursprünglichen Verhältnis von Mensch und Natur stellen, versus: nach der jeweils aktuellen, gegenwärtigen Qualität des Verhältnisses beider, nach den Ursachen und den Richtungen seiner Veränderung, den Auswirkungen des Ideenfortschritts in den Wissenschaften und der Technik auf die Lebensweisen der Menschen, auf ihre fortschreitende Entfernung von der Natur, auch nach den folgenreich ausufernden Dimensionen der räumlichen Lebensrahmen in modernen Städten. (2)

Rousseau (1712-1778) hatte das Problem für das Zeitalter der Aufklärung als den verhängnisvollen Kontrast von Kultur zur Natur gefaßt, mit dem sich Generationen von Philosophen und Dichtern seither beschäftigt haben. Auch Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, Novalis, der aus der Grafschaft Mansfeld stammende Philosoph, Jurist, Bergbauingenieur und Dichter, hat sich während seines kurzen Lebens kontinuierlich mit dieser Problematik befaßt, was sich selbst in seinem 1798 gewählten Pseudonym ausdrückt: de novali nannten sich die Hardenbergischen Vorfahren, Novalis bedeutet der Neuland bestellende. In philosophischen und naturwissenschaftlichen Studien, in seiner beruflichen Arbeit(3) und schließlich in seinen Dichtungen und theoretischen Aufzeichnungen beschäftigte ihn das Phänomen Natur, das den Kern seiner geschichtsphilosophisch begründeten Utopie einer „Goldnen Zeit“ (4) bildet.
Der hochqualifizierte Bergbau- und Salinenspezialist war durch seine Studien mit modernsten Naturerkenntnissen, Entdeckungen und Experimenten in Physik, Chemie, Biologie und Geologie, auch in der Medizin vertraut, aus denen er ein Bewußtsein für die widersprüchlichen und tendentiell destruktiven Wirkungen des Fortschritts der Wissenschaften und der zunehmenden Technisierung gewann. Wie kein anderer konnte er Segen und Fluch des Bergbaus (5) beurteilen. Die reale Entwicklung widersprach zu offenkundig dem aus der Philosophie und Kunst seit der Antike tradierten Idealbild eines einheitlichen Naturganzen. Zergliederung der Natur war der Tribut an ihre Erforschbarkeit. An eine reale Aufhebung dieses im Laufe der Geschichte erzeugten Zustandes war nur zu glauben, wenn sie im Bewußtsein des Menschen ihren Anfang nehmen würde. Hoffnung bestünde dann, wenn Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster gewandelt würden durch - wie Novalis sagen würde - eine „Armirung“ (Erzeugung) der Moralität ins Unendliche (6). Einfacher: wenn ein wirksames pädagogisches Konzept zur Aktivierung der Sinne in einem als unendlich gedachten Prozeß eine neue Annäherung des Menschen an die Natur fördern könnte. Dies ist das Ziel jener neuen Utopie, die sich in philosophischen Debatten ebenso wie vor allem in den Dichtungen und Kunstwerken von Novalis und seinen Zeitgenossen spiegelt. Die Natur und mit ihr das Paradies zu rekonstruieren, ist ein Auftrag, der die Anstrengung aller schöpferischen Kräfte erfordert, insbesondere der Vernunft und der Phantasie. Im Gartenthema verbindet sich die poetische Utopie des Novalis mit der Möglichkeit exemplarischer Verwirklichung der Idee von Natur. Gärten sind für Novalis wie für die romantischen Dichter und Künstler ein besonderer Ort der Naturbildung im doppelten Wortsinn: es geht um die Bildung des Menschen in der Natur und um die Bildung der Natur durch den Menschen, worüber bereits Rousseau, Herder und die europäische Aufklärungsphilosophie reflektiert hatten.
„In jedem System - Gedankenindividuo - das nun ein Aggregat oder Produkt - etc. seyn kann - ist Eine Idee, Eine Bemerckung oder mehrere vorzüglich gediehn und haben die andern erstickt - oder sind allein übriggeblieben. Im geistigen NaturSystem muß man sie nun überall zusammensuchen - jedem seinen eigenthümlichen Boden - Klima - seine besondere Pflege - seine eigenthümliche Nachbarschaft geben - um ein Ideen Paradies zu bilden - dies ist das ächte System./ Das Paradies ist das Ideal des Erdbodens.
Merckwürdige Frage vom Sitz des Paradieses - (Sitz der Seele)
(Eine Kunstkammer soll in Beziehung auf die Naturkräfte etc. das seyn - was ein botanischer und ein englischer Garten (Nachahmung des Paradieses) in Beziehung auf den Erdboden und seine Produkte ist - ein verjüngter, concentrirter - potenzirter Erdboden)
Das Paradies ist gleichsam über die ganze Erde verstreut und vereinigt - sein Skelett soll ausgefüllt werden. Regeneration des Paradieses.“ (7)

Interessant ist, daß für den Verweis auf das Muster eines englischen Gartens als Produkt schöpferischer Kunst offenbar die Wörlitzer Gartenanlage des Fürsten Franz von Anhalt Dessau (1740-1817) Anlaß gab. Da Friedrich von Hardenberg Reisepläne nach England durch seine Krankheit nicht verwirklichen konnte, beschränkte sich seine authentische Kenntnis des englischen Gartens auf Besuche des Wörlitzer Gartenreiches. Vom April 1793 existiert eine ausführliche Reisebeschreibung des Freundes Ferdinand von der Lippe, aus der zu erfahren ist, daß es von Weißenfels aus mit „einer leichten Chaise mit zwei Pferden, Extrapost“ (8) über Dessau, Wörlitz, Bernburg, Aschersleben und Halberstadt nach Wernigrode und von dort noch bis Ilsenburg ging. Es ist nicht endgültig geklärt, ob Hardenberg mitreiste oder sich nur hat besonders ausführlich berichten lassen. Aber im Juni 1797, kurz nach dem Tode der Verlobten Sophie von Kühn und des Lieblingsbruders Erasmus, reiste er eigenen Tagebuchnotizen zufolge nach Thale, zur Roßtrappe von dort nach Ballenstedt in den Garten und zurück nach Wiederstedt, von wo es nach einigen Tagen Pause erneut per Fußwanderung nach Dessau und Wörlitz ging, von dort dann zurück nach Halle. Aus der beabsichtigten körperlichen Anstrengung sprossen Ideen für Projekte, zum Beispiel zu einem „Journal unter dem Titel Beyträge zur wissenschaftlichen Geschichte der Menschheit“ (9). Diese Idee ist wohl ein Vorläufer der schon 1798 begonnenen Materialsammlung zu einer Enzyklopädie aller Wissenschaften.
Im Reisejournal des Freundes von der Lippe und in der Tagebucheintragung vom Juni 1797 sind die Gartenbesuche in Wörlitz und im Dessauer Georgium dokumentiert. Beide Schilderungen haben ihren Niederschlag in späteren Aufzeichnungen Friedrich von Hardenbergs gefunden.
„Das Georgium ist eine englische Gartenanlage, die dem Prinz Hans Georg, Bruder des Fürsten, gehört, dessen Sommer-Wohnung in einem anmuthigen Theil des Gartens zwischen wilden Parthien und frischen Grasplätzen steht, und so wie mehrere im Garten zerstreut liegende Häuschen, einfach und doch architektonisch schön gebaut, geschmackvoll meublirt und mit feinen Kupferstichen ausgehängt. Der Garten ist groß und erstreckt sich bis nach der eine Stunde von Dessau fließenden Elbe hin, die Natur ist in den einzelnen Parthieen zuweilen noch glücklicher als in Wörlitz nachgeahmt und das Ganze gewinnt besonders durch einen mit hinein gezogenen Eichenwald: unter die Verzierungen gehört besonders eine kolossalische Statue des Fürsten; eine Diana; ein steinerner auf acht (korinthischen) Säulen ruhender Tempel; ein über die durch den Garten laufende Straße gebautes Portal und einige nachgemachte Ruinen, besonders die an ein Wasser anstoßenden. [...]
Ich freute mich, an einigen Dessauern in der Gesellschaft die erneute Bemerckung machen zu können, wie zufrieden sie mit ihrem Fürsten sind. Das Dessauische Ländchen ist unter ihm in der That eines der glücklichsten; er sucht auf alle Weise das Glück und den Wohlstand seiner Unterthanen zu befördern und versteht die Kunst, durch gut angebrachte Freygebigkeit und Veranlassung zum Verdienst für den gemeinen Mann, wie für den Handwercker, Künstler und Handelsmann ihrem allgemeinen und Privat-Wohl in der That beförderlich zu seyn, eine Sache, die in seinem kleinen Lande wohl angeht: dies zeigen seine kleinen Landhäuser; dies zeigen seine Gärten, von denen der Wörlitzer in der theuren Zeit angelegt, und mit denen er sein Land noch immer fort verschönert; seine neue Anlage in Wörlitz, seine Chausseen, Pappel- und Obst-Alleen, die überall die Wege angenehm machen, und noch so vieles andere, was ihm zu gleicher Zeit Beschäftigung und Vergnügen giebt. Ueberall führt er selbst die Oberaufsicht, wozu er viel Anlage hat, und dabey ist er gütig gegen jedermann [...] Die Oekonomie ist hier überall sehr gut beschaffen, man sieht nichts als reiche Felder und Wiesen, viel Rocken und besonders Rübsen und eine Menge Obst. Die Brache ist im Dessauischen ganz abgeschafft, da der gute Boden jährlich des Landmanns Mühn mit Wucher belohnen kann. Zuweilen muntert der Fürst durch Austheilung von Grundstücken zum Landbau auf; dies that er z.B. dies Jahr (1793) in Wörlitz, unter der Bedingung, daß jeder sein neues Feld mit Hecken von einem gewissen Gesträuch einfassen sollte; [...]“ (10)

Vom Freitag, den 23. Juni bis zum Montag, 26. Juni 1797 war Friedrich von Hardenberg mit Landvoigt, einem Hofmeister der jüngeren Geschwister, in Wörlitz und Dessau:
„[...]Freytag früh kamen wir im Regenwetter nach Dessau. Nachmittags hellte sich aber der Himmel auf und wir fuhren am köstlichsten Abend in Wörlitz ein. Auch der Sonnabend war schön - Den Tag vollendeten wir die den ersten Abend gleich angefangene Ansicht des Gartens. Der Fürst fuhr mit Gesellschaft und Musik Nachmittags auf den Gondeln. Sonntags sahen wir das Schloß, das Gothische Haus und fuhren Abends im himmlischen Wetter mit dem Kriegsrath v. Viereck und seiner Frau auf der Gondel. [...] Den Montag, wo wir nach Halle fuhren, und unterwegs in Dessau das Georgium besahen, hatt ich zuweilen einen hellen Gedanken.“ (11)

Dabei ist auffällig, daß das Reisejournal sehr detailliert über den Zusammenhang von schön geordneter Landschafts- und Gartengestaltung und politischer Haushaltung des Dessauer Fürsten handelt, der dem Autor für ein Muster eines aufgeklärten Landesherren gilt. Hardenberg (Novalis), der 1797 anonym ein staatstheoretisches Fragment unter dem Titel Glauben und Liebe oder Der König und die Königin an den preußischen König Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise gerichtet hatte, greift offensichtlich im Herbst 1798 auf das persönliche Beispiel des Dessauer Fürsten zurück, während er in seinen Physikalischen Fragmenten in einer Metapher abermals über den idealen Staat und das ideale Staatsoberhaupt philosophiert:
„[...] Der Zweck des Staats ist schön oeconomisch - besser gärtnerisch. Der Gärtner ist der Genius der Pflanzenwelt.“ (12)

Hardenberg (Novalis) empfand ähnlich wie Matthisson und Goethe, wie sehr der Dessauer Fürst nach seiner Devise „das Nützliche mit dem Schönen“ lebte und dabei verstand, seine Gartenschöpfung als „in befriedigende Wirklichkeit übergehende(n) Dichtertraum vom Elysium der Alten“ zu gestalten. (13)
Gärten symbolisieren für Hardenberg (Novalis) auf besondere und ideale Weise die Einheit von Mensch und Natur, von natürlicher Welt und Ideenwelt - also auch die Einheit von Geist und Natur. Was in der Natur nur vereinzelt existiert, kann in der Ideenwelt zu einem Ganzen wachsen; was in der Idee losgelöst von der Natur als Samenkorn enthalten ist, kann in der natürlichen Landschaft zu einer lebendigen Gestalt keimen und wachsen, ein sichtbares Ganzes bilden ähnlich wie in der kunstvollen Form des modernen Romans - beide stellen nach seiner Überzeugung ein „gemachtes Leben“ vor, in dem Natur zur Kunst führt und Kunst zur Natur wird. Deshalb ist der Garten für Novalis echte Naturpoesie, ist wiedererschaffenes Paradies Kraft der konstruktiven Phantasie.
Im praktischen Umgang mit dieser Idee von Novalis ist in Oberwiederstedt ein Projekt (14) von sieben synthetischen Steinen für sieben Gärten entstanden, das auf die ewige Verbindung von Mensch, Natur und Universum verweist und eine verlockende Geheimniskraft besitzt, weil es die Möglichkeit zum Ent-decken tieferer Aussagen über unser heutiges Verhältnis zur Natur anbietet und erst im Suchen der Sinn jedes Steines in der Gartenlandschaft wie das alle einigende Ideenband sich erschließt - dann aber auf eine überraschend einfache Weise. Hardenbergs (Novalis) Gedanken werden zu Stein(en), ohne dabei an Lebendigkeit zu verlieren, sie verkünden das Programm der „Regeneration des Paradieses“ als eine ganz alltägliche Aufgabe.
Seit Jahrhunderten wählten die Gartenarchitekten einen in der Regel schattigen Platz (unter Bäumen, Büschen, in Nischen von Felsen oder Lauben), um dort die Möglichkeit zum Ausruhen, zum besinnlichen Verweilen, zum Lesen oder zum Zwiegespräch mit der Natur zu schaffen. Eine (wie auch immer gestaltete) Bank im Garten ist Ort der Einkehr bei sich selbst - Rast, Ruhe der Bewegung. Der Dichter Novalis würde das den „Weg nach innen“ nennen. Durch die Besinnung und Erholung der Kräfte geht der Blick erneut nach außen in die Natur (des Gartens), und, gestärkt vielleicht durch eine Reflexion, auch wieder in die universelle große Natur. Der Blick weitet sich. Die einzelnen Steine sind Teil eines kleineren Ganzen, das der Garten repräsentiert, sie sind aber, die Entfernung der Gärten von einander überbrückend, auch Teil des alles umfassenden Ganzen: der Natur und des Universums. Ihre formale Einheit stellt sich im Symbol des Ouroborus - Ringes her, jedoch eben nur durch die „Einbildungskraft“ des Betrachters oder „Entdeckers“. Die Reise zu den Steinen in den verschiedenen Gärten ist so eine Entdeckungsreise mit vielen Dimensionen.
Die Idee des Gartens ist so dynamisch, wie der Garten selbst, dessen äußeres harmonisches Bild ständigem inneren Wechsel, dem Prozess des Lebens unterliegt: Kontinuität und Wandel werden nur an einem Punkt manifest, nämlich im jeweiligen „synthetischen Stein“, der eine wirkliche Synthese aus Materie und Geist, Idee und Form ist und als „Mosaik-Stein“ sowohl an vergangene Zeiten als auch an die Aufgabe der „Regeneration des Paradieses“ erinnert - auf Zukunft verweist.
Im Projekt der sieben synthetischen Steine manifestiert sich mit der Idee der „Regeneration des Paradieses“ ein Thema, durch das die Gartenträume in einer kulturgeschichtlich bedeutsamen und weitausgreifenden Tradition zwischen Antike und Zukunft stehen.

Am Geburtshaus Friedrich von Hardenbergs (Novalis), Schloss Oberwiederstedt, erinnert ein „Blauer Garten“ im Park an die paradiesische Vielfalt der Natur. Dorthin führt ein romantischer Pfad vom ehemaligen „Freigutsgarten“ zwischen Schloß und dem Dominikanerinnen Kloster vorbei an historischen Baumsorten (Mispeln, Maulbeeren, Walnüsse, Haselnüsse, Süßkirschen, Pflaumen- und Apfelbäume) auf der Wiese am alten Mühlgraben und am Standort der alten „Hardenbergischen Mühle“ entlang, wo vom 17. bis zum 19. Jahrhundert ein Bergbaustollen mit Wasserkunst angelegt war. Zwischen den Linden einer alten Allee, die Heinrich Ulrich Erasmus von Hardenberg aus Anlaß der Geburt seines ersten Sohnes - Georg Philipp Friedrich (Novalis) - anlegte, und dem kleinen Gartenhäuschen blühen vis a vis zum Schloß vom März bis zum Oktober über 60 verschiedene Blaue Blumen. Vierzig davon sind mit Unterstützung des Botanischen Gartens der Universität Halle-Wittenberg eingesetzt worden, darunter auch das aus dem 18. Jahrhundert stammende Gedenkemein, das im Pflanzenkorpus und den Blüten kräftiger und blauer auffällt als das heute gemeinhin bekannte Vergißmeinnicht. Wer in der Schloßbibliothek mehr über den Pflanzenbestand, blaue Gärten und schließlich über Novalis und seine Idee der Blauen Blume erfahren hat, wird im Garten mit Phantasie in das blaue Blütenmeer eintauchen, um seine Blume zu finden. In sein Material für eine Enzyklopädie aller Wissenschaften schrieb Friedrich von Hardenberg (Novalis):

Zukunftslehre des Lebens. Unser Leben ist kein Traum - aber es soll und wird vielleicht einer werden. (15)

In Novalis' Roman Heinrich von Ofterdingen träumt die Hauptfigur, ein Kaufmannssohn, einen Traum, der ihn zu einer langen, von unbestimmter Sehnsucht in die Ferne getriebenen Reise veranlassen wird:
„Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit.“ (16)

Die vom Traum initiierte und begleitete Reise endet beim „Selbst“. Ausgerechnet eine zarte Blaue Blume - welche botanische Spezies auch Novalis' Metapher angeregt haben mag - transportiert auf schlichte Weise das tiefgründige pädagogisch - philosophische Programm der Selbstfindung. Die Alchemisten, in deren Schriften Hardenberg studiert hatte, ließen die Blaue Blume aus dem Ouroborus (einer sich in den Schwanz beißenden Schlange als Symbol der ewigen Einheit in Allem) neben Gold und Silber wachsen und nannten sie die flos sapientum - Blume der Weisheit, wie man sie in Hieronymus Reussners Pandora (1588) dargestellt findet.
Begegnung der Natur ist schließlich für Hardenberg (Novalis) Selbstbegegnung, die Blaue Blume eine schöne Metapher für den Erkenntnisweg des Menschen und in den Kräften der Phantasie abrufbar der Schlüssel zur Enträtselung der Naturgeheimnisse. Erst das Wissen um die Geschichte der Entwicklung von Natur und Mensch kann diese Kräfte aktivieren. Zu dieser Einsicht hingeführt werden auch die Lehrlinge zu Sais in dem gleichnamigen naturphilosophischen Romanfragment Hardenbergs (Novalis), die sich im ägyptischen Sais nahe dem Tempel versammelt haben, in dem die verschleierte Statue von Isis, der Göttin der Natur, steht, um die Sprache der Natur zu erlernen und ihre Verkündiger zu werden. Allmählich begreifen sie die „Pflanzen, Thiere, Steine, Elemente etc.“ als unendlich vielgestaltige, individuelle Wesen, „Es sind vergangene, geschichtliche Wesen. Die Natur ist eine versteinerte Zauberstadt.“ (17) Wer alle seine Sinne für die Natur öffnet, wird wieder die „Gespräche der Blumen und Thiere über Menschen, Religion, Natur und Wissenschaften“ (18) belauschen können und verstehen, daß nicht nur der Mensch allein spricht, „auch das Universum spricht - alles spricht - unendliche Sprachen. “ (19)

Jeder individuelle Garten ist eine Einladung zu solchem WechselGespräch.


1) KA 3, 628. Alle Novalis-Texte werden nach Novalis. Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs. Historisch-kritische Ausgabe (HKA), Stuttgart 1977 ff. unter Angabe von Band und Seite in arabischen Zahlen zitiert.
2) Garber, Jörn: Antagonismus und Utopie. Georg Forsters Städtebilder im Spannungsfeld von 'Wirklichkeit' Und 'Idee'. In: Von der Geometrie zur Naturalisierung. Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung 10.(Schriftenreihe des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung Martin Luther-Universität Halle-Wittenberg) S.209-236.
3) Rommel, Gabriele: Einleitung zu HKA 6.3, Schriften und Dokumente aus der Berufstätigkeit. S. 3-35.
4) Mähl, Hans-Joachim: Die Idee des goldenen Zeitalters im Werk des Novalis. Studien zur Wesensbestimmung der frühromantischen Utopie und zu ihren ideengeschichtlichen Voraussetzungen. Tübingen 1994.
5) Becker, Christian: Ökonomie und Natur in der Romantik. Das Denken von Novalis, Wordsworth und Thoreau als Grundlagen der Ökologischen Ökonomik. Marburg 2003. Außerdem: Rommel, Gabriele (Hrsg.): Licht der Erde Salz des Himmels - topographische Protokolle einer Bergbau-Landschaft. Katalog zur Ausstellung der Forschungsstätte für Frühromantik und des Novalis-Museums 2006. Wiederstedt 2006.
6) HKA 3, 55.
7) HKA 3, 446-47.
8) HKA 4, 6-21.
9) HKA 4, 46-47.
10) HKA 4, S.9-10.
11) HKA 4, 47.
12) HKA 3, 89.
13) Hirsch, Erhard: Utopia realisata. Utopie und Umsetzung: Aufgeklärt - humanistische Gartengestaltung in Anhalt-Dessau. In: Von der Geometrie zur Naturalisierung. Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung 10.(Schriftenreihe des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung Martin Luther-Universität Halle-Wittenberg) S.152-153.
14) Die Internationale Novalis-Gesellschaft und die Forschungsstätte haben das Projekt gemeinsam entwickelt und mit Unterstützung des Landes im Rahmen der Gartenträume im April 2004 einen ersten Stein in Zeitz etabliert. Das Gesamtvorhaben, das weitere sechs Gärten als Standorte vorsieht, war im Zeitrahmen des Projektes nicht vollständig zu verwirklichen.
15) HKA 3, 281. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat den Oberwiederstedter Blauen Garten mit diesem Novalis-Zitat in eine Reihe von Karten sowie in den von ihr herausgegebenen ewigen Kalender "Die 365 schönsten Tage" aufgenommen, mit dem sie für Dichterhäuser wirbt, die durch ihre Unterstützung gerettet und erhalten wurden.
16) HKA 1, 197.
17) HKA 3, 564.
18) HKA 3, 673.
Forschungsstätte
für Frühromantik
und Novalis-Museum
Schloss Oberwiederstedt

Internationale
Novalis-Gesellschaft e.V.

Novalis-Stiftung

Kommentare:

feigenblaetter hat gesagt…

text von gabriele rommel

Carolina hat gesagt…

Que preciosidade eu encontrei na internet. Isso é tão fantástico. Agradeço por compartilhares..